Himmelfahrtspredigt über Apostelgeschichte 1, 3-11

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Diese Predigt ist aus dem Jahr 2004 und ich halte sie in diesem Jahr  in Neuengeseke. Es gibt für mich absolut keine Veranlassung, an diesem Text etwas zu ändern.

NF-SW03-2016-04_02-Bearbeitet Kopie
Foto: Niklas Fleischer (c), Friedensplatz Dortmund

Verlesung des Textes (Gute Nachricht Bibel)

Nach seinem Leiden und Sterben hatte er sich ihnen wiederholt gezeigt und ihnen die Gewissheit gegeben, dass er lebte. Während vierzig Tagen kam er damals zu ihnen und sprach mit ihnen darüber, wie Gott seine Herrschaft aufrichten und sein Werk vollenden werde.
Als Jesus wieder einmal bei ihnen war und mit ihnen aß, schärfte er ihnen ein: »Bleibt in Jerusalem und wartet auf den Geist, den mein Vater versprochen hat. Ich habe euch sein Kommen angekündigt, als ich euch sagte:
‚Johannes hat mit Wasser getauft, aber ihr werdet schon bald mit dem Geist Gottes getauft werden.’«
Die Versammelten fragten Jesus: »Herr, wirst du dann die Herrschaft Gottes in Israel wieder aufrichten?«
Jesus antwortete: »Mein Vater hat festgelegt, welche Zeiten bis dahin noch verstreichen müssen und wann es so weit ist. Ihr braucht das nicht zu wissen. Aber ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben, überall als meine Zeugen aufzutreten: in Jerusalem, in ganz Judäa  und Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde.« Während er das sagte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben. Eine Wolke nahm ihn auf, sodass sie ihn nicht mehr sehen konnten.
10 Als sie noch wie gebannt nach oben starrten und hinter ihm hersahen, standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer neben ihnen.  11 »Ihr Galiläer«, sagten sie, »warum steht ihr hier und schaut nach oben? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt weggehen sehen!«

Liebe Gemeinde!

Zwei Erinnerungen sind mir zu dieser Geschichte eingefallen:

– Die erste Episode erinnert an die Geschichte der Raumfahrt. Als Juri Gagarin, der russische Kosmonaut, der als erster von einem bemannten Raumflug zurückgekehrt war, sich einem Interview stellte, sagte er bekanntlich, dass er Gott im Himmel über der Erde nicht gesehen hätte. Sicherlich wäre das auch eine nicht ganz richtige Gottesvorstellung, die Gott als sichtbares Etwas im Weltall vermutet hätte. Doch was diese Anekdote über Gott etwas verdeckt ist, dass er auch als erster vom Blick aus dem Weltall berichtete. Er hat die Erde gesehen und gesagt, dass man von dort oben die Grenzlinien zwischen den Staaten nicht erkennen könne. Die Erde sei ein blauer Planet, der von dort oben dem Betrachter als ein Ganzes erschiene. Vom Himmel aus erscheint die Erde als ein unteilbares Ganzes. Dies scheint diesem Himmelfahrtsbericht der Apostelgeschichte ja ebenfalls sehr wichtig zu sein.

Jesus beruft die Apostel zu seinen Zeugen von Jerusalem bis an die äußersten Enden der Erde. Das sollte nicht mit einem missionarischen Eifer verwechselt werden, sondern sagen: Aus der Perspektive des Himmels ist die Erde ein Ganzes, und die Menschheit ist unteilbar. Alle Völker gehören zusammen und sind von der Verheißung Gottes betroffen. Daher sind die, die die Zusagen Gottes weitergeben auch an alle Völker und Menschen gewiesen. Gott macht keine Unterschiede. Jesus verkündigt das Reich Gottes nicht exklusiv etwa für Israel, sondern für die ganze Welt. Das ist die Perspektive des Himmels.

– Die zweite Erinnerung ist dieser ersten gegenüber fast so etwas wie ein Widerspruch. Ich denke an den Streit in der Kirche und die Aufspaltung der Christenheit in Konfessionen, die sich unterscheiden. Die erste große Aufteilung ist diejenige zwischen West – und Ostkirche. Es mag einiges geben was trennt. Was wohl sehr wichtig war, ist ein lateinisches Wörtchen im nicänisch konstatinopolischen Glaubensbekenntnis: Lateinisch filioque, auf Deutsch und vom Sohn. Im Glaubensbekenntnis von Nicäa ist vom Heiligen Geist die Rede, der von Gott kommt, also Gottes Geist ist. Später wurde hier aber das Wort filioque eingefügt, was besagt, dass der Geist ebenso von Jesus ausgeht. Ich finde, dass dieser Gedanke hier in der Himmelfahrtsgeschichte wiederzufinden ist. Jesus kündigt den Jüngern an, dass sie mit dem Heiligen Geist getauft werden, während Johannes mit Wasser taufte. Für mich ist der Heilige Geist auch immer der Geist Jesu. Jesus ist auferstanden und ist im Geist gegenwärtig. Natürlich erscheint uns heute der Streit um ein lateinisches Wort im Glaubensbekenntnis als völlig überzogen. So etwas muss die Christen auf der einen Erde wirklich nicht trennen. Inhaltlich bin ich aber auf der Seite der Westkirche, denn Gott erscheint uns im Bild Christi. Jesus verkündigt und bekräftigt die Verheißungen Gottes in seiner Weise. Und diese ist für uns maßgeblich.

Diese beiden Beobachtungen anhand der Geschichte haben vielleicht schon gezeigt, dass man sich am Himmelfahrtstag wirklich nicht mit der Phantasie einer christlichen Raumfahrt auseinandersetzen muss. Die Himmelfahrtsgeschichte ist eine Ostergeschichte, eine Berufungsgeschichte und eine Verheißungsgeschichte.

– Eine Ostergeschichte ist sie einfach dadurch, dass sie nach der Kreuzigung geschieht. Christus ist gestorben und auferstanden. Die Auferstehung zeigte Jesu Lebendigkeit. In dieser Lebendigkeit ist er nun bei Gott, beim Vater. Jesus war lebendig, weil er den Jüngerinnen und Jüngern in Wort und Zeichen erschienen ist. Er hat mit ihnen gegessen. Er war in ihrem selbstgewählten Gefängnis dabei. Und er ließ ihnen Worte seiner Verkündigung zukommen. Doch diese Ostergeschichte hat eine Besonderheit: Sie spricht nicht nur von einer Erscheinung des Auferstandenen, sondern sie legt zugleich die Osterzeit auf exakt 40 Tage fest. Dies geschah damals ohne den christlichen Kalender zu kennen. Erst im Nachhinein konnte dadurch der Himmelfahrstag auf den 40sten Tag der Osterzeit gelegt werden, während Pfingsten als das Wochenfest sowieso schon 7 Wochen nach Ostern zu liegen hatte. Ich weiß nicht, was die Zahl 40 bedeutet. Aber sie zeigt: Die Zeit des Wirkens Jesu als Auferstandener war zeitlich ganz eng begrenzt. Die Zeit Jesu wird als Zeit der Kirche weitergehen. Kreuz und Auferstehung werden in die Verkündigung eingehen. Jesus dagegen ist im Himmel, in der Gegenwart Gottes. Er sitzt zur Rechten Gottes, wie es schon der Psalm 110 beschreibt: „Der HERR sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.“

– Die Sache Jesu aber geht weiter. Sie braucht nun Trägerinnen und Träger. Jüngerinnen und Jüngern werden nun schon ausdrücklich zu Boten und Zeugen des Evangeliums. Sie sind der Sache des Reiches Gottes verpflichtet. Aber nicht national israelisch, sondern weltweit universal. Damit ist die Himmelfahrtsgeschichte eben die Berufungsgeschichte und nimmt darin Pfingsten schon vorweg. „Aber ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben, überall als meine Zeugen aufzutreten: in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde.“ Hier scheint schon ein wenig davon auf, dass die Kirche vom Glauben erfüllt wird. Zeuge Jesu zu sein heißt, in seinem Namen Gottes Reich zu verkündigen, Gottes Gnade auch zuzusprechen und Gottes Gegenwart zu vermitteln. Die Jünger, und damit alle Boten des Evangeliums bleiben an Jesus gebunden. Sie sind seine Zeugen. Ihre Worte gehen von Jesus aus. Sie verkündigen das, was er verkündigt hat und das was er durch Tod und Auferstehung besiegelt hat. Die Verkündigung Jesu lässt sich auf die knappe Zusage bringen: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Jesu Auftrag ist unser Auftrag, wir sollen die Boten der Liebe Gottes sein für alle, die auf Heil und Heilung warten. Der ist der Grund dafür, dass die Diakonie eine Lebensäußerung der Kirche ist, und nicht schmückendes Beiwerk. Es gibt keine Verkündigung der Liebe Gottes ohne gelebte Nächstenliebe. Wir sind Boten Jesu und wandeln auf seinen Spuren. Das heißt: Wir gehen zu den Blinden, Lahmen und Aussätzigen unserer Zeit. Allen Menschen verkündigen wir den Ruf zur Nachfolge. Die Nähe Gottes ist Heil und Heilung für alle. Sie gibt grenzenloses Heil auch über den Tod hinaus. Aber sie ist ein Werk der Rettung.

– Und dennoch bleibt die Erfahrung: Die Sendung Christi ist unvollkommen und wird unvollendet bleiben. Gott allein wird sie vollenden. Wir arbeiten daran, aber sind nicht mit der endgültigen Erfüllung gesegnet. Deshalb ist die Himmelfahrtsgeschichte eine Verheißungsgeschichte. Denn hier in der Fassung der Apostelgeschichte deuten zwei Engel den Jüngern die Himmelfahrt Jesu und sagen: Er wird genauso wiederkommen, wie er gegangen ist. Die Wiederkunft Christi ist also hier angekündigt: Unser Herr kommt und wird die Erde richten. Und er wird sagen, zu denen, die den Armen, Kranken und Gefangenen nahe waren und sie besucht haben: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.“ Zugleich ist mit der Himmelfahrt eine interessante Deutung der Wiederkunft Christi verbunden. Da er von einer Wolke hinweggenommen wurde und gen Himmel fuhr, wird er auch so wiederkommen, auf einer Wolke vom Himmel kommen. Dies entspricht aber exakt der Menschensohn Verheißung des Propheten Daniel, die Jesus schon vor dem Hohenpriester auf sich bezogen hat: „Der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes. Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.“ (Matthäus 26,63+64)

Die Himmelfahrt ist die genau umgekehrte Entsprechung zur Verheißung der Ankunft des Menschensohns. Eine Frage bleibt nun für uns offen, sie heißt: Wann wird er kommen? Dazu heißt es: Nur Gott hat festgelegt, welche Zeiten bis dahin noch verstreichen müssen und wann es soweit ist. Wir brauchen das nicht zu wissen.

Immerhin: Jesus ist als Auferstandener gegenwärtig und in unserer Mitte. Und: Wir sind als Kirche Träger seines Wortes, seiner Botschaft und seines Auftrags. Aber: Das ist nur reine Stellvertretung. Wir sind darin nur vorläufig und auch fehlerhaft. Gott selbst weiß die Stunde der Vollendung. Sie steht nicht in unserer Macht. Das heißt für mich: Wir bekennen uns zu Jesus als dem Christus. Wir verstehen uns als seine Boten und wir wissen um unsere eigene Unvollkommenheit. Aber Jesus ist zur Rechten Gottes und vertritt uns bei Gott.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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