Thesen – Anschläge für heute, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2017

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Friederike von Bünau, Hauke Hückstädt (Hg.): 95 Anschläge, Thesen für die Zukunft, Kuratoren: Andreas Barner, Johann Hinrich Claussen, Ines Geipel, Michael Krüger, Harald Lesch, Juli Zeh, Henning Ziebritzki, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017, gebunden, 287 Seiten, SBN 978-3-10-397292-4, Preis: 20,00 Euro

Bazon Brock, geboren 1936, Konzept-Künstler und Hochschullehrer aus Wuppertal, formuliert einen der 95 Thesen – Anschläge.

Die Kritik Luthers an der „Werkfrömmigkeit“ von Seiten der Reformatoren sieht er parallel zur „Konzeptkunst“ des 20. Jahrhunderts, auch nach dem Vorbild von Joseph Beuys. Die Alternative Luthers zur kirchlichen Doktrin ist „sola scriptura“. Dies ist nach Bazon Brock eine Parallele zur „Begriffsarbeit“, die alle Lust erfahrbar machen kann.

Diese These mündet in einen Appell: „Schafft nicht Werke, schafft Probleme, damit wir etwas zu bedenken haben, was doch nur Staub mit Farbe darauf ist“.

Hier wird exemplarisch deutlich, was in diesem Projekt mit „Thesen für die Zukunft“ gemeint ist:

Knapp formulierte Artikel von 95 (!) unterschiedlichen Autorinnen und Autoren zeigen, welche Anstöße Luthers für die Zukunft wichtig sein könnte. Sie zeigen aber auch zugleich wie die Rhetorik Luthers in Gestalt einer These heute aufgenommen wird. Die Autorinnen und Autoren versuchen jeweils einen (eigenen) Gedanken auf den Punkt zu bringen und ihn bis in die Praxis auszuzeichnen.

Im Folgenden werden exemplarisch einige kurze Artikel vorgestellt:

André Herzberg sprich über seine jüdische Religion und votiert dafür, „Gott in das Leben“ hineinzulassen.

Ahmed Mansour bekennt sich zu einem Islam, der zu Deutschland gehört. Er will sich sein Verständnis der Religion nicht vom Islamismus vorschreiben lassen. Seine Forderung lautet: „Der Islam muss sich reformieren – der Islam der Hassprediger muss kritisiert werden.“

Raska Kayat kritisiert das weiße Bürgertum Deutschlands als weitestgehend fremdenfeindlich. Der Traum von der Realität des Weltfriedens sei seit den 80iger Jahren vorbei. Stattdessen seien die Sätze des Grundgesetzes wieder neu zu buchstabieren: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Wolfgang Huber plädiert dafür, an die Auferstehung zu glauben und erinnert an die letzte Predigt Dietrich Bonhoeffers am Tag seiner Hinrichtung (8. April 1945). Die Christuspredigt ist, so der ehemalige Ratsvorsitzender der EKD, eine „radikale Hoffnung“.

Judith Hermann nimmt die Aufgabe der Thesenfindung selbst aufs Korn und votiert für das gelebte Leben: „Pompeius, der seine Seeleute überreden wollte, trotz des Sturmes Getreide ins hungernde Sizilien zu bringen, hat es so gesagt: Seefahrt tut not, Leben tut nicht not. Und er hat ergänzt – aber ohne Leben fahren wir nicht zur See.“

Ich denke, dass diese Thesenanschläge einen Impuls der Thesen Luthers aufgreifen, die sonst eher untergehen. Luther hat diese Thesen im Rahmen einer Rhetorik-Übung formuliert und vermutlich gar nicht mit einer derartigen Resonanz gerechnet.

Aber es gibt keine Rede ohne Inhalt.

Alle Autorinnen und Autoren stellen sich der Aufgabe, eine These zu formulieren, in der Form und Inhalt einander entsprechen.

Worte müssen den Nerv der Zeit treffen und sollen trotzdem allgemeingültig sein.

Am Endes des Buches werden die Autorinnen und Autoren biographisch vorgestellt. Meiner Beobachtung nach sind viele der „Anschläge“ prominente Autorinnen und Autoren, die verschiedene gesellschaftliche Positionen bekleiden oder innehatten. Ich zähle neben den oben zitierten einige Namen auf, die mir persönlich bekannt sind: Svenja Flaßpöhler, Harald Lesch, Sybille Lewitscharoff, Caroline Link, Christoph Markschies, Frank Plasberg, Edgar Selge, Wolfgang Thierse, Ellen Ueberschär, Marina Weisband, Margret Wintermantel und Juli Zeh.

Herausgeberin ist Friedrike von Bünau als Vertreterin des Stifts EKHN (Ev. Kirche Hessen-Nassau) und Hauke Hückstädt vom Literaturhaus Frankfurt am Main.

Luther – reformatorische Thesen, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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