Predigt für die Heiligabendvesper, Lukas 2, 1-20, Christoph Fleischer, Welver 2016

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Lukas 2, 1-20 (Lutherbibel 2017, Zur Lesung vorgetragen, der Gottesdienst ist Heiligabend um 18 Uhr in Bad Sassendorf)

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6 Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9 Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

15 Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17 Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

 

Foto: Christoph Fleischer (c)

Liebe Gemeinde,

Aus aktuellem Anlass, der mal wieder ein Terroranschlag ist, diesmal in unserem Land, möchte ich der Predigt eine Bemerkung voranschicken: Die Gleichzeitigkeit von Angst und Freude, von Entsetzen und Zuversicht, von Gut und Böse, von Liebe und Hass ist nach den Anschlägen eine verwirrende Herausforderung. Wie wollen wir darauf reagieren, wenn unsere Gefühle so schnell wechseln müssen. Dazu schreibt der Theologe Dietrich Bonhoeffer in den letzten Kriegsjahren aus dem Gefängnis: „Demgegenüber stellt uns das Christentum in viele verschiedene Dimensionen des Lebens zu gleicher Zeit; wir beherbergen gewissermaßen Gott und die Welt in uns. Wir weinen mit den Weinenden und freuen uns zugleich mit den Fröhlichen; wir bangen um unser Leben, aber wir müssen doch zugleich Gedanken denken, die uns viel wichtiger sind als unser Leben. … Man muss die Menschen aus dem einlinigen Denken herausreißen – gewissermaßen als ‚Vorbereitung‘ bzw. ‚Ermöglichung ‚ des Glaubens, obwohl es in Wahrheit erst der Glaube ist, der das Leben in der Mehrdimensionalität ermöglicht.“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, 25.05.1944)

Ich habe in der Kirche zur heutigen Predigt einige Hefte verteilt, einen Auszug aus der neuen Lutherbibel 2017. Vielleicht reicht es für jede Familie. Sie können ja die alte Tradition aufgreifen und zu Hause vor der Bescherung die Weihnachtsgeschichte lesen. Wir haben diesen Text gerade hier im Gottesdienst gehört und darauf bezieht sich die Predigt.

Sollen wir heute über die Hirten nachdenken oder über Maria und Josef, die irdischen Hauptpersonen der Geschichte von der Geburt Jesu? Oder sollen wir uns mal den zitierten Herrschergestalten widmen, dem Kaiser Augustus, dem Statthalter Quirinius von Syrien oder den Nachkommen des Königs David, die in der Königsstadt Bethlehem zu Hause sein sollen. Und was ist mit den Engeln, die doch auch einen ziemlich breiten Raum in der Geschichte einnehmen und die zu der sonst geschilderten irdischen Szene kaum passen, für das Verständnis jedoch unverzichtbar sind?

Für heute Abend habe ich mich dafür entschieden, da anzusetzen, wo es schwierig wird: Für aufgeklärte und rationale Menschen ist das Auftreten der Engel eine Provokation. Auch wenn eine große Versicherung mit dem Schutzengelmotiv wirbt, ist vielen die Erwähnung von Engeln in einem Gespräch suspekt. Selbst wenn man für einen Klinikaufenthalt einen kleinen Schutzengel bekommt, ist das noch kein Grund dafür, an Engel auch wirklich zu glauben. Engel, die gehören entweder auf Esoterikmessen oder auf Weihnachtsmärkte, was beides ja nichts Alltägliches ist. Trotzdem: Die Engelsbegegnung in der Weihnachtsgeschichte ist die Mitte, das Zentrum, kein reines Dekomotiv. Die Pointe des Textes, dass die Hirten in Bethlehem den neugeborenen Retter des Volkes finden, würde es ohne die Engelsszene nicht geben. Ich lese die Verse 9 – 12 noch einmal:

Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Wer oder was ist aber der „Engel des Herrn“? Warum fürchten sich die Hirten vor ihm? Warum lassen sie sich dennoch von ihm auffordern, in Bethlehem die Geburt des Heilands zu erleben, der als Kind in der Krippe liegt, ein in Windeln gewickelter Säugling?

Dazu, als ob dies noch nicht Geheimnis oder Rätsel genug wäre, kommt zum Botschaftsengel „die Menge der himmlischen Heerscharen, (sie) lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Verse 13 und 14)

Warum tun wir beim Lesen der Weihnachtsgeschichte so, als ob diese Engelsauftritte das Selbstverständlichste von der Welt wären? Was haben sich eigentlich die ersten Judenchristen unter dem Engelsboten oder den himmlischen Heerscharen vorgestellt?

Wer die Antwort darauf in der Bibel sucht, wird nicht besonders fündig. Es gibt zwar die Erwähnung der Cherubin in den Psalmen, die Engel um den Thron Gottes im Allerheiligsten des Tempels. Einige Auftritte haben auch die Botschaftsengel Michael, Gabriel und Raffael. Es gibt darunter eine Botschaft und das Zeichen des Schutzes, so wie es im Psalm 91 erwähnt wird: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Engel als Übermittler göttlicher Lehre sind im Alten Testament eher selten, da Gott auch durchaus direkt Kontakt aufnimmt zu den Propheten und seinen Beauftragten. Es gibt keine ausgearbeitete Engelslehre im Alten Testament. Man findet sie dagegen in den Griechisch-jüdischen Schriften zur Zeit Jesu und in den Schriftrollen von Qumran am Toten Meer.

Im Christentum hat erst ein syrischer Mönch namens Dionysius Areopagita eine Engelslehre verfasst, wobei er von mehreren Engelsordnungen ausgeht, eine Vorstellung, die auch der Koran kennt. Besonders interessant aus der Umgebung der ersten Christen finde ich die Psalmen aus Qumran, wo einige Engelslieder gefunden wurden. Ich lese einen etwas kürzeren Psalm aus dieser Sammlung vor:

„Wunderbar ist die Gestalt der heiligsten Engel,
und von der Gestalt der Gottwesen kommt
ein Ruf des Lobpreises für den König der Lobpreisenden.
Und ihr wunderbares Rühmen gilt dem Gott der Gottwesen,
vielfarbig ist ihr Glanz, und sie jubeln.
Und die Gestalten der lebenden Gottwesen
Sind abgebildet in den Vorhallen in die der König eintritt,
Gestalten von Engeln voll Licht, Gestalten des herrlichen Lichts, wunderbare Engel.
Mitten unter den glanzvollen Engeln ist ein Werk in wunderbaren Farben:
Gestalten der lebendigen Gottwesen in der Herrlichen Wohnstatt Gottes.“

(Psalmen aus Qumran, Gebet und Hymnen vom Toten Meer, Von Klaus Berger, insel-taschenbuch 1897, Frankfurt, Leipzig 1997, S. 197)

Wenn man sich jetzt an den Satz des Engelschores bei Lukas erinnert, wird man merken, dass er einfach eine Kurzform dieses Engelspsalms ist: „Ehre sei Gott in der Höhe“. Die Menschen werden darin einbezogen, weil sie sich vom Gesang der Anbetung der Engel anstecken lassen. Das wird in anderen Psalmen ausgeschmückt. Die Musik des himmlischen Tempels setzt sich in der Musik des irdischen Gottesdienstes fort.

Was überrascht: Die himmlischen Heerscharen sind in Bethlehem zu Gast. Der Himmel kommt auf die Erde. Die Botschaft, dass Gott zu den Menschen kommt oder die Frage, wie die Menschen Gottes Nähe verspüren können, wird hier durch die Gegenwart der Engel verdeutlicht. Früher war Gott bei seinem Volk und ließ sich im Tempel und später auch in der Botschaft der Bibel begegnen. Das letztere gilt auch für heute, da der Tempel nicht mehr da ist. Der Gott Jesu ist einfach „Unser Vater im Himmel“ geworden. Dieser christliche Glaube ist in der Botschaft von den Engeln des Judentums mitbegründet.

Doch wer genau ist in der Weihnachtsgeschichte der „Engel des Herrn“? Im Alten Testament ist es der Engel, der den Esel des Sehers Bileam aufgehalten hat (vgl. 4. Mose 22, 25+27). Auch der Traum Jakobs in Gestalt der Himmelsleiter wird als Begegnung mit dem Engel des Herrn gedeutet. Der Engel des Herrn ist vielleicht sogar Gott selbst in seiner irdischen Gestalt. Erstaunlich ist aber, dass das Lukasevangelium schon im ersten Kapitel den Engel des Herrn erwähnt. Es ist der Engel, der die Geburt Johannes des Täufers ankündigt. Der Engel, der Maria begegnet wird hingegen als der Engel Gabriel bezeichnet. Vielleicht kann man sagen: Der Engel des Herrn ist der Wille Gottes, der im Himmel geschieht. Im Glauben wird um Gottes Wille auch auf der Erde gebetet: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.“

Damit ist die Gestalt des Engels von seiner Funktion her gedeutet. Er ist nicht nur ein Engel des Friedens, sondern er ist die göttliche Gegenwart selbst. Die Botschaft des Engels an die Hirten, vom Ende her gelesen bedeutet: In der Stadt des Königs David wird Jesus geboren. Der Name „Jesus“ heißt: „Gott rettet“. Gott ist der Retter. Das Kind Jesus ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe. Das heißt nicht, dass der große Gott klein wird, sondern dass die Gegenwart Gottes sich in der Geburt des Kindes ereignet. Gott wird Mensch.

Das ist ein religiöses Umdenken: Die Gegenwart Gottes ist himmlisch und irdisch zugleich. Gott kommt zu uns Menschen. So schreibt der Mystiker Angelus Silesius: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“ (Angelus Silesius, Der cherubinische Wandersmann, Spruch 61).

Die Weihnachtsgeschichte verbindet Himmel und Erde so, dass der Himmel auf die Erde kommt und bei uns geschehen kann, in der Liebe Gottes. Gleichzeitig bleibt Gott (aber) Gott und wird auch für uns entrückt wirken, wenn wir Gottes Nähe nicht spüren. Die Engel sind einfach ein Bild für Gottes Nähe.

Ich schließe mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke:

 

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,

und er verarmte mir in den Armen

und wurde klein, und ich wurde groß:

und auf einmal war ich das Erbarmen,

und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seinen Himmel gegeben – 

und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;

er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,

und wir haben langsam einander erkannt.

(http://rainer-maria-rilke.de/020019liessmeinenengel.html)
Amen

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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