Predigt über 1. Korinther 1, 18 – 25, Das Wort vom Kreuz heute, Christoph Fleischer, Welver 2016

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Predigt über 1.Korinther 1,18-25, Das Wort vom Kreuz (Diese Predigt ist aus dem Jahr 2004, zuerst erschienen auf der Seite www.kanzelgruss.de). (Ich verwende diese Vorlage für die Gottesdienste in Neuengeseke und Möhnesee-Völlinghausen, aber werde im mündlichen Vortrag einiges ändern.)

Aktueller Einstieg vor oder nach der Verlesung des Textes: Ich habe mir ein paar kurze Informationen zu dem sogenannten Kruzifixurteil herausgesucht, weil ich mir vorstellen kann, dass ein aktueller Streitfall um das Anbringen von Kreuzen die Inhalte des Textes in eine aktuelle Perspektive stellt. Ich gehe aber auf den konkreten Anlass nicht ein, sondern nur auf einige Sätze zur Rechtslage: Das Kruzifix ist kein kulturelles, sondern ein religiöses Symbol. Durch das „Kreuz in der Schule“ wird eventuell die Freiheit der Eltern verletzt, die religiöse Erziehung des Kindes zu bestimmen. Danach dürften in öffentlichen Räumen wie Schulen oder Gerichtssälen kein Kruzifixe aufgehängt werden. Bayern hat hingegen beschlossen, weiterhin Kruzifixe aufzuhängen und nur dann abzunehmen, wenn es zu einer konkreten Beschwerde kommt. Der Europäische Gerichtshof hat 2011 hingegen in einem Urteil für einen italienischen Fall entschieden, dass das Kreuz als „passives Symbol“ einer „Mehrheitsreligion“ zu tolerieren ist und keine Indoktrination darstellt (Quelle: Wikipedia.org, eingesehen am 22.06.2016).

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.

19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«

20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?

21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.

22 Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit,

23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;

24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

Bild vom Lohner Kirchenkunst Projekt der Aktion Kunst Stiftung von Klaus Peter Kirchner, Soest.

Ev. Kirche in Lohne, Gestaltung von drei Nischen durch das Kunstprojekt, Soest
Ev. Kirche in Lohne, Gestaltung von drei Nischen durch das Kunstprojekt, Soest

 

Liebe Gemeinde!

Das Kreuz, egal ob als schlichtes Kreuz oder als Kruzifix wird heute allgemein als Symbol des christlichen Glaubens betrachtet. Man wird davon ausgehen müssen, dass Paulus das so noch nicht kannte, denn er spricht von einer Botschaft, einem Wort vom Kreuz. Doch von diesem Wort aus zu einem Symbol zu kommen, ist einfach möglich. Daher möchte ich in dieser Predigt ein wenig skizzieren, wie diese Glaubensaussage im Brief des Paulus an die Korinther auf mich persönlich wirkt (ergänzt, 22.06.2016).

Die Hauptargumente gegen den christlichen Glauben sind hier Torheit und Ärgernis. Diese gelten heute erst recht wie vor 2000 Jahren. Ohne die Juden und die Griechen zu erwähnen, könnte man einfach sagen: die einen und die anderen, und man würde nicht merken, dass der Text so alt ist. Ich baue diese Worte einmal in einen Teil des Textes ein, und dann hieße er:

„Denn die einen fordern Zeichen und die anderen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den einen ein Ärgernis und den anderen eine Torheit, denen aber, die berufen sind, den einen und den anderen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“

Vielleicht könnte man dies auch in die politische Sprache übertragen und statt die einen und an die anderen, die Linken und die Rechten sagen: „Denn die Linken fordern Zeichen und die Rechten fragen nach Weisheit, denen aber, denen berufen sind, den Linken und den Rechten, predigen wir Christus“.

Und so ähnlich könnte man noch andere Unterscheidungen einführen, die bei uns geläufig sind, den Alten und den Jungen, den Männern und den Frauen.

So merken wir, dass die Einwände gegen den Glauben aktuell geblieben sind:

Denen, die eher von der Stärke, der Effektivität, der Umsetzbarkeit, der Berechenbarkeit her denken, ist der Glaube ein Ärgernis. Die Schwachheit Gottes ist in der Predigt vom Kreuz zum Grundbekenntnis geworden. Den Gott der Macht und der Stärke gibt es nicht mehr. Gottes Kraft ist seine Schwäche, das zeigt die Niederlage des Gekreuzigten, der Weg des Sohnes Gottes in die Niedrigkeit, der Sterblichkeit, des Todes.

Denen, die eher vom Verstand, von der Wissenschaftlichkeit, von der Erkennbarkeit, der Begründung her denken, ist der Glaube eine Torheit. Die Torheit Gottes ist im Christusbekenntnis zur Grunderfahrung geworden. Gottes Weisheit, von der ja durchaus im der Bibel oft genug die Rede ist, wird hier am Kreuz zur Torheit. Das Leben kommt hier aus dem Tod und nicht aus der Vermehrung. Nicht aus den Genen, sondern aus dem Nichts. Das sagt Paulus ja selbst ganz ausdrücklich: Die Weisheit, die Menschen ja aus Gottes Hand haben, ist dennoch nicht in der Lage Gott zu erkennen. Gott ist kein Gegenstand der Erkenntnis und kann es nicht mehr werden. Gott ist nicht erkennbar. Ein Wissen von und um Gott gibt es nicht. Gott gibt sich allein im Kreuz, also im Tod seine Sohnes zu erkennen, also im Widerspruch. Die Sinnlosigkeit des Todes Jesu ist der Sinn des Auferstandenen Christus.

Dieser Text gibt keine Antwort auf unsere Fragen. Dieser Text verweigert geradezu jede Antwort. Hier gilt allein der Satz: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9)

Ich denke sehr oft darüber nach, warum unsere Kirchen so leer sind, ja warum die Menschen nicht mehr aus Gewohnheit zur Kirche gehen. Und ich kann es den Menschen von heute nachfühlen. Der Glaube passt nicht in unsere Zeit. Der Glaube ist weder ein Produkt, mit dem man Geld machen kann, denn er hat nur einen schwachen Wert. Der Glaube ist andererseits keine richtige Form von Erkenntnis und in der Welt des Rationalen ist er zu ungenau. Die Kirchen sind also deswegen leer, weil der Glaube eben da beginnt, wo das Denken aufhört. Der Glaube an Christus ist heute unzeitgemäß.

Wir dürfen aber nicht so tun, als sei unsere Gesellschaft ohne Glauben. Die Juden und die Griechen waren ja auch nicht ohne Glauben. Die Begriffe des Paulus führen uns schon dahin, zu erkennen, woran die Menschen in unserer Zeit glauben. Sie glauben an alles, was sich in Euros berechnen lässt. Sie glauben an alles, was sich in Kilometern ausdrücken lässt. Sie glauben an alles, was sich in den Wertmaßstäben der Mode, des was „in“ ist, des Kultigen zeigt. Und sie glauben an die Wissenschaftlichkeit und die Rationalität.

Wir, die wir auf die Predigt hören sind genauso, auch wir sind Juden und Griechen, auch wir sind die einen und die anderen, die Frauen, die Männer, die Alten, die Jungen, die Linken oder die Rechten. Aber die gesellschaftlichen Werte stehen für uns unter einem großen Vorbehalt. Der Predigt des Todes Jesu am Kreuz.

Das Kreuz Christi stellt uns den Tod vor Augen, der das Wissen auslöscht, den Wert vernichtet, das Geschaffene zerfallen lässt. Das Christentum predigt unserer Gesellschaft den Tod.

Ist es da ein Wunder, dass die Kirchen leer sind? Der Tod kein sympathisches Thema, da jeder irgendwie Angst davor hat. Und der Tod und seine Konsequenz, die Vergänglichkeit zeigen unserer Gesellschaft auf, dass sie letztlich auch lebensvergessen ist und dass sie voller Hochmut ist. Die an das Geld glauben, vergessen, dass das Totenhemd keine Taschen hat. Die an das Wissen glauben, vergessen, dass nichts so schnell veraltet, wie bedrucktes Papier. Die Zeitlichkeit und Vergänglichkeit ist eine menschliche Erfahrung. Sie ist noch keine Gotteserfahrung, aber sie könnte uns schon Hinweise auf die Gotteserfahrung geben. Aber dieser Teil der menschlichen Erfahrung wird verdrängt.

Die Kirchen sind leer, weil der Glaube da beginnt, wo das Denken aufhört.

In unserer Zeit, die voller Denken ist, wird mehr geglaubt, als wir zuzugeben bereit sind. Viele Teile unserer Weltanschauung sind reine Glaubensdinge, sogar diejenige, die sich einen anderen Anschein geben.

Das hat mal ein Jugendlicher in einem kurzen Text gut ausgedrückt:

Unser Glaube

Wir glauben nicht an den Gott Auto,

den ihr in der Sonntagssonne putzt.

Ihr poliert ihn liebevoll, fast zärtlich.

Auch den Gott Wachstum kannste vergessen.

Ihr macht sogar Überstunden für ihn,

obwohl er euch ausbeutet.

Wir glauben nicht an diesen Gott,

weil er die Umwelt auf seine Kosten zerstört.

Er kann sich nur mit Knüppeln durchsetzen.

Auch den Gott Sicherheit kannste vergessen,

denn er fordert von uns den Tod durch Rüstung.

Er handelt willkürlich mit Notstandsgesetzen.

Wir glauben nicht an den Gott Geld,

mit dem ihr alles beherrschen wollt,

weil ihr nicht merkt, dass er euch beherrscht.

Auch euren Jesus kannste vergessen,

denn er ist schon lange mausetot.

Ihr habt den Anschluss verpasst.

Wir glauben an unseren Jesus.

Den Gott der totalen Liebe.

Er lehrt uns Gewaltlosigkeit, Offenheit,

Verzeihen, Hoffnung und vor allem LIEBE.

(Imbke Behnken: Jugendliche + Erwachsene ’85: Generationen im Vergleich, Jugendwerk der Deutschen SHELL 1985, S. 357)

Man kann es auf die kurze Formel bringen: Die Predigt des Gekreuzigten braucht keine Beweise. Wo von Jesus die Rede ist, ist von der Liebe und vom Vertrauen die Rede. Es geht nicht um Wissen Gottes und um die Erfahrung seiner Stärke, sondern nur um das Vertrauen auf Gott.

Ich fasse zusammen: Wir leben in einer Wirklichkeit, die der des Paulus sehr ähnlich ist. Die Hauptforderung an alles, was sich in unserer Gesellschaft behaupten will, ist Macht und Erkenntnis. Paulus, der diese Kriterien an den Gruppen der Juden und den Griechen festmacht, zeigt an der Kreuzespredigt, dass die Stärke Gottes seine Schwäche und die Erkenntnis Gottes, seine Torheit ist. Nach den Voraussetzungen dieser Welt ist der Glaube an Gott eine leere und sinnlose Idee.

Aber dieser Glaube ist zugleich gesellschaftskritisch. Er zeigt nämlich, dass die Maßstäbe, an denen er gemessen wird, selbst nur Weltanschauung sind. Er zeigt, dass das Denken der Welt nicht weit genug geht, um den Glauben überhaupt sehen zu können. Der Glaube an die Schwachheit Gottes wird zur Stärke und der Glaube an die Torheit Gottes im Kreuz wird zur neuen Erkenntnis. Der Erkenntnis erstens, dass wir immer wieder falschen Göttern nachlaufen, auch in religiöser Gestalt. Und zweitens der Erkenntnis, dass Gottes Güte aus dem Tod aufersteht, dass Gottes Gnade die Sünde entwertet, dass Gottes Gerechtigkeit nicht bewertet und vergütet, sondern grundlos gnädig vergibt.

Aus dem Nichts schafft Gott Vertrauen. Er gibt sich hin und schafft so eine neue Welt.

Welterfahrung ist: Trotz aller Weisheit und Macht Gott zu verfehlen.

Glaubenserfahrung ist: Trotz aller Schwachheit und Sünde das Leben zu gewinnen.

Welterfahrung ist letztlich: Sinnverlust, Irrtum und Tod.

Glaubenserfahrung ist: Rettung, Berufung und Auferstehung.

Der Glaube hat dadurch, dass er die Macht und die Erkenntnis von Gott her in Frage stellt, ein anderes, ja ein umfassenderes Menschenbild.

Dieses Menschenbild offenbart sich etwa darin, dass wir uns fragen, ob nicht etwa geistig Behinderte Gottes Gegenwart eher und besser erfahren als vermeintlich Nichtbehinderte. Das Menschenbild des Glaubens an Christus überwindet letztlich solche Aufteilung, wie sie hier beispielhaft genannt wird: Juden und Griechen gehören dazu, und dann auch die Römer, die Germanen und so weiter und so weiter.

So denke ich, dass das Aufhängen des Kreuzes oder eines Kruzifixes nicht alles sein kann. Das Zeugnis des eigenen Glaubens geschieht in Wort und Tat.

Amen.

 

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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