„Wege des Unsichtbaren“ von Yury Kharchenko Große Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen  Dorsten, Pressemeldung

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„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends /wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts /wir trinken und trinken“. Paul Celans „Todesfuge“ hallt durch das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten. Sie durchdringt den ganzen Raum und erreicht den Besucher ganz tief im Inneren. „Ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen“.

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Das Gedicht ist das Hauptmotiv in den Bildern des jüdischen Künstlers Yury Kharchenko. Es taucht immer wieder in seinen Gemälden auf: Mal sind einzelne Verse, mal ganze Strophen handschriftlich in den Werken eingebunden. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“. Kharchenkos Werke werden seit Mai in der Dauer- und Sonderausstellung des Museums präsentiert. Noch bis zum 21. August 2016 ist seine Ausstellung „Wege des Unsichtbaren“ im Jüdischen Museum Westfalen zu sehen. Die 87 Bilder hängen zwischen Thorarollen und Kidduschbechern, Channukka –Leuchtern und anderen jüdischen Kultusgegenständen. 

Und genau da passen sie auch hin. Denn Yury Kharchenko, der 1986 in Moskau geboren wurde und in Dortmund aufwuchs, thematisiert genau wie Paul Celan die jüdische Religion, wobei er sich im Gegensatz zum Lyriker nicht allein auf die dunklen Seiten der jüdischen Geschichte beschränkt. In den Werken des Malers, der heute in Berlin und NRW arbeitet, geht es um mehr die Suche nach der religiösen Identität, um das „Wer bin ich“ und das „Wohin gehe ich“. Fragen, die sich jeder irgendwann im Leben stellt, von Kharchenko festgehalten in mächtigen Farbkompositionen. In Bildern, die aufgrund ihrer Gegenstandslosigkeit flach und aufgrund ihrer kräftigen Farben tief zugleich sind. Bilder, die den Betrachter interessieren und ansprechen, ihn zum Nachdenken anregen, wenn er sich auf sie einlässt und den richtigen Zugang zu ihnen findet. 

Und da macht es der 30 jährige Künstler seinem Publikum gar nicht so leicht: Seine Kompositionen aus leuchtenden und dunklen Farben, die an den amerikanischen Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts angelehnt sind, weisen eine ganz eigenartige Maltechnik auf. Außer den ineinander übergehenden Farbflächen durchziehen auch Farbströme das Bild, kleine Rinnsale aus Farben, die die Leinwand hinunterlaufen, als würde bunter Regen die Fensterscheiben herunterrinnen. Nur in einfachsten Grundzügen sind Gegenstände erkennbar, schemenhafte Gestalten, vereinfachte Häuser, undefinierbare Schatten. 

Doch Yury Kharchenko kann auch anders: Vier der größten seiner Bilder sind weitaus gegenständlicher. Es sind Porträts vier verschiedener Menschen: Felix Nussbaum, Papst Paul III, Kharchenkos Ehefrau als jüdische Braut und der heilige Hieronymus. Die ersten drei gezeichnet in schwarz weiß, das vierte in Farbe. Der Künstler selbst beschreibt diese Schraffur in einer Reflexion als „Silbermetall, Stahl oder vielleicht auch Asche und Rauch“. 

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Die Zusammenstellung aus Beständigem und Vergänglichem, schwerem Metall und leichter Asche beschreibt die von den Bildern aus gehende Stimmung genau: Die leichten lockeren Striche und Linien der Zeichnungen geben den Gemälden etwas Lebendiges und Dynamisches. Durch die silbrige, teils fast schwarze Färbung werden die Kunstwerke und die abgebildeten Personen aber gleichzeitig auch beschwert, die zuerst vermittelte Leichtigkeit wird ihnen genommen. 

Besonders beim Künstler Felix Nussbaum, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, tritt diese metallene Schwere in den Vordergrund. Hinzu kommt die riesige Leinwand, auf der der schraffierte Mann verloren wirkt, gleichzeitig jedoch dem Besucher starr entgegensieht. Sein Gesicht mit dem verängstigten und zugleich starken Ausdruck ist der Mittelpunkt des Bildes, auf einer vertikalen Achse dazu ist der Judenstern an den Mantel geheftet.

Auch Yury Kharchenko selbst musste schon Erfahrungen mit Antisemitismus machen. 2009 wurde er in Düsseldorf auf seinem Weg nach Hause von Neo-Nazis verprügelt. Nach diesem Überfall begann er, nach eigener Aussage, sich genauer mit dem Thema „Jude sein“ zu beschäftigen. Und eben diese Suche, die Frage nach der eigenen Herkunft thematisiert Kharchenko in seinen Werken, die er nun seit zehn Jahren in Gruppen- und Einzelausstellungen präsentiert.

Ein besonders häufig gewähltes Motiv in Kharchenkos Bildern sind Figuren am Fenster. „Magic Window“ nennt er diese Serie. Der Blick aus dem Fester ist spätestens seit der Romantik ein beliebtes Thema der Kunst. Der junge Absolvent der Düsseldorfer Kunsthochschule bedient sich dessen und interpretiert es anders, bringt etwas Neues in das alte Motiv: Das Rätselhafte liegt bei ihm viel mehr auf der Seite des aus dem Fenster Schauenden als außerhalb des Fensters. Auf dieser Seite verbindet sich die schattenhafte, nicht zwingend menschliche, Gestalt mit ominösen Formen und Zeichen und Schleiern aus Farbe. 

Und dazwischen taucht immer wieder Celans „Todesfuge“ auf, die die bunte Farbigkeit durchbricht: „Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland/ er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft / dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng“.

Lioba Vienenkötter

Die von der nordrhein-westfälischen Landesregierung geförderte Ausstellung kann noch bis zum 21. August 2016 besucht werden.


(18.07.2016) Yury Kharchenko:


Wege des Unsichtbaren ist ein Titel der Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen, der unter meinem Namen Yury Kharchenko unsichtbar anfängt. Keiner ahnt, dass mein Grossvater den Namen Grynszpan während des Zweiten Weltkriegs ablegte, um den fiktiven Namen Kharchenko anzunehmen, um als Jude während des Krieges unerkannt zu bleiben. Der Name Kharchenko hat auf diese Weise mich erreicht und über meine Kunst die Kunstwelt. 


 


Wie ich erst vor einigen Tagen durch ein Gespräch in der Familie erfahren habe, gibt es wohl eine Verbindung zwischen meiner Familie und der des Herschel Grynszpan, der im Oktober 1938 in der deutschen Botschaft in Paris Ernst von Rath erschossen hat, aus Protest gegen die Deportation seiner Eltern nach Polen. Diese Tat nutzten die Nationalsozialisten zur Begründung der darauf folgenden Pogromnacht.



Die Eltern des 17-jährigen Helden Herschel überlebten die Schoa. Sie waren bereits 1911 aus dem zaristischen Russland nach Hannover gekommen. Nach der Abschiebung aus Polen konnten sie in die Sowjetunion flüchten und später nach Israel auswandern.



Die sowjetische Zeit war stark vom Sozialismus geprägt. So wussten meine Eltern praktisch kaum etwas vom kulturellen jüdischen Erbe. Nach dem Zerfall der UdSSR emigrierten sie mit mir nach Deutschland, wo ich an der Düsseldorfer Kunstakademie 2008 meinen Abschluss machte. Ich dachte damals kaum an meine jüdische Identität und das kulturelle Erbe. Für meine Kunst war dies zunächst nicht von Bedeutung, bis ein Ereignis meine Ansichten veränderte.



2009 wurde ich von Neonazis in der Düsseldorfer Altstadt verprügelt und mit Sprüchen, wie „Jude, gib Geld“ beschimpft. Dieser Vorfall war so intensiv, dass ich mich meiner Identität als Jude gestellt habe und sogar später an der Universität Potsdam ein Studium über Kunst und jüdische Kultureinflüsse eine Promotion startete.


 


Seit dem hat sich meine Kunst spürbar verändert. Ich habe verstanden, dass Kenntnisse über die jüdische Kulturgeschichte für meine Kunst von großer Bedeutung sind und sogar Teil meines existenzialistischen Verständnisses sind.


 


Betritt man die Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen, so hört man die Todesfuge von Paul Celan „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Man taucht, wie mit einer Zeitmaschine, in eine Welt ein, in der moderne Kunst in einem Dialog steht mit Artefakten der Jüdischen Geschichte und Kultur.


 


Die in den Zeiten der Globalisierung aktuellen Fragen nach Identifikation, Integration und Kulturgeschichte werden von mir aufgegriffen durch eine Hommage an das berühmte Selbstbildnis des Künstlers Felix Nussbaum während der NS-Zeit. Zu sehen ist er mit dem gelben Judenstern an der Kleidung und seinem Pass mit eingedrucktem J in der Hand. 


 


Herschel Grynszpan war ein Held. Ich bin keiner – aber einer, der die kulturgeschichtlichen Folgen und Turbulenzen des 21. Jahrhunderts überwunden hat, hier in Deutschland, wo einst die Synagogen zur „Reichskristallnacht“ brannten. Fast hätte ich es vergessen, woher ich komme.



www.jmw-dorsten.de

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

2 Gedanken zu „„Wege des Unsichtbaren“ von Yury Kharchenko Große Ausstellung im Jüdischen Museum Westfalen  Dorsten, Pressemeldung“

  1. Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen. Vielen dank für die Informationen.

    Gruß Anna

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