Predigt über Johannes 21, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Johannes 21, 1-19 (Lutherbibel 2017)

 

Die Predigt halte ich in der Gemeinde Bad Sassendorf und in Meiningsen (Günne) am Sonntag Quasimodogeniti und in der reformierten Gemeinde Soest am Sonntag Miserikordias Domini.

 

Verlesung des Textes:

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:

2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.

7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. 8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.

9 Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.

12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch.

14 Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

(c) Sabine Maiwald-Humbert, See Genezareth

Liebe Gemeinde,

Die Feiertage sind vorbei. Kein Urlaub, keine Ferien mehr. Jetzt geht es wieder an die Arbeit.

Vielleicht war es bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu ganz ähnlich. Und dann kommt hinzu, dass sie sich die Feiertage in Jerusalem ganz anders vorgestellt haben. Sie wollten das Passahfest fröhlich mit Jesus feiern und sich dort im Tempel unter das Volk mischen. Doch nach einer provokativen Aktion im Tempel wurde Jesus verhaftet, verhört und von Pontius Pilatus zum Tode verurteilt. Dann der Tod am Kreuz und drei Tage später die Botschaft: Jesus ist auferstanden. Er geht vor Euch her nach Galiläa.

Während einige Apostel zunächst in Jerusalem blieben, zog es andere zunächst wieder nach Hause, an den See Genezareth, hier der See von Tiberias genannt. Sie sind zusammengewachsen zu einem Team. Das ist gewiss anders als vorher. Sie waren mit Jesus zusammen durch das Land gegangen, hatten aber immer mal wieder gearbeitet. Nach dieser Geschichte muss man ja sogar annehmen, als hätten sie ihre Fischerei niemals so richtig aufgegeben.

Die Namen der genannten Jünger sind den Lesern des Johannesevangeliums bekannt. Simon Petrus, der Wortführer des Jüngerkreises, ihn zieht es später nach Rom. Thomas, der Zwilling, später der ungläubige Thomas genannt. Er hat ein Evangelium hinterlassen, das nicht ins Neue Testament aufgenommen wurde. Andreas und Jakobus, die Söhne des Zebedäus, einst Fischer wie Petrus am See Genezareth. Und zwei weitere ungenannte Jünger, von denen einer der war, den Jesus liebhatte, was das auch immer heißen mag.

Sie waren wie gewohnt in der Nacht zum Fischen gegangen und haben nichts gefangen. Das ist wohl immer mal so, dass die Arbeit nichts einbringt. Ärgerlich ist es trotzdem. Diesmal war die Mühe umsonst, der Erfolg ausgeblieben, die Arbeit vergeblich und kein Geld eingenommen.

Nun kommt in die Geschichte ein Zug, der mit der Frage einhergeht: Wenn ihnen Jesus begegnet, woran werden sie ihn denn wohl erkennen? Sicherlich ist dieser Zug der Geschichte ein wenig skurril, müsste man doch meinen, als wäre das kein Problem, jemanden zu erkennen, mit dem man lange Zeit unterwegs war.

Ich denke, dass dies mit dem Thema Auferstehung zu tun hat. Es wird immer wieder von Erscheinungen gesprochen. Jesus hat meines Erachtens den Tod keinesfalls rückgängig gemacht. Er war kein Wiedergänger, kein Untoter oder Geist, sondern er ist über den Tod hinaus lebendig und kann das auch erweisen. Er kann den Jüngerinnen und Jüngern erscheinen. Aber er kommt in einer Gestalt, in der er erst erkannt werden muss oder sich zu erkennen geben muss. Die Leserinnen und Leser wissen es, dass es Jesus ist, der den Jüngern erscheint. Wir sind durch den Anfangssatz schon darauf eingestellt. Aber für die Jünger fällt der Groschen nicht sofort.

Sie begegnen einem Menschen am Ufer während sie schon die Netze flicken wollen, der sagt zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, dann werdet ihr etwas finden. Sie erkennen Jesus nicht persönlich, aber sie glauben diesen Worten. Wenig später kommen sie mit einem übergroßen Fang zurück und der Jünger, den Jesus lieb hatte sagt: Es ist der Herr! In dem Moment zog sich Petrus das Obergewand um, da er nackt war. Da die Fischer ständig am Boot zu tun haben und dann auch mal ins Wasser gehen müssen, um das Netz an Land zu ziehen, verrichten sie den Fischfang nackt. So ist es auch in einem Mosaik aus der Römerzeit überliefert.

Jetzt zog er sich das Gewand an und ging so schnell wie möglich an Land. Die anderen Jünger kamen ebenfalls und zählte die Beute: 153 Fische, also mehr als drei Zentner haben sie gefangen.

Jesus, der Mensch am Ufer hatte unterdessen schon das Frühstück vorbereitet, Fische auf den Grill gelegt und die Brote bereitgestellt. Jesus spricht zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl. Es ist hier doch sehr deutlich, dass es mehr ist als ein gewöhnliches Frühstück. Das Mahl wird zum Erkennungszeichen der Gegenwart Jesu. Jesus gibt Brot und Fisch, als würde er das Abendmahl abhalten.

Jesus ist lebendig, indem er sich den Jüngerinnen und Jüngern offenbart. Diese Offenbarung vollzieht sich hier in drei Schritten: Er macht Mut, die Netze auszuwerfen. Er bereitet ein Kohlenfeuer vor und lädt die Jünger zur Mahlzeit ein.

An mehreren Stellen wird hier deutlich, dass diese Erzählung geradezu danach drängt, symbolisch gedeutet zu werden. Diese Erfahrung der Jünger am See Genezareth lässt sich auf die jeweiligen Urgemeinden ausweiten. Hier zeigt sich eben auch, worin die Gegenwart des Auferstandenen besteht.

Die Jünger gehen zurück in ihre gewöhnliche Arbeit. Und doch ist mit diesem Fischfang mehr gemeint. War nicht Petrus schon früher in einem anderen Evangelium als Menschenfischer bezeichnet worden? Geht das Wachstum der Gemeinde nicht auch so, dass Menschen ein großes Netz bilden, ihre Gemeinschaft festigen und Kontakte knüpfen?

Es gibt Zeiten des Misserfolgs, der Mutlosigkeit und der Trauer. In dieser Zeit haben wir nicht das Gefühl, dass Gott bei uns ist. Es fühlt sich an, als sei er uns fern.

Irgendjemand kommt und spricht uns Mut zu. Darin ist Jesus der Gemeinde nah. Hier bekommt die Geschichte schon wunderbare Züge. Auch die Zahl der Fischer ließe sich spekulativ deuten auf eine Anzahl von Gemeinden. Das Zeichen des Fisches ist ja bekanntlich das Zeichen Jesu IXThYS – Jesus Christus Gottes Sohn und Retter – das ist die Aussage der Anfangsbuchstaben des Wortes für Fisch auf Griechisch!

Das Mahl, hier mit Brot und Fisch gehalten, ist eine wichtige Symbolik, die an die Gemeinschaft der Jünger schon zu Lebzeiten Jesu erinnert. In diesem Mahl ist Jesus in den Zeichen gegenwärtig. Er hat damals am Abend von seinem Tod aus dem Passahfest ein Gedenkzeichen gemacht, indem er das Zeichen des Brotes verbunden hat mit seinem Leib und das Zeichen des Kelches verbunden hat mit den neuen Bund.

Dieser ganze Text ist mehr als eine Wundergeschichte. Es ist eine Lehrerzählung über die Gegenwart Jesu Christi in der Kirche. Mit dem Zeichen des Fischfangs ist die berufliche Tätigkeit der Jünger verbunden. So könnte man den Text knapp zusammenfassen mit dem Satz: „Der lebendige Gott in Gestalt des auferstandenen Christus begegnet mitten im Alltag.“ (Peter Haigis, im DtPfBl 3/2017, S. 159)

Richtig daran ist, dass im Glauben an Jesus Christus der Alltagsbezug nicht ausgeblendet werden kann. Die Zeichen der Nähe mit Jesus, die Taufe und das Abendmahl sind an Symbole des Alltags gebunden, an Wasser, Brot und Wein. Ich finde es eher wichtige, dass die Geschichten des Glaubens in die Erfahrungen des Alltags eingebunden sind, um sie weiterzusagen. Diese Geschichte vom wunderbaren Fischfang ist ja schon in den anderen Evangelien ganz an den Anfang der Nachfolge Jesu gesetzt worden und beginnt die Nachfolge Jesu der Jünger. Diese Erzählung wird aufgenommen und in einer anderen Variation weitererzählt. Mündliche und schriftliche Tradition ergänzen einander. Das heißt, dass die Worte der Bibel keine Konserve bleiben dürfen, die immer stur wiederholt werden, sondern dass sie mit den eigenen Fragen und Antworten bereichert weitererzählt werden. Wo haben wir als Gemeinde oder als Kirche vergeblich gefischt und wie viele Nächte sind dabei draufgegangen? Wo ist uns jemand begegnet, der uns mit Verständnis und Hilfe gezeigt hat, wie es anders gehen kann und wo haben wir viele Fische im Netz gehabt? In welchen Erfahrungen der Nähe Gottes ist uns diese Mahlzeit mit Jesus besonders wichtig geworden, sodass wir gemerkt haben, dass das mehr ist als eine rituelle Wiederholung von Worten: „Nehmt und esst, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ Gute Erfahrungen sollen weitererzählt werden.

Amen.

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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