Jesus von Nazareth als Mensch der Antike, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Zu: Cay Rademacher: Jesus und seine Welt, Eine historische Spurensuche, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2013, Paperback, 159 Seiten, zwei Karten, Orts- und Personenregister, ISBN: 978-3-8319-0513-3, Preis: 9,95 Euro

Ein kurzer Artikel im Heft G-Geschichte 1/2017 – laut Titelbild der Geschichte des frühen Christentums gewidmet – ist überschrieben: „Freitag in Jerusalem, Tod eines Unruhestifters“. Das Magazin weist am Schluss im Literaturtipp auf das Buch von Cay Rademacher hin. Dem Urteil, dass die dort zusammengetragenen Fakten nach wie vor aktuell sind, schließe ich mich an.

Das hier besprochene Buch ist eigentlich im Jahr 2005 als GEO-Buch unter dem Titel „Wer war Jesus? Der Mensch und der Mythos“ erschienen.

Das Thema „Jesus“ ist hier schon von den aktuellsten Forschungen her verständlich erzählt.

Der Autor Cay Rademacher ist Journalist und Schriftsteller. Er arbeitet bei GEO und ist auch Autor mehrerer Krimis. Seine Freude an der Darstellung historischer Fakten ist spürbar verbunden mit dem Wunsch, Geschichte zu erzählen.

Am Anfang habe ich mich gewundert, dass er sehr ausführlich die sozialen und historischen Verhältnisse der Hauptstadt Rom erzählt, einer stinkenden und zugleich duftenden Stadt – einer Stadt mit „1797 einzelnstehenden Häusern“, „14 Fernstraßen, acht Brücken und 30 Toren“ (vgl. S. 19).

Entscheidend ist hier wohl die Feststellung der Glaubensvielfalt, welche der geschilderte Eindruck vermittelt: „Die Gläubigen treffen sich regelmäßig zu gemeinsamen Mahlzeiten und Gottesdiensten in Kulträumen, manche veranstalten Prozessionen, andere bringen ihre Mitglieder durch Wein oder Tänze in fromme Ekstase. Gemeinsam ist fast allen Kulten, dass sich die Menschen nicht inGottesdienste“ (S. 34)

Es folgt eine kurze Geschichte des jüdischen Volkes, die aber bald auf die Schriften des Neuen Testaments zuzulaufen scheint. Die Hauptautoren des Neuen Testaments kommen zur Sprache: Paulus, Lukas, Markus, Matthäus und Johannes. Dann werden die antiken Quellen zitiert wie Tacitus und Josephus, soweit sie Jesus oder das Christentum erwähnen.

In diesem Zusammenhang tritt Herodes in den Vordergrund, der von einem römischen Senator der „König der Juden“ genannt worden ist.

Was nicht ganz einleuchtet, ist die Festlegung, dass Palästina zur damaligen Zeit ziemlich arm gewesen sein soll, obwohl doch Herodes und andere eine erhebliche Bautätigkeit an den Tag legten, die auch die Infrastruktur erheblich verbessert hatte.

Bedeutende religiöse Gruppen sind für die Zeit Jesu besonders wichtig: Pharisäer, Essener, Hohenpriester, Zeloten und Sadduzäer. In diesem Zusammenhang wird die Siedlung Qumran ausführlich erklärt, die durch Ausgrabungen sehr bekannt ist, obwohl sie im Neuen Testament nicht erwähnt wird. Ob die in den Evangelien oft genannten „Schriftgelehrten“ mit den Bewohnern von Qumran verwandt sein könnten, wird hier allerdings nicht vermutet, obwohl: „Qumran ist, so zumindest rekonstruieren es die meisten Archäologen heute, trotzdem keine Luxusresidenz, sondern vor allem die ‚Schriftfabrik’ der Essener und vielleicht auch ihre ‚Akademie’.“ (S. 68)

Israel ist zu der Zeit Jesu nach dem Tod des Herodes vollständig in der Macht der Römer; der Statthalter, zuerst Quintilius Varus, regiert von Caesarea aus.

An dieser Stelle ist m. E. im Buch eine Zäsur. Von jetzt an wird in einer reflektierten Lektüre der Evangelien die Geschichte Jesu nacherzählt, immer wieder illustriert von und mit Fakten der Erforschung der Antike.

Folgendes Bild entsteht: Jesus wird in erster Linie als Bauhandwerker gearbeitet haben, denn an möglichen Baustellen mangelte es gerade in Galiläa nicht, wo der Fürst Herodes Antipas ehrgeizige Bauprojekte verfolgte.

Jesus war nicht im Hauptberuf Prediger oder gar Rabbi. Er hat allerdings im Gefolge Johannes des Täufers einen Jüngerkreis gebildet.

Die Person Jesu wird folgendermaßen beschrieben: „Jesus predigt wahrscheinlich nur ein Jahr lang. Er zieht durch einen Teil Galiläas, markiert durch die Städte Kapernaum, Bethsaida und Chorazim. Ein Dreieck am See Genezareth, das in vier bis fünf Stunden umwandert werden kann. In dieser winzigen Region predigt er, … das Mittelmeer wird er niemals sehen.“ Wieso hat diese Randfigur eines predigenden Arbeiters eine solche Wirkung erzielt? Sind es wirklich Wunder und Heilungen die dies begründen?

Immerhin ist es seine radikale Botschaft, die schon regional für Unruhe gesorgt hat. Wunder und Zeichen gehören zum Wirken Jesu dazu, auch wenn die meisten Wunder spätere Ausschmückungen sind. Die Evangelien berichten über Jesu erstaunlich lockeren Umgang mit den vorgegebenen Regeln und Ordnungen: „Die Geringschätzung der Tradition kann als Aufforderung zum Umsturz verstanden werden.“ (S. 120) Aber Jesus betont, dass er trotzdem dem Gesetz treu ist.

Jesu Anspruch musste als der eines Messias verstanden werden. „Ob Jesus sich nun selbst Messias genannt hat oder nicht, bleibt in den Augen vieler Traditionalisten seiner Zeit gleichgültig: Das, was er verkündet, und die Wunder, die er vollbringt, erhöhen ihn in den Augen vieler Juden. Er mag es sagen oder nicht – für sie ist klar, dass er gar niemand anders sein kann als der Messias, der Erretter.“ (S. 125)

Es war also kein Wunder, dass Jesus in Jerusalem mit dem Tod bedroht war. Die Passionsgeschichte ist nicht nur religiös der Höhepunkt, denn sie lässt sich genau datieren.

Die Stellung des Passahmahls und der Kreuzigung zum Sabbat lassen nur die Datierung des Sabbats auf den 8. April 30 n.Chr. zu. Die Provokationen Jesu im Tempel drei Tage vorher mussten als Versuch eines Aufstandes gedeutet werden. Die Rolle des Pilatus lässt hier keinen Zweifel zu. Die Hohenpriester und römischen Soldaten hatten allen Grund, Jesus beseitigen zu wollen.

Die Darstellungen der Kreuzigung aus den Evangelien wird mit Informationen aus der Antike illustriert. So wird Jesus nicht das Kreuz als Ganzes getragen haben, sondern lediglich den Querbalken. Auch die Bestattung des Leichnams am Todestag ist gerade vor dem Sabbat absolut üblich und wurde auch gegen den Wunsch Römer durchgesetzt. Der Todestag Jesu war also der 7. April 30.

Die Auferstehung des Gekreuzigten wird als Erscheinung interpretiert. Die Evangelien werden die historischen Tatsachen in einigen Punkten verändert haben. Doch nicht alle historischen Spuren ließen sich verwischen. So endet die Geschichte des offenen Grabes bei Markus nicht mit Freude über die Botschaft, sondern in Furcht und Entsetzen, was der historischen Wahrheit sicherlich näherlag.

Die Tradition Jesu ist eine Mischung aus historischen Fakten und christlicher Botschaft. Das hat der Historiker Cay Rademacher herausgearbeitet und anschaulich erzählt.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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