J.-L. Nancy: „Ins Offene geworfen“, Rezension von Markus Chmielorz, Dortmund und Christoph Fleischer, Welver 2017

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Zu: Friederike Rass, Anita Sophia Horn, Michael U. Braunschweig (Hg.): Entzug des Göttlichen, Interdisziplinäre Beiträge zu Jean-Luc Nancys Projekt einer „Dekonstruktion des Christentums“, Verlag Karl Alber, Freiburg/ München 2017, broschiert, 175 Seiten, ISBN 978-3-494-48824-9: Preis: 24,99 Euro

Jean-Luc Nancy (geb. 1940, Frankreich) lebt im Ruhestand in Straßburg und lehrt dort an der Université Marc Bloch Philosophie. Er hat sich zum Ziel gesetzt, das Projekt „Dekonstruktion“ des Pariser Philosophen Jacques Derrida fortzuführen und auf das Christentum anzuwenden. Das Thema „Dekonstruktion des Christentums“ ist keinesfalls theologisch gemeint, sondern stellt die Frage nach den Spuren des Christentums in der säkularen Welt.

Das hier zu besprechende Buch stellt das interdisziplinäre Tagungsprojekt dazu vor. Beteiligt sind junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Schweiz und Deutschland. Jeder dieser Artikel/Vorträge stellt eine Schrift Jean-Luc Nancys vor. Leitmotiv ist, wie bereits erwähnt, die Dekonstruktion des Christentums. Das Buch wird abgeschlossen durch ein schriftlich geführtes Interview, in dem die Autorinnen Nancy selbst Fragen gestellt haben und er dazu Stellung nehmen konnte. Die beiden Rezensenten berichten über eine Auswahl der Artikel aus theologischer (C.F.) und aus philosophischer Sicht (mc.).

 

Zu: Stefan Berg: Autodekonstruktion des Christentums? Eine formallogische Auseinandersetzung mit Jean-Luc Nancy, Seite 17 – 38

Stefan Berg aus Zürich zeigt, dass in der Sicht Nancys die Spuren des Christentums in der säkularen Gesellschaft aufzufinden ist, ohne dass diese ausdrücklich „christlich“ genannt werden. Dies sieht er als einen Prozess an, der dem Christentum immanent ist und durch dieses selbst angestoßen wurde. Das „Christentum ist zugleich Subjekt und Objekt seiner eigenen Dekonstruktion“ (S. 18). Passend dazu taucht hier und an anderen Stellen der Begriff „Autodekonstruktion“ auf (s. Titel, S. 17).

Darin, dass dieser Vorgang eine Selbstauflösung des Christentums als Religion bedeutet, zeigt sich der Wunsch nach einer „Unterscheidung zwischen dieser Welt und einer unbedingten Alterität.“ (S. 19). Hier wird auch die Idee der Erzeugung von Offenheit angedeutet. Nancy fragt auch nach dem Wesen Gottes und sieht im Gegensatz zu anderen Gottesbildern die Betonung von „Leere und Abwesenheit“ (S. 23). Stefan Berg führt im zweiten Abschnitt das Modell der Unterscheidung der Perspektive von Gott und Mensch ein nach der Logik von Spencer-Brown. Mit Hilfe dieser Unterscheidung zeigt sich die Alternative der modernen Theologie, die entweder von Gott aus denkt und daher einen offenbarungstheologischen Ansatz verfolgt oder vom Menschen aus denkend eine liberale Theologie verfolgt. Immerhin wird auch im Hinweis auf das Argumentationsmuster der Modelle auf die mögliche Zirkularität der Offenbarungstheologie hingewiesen.

Die größte Nähe zu Nancy beabsichtig Stefan Berg, wenn er feststellt: „Die Religion wird sich ihrer selbst bewusst und bemerkt, dass es in anthropologischer, historischer oder sozialer Hinsicht ein Menschenwerk ist, zwischen Gott und Mensch zu unterscheiden, und dass die konkreten Vollzugsweisen dieser Unterschiedenheit entsprechend kontingent bzw. der Gestaltung des Menschen anheim gestellt sind.“ (S. 35/36).

Interessant sind die Konsequenzen für die Theologie, die nicht nur für die liberale Position, sondern auch für die offenbarungstheologische feststellt, dass Gott durch „Öffnung und Entleerung“ eine „Schwächung“ erfährt, die dem Verlust von Konturen führt. Der offenbarungstheologische Weg führt zum Erstaunen des Autos selbst auch zu einer „Entleerung des Gottesgedankens“ (S. 36), da er die „Anknüpfungspunkte auf der Seite des Menschen negiert“ (S. 36/37). Dass an dieser Stelle die theologische Arbeit der Zukunft anknüpfen muss, ist der Schluss dieses Artikels. Ob es dabei einen Weg „jenseits der liberalen und der offenbarungstheologischen Option gibt“ (S. 37), kann aber auch aus logischen Gründen bezweifelt werden.

 

Zu: Jonas F. Erulo: Transzendenz und Öffnung: Sinn zwischen Bejahung der Immanenz und bleibendem Erlösungsbedürfnis, Seite 51 – 72.

Jonas F. Erulo (Freiburg und Münster) greift das Thema der Dekonstruktion auf und bearbeitet den zweiten Band der „Dekonstruktion des Christentums“ von Nancy, der mit „Die Anbetung“ überschrieben ist (erschienen 2010, auf Deutsch 2012). Nach einem Seitenblick auf Nietzsche und Heidegger zitiert Erulo Franz Rosenzweig: „Der Philosoph sieht sich misstrauisch vor dem fortwirkendem Wirklichen in den geschützten Bereich seines Staunens zurück und versenkt sich in die Tiefe des Eigentlichen.“ (S. 53, Anmerkung 4) Interessant ist bei der Frage nach dem Sinn auch der Hinweis auf den Begriff „differánce“ bei Derrida (S. 55), der den Sinn gerade nicht als einen Zustand ansieht, sondern eher als eine Handlung, einen “Akt“. (Hier fühlt sich der Rezensent an Dietrich Bonhoeffers Habilitation „Akt und Sein“ erinnert.)

Zitiert wird Jean-Luc Nancy selbst in den Worten: „Sinn bezeichnet den Akt.“ (Zitat Nancy, hier S. 55).

Erulo greift ebenfalls der Autodekonstruktion des Christentums auf (s.o.) und sieht die Beziehung zu Gott als Präsenz und Gottes Handeln als Wort an. Demnach ist das Christentum selbst nicht an „Überwelten“ oder „Hinterwelten“ interessiert, sondern an der Erkenntnis der Welt, deren „offene Seite“ andererseits der Himmel ist. Glaube wird bewusst von Gläubigkeit unterschieden, so dass sogar ein Atheist intensiver glauben kann, wenn er sich mit Gott auseinandersetzt, als ein Gläubiger, der nur Gelerntes nachbetet. Gott ist nicht das letzte Prinzip, sondern bildet sich ab im „leeren Grab“. Der Begriff Gott hat die Funktion einer „kritische Instanz gegenüber den Fehlformen dieser Welt und als Prinzip Hoffnung.“ (S. 70) und/oder eines Symbols der Sinnfindung.

 

Zu: Patrick Ebert: Kirche als entwerkte Gemeinschaft, Seite 100 – 120

Patrick Ebert (Heidelberg) geht zuerst von der EKD-Denkschrift „Kirche der Freiheit“ (2006) aus. Von dort aus wird die Unterschiedlichkeit von Kirche und Gesellschaft deutlich, die auch darauf hinweist, dass nur die Kirche eine identitätsstiftende Kraft ist, nicht die Gesellschaft. (Ich würde sagen, dass der Autor das so erlebt. D. Rez.) Interessant ist von daher die Frage, ob die Kirche als „Gemeinschaft“ bezeichnet werden kann. Hierbei bietet er an, auf Jean-Luc Nancy zu hören: „Ein dekonstruktiver Gemeinschaftsbegriff versteht sich als Gegenmodell zu immanenten, geschlossenen, identitären und der Gefahr der Totalität ausgesetzten Gemeinschaftsverständnissen.“ (S. 108)

Die Schriften von Nancy, besonders „singulär plural sein“ (1996, dt. 2004), betonen die immer schon vorauszusetzende Ko-Existenz („Mit-Sein“, S. 109). Hier führt Patrick Ebert  mit Bernhard Waldenfels den „christomorphen“ Kirchenbegriff ein, bei dem er dazu eine Parallele sieht. (S. 116).

Auch auf Emanuel Lévinaś Begriff des „Anderen“ geht der Autor noch ausführlich und konzentriert ein: „Lévinas betont so die Passivitäts- und Alteritätsmomente einer phänomenologischen Leiblichkeit.“ (S. 117)

Zu Ende hin wird deutlich, dass der Netzwerkcharakter der Gesellschaft gut auf die Kirche übertragbar ist. Aus theologischer Sicht ist der Begriff der Autodekonstruktion allerdings zu kritisieren: „Deshalb sollte man eher von der Bewegung einer Selbigkeit sprechen, die immer schon als gebrochen zu verstehen ist.“ (S. 120).

Als Fazit zu diesen drei Artikeln ließe sich feststellen, dass die Beobachtung der Autodekonstruktion durch Nancy theologisch nicht ignoriert werden kann. In meinen Worten: Kirche konstruiert Welt ohne sich mit dieser Welt zu identifizieren. Darin liegt immer auch die Gefahr der Polarisierung von Kirche und Welt mit all ihren Konsequenzen. Die von vielen Theologinnen und Theologen besonders des 20. Jahrhunderts betonten Weltverantwortung liegt durchaus auf dieser Ebene. Bei Nancy im „Mit-Sein“ wie auch bei der Betonung des Anderen bei Levinas liegt eine Weiterführung des in „Sein und Zeit“ von Martin Heidegger Angerissenen. Inwieweit diese weiterführende und zum Teil auch abgrenzende Rezeption Heideggers in der Theologie fruchtbar wurde, kann hier wohl nur in Ansätzen gezeigt werden und steht dann wohl noch aus. Die Entdeckung des Religionsphilosophen Franz Rosenzweig ist es wert, an anderer Stelle noch einmal nachzugehen, da er ähnlich wie Levinas eine jüdische Theologie vorlegt, die die Säkularität integriert.

 

Markus Chmielorz (mc.)

 

Die beiden Autoren dieser Rezension teilen – trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft in Bezug auf Religiöses – ein gemeinsames Interesse, Antworten auf Fragen zu finden: Wie lässt sich nach Aufklärung und Moderne das Andere der Rationalität zur Sprache bringen? Welche Ethik ist heute angesichts der vielfachen Zerstörungen durch Menschen notwendig? Und wie kann ein säkulares Christentum aussehen, ohne in mythisch-magisches Denken der Voraufklärung zurückzufallen?

 

Johanna Breidenbach (Auf den Spuren der Engel. Verkündigung in Jean-Luc Nancys Studie „Noli me tangere, 73-86), Luca Viglialoro (Dualitas. Körper bei Nancy und Agamben, 121-136) und Stephan Jütte (Nancy, Derrida und das Sprechen: Erwägungen zu einer Ethik des Verschiedenen, S.137-149 widmen sich dem, das dort beginnt, wo leben endet. Um es vorwegzunehmen: Bei Nancy fallen Religions- und Sprachphilosophie in eins.

 

Systemisch gesehen könnte also die Antwort auf die Frage „Wozu braucht es Engel?“ lauten: um zu verkündigen, Engel als Chiffre für Verkündigung, die verweist auf den Zwischenraum der Beziehung zwischen Adressat_innen und Adressant_innen. Dabei folgt Johanna Breidenbach der Frage nach Transzendenz, die sie von Peter L. Berger aufnimmt: „Wiedergewinnung der Transzendenz und ein Lauschen auf die Botschaft der Engel: ja, aber nur so, dass sich unter dem Kleid des Alltäglichen, des Weltlichen nichts weiter verbirgt, und nur so, dass jene Botschaft nichts zu hören gibt.“ (75) Das erinnert stark an die postmoderne Diskussion zur ästhetischen Rationalität. Es geht um die Darstellbarkeit des Nicht-Darstellbaren in einem Medium. Breidenbach kommt es auf die Kommunikation an, in der sprachlich, vor-sprachlich und nicht-sprachlich Aufeinanderbezogensein gestiftet wird. Nancy folgend wird Jesus und dessen Leben als ein Gleichnis verstanden (vgl. 78), das auf sich selbst verweist und nicht auf eine Trennung von hier/da, Diesseits/Jenseits, Oberfläche/Tiefe. In der Botschaft der Engel, in der Verkündigung geht es um die Relation von sprechen und hören, die nicht auf etwas Anderes außerhalb verweist, sondern nur auf den_die jeweils Andere_n. – und zwar gerade im Moment des Todes, des Sich-Entziehens und Entzogen-Werdens. Breidenbach zeichnet an Hand der Personen Jesus/der Gärtner und Maria, was das Paradox bedeutet, „zugleich präsent und absent“ (80) zu sein im Augenblick der Depersonalisation. Darin könnte eine anthropologische Grundkonstante liegen, nach der menschliches Leben in der Geburt und im Tod das Heteronome und Nicht-Identische fokussiert: „Indem Jesus/dasWort/der Sinn nur als der Andere sichtbar wird bzw. darin unsichtbar bleibt, widersetzt er sich den Einhegungsversuchen der Wiedererkennbarkeit (…)“ (81). Maria wird dessen teilhaftig, sie nimmt wahr und begreift, in dem Moment, indem Jesus ihren Namen nennt. Diese Nennung des Namens, so Breidenbach, Nancy folgend, entspricht „jener absoluten Signifikanz des Wortes, das auf nichts anderes hinweist, sondern durch die geballte Kraft ihrer Bedeutung mehr als Geste den Wort an den Rand des verstehbaren Sinns hinausdrängt“ (83) – quasi an der Grenze halt machen und alle unbedingten Bedeutungen, inklusive der ästhetischen und religiösen, von Rationalität ausloten und das Unauflösbare, das Verweisen auf sich selbst, die Anwesenheit der Abwesenheit anerkennen. Breidenbach nimmt an unterschiedlichen Stellen Bezug auf Heidegger, insbesondere dort, wo sie das Dichterische bei Nancy in den Blick nimmt, sie nennt es „einen imaginativen Überschuss“ (85). Wenn es tatsächlich so ist, und das müsste genauer untersucht werden, dass Nancy in „Noli me tangere“ ein sprachontologisches Konzept entwickelt, dann schließt sich die Frage an, ob diesem Konzept nicht sowohl eine Politik als auch eine Ethik immanent sind. Daran wiederum müsste sich notwendigerweise die Differenz zwischen Heidegger und Nancy ausloten lassen.

 

Das Kriterium des Christentums ist markiert durch die Grenze von Leben/Tod/Auferstehung. Das ist die konstitutive Erzählung des Christentums, die balanciert zwischen erscheinen und verschwinden. Luca Viglialoro widmet sich Nancys Abhandlung „Corpus“ und dessen „dualem Körper-Verständnis“ (121). Im Vergleich zu Agamben beschreibt Viglialoro Nancys Auffassung des Körpers als metaphysisch und mit höherer „ontologischer Valenz“ (ebd.) Doch was ist damit gemeint? Nancys Körper-Verständnis wird als topologisch, als Bewegung der Ausdehnung, als Erfahrung im Sinne von experiri, nach draußen gehen beschrieben. Wenn Viglialoro bei Nancy das Prinzip der Intensität gegen Intentionalität setzt, dann erinnert das an die Säuglingsforschung und die Unterscheidung zwischen coenästhetischer und diakritischer Wahrnehmung, die eine vor-begriffliche Rationalität ins Recht setzt. Auch hier ließe sich eine Ethik des Körpers oder besser der Körper herauslesen, die im Kern eine Beziehungs-Ethik ist. Viglialoro nennt dies „singulär-plurale Seinsstruktur“ (126) bei Nancy: „Benennen und zeigen vermögen den Körper nicht zu erfassen. Doch kann der Körper am Rande der Schrift berührt, d.h. bestimmt werden.“ (127) Das kennzeichnet vielleicht, wenn hier auch eher vage beschrieben, die Differenz zwischen aisthesis und cognition, die zugleich Intensivierung und Distanzierung bedeutet. In der Biographie, in der wörtlichen und übertragenen Bedeutung zeigt sich dann so etwas wie Sinn. Bei Nancy geht es, so der Autor, um Relationen, zwischen Bedingtem und Unbedingtem, zwischen Selbst und Anderen. Um das nachvollziehen zu können, sei an die englische Formulierung „me, myself and I“ erinnert, die anders als das Deutsche die relationale Bestimmung und das immer wieder Ausbalancieren von Identitäten deutlicher werden lässt. Insofern wird auch hier wieder, wie schon im vorher besprochenen Artikel deutlich, dass das Problem der Darstellbarkeit des Undarstellbaren angesprochen ist, das ein Problem des Verweises ist: „Der Körper ist nicht Bild von. Sondern er ist Ankunft in der Gegenwart.“ (Nancy, Corpus 64f., zit. n. 132, Fußnote 42)
Mit Bezug auf das Thema des verklärten Leibes, des auferstandenen Körpers, zeichnet Viglialoro die Unterschiede zwischen Nancy und Agamben nach. Dabei ist die Argumentation jedoch so komprimiert, dass sich ein Verständnis ohne ein genaues Quellenstudium kaum einstellen mag.

 

Stephan Jütte lädt ein zu einer Reformulierung des Spannungsverhältnisses von Christentum und Aufklärung, indem er nach dem Verhältnis von Sinn und Präsenz, nach dem Verhältnis von Sprache und Immanenz fragt. Sein Gegenstand ist Nancys „Dekonstruktion des Christentums“. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als eine Neudefinition des Christentums im Anschluss an Aufklärung und Moderne nach Kant: „Es [das Christentum, mc.] zielt nicht auf ein Jenseits der Welt, sondern auf das Andere der Immanenz – ‚Transimmanenz’ – indem es die Existenz zur weltimmanenten Selbstöffnung (Öffnung des Selbst) mobilisiert.“ (139) Damit stellt sich die Frage, welche Form, welche Gestalt, welches Prinzip dem Christentum heute eigen und angemessen sind. Jütte bringt hier nicht zufällig die negative Dialektik ins Spiel. Weiter: „Die Form der Déclosion, welche die bloße Vernunft auf ihre Unbegrenztheit hin öffnet, ist die Anbetung (…)“ (140) Von dort aus kann der Autor nun eine ganze Anthropologie entwickeln, die nach der Existenz des Menschen, nach dem Gegenseitig-Aufeinander-Verwiesen-Sein und nach der Bedeutung von Sprache im Allgemeinen und Anbetung im Besonderen fragt. Auch hier wird wieder der Aspekt des heteronomen angesprochen, mit Nancy wird die „zufällige, (…) weniger als kontingente Welt“, „das Dasein ohne Kausalität und Ursprung“ (142) eine Gabe: „Die Anbetung ist wohl vor allem responsorische Haltung gegenüber dem daseinsimmanenten Sinn, d.h. der Welt als Gabe. Gewiss, diese Haltung ist zunächst eine Haltung des Körpers.“ (143). Diese Haltung müsste dann auch etwas Anderes bezeichnen, als ein personelles, hierarchisches Verständnis von Geber_in und Nehmer_in. Es geht mehr um den Zwischenraum, in dem etwas möglich wird und vollzogen werden kann: „Wer anbetet, ist also einer, der [von der Welt, mc.] gegrüßt worden ist und ständig wird und zurückgrüßt und darin anerkennt und bejaht, was und wer er ist. Und alles und jeder und jede, das oder der oder die ist, ist im Verweisen, wesentlich im Gruß.“ (144) Anders als Nancy, der hieraus eine Kapitalismuskritik entwickelt, widmet sich Jütte der Möglichkeit des leeren, verhallenden Grußes im Tod. Er markiert so die Differenz zwischen Derrida und Nancy, die in der Frage mündet, ob es Trost und damit einen Gott und damit einen ontologischen Sinn gebe oder nicht. Mit einer Ethik des Verschiedenen meint Jütte zuerst eine Ethik, die den Verschiedenen würdigt. Es ist wieder eine Frage des Verweises: „Das Menschliche ist in der Sprache, der Anrede, dem Gruß, der Antwort gegeben. Worauf verweist aber, wer auf den Verschiedenen verweist?“. Wer auf den Verschiedenen verweist, bleibt bei sich. Und mit Nancy warnt Jütte vor der Gefahr, den Gottesbegriff zu fixieren als Name für das Unnennbare. Seine Lösung ist Anbetung als Öffnung im Vollzug, eine „Öffnung für die Welt, einem Dasein jenseits von Kausalität und Urheberschaft, eine Welt als Gabe, der wir uns öffnend hingeben, ohne dieses oder jenes, diesen oder jenen zu fetischisieren“ (148). Welche radikale Bedeutung für die Zukunft des Christentums haben kann, wäre noch zu erkunden. (m. c.)

 

Am Ende dieser Rezension soll noch durch ein repräsentatives Zitat auf das abschließende Interview der Autorinnen und Autoren mit Jean-Luc Nancy verwiesen werden: „Sie denken also an eine Liturgie, die selbst dekonstruiert ist … Es scheint mir, dass dies keinen Sinn macht. Die Dekonstruktion des Christentums fällt in den Bereich dessen, was man „Säkularisierung“ nennt: Demokratie, Menschenrechte, nicht-religiöse Künste, Philosophie – das ist die Dekonstruktion im Vollzug. Wenn überhaupt eine religiöse Haltung überleben soll, dann muss sie religiös sein.“ (Jean-Luc Nancy, S. 167) Wenn also nach Nancy der Rückweg in die Religion von der Dekonstruktion aus nicht möglich ist, so sei doch trotzdem am Ende gefragt, ob nicht zweierlei nötig ist, zum einen eine säkulare Sprache in der religiösen Verkündigung und zweitens eine Vernunftorientierung im Vollzug der Religion. Die Beantwortung der Sinnfrage ist durch die Dekonstruktion allerdings nicht gegeben, sondern offen gehalten. (C. F.)

Hinweise: Säkulare Rede vom Christentum, Jean Luc Nancys „Dekonstruktion des Christentums“ im Spiegel von Jacques Derrida: „Berühren, Jean-Luc Nancy.“[1] Christoph Fleischer, Werl 2012

Die Unverfügbarkeit Gottes. Beobachtungen zur Dekonstruktion des Christentums bei Jean-Luc Nancy im Text „Die undarstellbare Gemeinschaft“. Christoph Fleischer, Werl 2012

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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