Predigt über Johannes 7, Christoph Fleischer, Welver 2017

Johannes 7, 37 – 39 (Predigt am Sonntag Exaudi in Neuengeseke und Möhnesee-Völlinghausen)

37 Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. 39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Foto: Niklas Fleischer (c)
Liebe Gemeinde,

dieser kurze Abschnitt ist doch wohl ganz schön aus dem Zusammenhang herausgetrennt. Ich habe mir für heute vorgenommen, diesen Vorgang rückgängig zu machen. Das siebente Kapitel des Johannesevangeliums ist dem Laubhüttenfest gewidmet, genannt Sukkot. Das passt zwar vom Kalender her nicht zwischen Ostern und Pfingsten, ist aber insofern auch eine sinnvolle Vorbereitung auf Pfingsten, da es sich dabei auch um ein großes jüdisches Fest handelte, das Wochenfest, das eben genau 49 Tage nach dem Passah gefeiert wurde.

Das Laubhüttenfest jedoch war das große Erntedankfest am Ende der trockenen Erntezeit, in der Vegetationszone Israels schon bezogen auf den Wunsch nach Regen, der dann die nächste Periode der Fruchtbarkeit einleitet. Gefeiert wird es Ende September bis Anfang Oktober wie bei uns auch das Erntedankfest.

Eine kurze Zusammenfassung des Kapitels zeigt, dass Jesus wie viele andere zum Laubhüttenfest in den Jerusalemer Tempel pilgern wollte. Zunächst heißt es, dass ihn sogar seine Brüder, nicht seine Jünger, aufgefordert haben, mit ihnen in Jerusalem zu feiern. Es wird im Johannesevangelium deutlich, dass die Brüder Jesu Anspruch nicht verstanden. Sie meinten aber zu ihm, er soll sich in Judäa zeigen. Er jedoch antwortete, es sei für ihn zu riskant, da ihn die Welt hassen würde. Jesus Zeugnis besteht darin, der Welt zu zeigen, dass sie böse ist. Vermutlich ist das nicht einfach nachzuvollziehen, warum er Judäa und Jerusalem hier als „die Welt“ bezeichnet. Die Bedrohung geht hingegen nicht einfach nur von den Juden aus, wie es hier heißt, sondern von denen, die sich durch seine Predigt im besonderen Maß angegriffen fühlen mussten. Eine kurze Zeit später ging er doch nach Jerusalem und lehrte im Tempel. Dort machte er deutlich, dass seine Predigt von Gott ist und auch genau dazu von Gott gesandt sei. Jesus verteidigt sich, weil er am Sabbat einen Menschen geheilt hat.

Das Gespräch der Zuhörerinnen und Zuhörer im Tempel geht im Wesentlichen darum, woran man erkennen kann, wer der Messias ist und inwiefern man Jesus das glauben kann, dass er von Gott kommt.

Und in der Tat wird nun geschildert, dass die Hohepriester Knechte ausgesandt haben, um ihn zu ergreifen. Im Tempel schien er aber andererseits relativ sicher gewesen zu sein. Interessant ist hier, dass die Knechte ihn ja tatsächlich nicht ergreifen konnten und unverrichteter Dinge zu den Hohepriestern zurück gingen. Hier wird auch noch einmal Nikodemus genannt, der als Vertreter des Hohen Rates dafür sorgte, dass Jesus nicht ohne einen richtigen Prozess festgesetzt werden konnte.

Jesus selbst kündigt an, er sei nur noch eine kleine Zeit bei ihnen und würde danach wieder zu seinem Vater zurückgehen. Doch diese Aussage war für die Zuhörer nicht nachvollziehbar. Sie meinten, dass er wohl zu den Griechen gehen würde und Judäa verlassen würde. An dieser Stelle spricht Jesus die Worte, die wir als Predigttext gehört haben. Das Hauptargument war, dass ein nicht kleiner Teil des Volkes Jesus für einen Propheten oder für den Messias hielt. Nur wenige Judäer lehnten ihn ab, weil er aus Galiläa kam.

Ich habe diese kurze Zusammenfassung des Textes deshalb gemacht, weil sie meines Erachtens zu zeigt, dass Jesus als Jude zu verstehen ist. Selbst wenn in diesem Text von der Welt die Rede ist, ist immer noch Jerusalem oder Judäa gemeint. Sicherlich hat diese Botschaft dazu geführt, dass sich das Zeugnis Jesu später auch auf andere Menschen anwenden ließ. Das, was Jesus verkündigt und wovon er Zeugnis ablegt, ist eine Konsequenz der biblischen Verkündigung und gehört in Zusammenhang des Volkes Israel. Es ist eine Art messianisches Judentum, dass im ersten Jahrhundert zum Christentum geworden ist.

Das Laubhüttenfest ist als solches im Christentum kaum noch erkennbar, wenn man es nicht mit unserem Erntedankfest Anfang Oktober in Verbindung bringen will. Für Angehörige des Judentums ist das Laubhüttenfest, genannt Sukkot, vor allem durch zweierlei bestimmt, durch die Laubhütte und die Feier der Ernte. Die Laubhütte soll an den Zug der Israeliten durch die Wüste erinnern. Es wird tatsächlich aus Palmen oder Weiden zweigen eine kleine Hütte in der Wohnung oder im Freien aufgebaut. Im Verlauf dieser Wochen zwischen zwei Sabbattagen sollen sich die Angehörigen der Familie so oft es geht in dieser Laubhütte aufhalten.

Zusätzlich gehört zur Laubhütte eine Art Blumenstrauss, der aus vier Arten bestehen soll, einem Palmwedel, drei Myrtenzweigen, zwei Bachweidenzweigen und einer Zitrusfrucht.

In der Öffentlichkeit sollen die Jüdinnen und Juden diesen Strauß bei sich tragen, besonders beim Festumzug und in der Synagoge.

Interessant ist der letzte Tag des Laubhüttenfestes, der auf den zweiten Sabbat fällt und in der Synagoge gefeiert wird. Es ist das Hoschana-Rabba-Fest, das Fest der Freude an der Lehre, wie es Martin Buber übersetzt. An diesem Fest tanzen die Gemeindeglieder mit den Thorarollen im Arm, ein Bild, das man auch gelegentlich auf Bildern von Marc Chagall findet, wenn es nicht darum geht, die Thorarolle vor dem Feuer der judenfeindlichen Angriffe zu retten. An diesem Tag endet die Lesung der Thora, als der fünf Bücher Mose und zum Schluss wird die Thorarolle auf den Anfang zurückgerollt, damit am folgenden Sabbat die Schöpfungsgeschichte gelesen werden kann.

Ich lese noch einmal bewusst den recht kurzen Predigttext, da er ja tatsächlich auf diesen letzten Tag des Laubhüttenfestes Bezug nimmt.

Johannes 7, 37 – 39:
37 Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. 39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Auch wenn wir jetzt schon eine Vorstellung vom Laubhüttenfest im Judentum haben, so müssen wir doch zugeben, dass hier einmal nicht von den Hütten die Rede ist und auch nicht von der Thorarolle. Das Judentum hat sich im Jahrhundert des Auftretens Jesu und danach völlig geändert. Was geblieben ist, sind die Schriften der Bibel, die aber damals noch getrennt überliefert wurden. Es gab eine Thorarolle, eine Rolle eines Propheten, eine Psalmenrolle usw.. Unzweifelhaft war vor der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christi Geburt die völlige Katastrophe des Judentums und der Wendepunkt.

Die Evangelien blicken im Auftreten Jesu in die Zeit vor diese Katastrophe zurück. Jesus spricht in diesem kurzen Abschnitt über das Wasser. An einem Festtag des Laubhüttenfestes wurde das Zeichen des Wasserschöpfens im Tempel regelrecht gefeiert. In Judäa fällt das Laubhüttenfest in das Ende der Trockenzeit. Es wird bald der Frühregen erwartet, der die neue Saat keimen kann. Kommt der Regen nicht, droht eine Dürrekatastrophe. Daher gehörte zum Laubhüttenfest die Bitte um das Regenwasser und auch die Zeichenhandlung des Wasserschöpfens. Im babylonischen Talmud wird die Feier am Tag des Wasserschöpfens mit einer weitergereichten Beleuchtung aus Kerzenleuchtern geschildert, so dass zuletzt in der anbrechenden Dunkelheit das Öllicht den ganzen Tempelvorhof erfüllt.

Vor diesem Hintergrund müssen wir anerkennen, dass Jesus ein bestimmtes Bibelwort aus den Prophetenbüchern aufgreift, das sich nicht auf die Ernte, sondern auf die fehlende Gerechtigkeit in der Gesellschaft bezieht. Das Zitat lautet folgendermaßen (Jesaja 58,11):

„Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“

In einigen Kommentaren zur Bibelstelle wird gesagt, dass das von Jesus gemeinte Bibelzitat (aus der Schrift) nicht erkennbar sein. Aber in der neuen Lutherbibel 2017 wird genau dieser Vers angegeben, den ich auch sehr passend finde. Dieses Du, von dem hier die Rede ist, ist für Jesus die Person des Glaubenden. Und dann ist doch völlig klar, was gemeint ist, wenn man dazu die Worte aus dem Johannesevangelium noch einmal hört:
Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

In der Tat macht Jesus Werbung für sich. Er fordert die Menschen auf, nicht zu einem symbolischen Wasserkrug zu gehen, wie es ihn damals im Tempel gab, sondern zu dem Menschen, der aus der Vollmacht Gottes kommt. Doch es ist schnell klar, dass der hier angesprochene Durst mit bekannten Getränken nichts zu tun hat. So ähnlich wie in der Bibelstelle von der Frau am Jakobsbrunnen, wird das Wasser hier zu einem Symbol. Der Durst ist ein Zeichen dafür, dass das Wort Gottes immer mehr in Vergessenheit geraten ist und hinter liturgischen Festen und volkstümlichen Feiern verschwindet. Jesus stellt sich ja nicht selbst in den Mittelpunkt, sondern meint die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott.

 

Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.

Jesus greift ganz eindeutig das oben genannte Jesajazitat auf: „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Beiden Bildern, sowohl der Feldbewässerung, als auch des einer Quelle, ist doch gemeinsam, dass lebendiges Wasser hinausfließt und genutzt und gewonnen werden kann. Modern gesprochen, das ist ein Bild für die Wasserversorgung von menschlicher Kultur.

 

Das trifft nun auf Jesus zu, an den die Hörerinnen und Hörer glauben können. Aus Jesus empfangen diese Menschen, empfangen wir den Geist Gottes. Das fasst der Evangelist sodann auch dem entsprechend zusammen:

Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

 

Es ist doch interessant, dass dieser Bedeutungswechsel des Erntefestes jetzt auch auf das Judentum zutrifft, wo aus dem Fest der Laubhütten am letzten Tag ein Fest der Schriftlesung geworden ist. Das ist die Quelle der Kraft. Das ist der Geist Gottes, den wir aus Jesus und den die Juden aus der Thoralesung empfangen. Und auch uns begegnet der lebendige Christus ja ebenso in der Schrift des Alten und des Neuen Testaments.

 

Wenn ich zum Kirchentag gefahren wäre, dann hätte ich genau das dort erwartet, so dass ich etwas spüre von der Fülle des lebendigen Wassers, das meinen Durst stillt, das aber auch dann auch unserem eigenen Leib herausströmen kann.

Aber ich denke, wir feiern ja Gottesdienst, um eben genau dies im gemeinsamen Gebet, im Lied und in dem Hören auf die Reflexion der Bibel gewinnen. Wir vertrauen darauf, dass Jesus unter uns ist, so wie es versprochen hat, wo zwei oder drei versammelt sind. Es geht nicht darum, dass wir Meister in der Anbetung werden, sondern darum, dass wir eben das lernen, dass wir Jesus im Glauben als Quelle der Kraft erfahren, und zwar so, dass wir diese Quelle dann auch an andere weitergeben. Denn Kirche ist nur da Kirche, wo sie für andere da ist. Amen.

 

Verwendete Literatur:

Der babylonische Talmud, ausgewählt, übersetzt und erklärt von Reinhold Mayer, Wilhelm Goldmann Verlag München 1963, zum Laubhüttenfest, S. 600 – 604

Paul Spiegel: Was ist koscher? Jüdischer Glaube – jüdisches Leben, Ullstein Verlag München, 4. Auflage 2003

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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