Immer schön langsam! Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

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Zu: Winfried Hille: SLOW, Die Entscheidung für ein entschleunigtes Leben, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, ISBN 978-3-579-08627-9, 191 Seiten, 17,99 Euro

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Winfried Hille kennt den Stress der Wirtschaft aus eigener Erfahrung. Doch nach einiger Zeit wechselte er vom Management in den Journalismus. Im Verlag Hille Medien erscheinen die Zeitschriften „bewusster-leben“ und „vegetarisch glücklich“. Bereits in der Ausgabe 3/2015 von „bewusster leben“ wurde das Konzept SLOW vorgestellt (siehe Homepage: www.bewusster-leben.de). 

Winfried Hille schreibt: „Slow meint: Immer wenn wir bestimmte Zeiten einfach nur für uns, für die reine Verschwendung beanspruchen […], erlangen wir ein Stück unserer menschlichen Würde zurück.“ (S. 58). Von solchen Sätzen, die einfach nur mit dem Wort „Slow“ beginnen, kommen einige im Buch vor, wie z. B.: „Slow heißt deshalb auch, dass wir damit anfangen, unser eigenes Leben zu leben.“ (S. 63). Doch es geht hierbei nicht um eine Philosophie des Egoismus. Es geht schlicht darum, dass uns bei allem Ökonomischen oder allem Ehrgeiz nichts bleibt, wenn die Gesundheit dafür geopfert wird. Winfried Hille sieht die Forderung nach Langsamkeit als Ziel einer neuen Bewegung, die er mit der Öko-Bewegung vergleicht. Diese richtet sich gegen die Kombination aus Ökonomisierung und Digitalisierung. So schreibt er: „Wir müssen im digitalen Zeitalter wieder ganz neu lernen, geistig offline zu gehen.“ (S. 47).

Dabei geht es gar nicht einmal um die digitale Welt an sich, sondern um die Beschleunigung, die sie bewirkt. Es geht keinesfalls um den Ausstieg, sondern darum, sich im Rahmen des Alltags und der Arbeit neue „des zu-sich-selbst-Findens“ zu entdecken.

Erst wenn man die Ökonomie hinter der Beschleunigung entdeckt, findet man heraus, worum es eigentlich geht: „Die Mast der Schweine, die Eignung des Käses stehen genauso unter einem Beschleunigungsdruck wie die Kinder in der Schule oder die Entwicklungsabteilungen der Autofirmen.“ (S. 21).

Interessant ist, dass bei dem Widerstand gegen diese Gestalt der Ökonomisierung kein Klassenkampf hilft, sondern nur, dass wir das für uns selbst beherzigen, was das Motto „Slow“ für jede und jeden Einzelne bedeutet. Wo die oder der Einzelne damit anfängt, ist eigentlich egal, denn eigene Schritte gegen den Zeitdruck im eigenen Leben sollten reichen.

Ich finde, dass man die Lektüre mit dem Schluss des Buches anfangen sollte. Hier ist eine Liste mit konkreten Vorschlägen zur Verhaltensänderung: „Slow-Rituale für ihren Alltag.“ (S.186/187).

Man nehme einfach nur die Vorschläge heraus, die uns sowieso liegen und gestalte sie bewusst. Mir würde z. B. Punkt 7 liegen: „Kommen sie zu Terminen immer ein paar Minuten zu früh. So bekommen Sie gar nicht das Gefühl, im Stress zu sein.“ (S. 187)

Winfried Hille greift am Anfang nicht zufällig das Buch „Momo“ von Michael Ende auf. Dessen Philosophie gegen das „Zeitsparen“ wird im Buch „Slow“ einfach in die Tat umgesetzt, wie es in der letzten Zeit auch von Tim Bendzko gesungen wird: „Ich bin doch keine Maschine; ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut“.

Das Buch SLOW sollte man einfach mal zwischendurch zur Hand nehmen, ganz im Sinn von Frère Roger aus Taizé, sinngemäß zitiert: „Es genügt, wenn jeder das in die Tat umsetzt, was er vom Glauben verstanden hat.“

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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