Entwurf einer Rede, die ich halten würde. Christoph Fleischer, Welver 2016

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Eine große Gruppierung in unserem Land äußert ihre Sorge über den Zuzug von ihnen fremden Menschen. Sie haben gar Angst vor einer Islamisierung. Dazu gehören Menschen, die meinen, Religion sei nicht mehr zeitgemäß und würde uns ins Mittelalter befördern. Nach und nach würden ihnen alle Rechte genommen.

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Niklas Fleischer (c)

Dann gibt es Menschen, die gehören einer anderen Religion an und sind etwa evangelisch und katholisch. Die haben ein Glaubensproblem, weil sie der Güte und Weite Gottes nicht mehr trauen und die Feindesliebe Jesu vergessen haben, mal unterstellt, sie würden die Angehörigen etwa des Islam als Feinde sehen. Zugegeben ist, dass diese Vorstellung auch dadurch unterstützt wird, indem man einseitig über die Verfolgung von Christen oder dem Verbot berichtet, vom Islam zu Christentum zu konvertieren.

Ganz allgemein müsste man sich sogar fragen, ob der frühere Antisemitismus mangels Kontakt nun zum Antiislamismus geworden ist. Eine einseitige Angst vor dem Islam festzustellen, genannt Islamophobie, ist hingegen auch nicht wirklich hilfreich.

Es gibt keine „Islamisierung des Abendlandes“ und es wird so etwas nicht geben.

Warum ist es dann passiert, dass die Rede davon ist und das auch noch eine Massenbewegung erzeugt hat? Vor allem, wenn man bedenkt, dass die stärksten Bewegungen in Landstrichen stattfinden, in denen es kaum Muslime gibt, während man anderswo von Multikulti redet, muss dieser Begriff eher eine Art Angst oder sogar Feindschaft signalisieren.

Dabei ist meines Erachtens die Rede von Angst gar nicht so aus der Luft gegriffen. Wir haben schon länger Angst, dass eines Tages unser Wohlstand zu Ende sein wird. Schon lange redet man von den Grenzen des Wachstums. Wir haben Angst, dass die Überbevölkerung dazu führt, dass immer mehr Menschen zu uns kommen und wir derer nicht mehr Herr werden. Wir haben Angst davor, dass sich Kriminalität, Sexualverbrechen und Diebstahl immer wieder verbreiten.

Aber wir hatten komischerweise keine Angst davor, dass sich der Nationalsozialistische Untergrund bildet und wahllos Menschen tötete, die friedlich bei uns wohnen.

Ich möchte dies alles nicht als Rassismus bezeichnen, sondern als Angst. Wer Angst hat, will sich absichern und abgrenzen. Es bilden sich aus Vorurteilen die ersten Formen von Rassismus. Wer wirklich mit Menschen unterschiedlichen Religionen und Kulturen zu tun hat merkt, wie künstlich konstruiert und menschenfeindlich diese rassistische Abgrenzung wirkt. Der Juraprofessor aus Berlin, der sich zu den Nazis zählte, Carl Schmitt, sagt nach dem Krieg: „Die Juden sind immer der Feind.“ Er hatte insofern recht, als dass sich die Feindschaft eine Gruppe sucht, der sie einen Stempel aufdrücken kann. Das Erleben einer Krise führt zum Freund-Feind-Denken. Und dort, wo man keinen Feind hat, macht man sich einen. Die Angst und das Bedrohungsgefühl sind ja schon vorher da.

Ich habe auch schon einmal Angst gehabt, Angst vor Atomraketen und einer atomaren Katastrophe. Ich habe auch schon einmal Angst vor anderen Menschen gehabt. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass Hautfarbe oder Nationalität meine Angst größer oder kleiner machen. Obwohl vor Hooligans oder Schlägern, die Schuhe mit Stahlkappen tragen und Menschen tottreten habe ich schon Angst. Ich habe keine Angst vor Menschen, die beten  wie es die Muslime tun. Ich habe schon auch Angst vor Menschen, die sich in einer Menschenmenge in die Luft sprengen und möchte nicht in ihrer Nähe sein.

Doch allgemein habe ich keine Angst. Viele Menschen haben zu viel Angst und das kommt an den falschen Stellen zum Ausdruck. Religion sollte allgemein doch eher ein Zeichen für Frieden sein als ein Zeichen für Unterdrückung und Gewalt. Aus Frieden wächst eher Vertrauen und keine Angst.

Ich habe auch keine Angst vor Pegida und AfD, höchstens vor den Gedanken, die sie veröffentlichen und vor der Meinung ihrer Wählerinnen und Wähler, die sie damit erreichen. Aber ich kann sie nicht aus dem Land schaffen und will es auch gar nicht.

Ich sehe Einwanderung nicht als Bedrohung. Aber ich sehe auch nicht, dass ein neuer Faschismus in den Kinderschuhen steckt. Als Bedrohung sehe ich eher wirtschaftliche Ausbeutung und Dummheit, Gewalt und Faschismus. Ich habe Angst, wenn ich lese, dass auf einem AfD Parteitag Menschen niedergeschrien werden, die am Mikro eine abweichende Meinung vertreten wollen. Das ist in meinen Augen kein politisches Engagement.

Bis jetzt hat sich noch keine Bewegung länger gehalten, deren Aufbau auf einem puren Machtkalkül beruhte. Die Führungsmannschaften zerlegen sich gegenseitig durch ihre Machtgelüste.

Ich möchte auch unter denen, die gegen AfD und Pegida demonstrieren etwas mehr Gelassenheit an den Tag legen. Ich frage mich: ist die freiheitlich demokratische Ordnung wirklich so schwach, dass wir jetzt schon den Umsturz zu einer neuen Diktatur fürchten müssten? Haben die Väter und der Mütter unserer Verfassung nicht genug Instrumente eingebaut, dass es nicht zu einem zweiten Weimar kommen kann durch das Wahlrecht, die Gewaltenteilung, das Bund-Ländersystem, die Grundrechte und vieles mehr?

Auch die Demonstration gegen die Vorurteile kann als ein Zeichen der Angst gedeutet werden. Ich möchte die, die vor dem Rassismus Angst haben, warnen vor einem eigenen Freund-Feind-Denken. Wir wollen doch nicht dem Nazi-Vordenker Carl Schmitt indirekt recht geben, indem wir gegen jede neue Bewegung eine Front aufbauen und symbolisch dabei sind, Schützengräben der Wut und der Angst zu errichten.

Bertold Brecht schreibt in seinem Gedicht an die Nachgeborenen:

Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

(http://users.skynet.be/lit/brecht.htm)

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Ein Gedanke zu „Entwurf einer Rede, die ich halten würde. Christoph Fleischer, Welver 2016“

  1. Ich sehe nicht, dass uns eine Islamisierung des Abendlandes droht.

    Vielmehr hat eine Säkularisierung weiter Teile Europas stattgefunden, und jetzt werden wir davon überrascht, dass der Islam die Religionsfrage neu stellt.

    Ich sehe, dass sich der Islam fundamental vom Christentum unterscheidet. Er hat eine klare, weltlich-politische Dimension mit entsprechendem Machtanspruch.

    Als Christen haben wir z. B. durch die Bergpredigt und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter klare Direktiven, dass wir den Bedürftigen, die zu uns kommen, zu helfen haben, und zwar ohne Fragen nach ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit und ohne Obergrenzen.

    Mit der Bergpredigt kann man aber bekanntlich keine Politik machen. Mit diesem Widerspruch kommen wir im Moment nicht gut zurecht. Wir möchten gerne gut sein, sind uns aber nicht sicher, wo wir damit aus berechtigten Eigeninteressen aufhören können oder sollten. Unter anderem in diese Lücken stoßen Pegida und AfD. Sie zwingen andere Parteien, die vernachlässigten und unangenehmen Themenfelder zu beackern, um sich die Wähler zurückzuholen.

    Der Islam ist keine weitere Konfession, die man mit den gleichen Instrumenten behandeln kann wie verschiedene Kirchen, sondern eine klar konkurrierende Religion, die das Christentum ebenso wie alle anderen Religionen herausfordert.

    Die christlichen Kirchen in Deutschland müssen darauf reagieren. Ich habe starke Zweifel, dass der überkritische, uneinheitliche, unauffällige, unverbindliche und symbolarme deutsche Protestantismus zu einer angemessenen und wirksamen Reaktion auf den Islam in der Lage ist. Vielmehr sehe ich ihn erneut in Gefahr, haltlos dem Stärkeren zu verfallen, wie es ihm historisch schon mehrfach passiert ist.

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