Wie stehe ich da vor Gott? Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2017

Zu: Luca Baschera: Hinkehr zu Gott, „Buße“ im evangelisch-reformierten Gottesdienst, Evangelisch-katholische Studien zu Gottesdienst und Predigt, Band 4, Vandenhoeck & Ruprecht, Echter Verlag Göttingen, Würzburg 2017, Softcover, 280 Seiten, ISBN 978-3-429-04319-3 (Echter Verlag), Preis: 39,00 Euro

 

Aus dem Vorwort geht hervor, dass dieses Buch über das Element der Buße im reformierten Gottesdienst als Habilitation an der Universität Zürich entstanden ist. Vielleicht erstaunt manche Leser, dass ausgerechnet im reformierten Gottesdienst, der so wenig festlegte Formen enthält, ein Ort für Beichte und Buße sei soll. Aber wenn man wesentliche Teile des Buches gelesen hat, wird deutlich, dass gerade dieser freiere Gottesdienst auf seine Art ein Ort des Bedenkens der Frage sei soll: Wie stehe ich da vor Gott? Es wird dadurch auch deutlich, dass dieses Bedenken gerade nichts mit liturgischen Formeln zu tun hat, wenn es denn persönlicher und bewusster erlebt werden will.

Der erste Teil der Habilitation geht noch nicht direkt auf die angesprochene Fragestellung ein, sondern dient der Positionierung im Bereich des christlichen Gottesdienstverständnisses. Ich überspringe diesen Teil, weil ich mich genauer um die Frage nach der „Buße“ kümmern möchte, zumal dieses Thema in der Frühzeit der Reformation im Zentrum stand. Mir scheint auf interessante Art genau im reformierten Gottesdienst die Position Martin Luthers verwirklicht, der schrieb, das ganze Leben sei eine Buße. Wenn Buße also kein liturgischer oder kirchenrechtlicher Akt ist, sondern die inhaltliche Prägung des Lebens durch den Gottesdienst, dann wird wohl gerade der reformierte Gottesdienst zu einer Antwort auf die reformatorische Theologie. Vielleicht ist das auch der Grund, wieso das Buch von in der „Evangelisch-katholischen“ Reihe erschienen ist, da hierbei auch an die Positionen des 2. Vatikanischen Konzils zu denken ist. Diese beiden Gedanken sind allerdings Weiterführungen des Rezensenten und sind nicht direkt im Buch enthalten.

Zunächst also ist festzuhalten, dass der reformierte Gottesdienst genauso der Buße verbunden ist, wie der lutherische oder die katholische Messfeier. Luca Baschera schildert im Detail die Ausarbeitung der „reformierten Umkehrliturgie am Beispiel des Genfer/Straßburger Formulars von 1542“ (Ab S. 103). Im Folgenden werde ich einige Stichworte daraus referieren: Aus dem Glauben an Gott den Schöpfer und Erlöser kommt die Erkenntnis der Sünde. Diese wird wiederum von wahrhaftiger Reue begleitet und mündet schließlich in den Glauben an Gott. Sünde wird in der reformierten Theologie als Geneigtheit zum Bösen bezeichnet. (Meine Beobachtung, dass hier eine Parallele zur Religionsschrift Immanuel Kants vorliegt, würde in dieser Untersuchung wohl vom Thema ablenken. D. Rez.)

Wichtig ist wohl zu sehen, dass die Sünde in der reformierten Sicht den Menschen nicht so völlig verdirbt, dass es diesem nicht unmöglich ist, als Christ oder Christin aus dem Geist Gottes heraus so zu leben, dass dieses dem Willen Gottes entspräche. Deshalb gibt es im reformierten Gottesdienst keine einfache Formel für eine Absolution. Der Mensch ist und bleibt in die Sünde verwickelt und trotzdem zum Guten fähig: „Die sündhafte Kreatur – der Mensch und mit ihm die ganze Schöpfung (Römer 8, 19-22) – ist von Gott abgewandt, und dem Bösen zugeneigt, und doch bleibt sie mitten in dieser abgründigen Verderbnis eben Kreatur, denn Gott, gibt das Werk seiner Hände nicht preis.“ (S. 122). Riskiert wird dabei sogar ein zirkulärer Gedanke, indem „Sündenerkenntnis“ und das „Verlangen nach Erneuerung“ einander entsprechen (vgl. S. 124).

Ich denken an dieser Stelle der Lektüre, dass Buße im reformierten Sinn individuell sein konnte, aber nicht individualistisch verengt werden musste. (D. Rez.). Demnach heißt es hier, Sündenerkenntnis und Buße sei „Hinkehr zu Gott“ (Titel und S. 126) und im Sinn Johannes Calvins „unablässige Wachsamkeit“ (S. 127). Es gibt also keine „Werke der Frömmigkeit“, die nicht zugleich als Gabe des Heiligen Geistes verstanden werden können.

Auf die Gemeinde bezogen heißt Buße: „Die Gemeinde bittet um den Beistand des Heiligen Geistes, damit sie auf dem Weg der ‚täglichen Umkehr’ beständig fortschreiten und dabei ‚Früchte der Gerechtigkeit und der Unschuld’ zur Ehre Gottes hervorbringen kann.“ (S. 129).

Der Glaube selbst wird nicht als Werk, sondern als Gabe des Geistes verstanden.

Ein Teil des Gottesdienstes ist die Bundeserneuerung und die Erinnerung an die Gebote. Die Bußgebete des reformierten Gottesdienstes und passende Lieder leiten ohne eine geprägte Liturgie auf die Predigt hin, aus der heraus das Geschenk des Glaubens erfolgt, der die tägliche Umkehr im Alltag befördert.

Im Buch werden anschießend unterschiedliche Bußgebete der reformierten Kirchen und das Gottesdienstbuch der EKD besprochen. Die inhaltlichen Elemente der Buße wiederholen sich zum Teil. Die Mitte aller ist die Erkenntnis des Handelns Gottes in allen Teilen des Gottesdienstes, und zwar nicht nur in dem was die Besucherinnen und Besucher hören und empfangen, sondern auch darin, was sie sagen, singen, denken und liturgisch vollziehen. Es gibt keine geprägte Gestaltung, aber allen ist gemeinsam: Der Glaube an das Wirken des lebendigen Gottes im Vollzug des Gottesdienstes.

Der abschließende Materialteil des Buches lädt dazu ein, unterschiedliche Bußgebete in die Gottesdienstgestaltung einzubauen. So wird die Habilitation von Luca Baschera zum Arbeitsbuch.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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