Predigt über Johannes 4, 46 – 54, Christoph Fleischer, Welver 2017

Die Predigt halte ich am 3. Sonntag nach Epiphanias in Bad Sassendorf-Neuengeseke und Möhnesee-Völlinghausen und am 4. Sonntag nach Trinitatis in der reformierten Gemeinde, Soest

Johannes 4, 46-54 (Lutherbibel 2017)

46 Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum. 47 Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa gekommen war, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen; denn der war todkrank. 48 Da sprach Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.

49 Der königliche Beamte sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!

50 Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.

51 Und während er noch hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. 52 Da fragte er sie nach der Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. 53 Da merkte der Vater, dass es zu der Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.

54 Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.

Liebe Gemeinde,

Heute möchte ich einmal den Weg skizzieren, der sich zwischen der christlichen Botschaft und dem Bibeltext abspielt, ein Weg, den wir beim Hören und Mitdenken genauso vollziehen, wie bei Schreiben einer Predigt und beim Reden. In einem werden wir uns schon einmal einig sein, dass es um den christlichen Glauben im Allgemeinen geht und nicht nur nicht nur um die Nacherzählung einer biblischen Geschichte. Eine Sache ist mir in diesem Jahr in der Weihnachtsbotschaft wichtig gewesen, die ich auch jetzt noch einmal aufgreifen möchte, die in einem Satz von Angelus Silesius, einem schlesischen Mystiker (Johannes Scheffler, Breslau, 1624 – 1677), in Form eines kurzen Gedichtverses ausgedrückt wird.:

„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ (Angelus Silesius, Der cherubinische Wandersmann, Spruch 61).

Ich lese diesen Satz nicht als Warnung davor, verloren zu gehen, sondern als Hinweis darauf, dass die Geschichte von Jesus Christus in unserem Inneren erneut nachvollzogen werden muss, um ihrer anteilig zu werden. Wir glauben letztlich nicht nur an irgendwelche Glaubenssätze, sondern wir glauben an das Geschehen, dass sich in Jesus Christus, damals in Israel, in der biblischen Geschichte und nicht zuletzt in uns selbst ereignet. Dass die Erzählung aus dem Johannesevangelium uns genau dazu etwas sagen möchte, zeigt eine Bemerkung fast am Ende, wo es heißt: „Und er begann zu glauben mit seinem ganzen Haus.“ (V. 54).

Doch um zu verstehen, wie das in dieser Geschichte gemeint sein könnte, müssen wir zunächst einige Fragen stellen und beantworten, die uns beim Lesen und beim Hören gekommen sind.

Ist die Geschichte wirklich realistisch, so wie sie erzählt ist? Von Kapernaum am See Genezareth bis nach Kana im galiläischen Gebirge sind es 26 Kilometer. Die Zeitangabe im vorletzten Vers spricht von der Siebten Stunde, was nach jüdischer Zählung eine Uhrzeit von 13 Uhr meint. Der königliche Beamte ging also vormittags hin und nachmittags zurück. Die Kommentare weisen auf die Problematik hin, dass das für einen Fußgänger ein sehr weiter, unmöglich weiter Weg ist, aber niemand stellt fest, dass der Königliche die Strecke eventuell auch geritten sein könnte. Aber wenn nicht königliche Beamte damals auf Pferden geritten sind, wer dann? In der Beschreibung der antiken Welt kommen Pferde durchaus vor. Als Fußmarsch erscheinen mir 52 Kilometer zu viel zu sein, zumal der Hinweg zum Teil steil bergauf geht.

Trotzdem, auch wenn die Wundergeschichten immer etwas phantastisch oder im besten Sinn übertrieben wirken, so soll doch die Szenerie, in denen sie sich abspielt, gerade realistisch und nachvollziehbar wirken.

Trotzdem liegt über oder besser gesagt unter der Erzählung ein Geflecht von Sinngehalten, die eher etwas mit der Frage nach dem Glauben in der christlichen Gemeinde zu tun haben als mit dem konkret erzählten Wunder. Fragen können sein:

Jesus meint zum Beamten: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ (V. 48).

Warum soll man nicht nach Zeichen fragen dürfen? Lebt nicht gerade umgekehrt gesehen der Glaube sogar von solchen Zeichen, an denen er sich quasi praktisch bewahrheitet?

Eine andere Frage kommt auf, wenn man nach der Krankheit fragt: Warum tritt die lebensbedrohliche Lage des Kindes hinter der Rolle des Vaters zurück? Das Kind droht zu sterben, aber Jesus und der königliche Beamte sind mit anderen Fragen beschäftigt. Geht es wirklich um die Heilung eines Kindes oder geht es um Zeichen und Wunder?

Vielleicht sollen wir an dieser Stelle auf die zwei Schichten der Geschichte achten, die hier durch die unterschiedlichen Orte gezeigt werden. In Kana streitet der königliche Beamte mit Jesus darüber, ob bei der Heilung Jesu persönliche Anwesenheit notwendig ist, während die Heilung in Kapernaum mehr oder weniger von selbst geschieht, wie es die Knechte dem königlichen Beamten später berichten. Die Absicht des Mannes, Jesus zu verständigen, scheint den Geist der Heilung provoziert zu haben.

Interessant ist es, bei der Übersetzung auf bestimmte Worte zu achten. Der Mann, der Jesus in Kana begegnet und der wie auch immer von Kapernaum hierhergekommen ist, wird zuerst als „Königlicher Beamter“, dann als „Mensch“ und dann als „Vater“ bezeichnet.

Diese Beobachtung muss auf die Fragen nach dem Zeichen angewandt werden. Demnach ist eben Glauben nichts, was mehr oder weniger technisch oder methodisch funktioniert. Wenn Jesus ein Heiler gewesen wäre, dann hätte er schon persönlich mitkommen müssen, um durch medizinische oder magische Methoden heilend auf den Patienten einzuwirken. Jetzt ist Jesus auf der Ebene der Geschichte allenfalls ein Fernheiler. Denn der Glaube, um den es beim königlichen Beamten und bei uns geht, ist ja schließlich der Glaube an Jesus.

Ich vermute, dass hinter dieser Geschichte so etwas steht, wie die Botschaft des Auferstandenen an den ungläubigen Thomas: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Johannes 20,29)

Eine andere Möglichkeit, die ich persönlich noch plausibler finde, ist, dass die Heilung nicht durch Jesus bewirkt wird, sondern mit Jesus durch Gott.  Jesus tritt damit wie ein Vermittler des Wirkens Gottes in Erscheinung. Seine Kraft besteht darin, die Gegenwart Gottes auf die betreffenden Menschen zu leiten. In den Heilungen der anderen Evangelien sagt Jesus dann ja auch immer zum Geheilten: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Es kommt also gar nicht darauf an, Jesus auf einen Sockel zu stellen und dann an ihn zu glauben, sondern durch Jesus eine andere Sicht auf Gott und auf die Wirklichkeit zu bekommen.

Fassen wir zusammen, dann stellen wir fest, dass im Gespräch mit Jesus der Hauptaspekt darin besteht, Jesus als Heiler nach Kapernaum zu bitten, was Jesus ablehnt. Die Einstellung des königlichen Beamten wird so geändert. Erst ist königlich, dann wird er menschlich und danach ist er einfach Vater. Seine Knechte teilen ihm nach der Rückkehr mit, dass das Kind um die siebte Stunde gesundgeworden ist.

Diese Geschichte eröffnet eine Spannung zwischen dem Wunsch nach Zeichen und dem Glauben. Nicht nur der königliche Beamte kommt zum Glauben, sondern sein ganzes Haus, also auch die Knechte, die das so erlebt haben, dass das Kind völlig von selbst nur durch Gottes Hilfe gesundgeworden ist. Demnach kann die Gesundung des Kindes nicht das gewünschte Zeichen sein. Ein Zeichen wäre es gewesen, wenn Jesus selbst am Krankenbett gestanden hätte.

Auf welche Fragen und Probleme der heutigen Kirche könnte dies angewandt werden? Mir kommt die Frage nach dem Besuchsdienst in den Blick. Worum geht es bei dieser Frage? Soll es um eine Präsenz besonders beauftragter Seelsorgeinnen und Seelsorger gehen, die dann vor Ort irgendein Wunder bewirken, wie auch immer. Oder sollte es nicht eher in der ganzen Gemeinde darum gehen, sich auf die Anwesenheit Gottes zu konzentrieren. Besuchsdienst kann dann bedeuten, nicht etwas zu tun, was die Menschen in den Familien und Nachbarschaften ohnehin tun können, sondern etwas was nur die Kirche selbst für sich tun kann. Die Abweisung der Zeichen ist keine Verneinung der göttlichen Präsenz, sondern heißt nur, dass diese nicht durch eine bestimmte Methode vermittelt werden kann. Die Kirche selbst kann Gott nicht herbeirufen oder herbeizwingen, sondern kann nur umgekehrt den Glauben ins Gedächtnis rufen. Es geht in der Epiphaniaszeit um die Erscheinung Christi. Christus erscheint nicht in Zeichen und Wundern, sondern in geistiger Gestalt. Er erinnert an Gottes Schöpferkraft, an die Kraft des Lebens, wie sie in einer Heilung aufscheint. So tritt dann auch das Leben selbst in die Mitte der Verkündigung. Ich bin der Überzeugung, dass Jesus selbst keinesfalls lebensfeindlich war. Der Wunsch nach heilem, gesunden Leben wird keinesfalls negiert. Glaube ist immer eine Form von Dankbarkeit für das geschenkte und empfangene Leben. Die Familie des königlichen Beamten ist daher zum Glauben an Christus gekommen, weil sie ihn als Botschafter des Lebens erfahren haben.

Ich gebe zu, dass sich dadurch ein wenig den Starkult um Jesus und den Wunsch nach einer religiösen Sensation aus dem Text herausnehme. Aber ich glaube, dass ich genau dadurch den Text ernst nehme. Das eigentlich Erstaunliche hier ist, dass Jesus der Bitte des königlichen Beamten nicht nachkommt. Als Beispiel für eine Gebetserhörung als Wunscherfüllung kann dieser Text nicht gelten. Dass das kein Zufall ist, sondern zur Intention des Textes gehört, zeigt der Satz: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ Dieser Satz ist in der Mehrzahl gesagt. Er schließt also alle mit ein, die diese Szene mitansehen, die Begleiter des königlichen Beamten genauso wie die Jünger Jesu. Jesus will kein Superstar sein, sondern Gottes Nähe verkünden.

Ich komme zum Anfang zurück: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ (s.o.) Bethlehem ist der Ort einer Geschichte, eines Bekenntnisses, eines Glaubens. Das entspricht dann auch der Idee, man könne Christus einfach immer herbeirufen, wenn man ihn braucht. Die Geschichte zeigt, dass das Christentum so nicht funktioniert.

Was aber heißt, dass Christus in uns selbst geboren werden soll? Jesus Christus in uns; dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Innen und Außen, zwischen Botschaft und Glaube. Christus ist in uns, das heißt, dass unser Leben und unsere innere Einstellung christusmäßig wird.

Was ist das, christusmäßig? Es ist eine Art und Weise, die sich vom Wort Christus direkt ableitet. Das heißt auf uns selbst angewandt: Wir sind als Kind Gottes geboren. Wir selbst sind Christus geworden, Kind Gottes, Sohn und Tochter Gottes, ein Leben in der Nähe Gottes, ein Zeichen für Gottes Nähe und Gegenwart. Gottes Nähe geschieht also in unserem Leben. Das ist die Botschaft Jesu und das sollte auch unsere Botschaft sein.

Was ist dann Glaube? Glaube ist nichts anderes als Dankbarkeit. Dankbar für das Leben, dankbar für andere Menschen, dankbar für die Natur, dankbar für die Religion, dankbar für das Wesen der Welt und dankbar für Gott als Sinn und Grund des Lebens. An Christus glauben, das heißt dankbar leben.

Amen.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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