Predigt über Lukas 23, Karfreitag, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Lukas 23, 33-49 (Zürcher Bibel), Predigt für die reformierte Kirche in Soest, Schiefer Turm, Karfreitag 2017

33 Und als sie an den Ort kamen, der Schädelstätte genannt wird, kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken. 34 Und Jesus sprach:

Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Sie aber teilten seine Kleider unter sich und warfen das Los darüber.

35 Und das Volk stand dabei und sah zu.

Und auch die vornehmen Leute spotteten: Andere hat er gerettet, er rette jetzt sich selbst, wenn er doch der Gesalbte Gottes ist, der Auserwählte.

36 Und auch die Soldaten machten sich lustig über ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig 37 und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst! 38 Es war auch eine Inschrift über ihm angebracht: Dies ist der König der Juden.

39 Einer aber von den Verbrechern, die am Kreuz hingen, verhöhnte ihn und sagte: Bist du nicht der Gesalbte? Rette dich und uns!

40 Da fuhr ihn der andere an und hielt ihm entgegen: Fürchtest du Gott nicht einmal jetzt, da du vom gleichen Urteil betroffen bist? 41 Wir allerdings sind es zu Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.

42 Und er sagte: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. 43 Und er sagte zu ihm:

Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

44 Und es war schon um die sechste Stunde, und eine Finsternis kam über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verfinsterte sich; und der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Mit diesen Worten verschied er.

47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sagte: Dieser Mensch war tatsächlich ein Gerechter!

48 Und alle, die sich zu diesem Schauspiel zusammengefunden und gesehen hatten, was da geschah, schlugen sich an die Brust und gingen nach Hause.

49 Alle aber, die ihn kannten, standen in einiger Entfernung, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa gefolgt waren, und sahen alles.

 

Liebe Gemeinde,

Foto: Niklas Fleischer (c), jüdischer Friedhofsteil auf dem Ostenfriedhof in Dortmund

wie an jedem Sonntag wird auch am Karfreitag in der Predigt von Gott die Rede sein müssen. Die Vorstellung Gottes ist hier aus einer Erzählung zu gewinnen, die uns in der Kreuzigung Jesu ein Gemälde vor Augen stellt, dass fast wie ein mittelalterlicher Altar zu deuten ist, so viele Personen und Gestalten werden hier genannt. Es ist ja nicht nur der Gekreuzigte Jesus von Nazareth, sondern auch zwei Mitgefangene, es sind nicht nur die Soldaten, die ihn kreuzigen und deren Hauptmann, es ist das Volk und die vornehmen Leute, und dazu alle, die ihn kannten, Männer und Frauen, die ihm aus Galiläa gefolgt waren. Da ist es schon fast schwierig bei allen Mitwirkenden dieses Passionsspiels Gott noch zu erkennen.

 

Doch um der gestellten Frage nachzugehen, möchte ich zunächst einige Sätze von David Flusser lesen, der die Geschichte Jesu im Neuen Testament aus jüdischer Sicht aufgeschrieben hat. Er war Professor für Bibelexegese an der Hebräischen Universität von Jerusalem und hat über das Neue Testament geforscht und dabei die jüdischen Inhalte der Geschichte Jesu besonders herausgestellt. Die letzte Seite seines kleinen Jesusbuches ist der historischen Geschichte von der Kreuzigung gewidmet. David Flusser schreibt:

 

Und dann führten die Soldaten Jesus zur Kreuzigung. ‚Urheber eines Aufstandes und eines Aufruhrs oder Volksaufwiegler’ wurden nach der römischen Rechtsauffassung ‚ihrem Stande nach entweder gekreuzigt oder vor wilde Tiere geworfen oder auf eine Insel verschickt’. Nachdem Pilatus, dessen Rechtsempfinden sicher ziemlich labil war, den Barrabas freigelassen hat, musste er wohl oder übel die Schuld Jesu viel ernster nehmen als vorher. Er konnte ihn, wenn er wollte, schon wegen des Eingriffs im Tempel und wegen des Tempelwortes als Volksaufwiegler kreuzigen lassen, und schließlich gab es da Gerüchte, er sei der Messias. Darum ließ er höhnisch auf das Kreuz die Worte ‚König der Juden’ schreiben, mit denen er bei der Verhandlung ironisch gespielt hatte.“ (David Flusser: Jesus, rororo Hamburg 1968, S. 133)

Wir bemerken hier sicher, wie eng David Flusser dabei noch bei den Darstellungen der Evangelien geblieben ist, wie er aber trotzdem die Frage des Verhältnisses von Römern und Juden im Hintergrund mitbehandelt. Historisch wird dies alles wohl noch zu sehr aus der Perspektive der Urgemeinde erzählt. Aber es ist schon klar, dass man wohl allein die Vorkommnisse in Jerusalem selbst und dabei die Provokation im Tempel als Verdacht eines Aufruhrs zu werten hat. Wer danach fragt, ob das mit dem Tempel denn schon dafür ausreicht, zum Tode verurteilt zu werden, urteilt schon zu sehr nach Kriterien des Rechts. Wo Diktatoren oder Ähnliche regieren, genügt nur der Anlass oder der Verdacht eines Verrats oder der Spionage, um Menschen zu verurteilen oder sogar ohne Grund festzuhalten.

Pontius Pilatus ist eine historische Person. Er hat von Caesarea aus regiert. Zum Passahfest wurden in Jerusalem viele Pilger erwartet. Wenn wir den Angaben der Evangelien glauben können, dann fällt der erste Tag des Passahfestes, der Tag nach dem Sedermahl auf einen Freitag, den Rüsttag vor dem Sabbat. Damit lässt sich der Todestag Jesu nach unserer Zeitrechnung auf den 7. April 30 datieren.

Die Schilderung David Flussers fügt sich ganz gut in diese Konstellation ein: „Auf dem Wege zwangen die Römer einen vorübergehenden Juden namens Simon, aus Cyrene in Nordafrika, das Kreuz Jesu zu tragen. An jüdischen Festtagen den Pilgern einen Frondienst zu befehlen, war für die römische Besatzungsmacht nichts Ungewöhnliches. Der Zug hatte die Stadt verlassen, um nach der Schädelstätte, nach Golgatha zu gelangen.“ (ebd.)

Ich unterbreche noch einmal kurz: Die Grabeskirche in Jerusalem liegt heute am Rand der Altstadt. Das Gelände war aber zu der Zeit Jesu außerhalb der Stadt. Dort befanden sich auch schon einige Gräber. Die recht große Grabeskirche umfasst nicht nur das Grab Jesu, sondern auch ein wenig davon entfernt den Ort der Kreuzigung. Da die Römer auf diesem Platz nach der Zerstörung Jerusalem einen Tempel errichtet hatten, war es historisch nicht unmöglich für Helena, der Mutter des Kaisers Konstantin, genau an dieser Stelle den Ort der Kreuzigung wiederzufinden. Ich denke also, dass sich der Ort Golgatha also tatsächlich dort befindet, wo heute die Grabeskirche steht.

David Flusser weiter: „Der Zug hatte die Stadt verlassen, um nach der Schädelstätte, nach Golgota (auf Hebräisch) zu gelangen. Barmherzige Juden boten, der Sitte nach, Jesus Wein an, der mit Myrrhe gemischt war, um ihn vor dem Tode zu betäuben, aber er lehnte ihn ab. Dann kreuzigte man die drei: die beiden ‚Banditen’, einen zur Rechten und einen zur Linken, und Jesus in der Mitte, denn er wurde ja als ‚König der Juden’ hingerichtet. Und Jesus sprach: ‚Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.’ Die Soldaten verteilten untereinander seine Kleider, und eine neugierige Gruppe sah der Hinrichtung zu… Die Hohepriester meinten höhnisch: ‚Andere hat er retten wollen, und sich selbst kann er nicht retten, dieser König Israels! ‘ Es verspotteten ihn auch die römischen Soldaten: Sie füllten einen Schwamm mit Essig, steckten ihn auf ein Rohr, näherten sich den Gekreuzigten und führten den Schwamm an seine Lippen. … Da hörte man vom Kreuze einen Schrei. Einige der Umstehenden meinte, er rufe ‚Elia! ‘ andere meinten, er rufe aus Verzweiflung ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. ‘ Und Jesus verschied.“ (ebd.)

Aus historische Sicht sind die Worte Jesu am Kreuz vielleicht fraglich, zumal sie von den Evangelien auch unterschiedlich überliefert werden. Ich persönlich halte die Gespräche mit Jesus am Kreuz für einen übertriebenen und romanhaften Zug der Kreuzigungserzählung. Die Kreuzigung selbst ist hingegen wahrscheinlich ziemlich authentisch. Sogar für die Nägel von Gekreuzigten gab es kürzlich einen archäologischen Beweis. Getragen wurde im Übrigen nicht das gesamte Kreuz, sondern der allein schon recht schwere Querbalken. Die senkrechten Stützbalken waren fest im Boden und blieben für die nächste Kreuzigung stehen. Auch die Überlieferung der Bestattung noch vor dem Sabbat ist sehr wahrscheinlich. Normalerweise wurden die Gekreuzigten zur Schau gestellt, wohl als abschreckendes Zeichen, um vor Aufruhr zu warnen. Die jüdische Sitte verbot dies allerdings und so ist es sehr wahrscheinlich, dass nicht nur Jesus, sondern auch andere Gekreuzigten noch an ihrem Todestag beerdigt worden sind.

Die Worte Jesus bei der Kreuzigung sind zweimal an Gott gerichtet, den er ganz im Stil des Vater Unsers den Vater nennt.

„Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Und

„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Der erste Satz ist frei gesprochen und bezieht sich auf diejenigen, die an der Todesstrafe beteiligt sind. Jesus bitte für sie um Vergebung. Sie bringen den Retter Israels und den Erlöser der Welt um, und sie wissen nicht, was sie tun. Der zweite Satz ist Psalm 31 entnommen: „In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“ (Psalm 31)

Noch kurz vor seinem letzten Atemzug legt Christus seinen Geist in Gottes Hand hinein und vertraut auf Gott. Hier stirbt Jesus in vollem Vertrauen zu Gott, während das andere Psalmwort eher die Klage betonen würde: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ (Psalm 22)

Ich komme zur Bedeutung der Kreuzigung Jesu für unseren Glauben.

Es gibt verschiedene Aspekte, die für die Deutung des Todes Jesu über den des Martyriums hinausgehen. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu wird gewöhnlich als Opfer bezeichnet. Doch diese Vorstellung ist uns heute nicht nur fremd, sie ist auch unangemessen. Jesus hat nicht die Tische der Geldwechsler umgeworfen, um sich zu opfern. Er hat die Konsequenzen seiner Handlungen und seiner Worte allerdings in voller Verantwortung riskiert. Er ist so gesehen dem Tod nicht ausgewichen, der ihn als Konsequenz diese Provokation drohte. Seine Jünger waren keineswegs feige, als sie von der Kreuzigungsstätte flohen, sondern schlicht vernünftig, denn sie waren ja seine Komplizen.

Trotzdem kann ich auch ohne an ein Opfer zu denken sagen, dass Jesus auch für mich und für uns heute gestorben ist.

Jürgen Moltmann schreibt. „Der Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat, ist derselbe, der ihn zum Tod am Kreuz ‚dahingegeben’ hat. In der Verlassenheit des Kreuzes selbst, … sieht Paulus schon die Antwort auf den Schrei: „Der auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?!’  (Röm. 8,32) … Der Vater verlässt den Sohn ‚für uns’, um der Verlassenen Gott und Vater zu werden. Der Vater ‚gibt’ den Sohn ‚dahin’, um durch ihn der ‚Dahingegebenen Vater zu werden. Der Sohn wird an diesen Tod ausgeliefert, um der Verurteilten und Verfluchten Bruder und Retter zu werden.“ (Elisabeth Moltmann-Wendel, Jürgen Moltmann: Als Frau und Mann von Gott reden, Kaiser Taschenbücher, München 1991, S. 90).

Hier in der ganz profanen Kreuzigung, in der noch die Rolle des Gesalbten ausführlich und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird, ereignet sich eine Umdeutung der Gottesgestalt völlig vor dem Hintergrund des biblischen Zeugnisses. Um es auf die Spitze zu treiben, müsste man vielleicht sogar sagen: Das Scheitern des Messias Jesus von Nazareth ist Voraussetzung für das neue Leben Gottes im auferstandenen Christus. Es ist gar nicht mehr wichtig zu fragen, ob Jesus von Nazareth der Messias war, und ob er sich hätte nicht selbst retten können, sondern es ist allein wichtig, dass er jetzt als der Gekreuzigte der Messias ist, denn durch ihn verändert sich Gott selbst.

In den Worten von Jürgen Moltmann: „Der Sohn erleidet das Sterben in dieser Verlassenheit. Der Vater erleidet den Tod des Sohnes. Dem Tod des Sohnes entspricht darum der Schmerz des Vaters. … Was auf Golgatha geschieht, reicht bis in die Tiefen der Gottheit und prägt darum das göttliche Leben in Ewigkeit.“ (ebd.)

Wir fragen uns doch auch in unseren Tagen, ob nicht Auschwitz und Hiroshima, ob nicht die sinnlosen Opfer der Kriege und der Flucht durch das Mittelmeer etwas mit Gott zu tun haben. Jürgen Moltmann würde dann wohl sagen: Hier ist das Leben der Gottheit gefragt. Es gibt ja auch in der Lehre von der Kommunikation kein sinnloses Schweigen. Wie es so schön heißt: Man kann nicht nicht kommunizieren. Vielleicht ist es genau das, was uns die Passionsgeschichte schon im Ansatz sagt: Der gekreuzigte Messias ist ein Bild der jüdischen Katastrophe, die sich in Auschwitz vollendet. In Jesus von Chagall wird der Gekreuzigte die Symbol Figur der Shoah. Nicht (nur) die Allmacht Gottes steht in Frage, sondern die Frage nach der Macht überhaupt. Das Streben nach Macht reitet diese Erde nur immer weiter ins Verderben. Neues Leben beginnt erst dann, wo wir mit Christus und in der Kraft Gottes auf Macht verzichten. Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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