Predigt über Lukas 10, Maria und Martha, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Predigt über Lukas 10, 38 – 42, gehalten wird diese Predigt am Sonntag vor der Passionszeit in der Möhne-Gemeinde.

Verlesung des Predigttextes aus der Lutherbibel 2017:

 

38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf.

Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.

39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria;

die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.

40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen.

Und sie trat hinzu und sprach:

Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen?

Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!

41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr:

Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.

42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt;

das soll nicht von ihr genommen werden.

https://gemaeldeonline.wordpress.com/1566/12/07/tintoretto-christus-bei-maria-und-martha/

Liebe Gemeinde,

Eine Pastorin berichtet aus einer Frankfurter Innenstadtgemeinde von einer Bibelarbeit in einer Frauengruppe:

„Nachdem wir den Text mehrmals gelesen und uns erste Eindrücke mitgeteilt hatten, haben wir uns in zwei Gruppen gegenübergesetzt. Martha und Maria schauten sich an und wollten miteinander ins Gespräch kommen. Die erste Beobachtung war, dass es erstaunlich viele Frauen gab, die sich für die Seite Marthas entschieden hatten. Die zweite Beobachtung, dass ich mich selbst auch auf die Seite Marthas begeben hatte. So geschah es, dass einige Marthas mich fragten, ob ich mich nicht in der Wahl der Seite geirrt habe. Ich bekam Unverständnis zu spüren. Dabei hatte ich mich darauf gefreut, einmal die Martha sein zu dürfen. Gerade in letzter Zeit hatte mich das Gefühl, über die tägliche Arbeit in der Gemeinde nicht mehr zum Privatleben zu kommen, sehr unzufrieden gemacht. Ich hatte es satt, meine Mahlzeiten allein und in aller Eile einzunehmen, nicht mehr mit guten Freunden zum Essen und Kochen zu kommen und von meinen Bekannten als die intellektuelle Frau angesehen zu werden, die im Berufsleben zwar ‚ihren Mann steht’, der man aber besser kein Kind auf den Arm gibt und die man nicht mit Hausfrauenpflichten belästigt.“ (Sybille Fritsch-Oppermann in: Predigtstudien, Zur Perikopenreihe III, Erster Halbband, Hrsg. Von Peter Krusche u. a., S. 175f).

Die Geschichte von Maria und Martha, die wir am Anfang als Predigttext gehört haben, scheint von vornherein auf die Frage bezogen zu werden, wer heute und hier Martha und Maria ist, die in der Geschichte ja in verschiedenen Rollen dargestellt werden. Wer hier spielerisch die Seiten wechselt wie die Pastorin, bestätigt diese Einstellung geradezu, denn dann ist sie oder bin ich eben einmal Martha und das andere Mal Maria. Ich glaube, dass diese Bibelarbeit deutlich macht, dass dieses vordergründig bei jedem Predigttext vorkommt, dass wir uns fragen, in welcher Rolle der Geschichte wir persönlich angesprochen sind.

Man könnte es ganz schlicht ausdrücken und sagen: Wir wollen erreichen, dass wir mit diesem Bibelwort heute etwas anfangen können, je nachdem, von welchem Standpunkt aus wir darauf zugreifen. Wenn wir uns klarmachen, dass es darum geht, „damit-etwas-anfangen“ zu können, dann müssen wir auch die unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen wir das erwarten, berücksichtigen. Einige mögen das Thema schon von vornherein im christlichen Kontext sehen, weil wir ja im Gottesdienst sind, andere kommen erst einmal aus ihren Alltag heraus hierhin, und sind sicher von ihren Alltagsfragen so voll, dass sie froh sind, wenn der Bibeltext die Fragen der Welt und des Alltags ansprechen würde.

Doch ist es nicht einfacher und einer Predigt angemessener mit Martin Luthers zu fragen wollte, was „Christum treibet“ und zu dem Ergebnis kommen, dass Martha und Maria zwar verschiedene Aufgaben in der Gemeinde repräsentieren, aber im Grunde nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Beide werden gebraucht. Doch auch damit ist die Predigt keinesfalls zu Ende. Denn wir müssen uns über diese Rollenverteilung hinaus fragen, was denn der Bibeltext über Jesus oder über Gott aussagt. Dazu lese ich zuerst einige Zitate aus zwei Predigten von Meister Eckart und kommentiere sie anschließend.

Meister Eckart war Priester und Ordensgeistlicher und lebte zwischen 1260 und 1328. Er stammte aus Thüringen und lehrte Theologie in Paris und Köln. Zugleich war er als Ordensoberer dafür zuständig, für die priesterliche Betreuung von Frauenklöstern zu sorgen. So ist es nicht zufällig, dass er sogar zwei Predigten über Maria und Martha überliefert hat, eine mehr zur Figur der Maria und die andere zur Marta. Der Ort, um den es geht ist aber die eigene Seele. Es geht darum, wie wir in unserer Seele Gott empfangen wollen. Das ist im Bild von Jesu Besuch bei Maria und Martha ausgedrückt. Kurz vorweg: Das Dorf, in dem Jesus zu Besuch ist, bezeichnet Meister Eckart mit der lateinischen Übersetzung der Bibel als Burg. Marta, sieht er als ältere Schwester an. Das steht in der Bibel so nicht. Maria ist für Eckart eine Jungfrau, also eine nicht verheiratete Frau, da sie mit dem Haushalt nichts zu tun hat.

(Meister Eckart, Texte und Kommentar von Gerhard Wehr, marixverlag, Wiesbaden 2010, S. 58 – 66)

Erste Predigt: „Wenn der Mensch stets nur Jungfrau bliebe, so bliebe er ohne Frucht. Aber er sollte doch fruchtbar werden. Insofern ist es nötig, dass er Weib werde.“ (S. 60) Bei Eckart wird die Hausarbeit der Mutter zum Bild dafür, dass der Glaube Früchte trägt.

„Auch habe ich mehrfach gesprochen, dass eine Kraft in der Seele ist, die rührt weder von der Zeitlichkeit noch von der Vergänglichkeit her. … In dieser Kraft grünt und blüht Gott in all der Freude und all der Ehre, die in ihm selbst ist.“ (S. 61) Das Bild vom Wachsen eines Gartens wird auf den Glauben übertragen.

„So kommt er (Gott, Christus) in dieses ‚Bürglein’ der Seele. Und auf eine andere Weise kommt er nicht hinein und ist darinnen. Mit dem Teile ist die Seele Gott gleich, und nicht anders. … Dass wir so ein Bürglein seien, in das Jesus hineingehe, darin er empfangen werde und ewiglich in der besprochenen Weise ewiglich bleibe, dazu helfe uns Gott.“ (S. 62) Ein ganz schlichter Aspekt wird auf einmal zum Hauptthema. Jesus geht in ein Dorf. Das heißt jetzt: Jesus kommt in unsere Seele. Er bringt die Kraft, mit der die Seele wachsen kann und Frucht bringt.

Zweite Predigt: In dieser Predigt richtet Meister Eckart das Augenmerk auf Maria und ihre andächtige Haltung. „Drei Dinge veranlasste Maria, zu Füßen unseres Herrn zu sitzen: Die Güte Gottes hatte ihre Seele ergriffen. Das andere war eine große unaussprechliche Begierde. Sie begehrte, aber wusste nicht was, aber verlangte, ohne zu wissen, was. Das dritte war ein süßer Trost und eine Lust, die sie aus dem ewigen Worte schöpfte, das dem Mund Christi entströmte.“ (S. 64) Die empfangende Haltung Marias wird auf die Seele übertragen.

„Die Seele hat drei Wege zu Gott. Das eine ist in mannigfaltigem Wirken aus brennender Liebe in alle Kreaturen Gott zu suchen. … Der andere Weg ist ein Weg ohne Weg, frei und doch ungebunden. … Der dritte Weg heißt zwar Weg und ist doch das Daheim-Sein, ein Gottschauen unmittelbar im (vollen) Sein.“ (S. 65) Es gibt also schon in dieser kurzen Geschichte drei Wege zu Gott.

Die Geschichte von Maria und Martha spielt sich nach Meister Eckart in der eigenen Seele ab. Er fragt danach, was passiert, wenn Gott in deine Seele hineinkommt? Im Sohn wird Gott in der Seele geboren. Wir töten Gott und die Seele, wenn wir diese doppelte Geburt ignorieren. Ich finde diese Einstellung von Meister Eckart gerade in unserer Zeit wieder sehr aktuell. Wir hören ja Gottes Wort nicht nur als etwas, dass uns von außen gesagt wird, sondern wir nehmen es auch in uns auf und gestalten danach unser leben. so wird Glauben wachsen und so kommt Gott in uns selbst hinein.

(Einige Aussagen sind aus: John D. Caputo, Zusammenfassung „Mary and Martha as postmodern Hosts“ in The Insistence of God, A Theology of Perhaps, Indiana UniversityPress, Bloomington and Indianapolis 2013, Zusammenfassende und kommentierenden Übertragung seines kleinen Aufsatzes über die Auslegung Meister Eckarts von Maria und Marta, S. 42ff).

Es ist gut, die Geschichte von Maria und Martha mit Meister Eckart zu lesen. Obwohl hier offensichtlich der Text auf der Seite der Maria ist, die die Andacht repräsentiert, bevorzugt Meister Eckart die Rolle der Martha, die die Vita Aktiva verkörpert. (S. 44). Martha versteht, dass Gott zur Tat ruft, und nicht nur dazu, zu sitzen und zu hören. Maria zeigt uns die Gabe, die darin besteht auf Gott zu hören und mit Gott zu rechnen. Martha dagegen weiß, dass es Frieden nicht ohne Unruhe gibt. Das Beharren Gottes rechnen nicht mit denen, die den Frieden zu den Füßen Jesu finden, sondern mit der Unruhe derer, die Gottes Beharren in die eigene Existenz übertragen. Gott lebt in der Reinigung der Wohnung und in der Zubereitung des Essens. Marias Leben ist Welt-los, während Martha im Weltbezug lebt. Martha verkörpert das Drängen des Moments. Martha weiß, dass Jesus menschliche Bedürfnisse hat, und sorgt sich darum.  Martha verkörpert die Gastfreundschaft in ihrer elementaren Form. (S. 45)

Damit zeigt sich Gott gerade im Leben, so wie es ist, in all seiner Unruhe und seiner Schwierigkeit, Freude und Sorge, Versprechen und Risiko. In dieser Hinsicht ist es richtig, Gott mit Bonhoeffer im Leiden zu erkennen. Die Idee hinter der Theologie der Gastfreundschaft, in Bezug auf das Ereignis ist, dass wir uns selbst vorbereiten auf die Ereignisse, die wir erleben werden, so fragmentarisch sie auch sein mögen.

Ein anderer Aspekt ist die Frage des Gebets. Das Gebet und die Religion sind kein Pflichtprogramm, sondern eine Vorgabe für die Freiheit. Nicht die vorgeschriebenen Gebete und religiösen Übungen und Pflichten sind nötig, um Gott willkommen zu heißen. Allein die Reinheit bezeichnet die nichtreligiöse Religion. So ist die Seele eben nicht nur wie Martha, aktiv und drängend, sondern auch wie Maria, ohne Leistung und Pflicht. Die Geburt Gottes in der Seele ist die Wiedergeburt der Seele in Gott. Gott muss sich selbst von allen Eigenschaften und Prädikaten lösen. Gott muss auf die nicht-Existenz eines Rufs reduziert werden. Auf die Reinheit des Drängens, die uns dazu auffordert in der Welt geboren zu werden. Wir bereiten uns auf die Gastfreundschaft des Ereignisses vor, ohne uns in den Vorschriften der Frömmigkeit und der Askese zu befinden. Gott kann uns dabei helfen, so sagt es Meister Eckart, wie eine kleine Stadt zu sein, in der Jesus geboren wird. (S. 47)

Amen

In einer Email schickte mir Marlies Blauth, Meerbusch folgenden Kommentar:

Maria und Martha sind beide in mir lebendig. Vermutlich geht das vielen so – insbesondere den Frauen, immer noch. Wir wurden dazu erzogen, anzupacken, also eher nicht „faul“ herumzusitzen. Essen bringen, Geschirr wegtragen usw. Wenn die Maria in mir sagt, dass es vielleicht ausreicht, nur etwas Brot hinzustellen, fordert Martha das Aufwändigere, Besondere – für den besonderen Gast. Vielleicht hat er aber so viel zu sagen, dass ich gar nicht alles mitbekomme, weil ich ja in der Küche bin, während er im Zimmer sitzt und erzählt. Dann aber meldet sich Maria, dass ich ihm vielleicht doch mehr Aufmerksamkeit schenken sollte.

Beides hängt zusammen (wie zwei Schwestern) und kann durchaus zu einem „Geschwisterstreit“, zu einem Zwiespalt spüren – und zeigt letztendlich, dass es kein Rezept gibt, wie man den Alltag und insbesondere die Kommunikation gestalten muss. Jede Situation ist anders. Ein Gespräch bei einer schlichten Tasse Kaffee kann eindrücklicher sein als das Fünfgängemenü.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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