Aufleuchten statt Ausbrennen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2017

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Zu: Monika Kiel-Hinrichsen (Hrsg.): Burnlong statt Burnout, Stress überwinden, gesund bleiben, aethera im Verlag Urachhaus, Stuttgart 2016, Softcover, illustriert, 160 Seiten, ISBN 978-3-8251-8010-2, Preis: 17,90 Euro

Obwohl der Begriff „Burnout“ schon sei 1974 bekannt ist und relativ klar definiert wurde, wird es die definitive Diagnose dieser Krankheit erst später geben. Bis jetzt wird Burnout als „Syndrom“ bezeichnet, ein Krankheitsbild, in dem Symptome unterschiedlicher Diagnosen zusammenwirken.

Monika Kiel-Hinrichsen schreibt im Eingangsartikel dieses Buches, das eine im Jahr 2015 durchgeführte Tagung zum Burnout nachzeichnet: „Das Burnout-Syndrom hat sich zunehmend zu einer Herausforderung auf medizinischem Gebiet entwickelt, da immer mehr Menschen in so tiefe Erschöpfungszustände geraten, dass diese schnell mit dem Begriff ‚Burnout‘ erfasst werden.“ (S. 12)

In einem zweiten Artikel derselben Autorin ist vom Johari-Fenster die Rede, mit dem man in der Psychologie seit 1955 den Zugang zum eigenen Gewaltfreiheit, Ganzheitlichkeit und dem Unbewussten beschreibt. In diesem Zusammenhang geht es allerdings nicht nur um die Wahrnehmung der eigenen Biografie, soweit sie erinnerbar ist und darüber hinaus. Sie beschreibt auch die „Dimensionen des höheren Ichs“ nach Rudolf Steiner. In dieser Hinsicht ist die Seele älter als der Körper. Burnout heißt demnach, sich der Botschaft der höheren Welt zu verschließen.

Auch wem dieser gedankliche Weg fremd ist, müsste dennoch dem Satz zustimmen, der auf Botschaften aus dem eigenen unbekannten Selbst hinweist. Außerdem erinnert die Argumentation Steiners auch in seiner eigenen Sprache an eine religiöse Dimension. So ist die Frage, die sich jedem stellt, der unter Burnout leidet: „Ist eine Burnout-Krise also ein Weckruf? Wer weckt hier wen und zu was?“ (S. 29) Der Weg bzw. Verlauf einer psychischen Krise wird in Gestalt einer nach oben offenen Parabel gezeichnet, wobei der Weg zunächst abwärts führt z. B. durch Verleugnung, Abwehr, Verhandeln und dann über die Trauer wieder aufwärts zur Akzeptanz und Veränderung.

Ein anderer Ansatz anthroposophischer Medizin wird im Artikel von Markus Peters über „Selbstmanagement aus dem Herzen heraus“ begangen. Grob gesagt, werden hier internistische Symptome mit der psychischen Entwicklung in Verbindung gebracht, in der das Herz eine zentrale Rolle innehat. Mit einer Herzmeditation kann der Mensch wieder zu sich selbst finden, so dass er „unerschütterlich von etwas überzeugt“ ist, nämlich das eigene „Schöpfungspotenzial zu erkennen“ (S. 50).

Der nächste Artikel von Andreas Voigt zeigt, wie die Sprache zur Quelle der Kraft werden kann („Sprache sprechen – Kräfte schöpfen“). Die Atmung als Voraussetzung der Sprache wird als Bindeglied zwischen „Außen- und Innenwelt“ gesehen. Auch dieser Autor kommt im Zusammenhang mit den Übungen der Sprache auf den „Urrhythmus des Herzschlags“ zu sprechen (S. 59). Der praktische Umgang mit der Sprache ist demnach eine Möglichkeit „den eigenen Kraftquell wieder zu beleben“ (S. 61).

Ich schließe meinen kurzen Einblick mit der Lektüre des Aufsatzes von Anke Immenroth „Bedürfnisse als Kraftquelle – Mit gewaltfreier Kommunikation Burnout vorbeugen“. Es ist schon intuitiv einsichtig, dass Burnout etwas mit Bedürfnissen zu tun hat. Zum Ende des Artikels werden einige Übungen vorgeschlagen, mit denen man lernen kann, Bedürfnisse als Kraftquelle zu erfahren. Die gewaltfreie Strategie wird mit dem Wunsch nach Achtsamkeit verbunden. Ich habe in diesem Artikel Schwierigkeiten, eine genaue Beschreibung von Gewaltfreiheit zu finden, denke aber, dass es mit Achtsamkeit gleichgesetzt wird. Damit wird auch die Gewalt im Umgang mit sich selbst gesehen. Dies ist ein Verhalten, das von einem Denken geprägt ist, in dem die Begriffe „muss“ und „sollte“ oft verwendet werden. Fazit: „Mit Achtsamkeit, Zeit und Übung kann die Verbindung mit sich selbst wieder wachsen.“ (S. 72)

Persönliches Fazit: Die Sprache und das Denken, das von Rudolf Steiner geprägt ist, bleibt mir vom Ansatz her fremd. Ich finde jedoch die Kriterien der Ganzheitlichkeit, der Achtsamkeit und der Wahrnehmung  psychischer, sozialer und religiöser Botschaften interessant und könnte mir vorstellen, dass eine anthroposophische Therapie einen akzeptablen Umgang mit einem Burnout-Syndrom bietet.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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