Die Jahreslosung 2017 predigen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

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Zu: Burkhard Weber (Hg.): Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch, Die Jahreslosung 2017 – Ein Arbeitsbuch mit Auslegungen und Impulsen für die Praxis, Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen – Vluyn 2016, 184 Seiten, ISBN: 978-3-7615-6322-9, Preis: 9,99 Euro

978-3-7615-6322-9

Burkhard Weber (verstorben im Dezember 2016, in Memoriam), Leiter der Evangelistenschule „Johanneum“ in Wuppertal, versammelt alljährlich ein Team, das die Jahreslosung für die Anwendung in der Gemeindepraxis erschließt. Das Buch enthält zunächst eine exegetisch-homiletische Predigtvorbereitung sowie eine Bildmeditation zum Umschlagmotiv von Inge Heinicke-Baldauf, das gleichzeitig auch als Karte und Plakat erhältlich ist. Der restliche Materialteil des Buches teilt sich auf in „Thematische Anknüpfungen“, „Entwürfe für die Arbeit mit Gruppen“ und einer „Fundgrube“.

Die Fundgrube enthält neben drei Gedichten und einem Lied einen Predigtauszug des Reformators Johannes Calvin, entstanden im Jahr 1563 kurz vor seinem Tod. Calvin bezieht sich allerdings nicht auf den Text der Jahreslosung bei Hesekiel 36,26, sondern auf das im Kapitel 18 , Verse 31-32 enthaltene gleiche Bild, das aber dort als Imperativ verwendet wird: „[…]schaffet euch ein neues Herz und einen neuen Geist[…]“. Um Früchte aus der „lebendigen Wurzel“ hervorzubringen soll der „innerste Wille unseres Herzens“ dazu passen (S. 178). Allerdings weist Calvin gleich darauf hin, dass das neue Herz nur ein Geschenk Gottes sein kann. Er bezeichnet dies als „Wiedergeburt“, die sich von Gott her ereignet. Und so findet er vom Passiv zum Aktiv und versteht das „Herz“ als Bild für „Vernunft und Einsicht“ und den „Geist“ als „Erkenntnisvermögen der Seele“ (S. 182).

Burkhard Weber beißt sich hingegen am Begriff des „neuen Menschen“ fest, der so ja im Bibeltext gar nicht vorkommt. So wird deutlich, dass er schon vor der eigentlichen Exegese eine homiletische Situation konstruiert, in die passende Exegese hineingelegt werden kann. Die Auswahl der Zitate, die er dazu auswählt, wirkt ein wenig apologetisch und geht meist auf die geistliche Situation des 19. und 20. Jahrhunderts ein, z. B. mit Heinrich Heine und anderen. Doch der Vorteil dieser Materialsammlung aus der Literatur liegt darin, dass man in der Vorbereitung zu eigenen Recherchen ermutigt wird. Allerdings muss man dann feststellen, dass das Thema des „neuen Menschen“ auch in den thematischen Anknüpfungen wieder auftaucht.

Ich bleibe bei der Exegese Burkhard Webers, die eine Zusammenstellung verschiedener Übersetzungen enthält. Schön ist beispielsweise die Übersetzung der Volxbibel von Martin Dreyer, die hier abgedruckt ist. Ganz nah an der Gedanken Calvins ist dort das Bild der Informatik: „[..] ein neues Programm wird in euren Gedanken aufgespielt werden […]“ (S. 17). Das ist keine neue Hardware, kein neuer Mensch, sondern ein neuer Geist und Wille. Interessant ist, vielleicht vom Wort „Herz“ her motiviert, dass der weitere homiletische Teil am Bild der medizinischen Behandlung orientiert ist. Bei der Begriffserklärung der hebräischen Worte leb und ruah zeigt sich, dass doch mehr eine Erneuerung im Inneren des Menschen gemeint ist. Die Theologie ist immer ein wenig feige, diese esoterische Perspektive zu verwenden, Esoterik vom Wortsinn her verstanden (d. Rez.).

Die Abläufe der Behandlung bestimmen die Gedanken zum Text: Diagnose, Prognose, Therapie. Die Stichworte Transformation und Ethik lassen zuletzt auch an die Reformation denken, die im Jahr 2017 eine Rolle spielen wird. Passend ist das Zitat von Dietrich Bonhoeffer, dass diese Predigtmeditation abschließt, auch wenn hier das Wort von neuen Menschen wieder auftaucht, aber im theologischen Sinn: „Gleichgeschaltet mit dem Auferstandenen – das heißt vor Gott ein neuer Mensch zu sein.“ (S. 36).

Wenn dazu später auch die Medizin selbst zu Wort kommt, wie im Artikel des Kardiologen Stefan Hobrack (Wittenberg), wird doch klar, dass der Begriff des Herzens die Auslegung der Jahreslosung prägen wird. Doch dieses hier gepredigte Herz ist kein neues Organ, es ist Gottes Geist.

Etwas die Anregungen Burkhard Webers her weiterdenkend fällt mir auf, dass ich vom hebräischen Wort leb auf das deutsche Wort Leben komme. Wir sollen eben nicht neue Menschen werden, sondern an das neue Leben aus Gottes Geist denken. Immerhin, das Buch regt dazu an, in die eigenen Predigtvorbereitung einzusteigen.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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