Reformation als Bewegung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

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Zu: Volker Leppin: Die fremde Reformation, Luthers mystische Wurzeln, Verlag C.H.Beck, München 2016, 247 Seiten, ISBN: 978-3-406-69081-5, Preis: 21,95 Euro

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Der Autor Volker Leppin (geb. 1966) ist Evangelischer Theologe und Professor für Kirchengeschichte an der Universität Tübingen. Es gibt sicherlich auf dem Buchmarkt im Moment einige Neuerscheinungen zum Thema Reformation, so dass man Probleme hat zu wählen, und doch ist dieses Buch eines, das man aus theologischer Sicht auf jeden Fall zur Kenntnis nehmen sollte. Indem Volker Leppin die Reformation als geistige Bewegung schildert, immunisiert er ein wenig vor dem allseits vorhandenen Lutherkult.

Johann Staupitz, der anfängliche Ordensobere und Beichtvater Luthers, hat am Anstoß der Reformation einen weit größeren Anteil, als es die Fokussierung auf die Person Luthers erscheinen lässt. Volker Leppin zeigt, dass es nicht eine Entscheidung war, die zur Reformation geführt hat. Sie war eine Entwicklung. Die Grundeinstellung entnimmt Martin Luther, genauso wie einige Ordensmitglieder, der Mystik Taulers: „Alles in uns nämlich wirkt Gott“ (Vgl. S. 26).

Im zweiten Kapitel schildert Volker Leppin die Entwicklung von der Mystik zu den 95 Thesen Martin Luthers. Der sog. Thesenanschlag war kein Alleingang Luthers, sondern mit den Augustinern abgesprochen. Die Gnadentheologie Luthers, vorbereitet durch Staupitz, war nicht antikatholisch gedacht. Schon in einem Brief an den Ordensbruder Spenlein deutet Luther an, was später als reformatorische Entdeckung gelten wird. Indem Luther Christus mystisch dachte, gelang ihm die Erkenntnis, dass „Christus in den Sündern Wohnung nehme, und beschrieb erstmals den ‚wunderbaren Wechsel’ zwischen dem gekreuzigten Christus und dem Glaubenden: Christus werde für die Sünder zur Gerechtigkeit, dieser werde für Christus zur Sünde“ (S. 35). Luther entdeckte diese andere Glaubensweise in den Psalmen wieder und veröffentlichte diese Entdeckung in seinem ersten eigenen Buch „Die sieben Bußpsalmen“ (1517).

Aber auch Staupitz wie andere Ordensbrüder Luthers predigte diese Gnadentheologie vor dem Hintergrund der Mystik: „Gott als Vater, der Wille als Mittler, gebären den Sohn Gottes durch den Glauben.“ (vgl. S. 45).

Mit der „Disputation gegen die scholastische Theologie“ (1517) tritt Luther immer stärker in den Vordergrund. Leppin zeigt, dass bei den 95 Thesen die Briefe an die Bischöfe im Fokus standen und nicht der sogenannte Thesenanschlag: „Wer unbedingt daran festhalten will, dass am 31. Oktober 1517 ein Thesenanschlag in Wittenberg stattgefunden hat, verkennt, dass das Geschehen an diesem Tag gerade nicht der Normalität des Universitätsbetriebs entsprach. Mit dieser Normalität wird gern argumentiert, um den Thesenanschlag zu retten. Freilich müsste man dann auch annehmen, dass der Hammer nicht nur an der Tür der Schlosskirche geschwungen wurde, sondern mindestens auch an der Tür der Stadtkirche – und dass der, der dies tat, nicht Professor Luther war, sondern, ganz statutengemäß, der Pedell.“ (S. 65)

Die Reformation gilt dem Autor als Spätwirkung der Mystik, was nicht nur auf den Anfang der Reformation Luthers zu beziehen ist, sondern auch auf Karlstadt, Thomas Müntzer und die Täuferbewegung Bei Luther werden später noch mystische Gedanken in der Sakramentenlehre wiedergefunden: „Wie die Mystiker des Mittelalters verhieß Luther damit das Eintreten der jenseitigen Freuden des Himmels und des Paradieses schon auf Erden. Mehr hatte man auch zuvor nicht gewollt, als eben dieses: mystische Erfahrung als Vorwegnahme jener Erfahrung, von welcher der Apostel Paulus schreibt, dass Gott dann ‚alles in allem’ sei (1. Kor 15,28).“ (S. 205).

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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