Zeitkritischer Seismograph, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Zu: Scheidewege, Jahresschrift für skeptisches Denken, Herausgegeben von der Max-Himmelheber-Stiftung, Jahrgang 46, 2016/2017, Redaktion: Michael Hauskeller, Stephan Prehn, Walter Sauer, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2016, ISBN: 978-3-7776-2630-7: Paperback, 403 Seiten, Preis: Einzelheft 37,90 Euro, im Abo 33,50 Euro, erscheint einmal jährlich im September. Ein Verzeichnis sämtlicher Beiträge und Autoren mit Link zu einer Leseprobe findet sich im Internet (www.scheidewege.de).

Schon die Übersicht über die Beiträge der Jahresschrift auf dem Cover zeigt die Zielrichtung der Ausgabe an. Skepsis, so der kurze Text auf der Rückseite, ist eine geistige Situation, in der Tradition genauso wenig von einer Evidenz lebt wie der Fortschrittsglaube. In die Mitte des Denkens rückt die Gegenwart, die sich vom Überkommenen löst, ohne eine wunderbare Zukunft zu phantasieren.

Schon deshalb liegt es schon nahe, sich der Person und Philosophie von Martin Heidegger zuzuwenden mit der Frage: „Was fehlt, wenn Heidegger endgültig verschwindet?“ (vgl. Harald Seubert, ab S. 208). Auch ein Philosoph lebt nicht vom Respekt gegenüber seiner eigenen Tradition, zumal diese besonders nach Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ erwiesenermaßen ideologisch eingefärbt ist. Und so frage ich mich bei der Lektüre: Wie kann man sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, auch wenn sich dabei die Rettungsanker der Ontologie und des Seinsdenkens als der Gegenwart gegenüber neutral erscheinen mögen? So stellt Harald Seubert das Heideggersche Denken zusammenfassend fest: „Es ist jenes Seiende, dem es in seinem Sein um das Sein selbst geht.“ (S. 211) Aber kann er wirklich mit Recht noch sagen, dass Heideggers Philosophie „aus keiner Ideologie hervorgegangen“ ist (S. 212)?

Skeptisches Denken zeigt gegenüber Vergangenem, dass Denk- oder Argumentationsstrukturen, die in der Vergangenheit funktioniert haben, auch in der Gegenwart funktionieren können, womit zu konstatieren wäre, dass Vergangenheit und Tradition nicht per se erledigt sind, sondern nur, dass sie ihre Autorität oder ihren Anspruch nicht aus ihrem eigenen Auftritt heraus beanspruchen können. (d. Rez.)

Gleich der nächste Artikel wendet sich Hannah Arendt zu und auch hier wird der Zeitbezug einer Position dekonstruiert. Sigbert Gebert zeigt im Artikel „Das Böse verstehen – mit und gegen Hannah Arendt“ die Bedeutung anthropologischer Fragestellungen auf, wenn sie in politischer Hinsicht reflektiert werden. Der Umgang mit einem persönlichen Vorbild kann nicht der einer Jüngerschaft sein, sondern ist durch ein ausgewogenes Verhältnis von Zustimmung und Kritik gekennzeichnet. Die Lehre vom Bösen bleibt aktuell, auch wenn sich Hannah Arendt in der Bewertung Eichmanns konkret geirrt haben mag. Eine Formulierung wie die folgende sollte vor dem Hintergrund der heutigen Problematik reflektiert werden: „Die Nazis versuchten gegen die universelle Menschenrechtsmoral eine Rassenmoral zu setzen, wobei sie sich auf antisemitische Tradition stützen konnten.“ (S. 228)

Nicht nur das Denken, sondern auch das Fühlen sollte heute wieder stärker in den Dienst für das Leben der Welt gestellt werden. Sigbert Gebert fragt daher Hannah Arendts Auffassung kritisch an, das Böse sei allein auf fehlendes Denken zurückzuführen. „eine moralische Verpflichtung wird jedoch vor allem emotional erlebt.“ (S. 229) Rassistische Traditionen erscheinen auch in der Gegenwart wieder attraktiv, indem sie die pure Durchsetzung eigener Interessen auf Kosten anderer weltanschaulich kaschieren. Im Bezug auf das Dritte Reich wird dies als „Sozialpolitik auf Kosten der Menschenrechte“ (S. 232) bezeichnet.

Skeptisches Denken stellt Argumentationsmuster für das Verständnis der Gegenwart bereit und lädt dazu ein, daran weiterzuarbeiten. Das Jahr 2015 scheint in der Reflexion der hier dokumentierten Artikel zum großen Teil als Seismograph zu wirken. Explizit oder implizit ist dieser zeitgeschichtliche Kontext überall präsent. Harald Seubert macht dies ausdrücklich bewusst, indem er seinen zweiten Artikel überschreibt: „Nach dem 07.01.2015“ (S. 313). Das Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris hat weltweit intellektuelle Reaktionen ausgelöst, die zur wiederholten und erneuten Selbstbesinnung aufrufen.

Von den zwei Bildbeträgen in dieser Ausgabe der „Scheidewege“ zeigt der zweite von Florian Schwarz „Portraits entlang des Weges“ (S. 285). Die Bilder wurden in Serbien entlang der sogenannten Balkanroute aufgenommen und stellen so einen bildhaften Bezug zur Fluchtwelle des Jahres 2015 her. Etliche Textbeiträge nehmen die Fluchtwelle und die Reaktionen dazu ausdrücklich schon in den Überschriften auf: Dietrich Böhler: „Verbindlichkeit der Zukunftsverantwortung“ (S. 177), Werner Theobald: „Ethik und Trauma“ (S. 192), Friedrich Pohlmann: „Steckt in uns allen ein Folterer?“ (S. 236), Frank Berzbach: „Vom liebenden Kampf. Das Jahr 2015 und die Vertriebenen“ (S. 299), Heinz Theisen: „Interkulturelle Skepsis“ (S. 324), Eduard Kaeser: „Die Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft“ (S. 378) und andere.

Hans-Martin Schönherr-Mann macht das Fass bewusst auf und stellt sich den Fragen der gesamten Flüchtlingsproblematik: „Warum sollte man Flüchtlingen helfen?“ (S. 264), wobei er mit den Anti-Positionen relativ leicht fertig wird. Schwierig ist eine weltanschaulich neutrale Begründung der Unterstützung der Flüchtenden. Die dezidiert christliche Position ist davon ausgenommen und beruft sich laut Schönherr-Mann zu Recht auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Eine starke Motivation dazu scheint sich bei denen zu halten, die Flüchtenden persönlich begegnet sind, sei es aus Samariter, Mitleid (Schopenhauer), Mitgefühl (Hume) oder Nächstenliebe (Christentum). Die Auseinandersetzung mit Kant lässt Kritik am Fluchtverhalten erkennen, allerdings auf einem heute doch eher überholten Untertanendenken, dem jeder Widerstand abgesprochen wird. Schönherr-Mann schreibt: „Jedenfalls lässt sich weder aus Kants Moralgesetz noch aus dem Weltbürgerrecht eine Art Recht ableiten, als Flüchtling einen Anspruch auf Aufnahme zu finden, ein Recht, das es auch nicht geben kann, das sich höchstens auf eine Gewährung der Residenz beschränkt, somit als politische Maßnahme, die natürlich gesetzlicher Regelungen bedarf.“ (S. 272)

Um so stärker, so Schönherr-Mann, sei die moralische Begründung für die Aufnahme von Flüchtlingen. Die Begründung von Emanuel Lévinas, die Schönherr-Mann ausführlich zitiert, stammt augenscheinlich aus der jüdischen Tradition und wird phänomenologisch begründet: „Das Antlitz, dem man begegnet, drückt auch noch mehr aus, als bloß sich selbst. Es ist ein Zeichen, ein Symbol, ein Bild, im Sinne von Platon ein Abbild eines Urbildes, der Ausdruck des Anderen, der mich anspricht, mich auffordert, dem anderen zu helfen, Verantwortung für ihn zu übernehmen.“ (S. 277)

Mit dieser Argumentation sind es die Bilder der Flüchtenden selbst, die medial vermittelt uns in die Verantwortung rufen. Es ist wirklich bereichernd, hier eine ausführliche Anwendung der Philosophie von Emanuel Lévinas zur Kenntnis nehmen zu können. Schönherr-Mann fasst dies mit dem Begriff „Involution“ zusammen, einem „Lernprozess, der zu einem Bewusstsein der Verantwortlichkeit führt, wie ihn Lévinas beschrieben hat: Helfen und vielleicht auch noch etwas Gutmachen, für das man selber nicht verantwortlich sein kann. Auf jeden Fall an einer humaneren Welt der Involution arbeiten, weil man die Not sieht, weil diese den Helfenden animiert und weil er dadurch etwas zur Humanität beiträgt, wenn Menschen aufgenommen und nicht ausgeschlossen werden.“ (S. 283).

Es gibt im gesamten Band keinen explizit theologisch argumentierenden Artikel, was m. E. auch als Rückfrage an die Theologie selbst aufgenommen werden sollte in der Frage: Sind skeptisches Denken und Theologie unvereinbar? Zumindest Schönherr-Mann hat mit Worten von Emanuel Lévinas aufgezeigt, dass sich christliches oder jüdisches Denken auch in die säkular philosophische Diskussion hinein fortsetzen können. So hat also die Flüchtlingsfrage gezeigt, dass Nächstenliebe nicht weltfremd ist. Diese Rezension ist nur ein persönlicher Lektürebericht. Andere Themen des Buches sind aus den Bereichen Pädagogik, Psychologie zum Stichwort „Freiheit“ sowie Ökologie, Tierethik, Bioethik und die Reflexion anderer Zeitfragen genommen. Das Erdbeben von 2015 scheint jedoch die unübersehbare Flüchtlingskatastrophe zu sein, die Globalisierung wie in kaum einem anderen Ereignis direkt vor der Haustür erlebbar gemacht hat und auf die weltanschaulich und ethisch-politisch zu reagieren ist.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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