Theothanatologie, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2016

Zu: Peter Watson: Das Zeitalter des Nichts, Eine Ideen- und Kulturgeschichte von Friedrich Nietzsche bis Richard Dawkins, Aus dem Englischen von Amélie Barandis, C. Bertelsmann Verlag, Minden 2016, ISBN 978-3-570-10223-7, gebunden 768 Seiten, Preis: 29,99 Euro

Der Begriff „Theothanatologie“ kommt zwar in der Abhandlung des Autors, Wissenschaftlers und Journalisten Peter Watson (geb. 1943) erst auf Seite 487 vor, bestimmt hingegen den Inhaltsfaden eher als der zu Beginn behandelte Begriff des Nihilismus. Der ursprüngliche Untertitel hätte eigentlich in übersetzter Form lauten müssen: „Wie suchen wir das Leben nach dem Tod Gottes?“. Stattdessen ist in der deutschen Ausgabe im Untertitel nur von einer „Ideen- und Kulturgeschichte“ die Rede.

Es geht auch nicht um eine Geschichte des Atheismus, wie es die dort angezeigten Namen Nietzsche und Dawkins suggerieren, sondern es geht um die Erfahrung, dass der Glaube an Gott weitgehend verloren gegangen ist. Nicht der Kampf gegen den Atheismus ist die Ursache für dieses Vakuum, sondern eine Erfahrung im Kontext der Moderne, der mit dem Begriff Säkularisierung noch zu schwach bezeichnet würde.

Ein ideologischer Kampf gegen die Verfechter des Atheismus greift zu kurz, da die weltgeschichtlichen Katastrophen wie der Holocaust spätestens in den siebziger Jahren auch zum Gefühl des Fehlens Gottes geführt haben. Der Verlust Gottes ist tatsächlich kein rein theologisches oder religiöses Problem, sondern spiegelt sich auch im abendländischen Verständnis der Vernunft wieder. Jürgen Habermas, so zeigt Peter Watson, macht es an der säkularen Trauerfeier für Max Frisch in einer Zürcher Kirche deutlich: „Es war Frischs Trauerfeier, die Habermas veranlasste, im ideengeschichtlichen Kontext von der ‚Weltbildrevolution der Achsenzeit (um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends) ‘ bis zur Neuzeit über ein ‚Bewusstsein von dem, was fehlt’ nachzudenken.“ (S. 17).

Auch Charles Taylor bedenkt in seinem Buch über das säkulare Zeitalter, der Verlust der Transzendenz sei nicht zu ersetzen (vgl. S. 22). Religion dagegen hat sich von der Transzendenz gelöst und wird in der Gesellschaft meist soziologisch beschrieben. Das zu belegen zitiert Watson die Aussage, das Vorhandensein von Religion wirke sich positiv auf die Geburtenrate aus.

Und so macht sich Peter Watson auf eine fast globale Spurensuche, die im Zeitalter Friedrich Nietzsches einsetzt. Von dort her wird es noch fast 100 Jahr dauern, bis die Lehre vom Tod Gottes in der Theologie ankommt, und zwar im Umweg über die Bewältigung des Holocausts. Der Einfluss Nietzsches war zwar zuvor im Expressionismus, in der Literatur und einigen philosophischen Konzepten wie Martin Heideggers weitergeführt worden. An dieser Stelle fallen auch Ungenauigkeiten auf, die es auch in anderen Bereichen geben könnte, was ich aber jetzt nicht belegen kann. Die Bemerkung, Martin Heidegger sei Protestant gewesen ist allerdings unzutreffend. Heidegger ist nie aus der katholischen Kirche ausgetreten (vgl. S. 288).

Interessant an der Darstellung Peter Watsons ist, dass er europäische und amerikanische Stimmen gleichermaßen ins Gespräch bringt. Harvey Cox lehrte beispielsweise in Harvard (USA) und lebte zwischendurch ein Jahr in Berlin. Hier war er auch mit den Büchern Dietrich Bonhoeffers in Verbindung gekommen. An Cox wird auch deutlich, dass die Entwicklung zur politischen Theologie Vordergrund Frage nach der Existenz Gottes nicht zu trennen ist. Kurz gesagt: „Religion darf das Denken nicht ersticken, sie ist nicht notwendigerweise oder in ersten Linie eine Weltanschauung – Religion ist Aktion.“ (S. 489).

Es ist ein spannendes Buch im Sinn der Thematik, da sich nicht beim Thema des Nihilismus aufhält, sondern eine Darstellung der Entwicklung des säkular – globalen Diskurses bietet, allerdings ein wenig zu umfangreich und detailverliebt, was nicht ohne Wiederholungen und Schleifen abgeht.

Mit Rainer Maria Rilke macht Peter Watson zum Ende hin deutlich, dass die Emanzipation von der Religion und ihrer Vorgaben dazu geführt habe, das Diesseits zu würdigen. Interessanterweise fällt genau an dieser Stelle das Argument, der sexuelle Missbrauch seitens kirchlicher Würdenträger zeige, dass auch die Metaphysik nicht frei sein kann von irdischen Begehren. Was meines Erachtens zu kurz greift, ist seine Aussage, die negative Theologie sei nicht geeignet, die Bezugnahme auf den Gottesbegriff zu retten. Meines Erachtens ist hingegen die Unerkennbarkeit und Unverfügbarkeit Gottes immer ein Kennzeichen der Transzendenz gewesen. Vielleicht kann man sagen, dass zum Schluss ein vorläufiges Fazit des Diskurses ist, dass die Religion die Menschheit noch an die ungelösten Sinnfragen erinnert, der Atheismus hingegen die Konzentration auf das Diesseits einfordert.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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