Islam? Scharia? Islamismus? Christoph Fleischer, Welver 2017

Notien für ein Referat.

Vorbemerkung: Das vorgegebene Thema „Islam? Scharia?“ habe ich um das dritte Stichwort „Islamismus?“ ergänzt. Weiterhin ist der Text zum Text noch sehr skizzenhaft, da er als Materialsammlung für einen Vortrag entstanden ist.

Impuls: Parallelgesellschaften.

Hinter der Frage Islam und Scharia steckt die Frage nach Parallelgesellschaften, die eventuell einer anderen Rechtsordnung unterliegen könnten, als der gewöhnlich in einer Gesellschaft gültigen. Daher möchte ich eingangs auf diese Frage in Gestalt einer historischen Reminiszenz eingehen.

Gebetsraum in der Werler Moschee, um 2012
In dem weiter unten erwähnten Buch von Navid Kermani, „Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime“, las ich eine Bemerkung über die Selbstverständlichkeit von Parallelgesellschaften in verschiedenen Ländern oder Städten der Erde, auch in Europa. Wobei er erwähnte, dass in Czernowitz seit 1945 keine Deutschen mehr leben. Um die Situationen genauer zu eruieren, schlug ich eine Seite dazu im Internet auf. Czernowitz war bis 1918 die Hauptstadt der Bukowina, einer Provinz von Österreich-Ungarn. Danach gehörte es zur UdSSR, heute zur Ukraine.

„Obgleich die Deutschen in der Bukowina gemäß der Volkszählung von 1910 nur einen Anteil von 9,2 % ausmachten, wirkten sie im Land und besonders in der Hauptstadt, wo ihr Gesamtanteil höher war, als regulierender, ausgleichender Faktor. Gemäß der Volkszählung von 1910 setzte sich die Einwohnerschaft in Czernowitz aus 17,5 % Ukrainern, 17,1 % Polen, 15,4 % Rumänen, 14,7 % Deutschen, 32,8 % Juden und 2,5 % Angehörigen anderer Nationalitäten zusammen. […] Im Gegensatz zu Galizien, wo seit 1867 in polnischer Sprache amtiert wurde, war bis 1918 in der Bukowina die Amtssprache Deutsch. Folglich wurden die Schulen auch in jenen Orten, in denen die Einwohner nur einer Nationalität angehörten, was häufig bei Rumänen und Ruthenen (Ukrainern) der Fall war, zweisprachig geführt, d. h. in der jeweiligen Muttersprache und in Deutsch. In national gemischten Gemeinden, so z.B. in rumänisch-ukrainischen, gab es die sogenannten Trivialschulen, wo ebenfalls in Deutsch und in der jeweiligen Muttersprache unterrichtet wurde. Deutsch war also die Umgangssprache zwischen den Nationalitäten und erfüllte in der Bukowina dieselbe Funktion wie etwa das Englische in Indien. […] Das Ukrainische und Rumänische wurden als Landessprachen anerkannt. Die meisten Czernowitzer verstanden und beherrschten mehrere Sprachen. In der Verwaltung, unter der Beamtenschaft und im Schulsektor spielten die Deutschen eine führende Rolle. Neben den innerstädtischen Deutschen der Hauptstadt Czernowitz waren die im nahen Dorf Rosch angesiedelten Deutschen, die sog. Roscher Schwaben, meist Gemüsebauern, das ethnisch stabilste Element der Deutschen in der Stadt und haben nicht wenig zum späteren ‚deutschen Bild’ der Stadt beigetragen. Rosch war nicht nur die älteste, sondern auch die größte der insgesamt neun Stammkolonien der sogenannten Schwaben in der Bukowina, eigentlich aus ganz Südwestdeutschland stammenden, meist evangelischen Bauern, die eine pfälzische Ausgleichsmundart sprachen.“ (Quelle: http://bukowinafreunde.de/czernowitz.html)

Ich möchte mit diesem kleinen Ausflug in die Geschichte nur zeigen, dass es in Deutschland oder unter Beteiligung von Deutschen auch schon früher Gesellschaften mit verschiedenen Volks- und Religionsgruppen gab. Die Begegnung im Alltag war trotz religiöser Differenzen durchaus passabel.

Biografisches zum Verhältnis zum Islam.

Kontakt mit Muslimen gab es in meiner Kindheit nicht, in meiner Jugend kaum. In der Industriestadt Iserlohn gab es meist türkische Arbeitnehmer und ihre Familien, die aber neben Italienern, Spaniern, Portugiesen und Jugoslawen kaum auffielen.

In meiner Schulzeit gab es keine Muslime. Eine Ausnahme: Meine Schwester hatte eine türkische Schulfreundin.

Im Theologie-Studium oder an der Uni habe ich kaum Muslime getroffen, bis auf ein Seminar der Bundes-ESG zum Nahen Osten und den arabischen Ländern in Mainz. Ich habe dort in Mainz gelernt, wie man persisch Reis kocht. Damals wurde die Diktatur des Schahs durch die Islamische Diktatur des Ayatollah Khomeini abgelöst. Und wir hatten nichts dagegen. Die Begeisterung dauerte nicht lange.

Im Vikariat in Rietberg, Kreis Gütersloh (1982-1985) gab es eine deutsch-türkische Nachbarschaftsgruppe. Ich erinnere mich an ein gemeinsames Abendessen und Besuche in der kleinen Moschee. Ich bekam als Thema der Examensarbeit (1985) „Dialog zwischen Christen und Muslimen in unserer Gesellschaft.“

In der Gemeinde Dortmund-Aplerbeck gab es zum zweiten Golfkrieg Mahnwachen „Kein Krieg für Öl“ (1990/91). Anlässlich dieser Proteste haben wir Begegnungen mit der örtlichen Moscheegruppe organisiert. Die Vertreter des Moscheevereins verstanden nicht, was wir von ihnen wollten. Das Treffen lief aus, da trotz mehrfachen Äußerungen unsererseits da keine Frauen seitens der Muslime kommen durften. Die Muslime uns fragten darüber hinaus, wie wir ihnen zu einer neuen Moschee verhelfen könnten. Wir hatten keine Räumlichkeiten zu vergeben.

Ich persönlich bin durchaus der Meinung, dass auch kirchliche Räume für die Nutzung einer Moscheegemeinde in Frage kämen, wenn sie sonst ungenutzt wären. Trotz aller Offenheit zum Dialog, scheint es da aber in der Evangelischen Kirche von Westfalen noch einen Grundsatzbeschluss zu geben, der die Nutzung von Kirchen als Moscheen ausschließt. Ich habe im Katalog der Ausstellung „Der geteilte Himmel gelesen“, dass in Dortmund-Huckarde eine neuapostolische Kirche verkauft wurde und zur Moschee geworden ist. (Der geteilte Himmel, Reformation und religiöse Vielfalt an Rhein und Ruhr, 3. April bis 31. Oktober 2017, Ruhr-Museum, Klartext-Verlag, Essen 2017, Katalog, ISBN 9783837517514, Preis: 24,95 Euro)

Im Jahr 2007 wurde auf Initiative der Gemeinde Werl ein interreligiöser Dialogkreis in Werl gegründet, Treffpunkt Moschee. Es gab gute und informative Treffen zum Islam unter Mitarbeit auch anderer Religionen und Konfessionen. Interreligiöses Friedensgebet, öffentliche Mahnwachen und persönliche Begegnungen, Fastenbrechen im Ramadan.

Im Kirchenkreis beginnt eine ökumenische Gruppe Thesen über multi-religiöse Feiern zu erarbeiten, die aber später in einer Schublade verschwinden. Schüler am Lippe Berufskolleg bitten mich, etwas über Salafisten machen zu dürfen. Wir sehen Videos über Pierre Vogel und andere deutschen Salafisten. Bei Referaten und Gesprächen über Islam im Unterricht fiel mir auf, dass Muslime von ganz gewöhnlichen Schülern als Islamisten bezeichnet werden.

2013 ziehe ich von Werl weg und verliere den Kontakt zur Moschee, bleibe aber Islambeauftragter.

Islam? Scharia? Islamismus?

Die Grundinformationen zum Islam setze ich einfach voraus. Diese werden auch im folgenden Zitat von Navid Kermani kurz zitiert (Navid Kermani, Schriftsteller, Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2015):

„Kaum jemand wird ernsthaft behaupten, dass gläubige Muslime deshalb keine Teilhabe an Europa haben können, weil sie an die Einheit Gottes, an die Propheten und an die Auferstehung glauben, weil sie fünfmal am Tag beten, einen Monat im Jahr fasten, die Armensteuer bezahlen und einmal im Leben nach Mekka reisen möchten. Nichts anderes aber sind die grundlegenden, von allen Muslimen akzeptierten Inhalte des Islams. Der Einwand jener, die einen modernen oder europäischen Islam als Widerspruch in sich selber sehen, bezieht sich denn auch weniger auf diese Grundsätze (usul) und Säulen (arkan) als vielmehr auf die Idee, dass der Islam keine Trennung von Staat und Religion kenne, dass er Gesetze für ein Gemeinwesen aufstelle und eine Religion sei, die zwingend das öffentliche Leben regeln und staatliche Gesetze erlassen wolle. Dabei übersieht man geflissentlich, dass die Parole von der angeblich notwendigen Einheit von Religion und Staat im Islam (Al-islam din wadaula), wie sie Fundamentalisten überall im Munde führen und westliche Beobachter übernehmen, ein genuines Produkt der Moderne ist. Sie lässt sich in keinem Text vor dem achtzehnten Jahrhundert nachweisen. Tatsächlich waren religiöse und politische Autorität im islamischen Mittelalter, anders als im christlichen, überall getrennt. Die Herrscher sind zwar als Beschützer des Glaubens oder religiöses Oberhaupt aufgetreten, aber nicht grundlegend anders als die britische Monarchin bis heute Oberhaupt der anglikanischen Kirche ist. Der Kalif war kein Mufti. Er hatte in der Regel keine theologische Ausbildung, übte kein geistliches Amt aus, gab keine religiösen Gutachten ab und fällte keine Urteile. […] Für einen mittelalterlichen Menschen war der Glaube keine Ideologie, sondern bestand vor allem aus genauen Vorgaben für die Praxis und Antworten auf Fragen, die sich aus konkreten Situationen ergaben. So ist auch die Scharia kein Gesetzbuch im heutigen Sinne, sondern umfasst die – in sich höchst widersprüchliche – Gesamtheit aller Lehrmeinungen, die Rechtsgelehrte im Laufe der islamischen Geschichte zu einzelnen, größtenteils kultischen Problemfällen abgegeben haben.“ (aus: Navid Kermani: Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime. © 2009, 5. Auflage 2015, S. 122/123)

Die Bemerkung Navid Kermanis zielt auf eine Aussage zur Scharia, die einerseits deutlich macht, dass es für Muslime kein Problem ist, sich den Rechtverhältnissen eines Landes zu fügen und dass andererseits die Scharia kein einheitliches Rechtswerk ist. Auch Ibrahim Aslan, Juniorprof. für Islamische Theologie, Ankara spricht eher von Prinzipien:

„In den Offenbarungen angefangen vom ersten Propheten Adam bis zum letzten Propheten Mohammad, wurden den Menschen als unverrückbare, universelle Prinzipien der Glaube an die Existenz und Einheit Gottes und an das Jenseits vermittelt und ein sittlich einwandfreies Leben befohlen. Diese Prinzipien wurden als Religion, ihre jeweilige Umsetzung hingegen als Scharia bezeichnet. Dass Gott in bestimmten Phasen den Menschen Unterschiedliches offenbart hat, zeigt, dass die in ihrem Wesen unveränderbare Religion unter historischer und kultureller Betrachtung dynamisch und wandelbar ist.“ (Lexikon des Dialogs, Grundbegriffe, Herder Freiburg 2013, Band 2, S. 611)

Scharia ist als religiös gegebener Weg nicht mit einem Gesetz gleichzusetzen, sondern ist umfassender und gleichzeitig allgemeiner. Ich setze mit einer genaueren Definition von Scharia fort. (Arbeitsgruppe zum Thema „Christen und Muslime im Gespräch“ an der Universität Wien, Ev. Theol Fakultät. Der hier zitierte Abschnitt wurde ediert von Christian Danz und Serdar Kurnaz):

„Scharia meint ‚Weg’ und geht auf den Koran zurück, wo Gott spricht: ‚Dann brachten wir dich, im Hinblick auf die Sache (der Religion), auf einen gebahnten Weg’ (Q 45,18, 15, 48). Der Begriff Scharia kann als Name für Bestimmungen unterschiedlichen Charakters gelten, denen ein göttliches Normsystem zugrunde liegt.“ (S. 334/335) Zur Scharia gehören demnach neben Glaubensnormen auch ethische Normen, Normen die gesetzlich verbindlich sein können, wie Normen, die eher in die Verantwortung der Einzelnen gehören. Dazu gibt es Informationen über die historische Entwicklung („Ein schrittweiser Prozess“ (S.335), Die Zeit des Kalifats“ (S. 335/336), Die vier Rechtsschulen (S. 336).

Die vierte Rechtsschule der sog. Hanbaliten nach Ahmad ibn Hanbal (gest. 855) hält an der „Sunna als richtungsweisender Quelle fest und lehnt Neuerungen ab“ (S. 337). Diese Schule ist in Saudi-Arabien beheimatet und kommt heute als diejenige der Wahhabiten (seit dem 18. Jahrhundert) zu stärkerer Bedeutung, zumal sie eine Rechtssammlung angelegt hat: „Prozesse im Lauf von etwa 400 Jahren haben der Scharia ihre Gestalt gegeben, zu der Koran und Sunna zählen sowie allgemeine Rechtsprinzipien, Sammlungen von Präzedenzfällen und Rechtsentscheidungen der Gelehrten.“ (S. 337)

Berichtet wird des Weiteren über „Methoden der Rechtsfindung“ (S.337) und die Konsensbildung (S. 337/338). Mit dem Begriff Itschtihad verbindet sich die Bemühung um Weiterentwicklung des Rechts in den verschiedenen Rechtsschulen. (S. 338). Die Rechtssicherheit wird durch die Vereinfachung der Pluralität erzeugt, wobei immer divergierende Entscheidungen unterschiedlicher Rechtsschulen möglich bleiben. Insgesamt ist der Umgang mit dem Begriff Scharia dadurch nicht gerade leichter geworden, auch wenn man durchaus auch danach fragen kann, nach welchen Kriterien in welchen Ländern vorrangig geurteilt wird.

Dann ist auch über das Konzept der Menschenrechte zu sprechen und wie es entstanden ist. Und vor allem auch, in welcher Hinsicht sich andere monotheistische Religionen dazu verhalten. Dazu wird im nächsten Abschnitt über MENSCHENRECHTE wird u. a. aufgezeigt, dass diese durchaus auch in die Scharia mit aufgenommen werden können, was aber nicht in jedem Land geschehen ist (Ausnahmen sind Tunesien und die Türkei). „Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte“ (OIC, 1990) ist ein Kompromiss zwischen den Menschenrechten und der Scharia. Manche Bestimmungen der Menschenrechte wie Religionsfreiheit oder Geschlechtergleichheit sind dadurch aber auch wieder eingeschränkt. (Vgl. S. 340) (Susanne Heine, Ömer Özsoy, Christoph Schwöbel und Abdullah Takim (Hg.): Christen und Muslime im Gespräch, eine Verständigung über Kernthemen der Theologie, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, UMMA UND SCHARIA, S. 334-338)

Aiman Mazyek ist in Deutschland geborener Muslim und Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) und als solcher Mitglied der Islamkonferenz Deutschland. Der Zentralrat hat auch eine Erklärung verabschiedet, die „Islamische Charta“, die kurz gesagt, die Vereinbarkeit zwischen Islam und der Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland feststellt. In seinem Buch „Was machen Muslime an Weihnachten?“ werden im Abschnitt zu „Scharia und Fatwa“ einige Aussagen der Charta zitiert und auf das Leben in Deutschland bezogen. Die „Einführung der Scharia“ steht nicht zur Debatte. Bestimmungen, die in der Scharia den Grundrechten der Bundesrepublik widersprechen sind im Sinn der Gesetze dieses Landes zu beurteilen. So kann es keine Todesstrafe für den Abfall vom Islam geben. Des Weiteren heißt es: „Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Schlagen von Männern, Frauen und Kindern wird abgelehnt. Ebenso werden Beschneidungen von Mädchen und jungen Frauen verurteilt. Die Befolgung der jeweiligen lokalen Rechtsordnung ist gemäß der Scharia für Muslime verpflichtende.“ (S. 120) Dessen ungeachtet kann eine Rechtsfrage von den Vorgaben des Islams beurteilt werden und dazu eine Empfehlung ausgesprochen werden, die man Fatwa nennt. (Aiman Mazyek: Was machen Muslime an Weihnachten? Islamischer Glaube und Alltag, C. Bertelsmann, München 2016, Abschnitt: Wegweiser und Lebenshilfe – Scharia und Fatwa, S. 119-122)

Grenzen der Religionsausübungen – Scharia in Deutschland (Deutsche Islam Konferenz, www.deutsche-islam-konferenz.de). Die Islamkonferenz wurde am 27.9.2006 vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble gegründet. Sie verbindet Vertreter der Bundesregierung aus unterschiedlichen Ministerien mit Vertretern Islamischer Verbände, wie der DITIB und der ZMD. Auf der Homepage findet sich ein Artikel zur Anwendung der Scharia im deutschen Recht. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass in bestimmten Situationen wie des Ausländerrechts auch in Deutschland nach Bestimmungen der Scharia geurteilt werden kann. Das ist z. B. der Grund dafür, wieso nach einem neuen Gesetz Kinderehen ausdrücklich verboten werden sollen, da sie nämlich sonst, wenn sie im Ausland geschlossen wurden, auch in Deutschland nach den Regeln der Scharia zu dulden wären. Die Anwendung der Scharia in Deutschland ist aber immer ein Ausnahmefall. Daher will ich auf diese Rechtsfrage nicht weiter eingehen.

Schluss: Islam oder Islamismus, Unterscheidung und die Konsequenzen

Zunächst ziehe ich zwei Texte von Tilman Nagel heran. Tilman Nagel ist emeritierter Professor für Islamwissenschaft aus Göttingen. Er hat eine ausführliche wissenschaftliche Biographie über Mohammed geschrieben. Inhaltlich gehört er allerdings zu jenen, die vor der Macht des „Scharia-Islams“ warnen. Er greift, wie auch die islamischen Experten, auf die historische Entwicklung der Scharia Rechtsschulen zurück und stellt fest: „Aus der für unanfechtbar erklärten Autorität von Koran und Sunna leitet sich die ebenso überragende Bedeutung (Anm.: Wort fehlt in der Kopie) der Sachwalter dieser Texte ab, der Schriftlegehrten, Moscheeprediger usw.“ Tilman Nagel sagt damit nicht, dass sich alle Muslime derart verhalten, sondern stellt lediglich fest, dass von der Vertretern der Verbände wie ZMD die Macht des von ihm so genannten Scharia-islams unterschätzt wird. (Tilman Nagel: Die unzeitgemäße Macht des Scharia-Islams (Kopie, FAZ, 05.02.2008)

In seinem Buch „Angst vor Allah“ hat er einige seiner Gutachten und der Begründungen zusammengestellt. Er stellt fest, dass in säkularen Gesellschaften der Glaube zur Privatsache geworden ist, womit die Vertreter der großen Religionsgemeinschaften sich auch abgefunden hätten, da sie sich so die beste Überlebenschance für ihre Kirchen ausrechneten. Er ist der Meinung, dass die christliche Ethik die Gewalt ausschließlich ablehne, während die muslimische Ethik Gewalt als Teil des Glaubens befürworte. Kommentierend möchte ich bemerken, dass es in beiden Religionen friedliche und gewaltsame Anteile gibt. Gewalt ist auch im Christentum immer die Ultima Ratio zur Sicherung und Schaffung des Friedens gewesen. Die meisten islamischen Länder seien bemüht, so Nagel, sich mit einer Rechtsdefinition vor den Gewalttiraden muslimischer Einzeltäter oder Gruppen abzusichern, was wohl immer weniger gelingen würde.  Wenn das Wort „Islam“ Frieden heißt, dann sind nach Tilman Nagel die muslimisch orientierten Staaten klar in der Pflicht zu zeigen, wie sie den Frieden schaffen wollen. (Tilman Nagel: Angst vor Allah: Auseinandersetzungen mit dem Islam, Duncker und Humblodt, Berlin 2014. S. 261 – 268: Islam oder Islamismus)

Am Schluss soll der Blick noch einmal nach innen gerichtet werden. Heinz Theisen, Professor an der katholischen Hochschule in Köln, zeigt auf, wie der Islamismus in Deutschland eingedämmt werden könnte. Islamismus ist per Definition die ideologisierte Form der Religion Islam. Diesem ist, so Theisen, daher politisch zu begegnen: „Deutschland kann im Kampf gegen den Islamismus auf die im Kampf gegen den politischen Totalitarismus bewährte ‚Wehrhafte Demokratie’ des Grundgesetzes zurückgreifen.

Eine Möglichkeit, die in Frankreich erwogen wird, ist der Entzug der Staatsbürgerschaft, was allerdings voraussetzt, dass die doppelte Staatsbürgerschaft nicht abgeschafft wird. Es gibt nach Theisen in Europa keine Leitkultur, sondern eine Koexistenz von Kulturen. „Umso wichtiger wird die politische Integration in die Leitstruktur der demokratischen Staatsordnung.“

Es ist natürlich schon die Frage, ob und wie es möglich ist, den theologischen vom politischen Diskurs zu trennen. Der Kampf gegen den Islam kann es nicht geben, das es „den Islam“ nicht gibt. Bezeichnend ist, dass er empfiehlt, die Suche oder die Bekräftigung von Gemeinsamkeiten aufzugeben: „Im Wertedialog zwischen Religionen und Kulturen sollte weniger nach Gemeinsamkeiten als nach Gegenseitigkeiten für den Aufbau eines Minimalkonsenses gesucht werden. In ihren jeweils extremen Ausprägungen sind libertäre und traditionelle Kulturen inkompatibel. Traditionelle Kulturen, aus denen die meisten nichteuropäischen Zuwanderer kommen, sind mit dem Relativismus und dem einseitig individualistischen Hedonismus überfordert und werden von ihm abgestoßen. … Um den Extremen die Spitze zu brechen, muss die Annäherung der Kulturen mit Annäherungen von Wertepolaritäten in der eigenen Kultur beginnen. Vermeintliche Gegensätze müssen in ein Verhältnis der Gegenseitigkeit gesetzt werden. … Nicht das Entweder-Oder zwischen Glaube und Vernunft, Individuum und Gemeinschaft, Rechte und Pflichten, Eigennutz und Gemeinnutz, Freiheit und Verantwortung, sondern deren Gegenseitigkeit hilft bei der Suche nach einem Minimalkonsens der Kulturen. Die vordringliche Gegenseitigkeit ist heute die zwischen Kultur und Zivilisation, zwischen inneren und äußeren Werten.“ (Heinz Theisen: Eindämmung des Islamismus als Minimalkonsens, in: Scheidewege Heft 45, 2015/2016, Hirzel Verlag Stuttgart 2015)

Ahmad Mansour (geb. 1976) ist Psychologe und Autor. Er scheint dem bis jetzt Gesagten zu widersprechen, indem er dazu auffordert, den Islam im Ganzen zu reformieren, was ja wohl nur von Muslimen selbst geschehen kann. Er schreibt lapidar: „Aber Islamisten haben nichts Neues erfunden. Ihre Inhalte und Argumentationsmuster sind auch im gängigen Islamverständnis wiederzufinden, sie überspitzen und radikalisieren diese nur. … Die Unterschiede zwischen dem Imam von nebenan und den IS-Ideologen sind nur graduell, nicht prinzipiell, sie teilen miteinander viele Worte und Ängste, Tabus, Abwehrstrategien.“ Seine Konsequenz lautet: „Es kann und muss einen anderen Islam geben: einen gänzlich anderen als den der Hassprediger; einen Islam, der den Menschen keine Angst macht, der offen ist, kritikfähig, der Zweifel und denken zulässt.“ (Ahmad Mansour: Der Islam gehört zu Deutschland.: Eben deswegen muss er diskutiert, kritisiert und reformiert werden, aus: 95 Anschläge, Thesen für die Zukunft, Hrsg. von Friederike von Bünau und Hauke Hückstädt, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2017, S.44/45)

Dass dies gar nicht unmöglich ist bzw. längst im Gange, zeigt das Projekt „Perspektiven dialogischer Theologie“. Hier wird am Beispiel jeder größeren Religion gezeigt, dass sich bereits Ansätze eines offenen, dialogischen und damit inklusiven Verständnisses von Religion gibt. Die „Offenheit gegenüber den religiös Anderen“ wird am Beispiel des Hinduismus, des Buddhismus, des Christentums, des Judentums und des Islams, sowie im philosophischen Horizont aufgezeigt. Die Ansätze des Islams, in denen solche Offenheit konstatiert wird, sind allerdings ein Beitrag eines Iraners, der im Exil lebt, ein Beitrag aus Südafrika und einer aus den USA. Hierzu werden noch Beispiele des deutschen oder auch europäischen Islams wie von Mouhanad Khorchide aus Münster erwähnt, die wenigstens aufzeigen, dass es historische Perioden islamischer Aufklärung schon gegeben hat, als das Christentum noch im Traum nicht daran gedacht hat.

(Katajun Amirpur, Thorsten Knauth, Carola Roloff, Wolfram Weiße (Hg.): Perspektiven dialogischer Theologie, Offenheit in den Religionen und eine Hermeneutik des interreligiösen Dialogs, Waxmann Verlag Münster, 2016, hier: Katja Drechsler: Offenheit gegenüber dem religiös Anderen aus islamischer Sicht, S. 141 – 172)

Zum Schluss:

Ich hoffe, dass sich die drei Fragezeichen am Schluss in Ausrufezeichen verwandelt haben.

Islam! Den Islam gibt es nicht, aber Grundzüge islamischer Religion. Da jede Religion ein offenes System ist und schon im Ansatz nicht frei von Widersprüchen, kann sie im Sinn eines politischen Ideologen missbraucht werden. Das islamische Lebensverständnis führt, wie auch das christliche, zu Dissonanzen in der Gesellschaft, die es auszuhalten gilt.

Scharia! Das Modell der Scharia ist richtig verstanden sogar offen angelegt, so dass es in einer modernen Gesellschaft praktiziert werden könnte, indem es als Rechtssystem an die jeweilige Situation angepasst wird.

Islamismus! Islamismus im Sinn von Krieg und Terrorismus ist nicht hinnehmbar und muss mit allen Mittel rechtsstaatlicher und polizeilicher Wehrhaftigkeit eingedämmt werden.

Die Frage, was allerdings geschieht, wenn die weltweite Armut mit dazu beiträgt, in den Armutsvierteln Terroristen heranzuziehen, ist nicht ohne einen Einsatz für weltweite Gerechtigkeit zu beantworten. Wenn 50.000 ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer in arabischen Ländern wie Ägypten zu Märtyrern erklärt werden, muss dies auch als Anklage an unseren westlichen Lebensstil aufgefasst werden. Man kann nicht gegen Islamismus kämpfen, ohne gleichzeitig die eigene Verflochtenheit in die weltweite Globalisierung und ihre Auswirkung auf die Religion anzuerkennen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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