Messianische Juden – wer sollte sie kritisieren und warum? Essay mit Rezensionen, von Christoph Fleischer, Welver 2017

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Was eigentlich als Rezension begann, endete als Essay. Daher habe ich die Angaben zu den verwendeten Büchern jetzt ans Ende des Artikels gesetzt.

Schon der erste Abschnitt ist ja auch nur die Besprechung eines kurzen Abschnitts eines Buches über des christlich-jüdischen Dialog in Israel.

Der rheinische Pfarrer Rainer Stuhlmann (geb. 1945) lebt seit 2011 im Ruhestand in Israel und organisiert die Bildungsarbeit in Nes Ammim, einer christlichen Siedlung im Nordbezirk Israels. In unterschiedlichen Printmedien, im Radio, sowie auf einem eigenen Blog hat er von seinen Erfahrungen in Israel und Palästina berichtet. Manchmal findet er sich auf der Seite der „Freunde Israels“ und ein anderes Mal auf der Seite der „Freunde Palästinas“; er lebt dort „Zwischen den Stühlen“. Besonders aufgefallen ist mir in seinem Buch der kurze Abschnitt „’messianisches Judentum’ in Israel“ (S. 44 – 50), der auch in der Zeitschrift „Zeitzeichen“ erschienen ist (Ausgabe 2/2015).

Dass Juden mit der Taufe den Übergang zum Christentum begehen und dann auch das jüdische Leben hinter sich lassen, unterscheidet die Konvertiten von den hier besprochenen messianischen Juden, die als Juden an Jesus glauben. Doch Rainer Stuhlmann hat trotz einiger Besuche, die er doch bewusst durchgeführt hat, nach eigenen Aussagen solche, von einer Judenmission unberührte, messianische Juden nicht gefunden. Er stellt fest, dass sie zwar ihre Gottesdienste am Sabbat begehen, sich aber eher als „Evangelikale Kirche“ verhalten (vgl. S. 46). Rainer Stuhlmann beobachtet, dass dort oft neben Hebräisch auch Englisch und Russisch gesprochen wird. Um seine Einschätzung zu verdeutlichen, zitiert er die Auffassung der katholischen Kirche: „Wer Jude ist und an den Messias Jesus glaubt, wird Mitglied der einen heiligen und apostolischen Kirche.“ (S. 48). Auch in den stärker hebräisch oder jüdisch wirkenden Gemeinden bemerkt er den „Einfluss amerikanischer Fundamentalisten“ und meint, „messianische Juden“, so wie er sie definiert, habe er in Israel nicht gefunden (Vgl. S. 50).

Die Auffassung Rainer Stuhlmanns ist doch stärker, als er es vielleicht selbst zugibt, vom Bemühen christlicher Definitionen geprägt. Die Selbsteinordnung der betreffenden Gemeinden wird ignoriert und mit Klischees wie amerikanisch oder fundamentalistisch beurteilt. Die Frage, ob man nur von messianischen Juden sprechen darf, wenn sie allgemein gesprochen von christlichem Einfluss unberührt wind, müsste ebenfalls in Frage zu stellen sein, denn warum sollte man trennen, was zusammen gehört?

Bevor ich das zweite benutzte Buch zu dem Thema von Ulrich Laepple und anderen rezensiere, möchte ich über eine eher zufällige Lektüre berichten. In der Zeitschrift PaRDeS, einer Zeitschrift für jüdische (!) Studien aus Potsdam. Ich finde es doch wichtig hier einen Beitrag zur Kenntnis zu nehmen, der von jüdischer Seite her das Thema anders als abgrenzend angeht.

Die Auffassung von Frederico Dal Bo wirkt von daher als Korrektiv (s.o.: PaRDES). Schon in der zweisprachigen Zusammenfassung zu Beginn ist das Ergebnis angedeutet: Auch, wenn sich messianische Juden synkretistisch zwischen Judentum und Christentums verorten, ist es wohl bezeichnend, dass sie sich gerade deshalb als Juden und nicht als Christen verstehen. Zugestanden ist dabei, dass sich die Entwicklung messianischer Juden historisch betrachtet der christlichen Judenmission verdankt, was er in einer Skizze der Entwicklung aufzeigt.

Bereits in der Herrnhuter Gemeinde Nikolaus Graf von Zinzendorfs (1700 – 1760) gab es Christen aus dem Judentum, die bei jüdischen Riten und Einstellungen geblieben sind. Das Verhältnis zur Judenmission ist also in der Entwicklung zum messianischen Judentum in der Anfangszeit gegeben, hinterher aber nicht mehr ausschlaggebend. Ein in der katholischen Kirche bestehender Antijudaismus sei überhaupt erst mit den 2. Vaticanum (Nostra Aetate, 1962 – 1965) aufgehoben worden, so berichtet Dal Bo, was auch von dort her eine neue Öffnung zum Judentum auch in Richtung auf Judenmission ermöglicht hat.

Im 20. Jahrhundert zeigten sich in Israel aber auch Russland und Amerika selbständige Gemeinden messianischer Juden. Herausragende Personen waren in Israel Mosche Immanuel Ben Meir (1904 – 1978) und Abram Poljak (1900 – 1963). Im Jahr 1948 wurden messianische Juden aus Israel ausgewiesen, kehrten aber überwiegend in den 50iger Jahren aus dem Exil zurück. Andere, wie die genannten Leitfiguren, konnten ohnehin in Israel bleiben.

Schlüsselfigur der Einstellung messianischer Juden ist Jesus, wie er im Neuen Testament geglaubt und verkündigt wird. Messianische Juden neigen bei der Lektüre des Neuen Testaments dazu, griechische Schlüsselbegriffe in die möglichen hebräischen Parallelen zurückzuübersetzen. Messianische Juden lesen die „Orthodox jüdische Bibel“ und in moderner sprachlicher Gestalt die Ausgabe „Tree of life“.

Frederico Dal Bo nimmt am Ende seines Artikels die Auffassung des reformierten Rabbiners Caro Harris-Shapiro auf: „American Jews usually consider Messianic Jews ‚not only traitors for leaving the fold but also liars for claiming they are Jewish, not Christian.’“ (S. 58).

Warum nicht in den messianischen Juden eine andere Richtung des Judentums sehen, von denen Frederico Dal Bo nunmehr sechs verschiedene unterscheidet: Orthodox, Konservativ, Reformorientiert, Neo-Rekonstruktionistisch, Humanisten, Messianisten

(Weitere Informationen über Dr. Dr. Frederico Dal Bo hier: www.fredericodalbo.eu).

Wer hat nun recht und wo genau liegt das Problem der Anerkennung von messianischen Juden, die ihrerseits nicht ausdrücklich einer christlichen Kirche beigetreten sind? Dabei müsste doch das zuletzt im Jahr 2016 durch die EKD-Synode erneute Verbot der Judenmission dahingehend konkretisiert werden, dass auch an Jesus glaubende Juden als solche respektiert werden sollten.

Zu diesem Ergebnis kommt auch Hanna Rucks, die als Theologin Judaistik studiert hat und ihre Promotion den „messianischen Juden“ gewidmet hat. Sie schreibt am Ende ihres Aufsatzes im Sammelband „Messianische Juden – eine Provokation“: „Die im Neuen Testament entwickelte Vision einer Kirche aus Juden und Nichtjuden ist durch die historische Entwicklung nicht ‚überwunden’. Sie gilt bis heute. Die messianisch-jüdische Bewegung ist deshalb kein ‚historischer Unfall’, kein unliebsamer Auswuchs protestantischer Richtungen, sondern eine heilsame Anfrage an unsere völkerchristliche Theologie und Existenz.“ (U.Laepple u.a., S. 23).

Richard Harvey, seinerseits messianischer Jude hat 2015 auf einer Diskussion beim Stuttgarter Kirchentag teilgenommen. Er stellt fest, dass messianische Juden an Jesus glauben und sich am jüdisch geprägten Lebensstil orientieren. Sie gehören zum Judentum, sind aber frei darin, ob sie sich einer Synagoge anschließen oder in christlichen Gemeinden den Gottesdienst feiern. Darüber hinaus identifizieren sie sich mit dem Judentum und dem Land Israel. Seiner Meinung nach kommen sie zu einer die Religionen Judentum und Christentum verbindenden Theologie: „Die meisten Christen bekennen als ihre Grundlage, dass Christus der Herr ist. Die meisten Juden – wenn sie religiös sind – bekennen sich zu Gottes erwählender Liebe, die sich darin ausdrückt, dass sie als sein Bundesvolk berufen sind. Die messianische Bewegung bringt diese beiden erkenntnisleitenden Grundlagen zusammen.“ (S. 35)

Ulrich Laepple (geb. 1948) steht seit vielen Jahren mit messianischen Juden in Deutschland und Israel in Kontakt. Er stellt fest, dass im rheinischen Beschluss zur Judenmission aus dem Jahr 1980 eine Stellungnahme zur Situation messianischer Juden fehlt. Von Seiten der Kirche wird demnach die Situation messianischer Juden mit der sog. Judenmission verwechselt. Auch wenn sich das Mehrheitsjudentum auf das Nein zu Christus festlegt, wie es auch Laepple bemerkt, so muss man zur Kenntnis nehmen, dass es im Judentum eine Minderheit gibt, die zu Jesus als dem Messias Ja sagt und darin keinen Verlust der jüdischen Identität sieht.
Der Sammelband zur Situation messianischer Juden geht in einzelnen Beiträgen auch auf die Fragen der Judenmission (Hanna Rucks) und des jüdisch-christlichen Dialogs ein (Peter Hirschberg). Richard Harvey stellt in einem weiteren Artikel die Frage, wie der jüdisch-christliche Dialog unter Einbeziehung des messianischen Judentums weiterentwickelt werden kann. Erst kurz nach Erscheinen dieses Buches hat die EKD – Synode auf ihrer Tagung in Magdeburg 2016 eine Stellungnahme zur Judenmission verfasst und die hier bezeichnete Chance offenbar verpasst.

In der verabschiedeten Erklärung heißt es unter anderem:

„Christen sind durch den Juden Jesus von Nazareth mit dem Volk Israel bleibend verbunden. Das Verhältnis zu Israel gehört für Christen zur eigenen Glaubensgeschichte und Identität. […] Die Tatsache, dass Juden dieses Bekenntnis nicht teilen, stellen wir Gott anheim. […] Das Vertrauen auf Gottes Verheißung an Israel und das Bekenntnis zu Christus gehören für uns zusammen.“

Ich möchte diesen kurzen Artikel mit einem jüdischen Beitrag beendet, der nicht von der praktischen Religion, sondern von philosophischen Gedanken her geprägt ist. Der französische Philosoph Emanuel Lévinas hat jedoch auch neben seinen philosophischen Werken Talmudstudien vorgelegt und ist dezidiert dem Judentum verbunden. Von ihm lerne ich, dass sich Gegenwart und Zukunft nicht so klar trennen lassen, wie das z. B. in der Formulierung der EKD angedeutet wird.

In einem Sammelband zur neueren französischen Religionsphilosophie finden sich zwei Beiträge von Lévinas, aus denen man erkennen kann, dass man aus jüdischer Perspektive den Begriff Messias so gebrauchen kann, wie in der christlichen Sprache Aussagen mit dem Wort Christus treffen. Eine Hilfe ist dazu bei Lévinas die subjektivistische Perspektive der Philosophie. Er schreibt am Ende des ersten Beitrags: „Ich sein heißt, immer eine Verantwortung mehr zu tragen.“ Und weiter: „Das Mich ist derjenige, der vor jeder Entscheidung schon erwählt ist, die ganze Verantwortung der Welt zu tragen.“ (s.o., S. 44). Die Bibeltexte, die Lévinas anführt, sind allesamt dem Alten Testament entnommen. In dem Begriff Verantwortung spiegelt sich die Ankündigung des Messias im Judentum genauso ab, wie die Erfahrung seines Erscheinens und das Bekenntnis dazu im Christentum. Es läuft in beiden Fällen auf Verantwortung hinaus.

Der zweite Abschnitt behandelt einige jüdische Überlieferungen anekdotischer Art über die Frage, wann der Messias kommen wird. „Wie wir sehen, ist der Messias der Gerechte, der leidet, der das Leid der anderen auf sich geladen hat. Wer lädt letztlich das Leid des Anderen auf sich, wenn nicht das Sein, das ‚Ich’ sagt. … Und das (in Beziehung auf den Messias gesagt, d. Red.) bedeutet konkret, dass jeder so handeln muss, als wäre er der Messias.“ (Ebd. S. 55, dieser Abschnitt ist dem Buch „Schwierige Freiheit“ entnommen). Bibelstellen, für die Umkehrung, die Lévinas andeutet, ließen sich im Neuen Testament zur Genüge anführen. Oder man könnte die Beschlüsse zum Judentum aufgreifend sagen: Wenn wir als Christen an die Erwählung Israels glauben, dann muss es nicht ausgeschlossen sein, dass es Jüdinnen und Juden gibt, die an Christus glauben.

Zur Erfahrung des interreligösen Dialogs gehörte es m. E. zu akzeptieren, dass die Verheißungen Gottes auch auf Wegen in Erfüllung gehen kann, die nicht zu unserem christlichen Konzept gehören. Im interreligösen Dialog geschieht es nicht selten, dass man das Eigene im Fremden entdeckt.

Sicherlich ist mit der Anerkennung von messianischen Juden die Diskussion nicht beendet. Welche Rolle spielt der evangelikale Fundamentalismus? Warum muss ein Bekenntnis zum Staat Israel religiös verankert werden? Eine interessante Frage ist auch: Wie ist die Kausalität? Die Aufarbeitung der Geschichte des Judentums in der Antike kann z. B. auch manche Überraschungen bereithalten, wie z. B. die Katakomben in Rom eher eine Nähe zwischen Juden und Christen dokumentieren, als die Differenz. Wurzeln beide Philosophien auch in der Urkirche (ggf. messianischen, missionarischen Juden?), oder handelt es sich um eine neuzeitliche Beeinflussung des Judentums durch die engen Kontakte zur Europäischen Kultur während der Diaspora? Wieso lehnen dann Teile der missionarischen Juden das Griechische ab, z.B. in Form von Rückübersetzungen? Oder müsste man nicht sogar das Christentum als eine liberalisierte Form des Judentums und Fortsetzung des hellenistischen Judentums in der Antike sehen. Auch die Aussage von der bleibende Erwählung Israels, wie zuletzt im Beschluss der EKD bekräftigt muss ja erst einmal konkretisiert werden. Was bedeutet es theologisch, dass demnach in der Kirche der neue und der alte Bund gleichzeitig gelten und nicht mehr von einem nacheinander die Rede sein kann? Wo landet man, wenn man im Zusammenhang mit der Frage des messianischen Judentums mit Ausgrenzungen agiert?

 

Benutzte Literatur:

Rainer Stuhlmann: Zwischen den Stühlen, Alltagsnotizen eines Christen in Israel und Palästina, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2015, gebunden, 155 Seiten, ISBN 978-3-7615-6179-9 (Print), Preis: 12,99

 

Ulrich Laepple (Hg.): Messianische Juden – eine Provokation, mit Beiträgen von Richard Harvey, Peter Hirschberg, Ulrich Laepple, Hanna Rucks, Sven Schönheit, Hans-Joachim und Rita Scholz, neukirchener theologie in Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, Softcover, 159 Seiten, ISBN 978-3-7887-3055-0, Preis: 20,00 Euro

 

PaRDeS, Zeitschrift der Vereinigung für jüdische Studien e. V., Hrsg. Von Nathanael Riemer u.a., Jesus in den jüdischen Kulturen des 19. Und 20. Jahrhunderts, Jesus in the Jewish Cultures of the 19th and 20th Century, Heft 21, Universitätsverlag Potsdam, Preis: 15,50 Euro, hier: Frederico Dal Bo: The Theological and Cultural Challenge of Messianic Jews. Towards a New Jewish Paradigm? (S. 33 – 58)

 

Beschluss der EKD Synode vom 9.11.2016: https://www.ekd.de/synode2016/beschluesse/s16_05_6_kundgebung_erklaerung_zu_christen_und_juden.html

 

Texte von Emanuel Lévinas in: Religio und passio, Texte zur neueren französischen Religionsphilosophie, Hrsg. und eingeleitet von Rolf Kühn, Echter Verlag Würzburg 2014

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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