Die Quellen der Kraft, Andacht zwölf, Die Engel, Texte aus der Sabbatliturgie aus Qumran, bearbeitet und erklärt von Christoph Fleischer, Welver 2016

Diese Andacht wird aus elf Meditationen über die Engel bestehen. Die Texte der Vorlage sind jüdischen Ursprungs und wurden in den Höhlen bei Qumran gefunden.

Klaus Berger hat eine deutsche Übertragung verschiedener Psalmen aus Qumran erstellt, die zum Teil reine Rekonstruktionen sind, da die Vorlagen nur fragmentarisch erhalten sind. (Siehe: Klaus Berger: Psalmen aus Qumran, Quell Verlag Stuttgart 1994). Ich bearbeite diese Vorlage zu Meditationen im Prosastil, da ich nur teilweise den Psalmengesang aufgreife. Es geht darum, den wesentlichen Inhalt der Engelsvorstellungen dieser Lieder referierend vor Augen zu führen.

Diese Texte sind interessant, da die Bibel etwas über Engel überliefert, aber an kaum einer Stelle wirklich erklärt, was damit eigentlich gemeint ist. Einen zusammenhängenden Engelstext, sozusagen einen Blick hinter den himmlischen Vorhang, gibt es in der Bibel nicht. In den Evangelien sind Engel Überbringer göttlicher Botschaften und erscheinen im Traum. Doch welches Wesen man ihnen im Christentum zuschreibt, ist fast völlig unbekannt. Auch im Hebräerbrief ist von den Engeln die Rede und es heißt, Christus sei höher als sie. Die Vorstellung, auf die sich solche Aussagen beziehen, findet sich erstaunlicherweise eher in den „Engelsliedern“ aus Qumran als im Alten Testament. Später finden sich Engelsvorstellungen im Koran und in der jüdischen Tradition. Aber welche Vorstellung das Neue Testament voraussetzt, kann man eigentlich nur aus den Schriften aus Qumran erschließen, da die Qumrantexte spätestens im Jahr 68 n. Chr. entstanden sind und danach bis 1948 nicht mehr aufgefunden wurden. Der Urtext ist auf einer Homepage zu finden, auf der die Funde der Höhlen von Qumran fotografisch erschlossen werden (http://www.deadseascrolls.org.il).

Niklas Fleischer (c)

Ich werde die in deutscher Sprache dokumentierten Texte aus Qumran bei der Bearbeitung vergleichen und berücksichtigen (Johann Maier: Die Qumran Essener: Die Texte vom Toten Meer, Band II, Reinhardt Verlag München Basel 1995). Die Auswahl richtet sich nach der Frage: Was hat das Judentum zu der Zeit Jesu über die Vorstellung der Engel wirklich geglaubt? Daraus kann man auch die Gottesvorstellung ableiten, die sich später mit dem Messiasgedanken verbindet.

Eigentlich gehören diese Texte zur sogenannten Sabbatliturgie. Jeder Psalm ist einem Sabbat des ersten Quartals zugeordnet. Es müssen daher 13 Sabbatpsalmen gewesen sein. Doch die genaue Zuordnung ist nur noch zum Teil möglich; daher habe ich diese weggelassen. Die Zuordnung der übrigen Texte ist ohnehin schwierig, da sie aus Papyrusresten rekonstruiert wurden. Die Reihenfolge der Lieder wurde aus dem Bericht von George Nickelsburg übernommen, soweit sie dort vorliegt (Literaturangabe: George W. E. Nickelsburg: Jewish Literature between the Bible and the Mishnah, A Historical and Literary Introduction, Second Edition, Fortress Presss, Minneapolis 2005, S. 161ff, S. 151ff). Die Übertragungen und Zusammenfassungen habe ich zuerst unter Zuhilfenahme der Texte von Klaus Berger erstellt (s. o.).

Ich habe versucht, den jüdisch orientierten Inhalt zu erhalten, finde aber, dass viele Gedanken auch christlich zu deuten sind, vor allem wenn man sich fragt, was die Aussagen der Himmelbeschreibungen für die jeweils versammelte Gemeinde bedeuten könnten.

Zur Einstimmung lese ich das Gedicht:

Ich ließ meinen Engel lange nicht los

(Rainer Maria Rilke, 22.2.1898, Berlin-Wilmersdorf

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,

und er verarmte mir in den Armen

und wurde klein, und ich wurde groß:

und auf einmal war ich das Erbarmen,

und er eine zitternde Bitte bloß.

 

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –

und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;

er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,

und wir haben langsam einander erkannt…

Die einzelnen Texte über die Psalmen in der Andacht in einer Auswahl vorgelesen, die jeweils kommentiert wird; die Kommentare habe ich hier (noch) nicht notiert.

I.

Der himmlische Tempel ist die Wohnung der Göttlichen und Heiligen.

Die Himmlischen loben Gott und freuen sich über seine Gemeinschaft.

Sie sind als Priester des Himmels eingesetzt, die Gottes Nähe im Allerheiligsten dieses Tempels erfahren.

Sie sind die Engel Gottes und schöpfen aus der Quelle seiner Heiligkeit.

Sie dienen im Allerheiligsten und erfahren so Gottes Wahrheit und Erkenntnis.

Ihnen sind die Vorschriften und Gesetze Gottes bekannt gemacht.

In ihren Heiligtümern ist nichts Unreines. Sie heiligen sich selbst und werden durch das göttliche Licht gereinigt.

Sie sind verantwortlich für ihren Bereich und wirken auf die Königsversammlungen ein.

Sie kennen den göttlichen Zorn und Eifer, erfahren aber aus seinem Mund die Vergebung und das Erbarmen, das sie den Menschen weitergeben, die den Frevel verlassen.

Durch alle Erkenntnis, Weisheit und alle Regeln, die sie verkünden regiert Gott selbst.

Die Engel sind himmlische Priester und begegnen Gott im Allerheiligsten der Himmelshöhen; sie sind Göttliche, Priester von Hohen Höhen.

 

II.

Die Göttlichen sind im Lobpreis verbunden.

Sie loben die Herrlichkeit und Erkenntnis des göttlichen Königtums.

Die Verehrung klingt in alle Gottes-Engel Versammlungen hinein, bis hinein in die Gottesfurcht der menschlichen Gemeinden.

Die Engel künden den Beginn der Gottesherrschaft und bezeugen seine Wahrheit und Erkenntnis.

In allen Himmeln und Höhen erklingen die Psalmen und der Lobpreis Gottes.

Die Herrlichkeit Gottes wird von allen Engeln bezeugt.

Die Fragen gelten uns daher heute:

Was muss geschehen, dass wir zum ewigen Reich Gottes gezählt werden?

Was gilt dort im Himmel unser irdisches Priestertum?

Sind unsere Kirchen und Tempel ein Abbild des himmlischen?

Lässt sich die irdische Heiligkeit mit der himmlischen vergleichen?

Wie wollen wir den Gott der Erkenntnis, den Wissenden verehren und zur Verbreitung seiner Göttlichkeit beitragen?

 

III. und IV. sind nicht lesbar.

 

V.

Leider gibt es auch im Himmel Krieg der Gottesengel.

Die Waffen gehören allein Gott.

Der Streit geht um die göttlichen Geheimnisse und Taten.

Der Tumult ist ein Bild der Natur, der wunderbaren Neuschöpfungen.

Aus seiner Gegenwart kommt alles, das Erste und das Letzte, dann, wenn es an der Zeit ist.

Was aus Gottes verborgenem Wissen geschieht ist auch für die Klügsten unvorhersehbar.

Und jeder wird selbst zum Werk der Herrlichkeit Gottes, ohne Gottes Tun selbst zu verstehen.

Gottes Werke sind da, wo Gott es will.

Die Schöpfung war nicht nur am Anfang, sondern geschieht jederzeit.

 

VI.

Die sieben Abteilungen der Engel erheben sich und sieben Vorderste stimmen jeweils einen Lobgesang Gottes an.

Sie loben Gottes Geheimnisse, Gottes Erkenntnis.

Sie segnen im Namen des Höchsten mit sieben Worten von Gerechtigkeit.

Sie segnen die Kenner der Mysterien, die Machterweise Gottes.

Der siebte segnet alle, die die Gesetze verehren, die Schützer von Kraft, die zur Gerechtigkeit berufenen, alle, die das göttliche Königtum loben und beten für einen Frieden von Ewigkeiten.

Gott, der alles regiert sei gelobt.

In ihm wird jeder Lobpreisung zusammengefasst.

Er segnet alle Heiligen, alle die ihn verehren und an seine Gerechtigkeit glauben.

Durch seinen Segen werden alle Gepriesenen für immer gesegnet.

 

VII.

„Lobt Gott in der Höhe, die über allen Göttlichen stehen.“

Die heiligsten unter den Heiligen heiligen den himmlischen König.

Dieser bringt sie zu der Erkenntnis seiner Heiligkeit.

Die Vorderen der Gottesengel preisen Gott in der Pracht seiner Lobpreisungen.

Die Größe seines Königtums ist unbeschreiblich.

Das Lob der Größe und Erhabenheit Gottes geht auf alle Engel über.

Dadurch werden alle Engel zu einer Botschaft seines Mundes.

Durch sie wird der Wille seiner Erkenntnis verbreitet.

Wer an der Erkenntnis Gottes Anteil hat, hat Grund zur Freude.

Das Lob Gottes wird immer weiterverbreitet, in allen Sprachen der Engel und Menschen.

Alle Geister der Gerechtigkeit bekennen seine Wahrheit.

Die wunderbare Musik dieses Lobs verbreitet sich im Gebäude des Himmels.

Alle Engel tragen das göttliche Licht hinein in die Welt des Himmels.

Alle Balken und Mauern des himmlischen Tempels erstrahlen vom göttlichen Licht.

Wahrheit und Gerechtigkeit sind die Namen seiner Wände.

 

VIII.

„Lobt den Gott aller hohen Höhen ihr Heiligen, ewigen Engel.“

Alle sieben himmlischen Priesterschaften erheben Gott und lobsingen ihm.

Die Obersten und Engel des Königs leben von Erkenntnis und Einsicht.

Sie bezeugen der ganzen Gemeinde die Herrlichkeit und Größe Gottes.

Sie loben, rühmen und verherrlichen den Ewigen, den König der Herrlichkeit.

Das Opfer ihrer Zunge entspricht sieben Erkenntnis-Mysterien im Wunder des Allerheiligsten.

Sie preisen Gott mit Psalmen von wunderbaren Worten.

Die Stimmen der sieben Bereiche verstärken sich gegenseitig.

So werden die Stimmen kräftig und miteinander verbunden.

„Lobet den Herrn, all ihr Göttlichen, verbindet seine Wunder zu großem Lobgesang und bezeugt das Licht seiner Erkenntnis.“

 

IX.

Der Geist Gottes geht vom Allerheiligsten aus.

Das Lob der Engel verbindet sich zu einer mächtigen Verkündigung.

Die Vorhallen der Geister schließen sich den Stimmen der Heiligen an.

Die Gestalten der Heiligkeit finden sich an den Wänden der Vorhallen wieder, Kunstgebilde von wunderbarer Art.

Die Gestalt des himmlischen Tempels wird durch das Licht gebildet.

Die Vorhänge des Allerheiligsten sind aus wunderbaren Farben gewirkt.

Aus dem Inneren des Allerheiligsten strahlen die wunderbarsten Farben des Lichtes.

 

X.

Die Gottesengel loben ihn, Geister vom Allerheiligsten, Gestalten von Herrlichkeit.

Der Fußboden des Allerheiligsten ist das Bild der Gottesengel.

Das Haus des Firmaments glänzt wie poliert, in Wahrheit und Gerechtigkeit.
Gott erscheint in allen Formen und Gestalten und erleuchtet die Engel.

Der heiligste Tempel des Himmels glänzt wie bunt gemalt, mit gravierten Texten mit farbigen Fliesen und Pracht des lebendigen Gottes gestaltet.

Auch unterhalb des Allerheiligsten sind Engel, die Gott mit ihrer Ruhe preisen.

Auch die Stille und das Schweigen sind ein Lob Gottes.

 

„In der Wohnstätte des heiligen Gottes lobt und verherrlicht ihn, ihr Engel!“

Die Cherubim fallen vor Gott nieder und preisen ihn, wenn sie sich erheben.

Wenn ihre Flügel schlagen antwortet Gott mit seiner Stille.

Die Cherubim feiern Gott oberhalb des Firmaments und am Sitz seiner Herrlichkeit.

Wenn das Licht verschwindet, kehren die Heiligkeitsengel wieder zurück.

Sie erscheinen mit einem Licht aus Feuer in verschiedenen wunderbaren Farben in reinem Glanz.

 

XII.

Die Gottesengel loben Gott in seiner Herrlichkeit in der ganzen Gemeinde der Diener Gottes.

Der Lobgesang erklingt von allen Himmelsrichtungen von den Toren des Heiligtums.

Alle Pforten stehen offen für den Gesang der Gottwesen und für die heiligen Engel, deren Lobgesang beim Ausgang und Eingang erklingt.

Sie halten sich treu an die Worte Gottes und weichen nicht ab.

Sie halten sich an die Bestimmung Gottes, die Furcht Gottes bestimmt die Treue zu ihren Aufgaben.

 

XIII.

Die Herrlichkeit des himmlischen Königs und seiner Engel zeigt sich in wunderbaren Farben, buntgewirkt wie Gewebtes, ziselierte Prachtformen, Purpurerscheinungen, Lichtfarben,

Viele unterschiedliche Farben, die in ein weißes Licht hineinführen.

Wie Strahlen aus Feingold, glanzpoliert, erscheinen die Engel.

Die Farben sind gemischt wie in einem Gewebe.

Sie sind die Vorderen der einzelnen Bereiche seiner Herrschaft, Heilige für den König der Heiligkeit in allen Höhen der Heiligtümer des Königtums seiner Herrlichkeit.

Sie preisen die Erkenntnis Gottes, die Erkenntnis seiner Einsicht in den Werken seiner Herrlichkeit.

Sie halten sich an die Vorschriften seiner Heiligkeit und kennen die Erkenntnis seiner Einsicht durch den Verstand seiner Herrlichkeit.

 

Schluss:

Wer bei der Lektüre dieser Psalmen das Neue Testament im Kopf hat, mag zunächst an die Offenbarung des Johannes denken. Da gibt es sicher Anspielungen, wenn es auch zum Ende dort gerade keinen Tempel im neuen Jerusalem gibt, das von Himmel auf die Erde herabkommt. Doch die Heilige Stadt im Ganzen ist dann der Tempel.

Die Frage ist, was die Schilderung des göttlichen Himmels für die Essener bedeutet hat. Muss man nicht auch dort davon ausgehen, dass die himmlische Welt sich widerspiegeln möge in der irdischen Gegenwart? Und ist es nicht sogar eine Reaktion darauf, wenn Jesus sagt: „Das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen“? Aber ist nicht auch Lukas 2,13 eine Zusammenfassung der Botschaft dieser Lieder: „Und plötzlich war beim dem Engel ein ganzes Heer von Engeln, all die vielen, die im Himmel Gott dienen; die priesen Gott für das ganze Volk.“

Es heißt, dass Jesus kein Essener gewesen ist. Das lässt sich auch in den Evangelien klar nachweisen. Aber der Hintergrund mag doch in manchem ein essenisches Denken gewesen sein.

Noch kurz zur Andacht: Die Gestaltung ist noch offen. Keinesfalls werden die Texte alle hintereinander weg gelesen. Es werden Lieder, Gebete und eine kurze Auslegung eingefügt.

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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