Emmanuel Carrère und das Reich Gottes, Notiz von Christoph Fleischer, Welver 2017

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Bericht über ein Interview im Philosophie Magazin, August/September, Nr. 05/2017

Carrère schreibt im Kommentar über sein neues Buch: „Ein russischer Roman“: „Mir kommt es so vor, als würde ich, sosehr ich kann, zum ‚Guten‘ streben, wenn man darunter Empathie für den anderen versteht. Allerdings wird dieses Verlangen ständig von meiner Schwäche, meinem Egoismus, meiner Engstirnigkeit durchkreuzt.“ (Philomag, S. 69) Mit kommt bei dieser Formulierung Paulus in den Sinn, der eine ähnliche Erfahrung im Römerbrief benennt.

Einige Zeilen weiter erfahre ich, dass sich Emmanuel Carrère tatsächlich mit Paulus beschäftigt hat. Er sagt dazu im Interview: „Das ist exakt das, was Paulus erzählt: die Geschichte einer Besitzergreifung, einer Besessenheit. Wer da lebt, bin nicht mehr ich, es ist Christus, der in mir lebt.“ (S. 70) Worin liegt darin die besondere Botschaft das Paulus, so frage ich mich.

Paulus hat ein sehr besonderes Verhältnis zur Auferstehung Jesu, das ihn von den Evangelien unterscheidet. Er sieht die Auferstehung als „ein unglaubliches, nicht zu begreifendes Ereignis, […]das aber gleichwohl stattgefunden hat.“ (S. 71) Carrère verbindet diese Erzählung über Paulus mit dem eigenen Erleben. Er möchte nicht wieder gläubig werden, hat eher ein wenig Angst davor. Aber warum sagt er das? Ist es nicht inkonsequent, wenn man sich den Anfang des Interviews ins Gedächtnis ruft (s.o.)?

Deutlich wird das eher bei einem Ausflug in die Philosophie. Carrère findet an/mit Paulus gut, dass für ihn das gute nicht wie ein Rezept funktioniert, das man nur anzuwenden hat (vgl. Stoa). Vielmehr bekennt er sich zur Inkonsequenz nicht das zu tun, was ich will, sondern das, was ich nicht will, das böse.

Doch dazu gehört auch ein Wirklichkeitsverständnis, das die Gegenwart betont. So kommt er auf Nietzsche zu sprechen: Wenn dieser darin recht hat, „dass die Wirklichkeit das ist, was vor Augen steht und dass es dahinter nichts gibt“ (S. 72) Doch er gibt das Christentum nicht auf, auch wenn er keine Hinterwelt offenbart.

Das Interview scheint nun etwas auf der Stelle zu stehen und Themen nur anzureißen. Er kommt aber dann doch erneut auf Paulus zurück. Mit Paulus zu denken bedeutet, visionär zu leben.

Dazu gehört nun aber ganz offensichtlich auch die immanente politische Vision vom bevorstehenden Ende der Welt. Emmanuel Carrère sagt: „Ich neige zu der Ansicht, dass wir uns in einer vorher nie da gewesenen Situation befinden, die relativ kurzfristig zu einer weltweiten Katastrophe führen wird.“ (S. 73) Doch ist diese Situation zumindest gedanklich nicht auch die des Paulus gewesen? Hat er nicht auch in einem apokalyptischen Zeitalter gelebt, das mit dem Ende der Welt gerechnet hat?

Ich frage mich, was Emmanuel Carrère will, wenn er vom Reich Gottes schreibt. Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich nur konstatieren, dass er zumindest im Interview nicht auf das Messianische oder das Judentum zu sprechen kommt. Müsste man nicht diese Erwartungen zwischen Reich Gottes und Weltuntergang berücksichtigen, wenn man einen Roman über die Bibel schreibt? Vielleicht habe ich ja doch noch einmal Zeit diesen Roman von Emmanuel Carrère zu lesen.

Nr. 5 / 2017

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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