Von Natur aus gut, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2017

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Zu: Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, gebunden, 283 Seiten, ISBN 978-3-518-58695-2, Preis: 32,00 Euro

Michael Tomasello (geb. 1950) ist Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Zuletzt erschien von ihm das Buch: „Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ (2014). Die Abfolge dieser beiden Aspekte, vom Denken zur Moral, zeigt für Michael Tomasello auch die Abfolge in der menschlichen Entwicklung.

Ganz allgemein ist auffallend, in welch starkem Maß hier von Affen die Rede ist. Man könnte sagen: Die Verhaltensweisen von Bonobos oder Schimpansen heute lassen Rückschlüsse für die Grundannahmen der menschlichen Entwicklung zu. Dabei werden Naturbeobachtungen ergänzt durch Experimente. Eine Konsequenz ist z. B.: „Wenn die Kosten gering sind, und es keine Konkurrenz um Nahrung gibt, helfen Menschenaffen einander.“

Manchmal ist es nicht ganz einfach, der Abfolge von Experimenten und den Schlüssen daraus zu folgen. Klar ist wohl aber, dass es in der Vorgeschichte von Menschenaffen und Menschen eine Entwicklungsstufe gegeben hat, in der sich zuerst das Mitgefühl für „Freunde und Familienmitglieder“ herausgebildet hat. Eine weitere Entwicklung zu Kooperation und Moral ist bei den Menschenaffen nicht erfolgt. Beobachtungen an menschlichen Kindern hingegen haben gezeigt, dass „Fertigkeiten und Motivationen zum menschlichen Handeln und Urteilen mit Bezug auf andere“ dem Menschen im Ganzen eigen ist. Dabei wird zuletzt auch kein Unterschied mehr zwischen Verwandten und Fremden gemacht.

Die Lektüre des Buches macht neugierig und erlaubt auch weitreichende Schlüsse für den Bereich der Ethik. Zunächst erstaunt es, dass die Vorstellung der menschlichen Entwicklung an Versuchen mit Menschenaffen und menschlichen Kindern als menschliche Entwicklung zur Moral entfaltet wird. Diese jedoch lässt weitreichende Schlüsse in Richtung Religion und Theologie zu. Was dort auf der Symbolebene eine Art Sünde oder der Sündenfall ist, besteht in Wirklichkeit in einem Rückfall in unvernünftiges Dominanzverhalten, das maximal zweckorientiert. Ist. Die menschliche Vernunft hingegen, die aus christlicher Sicht auch als Bild Gottes erscheint, ist Voraussetzung für die Entwicklung von Moral. Sowohl in Richtung Religion als auch in Richtung Philosophie und Politik ist dies nicht deutlich genug zu betonen, dass Moral eine Folge der Vernunft ist. Humanität ist nicht etwas, was zu fordern ist, sondern etwas, was den Menschen als Lebewesen eigen ist. Demnach wäre moralisch begründet zu handeln conditio humana.

Dazu gehört, wie oben angedeutet, ein theoretischer Blick in die Anfangsphase der menschlichen Entwicklung:

  • gemeinsame Intentionalität und kooperative Kommunikation,
  • Aufteilung der Beute,
  • gemeinsame Verpflichtung.

In anderen Worten müsste man folgen: Moral ist vernunftgeleitete Kooperation.

Zuletzt: In einem Abschnitt über die weitere menschliche Entwicklung beginnend von der Anfangszeit wird ebenfalls erklärt, wie es zur Entwicklung der Religion kam und was daraus folgt: „Die organisierten Religionen, die in Verbindung mit frühen Großgesellschaften entstanden, erwiesen sich als weitere soziale Mittel neben den rechtlichen zur Unterstützung der Kooperation. Ein geteilter Glaube an übernatürliche Entitäten und Kräfte – begleitet von einem Gefühl der Verehrung – lieferte einen zusätzlichen gemeinsamen kulturellen Hintergrund und erzeugte eine noch stärkere Bindung an die Eigengruppe.“ (S. 202)

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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