Predigt über Johannes 6, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Die Predigt wird am 7. Sonntag nach Trinitatis in der reformierten Kirche in Soest (schiefer Turm) gehalten (30.07.2017).

 

Der vorgeschlagene Predigttext ist Johannes 6, 30 – 35. Ich ergänze diesen Text ein wenig nach vorn und nach hinten, um den biblischen Zusammenhang im Blick zu haben: Johannes 6, (26-29) 30 – 35 (36-40)

 

(26 Jesus entgegnete ihnen: Amen, amen, ich sage euch, ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. 27 Müht euch nicht um die Speise, die verdirbt, sondern um die Speise, die sich ins ewige Leben hinein hält, die der Menschensohn euch geben wird; denn ihn hat Gott, der Vater, beglaubigt. 28 Da sagten sie zu ihm: Was sollen wir tun, damit wir die Werke Gottes wirken? 29 Jesus antwortete ihnen: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.)

 

30 Da sagten sie zu ihm: Was für ein Zeichen tust denn du, dass wir sehen und dir glauben können? 31 Unsere Väter haben das Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen. 32 Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch, nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33 Denn Gottes Brot ist dasjenige, das vom Himmel herabkommt und der Welt Leben gibt. 34 Da sagten sie zu ihm: Herr, gib uns dieses Brot allezeit! 35 Jesus sagte zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

 

(36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht. 37 Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir finden, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen, 38 denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 39 Das aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts von allem, was er mir gegeben hat, verloren gehen lasse, sondern dass ich es auferwecke am Jüngsten Tag. 40 Denn das ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.)

Foto: Niklas Fleischer (c)

Liebe Gemeinde,

Dieses ganze Gespräch verlegt der Evangelist Johannes an den See Genezareth. Jesus wird mit einer Volksmenge konfrontiert, und zwar den Menschen, die an der Speisung der 5000 teilgenommen haben. Diese Predigt richtet sich also an Juden aus Galiläa, dem Menschen aus dem Landstrich, aus dem ja auch Jesus selbst stammt.

Ich finde Vers 27 deshalb wichtig, weil Jesus auf die geistliche Bedeutung des Brotes zu sprechen kommt. Interessanterweise kennt das Johannesevangelium das Abendmahl selbst nicht. In der Passionsgeschichte wird es durch die Fußwaschung ersetzt. Ich denke, dass die Speisung der 5000 und die dazu gehörige Verkündigung daher auch auf das Abendmahl bezogen werden kann.

Den Menschen, die satt geworden sind, empfiehlt Jesus, sich um die Speise zu bemühen, die nicht vergänglich ist, sondern das ewige Leben verspricht. Es ist die Speise, die der Menschensohn geben wird. Mit dem Wort „Menschensohn“ meint Jesus sich selbst. Das Wort darf keinesfalls einfach nur verallgemeinernd mit „Mensch“ übersetzt werden. Wenn Jesus vom Menschensohn spricht, meint er im Sinne der Bücher Daniel und Henoch, dass er aus der Gemeinschaft mit Gott in die Welt gekommen ist. Mit Menschensohn ist zugleich der Sohn Gottes gemeint, aber nicht im Sinn einer Abstammung, sondern als der, der die Wirklichkeit Gottes den Menschen vermittelt.

Wir denken nur an das Wort: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3, 16).

Gott ist der Vater, Jesu Vater und zugleich unser Vater im Himmel. Folgerichtig fragen die Menschen ihn danach, was sie selbst tun können: „Was sollen wir tun, damit wir die Werke Gottes wirken?“

Es ist die Frage, ob das wirklich ein Missverständnis ist. Es ist doch zunächst folgerichtig, dass die Menschen sich fragen, was sie selbst dazu beitragen können, wie sie sich diese geistliche Speise verschaffen können, die Speise, die sie mit dem ewigen Leben in Verbindung bringt.

Jesu Antwort weist diese Vorstellung allerdings zurück. Wer mag, kann hier die Frage nach der Werkgerechtigkeit heraushören. Jesus sagt: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.“

Wir merken hier, was es bedeutet, dass das Johannesevangelium keine Weihnachtsgeschichte hat. Der Sohn Gottes ist nicht geboren, sondern gesandt. Der Ausdruck „Sohn“ ist kein Titel der Abstammung von Gott, sondern des Auftrags, von Gott zu zeugen und den Menschen das ewige Leben zu vermitteln. Doch ist das ewige Leben ein Gegensatz zum irdischen Leben? Ist die Verkündigung des ewigen Lebens eine Vertröstung derer, die durch das irdische Brot nicht satt werden können? Wer diese Frage stellt, verweist gern auf die vorangegangene Speisung hinund sagt: Jesus habe die Menschen zuerst satt gemacht und ihnen danach den Weg zum ewigen Leben gezeigt. Er meint, beides gehöre also zusammen. Man kann aber genausogut vermuten, dass die vollzogene Speisung die Vorstufe zum ewigen Leben ist. Für das irdische Brot sind Werke nötig, braucht es Arbeit. Für das Himmelsbrot des ewigen Lebens brauchen wir den Glauben.

Das Johannesevangelium erzählt die Zeichen, die Jesus getan hat, stellt sie aber dann in die Verbindung zu seiner Rolle als Gottes Gesandtem. Zuletzt ist dann der Glaube wichtiger als die Speisung, vermutlich, weil er das ewige Leben und damit die Fragen von Gerechtigkeit und Frieden einschließt. Ausdrücklich wird das aber nicht gesagt. Ich erkläre mir das Fehlen der politischen Theologie immer ein wenig durch die diktatorische Herrschaft im römischen Reich. Wer sich in die Nähe eines Aufstands oder auch nur eines Aufruhrs bringt, war sicher schnell in Gefahr, verurteilt und umgebracht zu werden.

Jetzt folgt die Antwort der Volksmenge auf diese Aussage Jesu. Sie fragen nach einem Zeichen, das für den Glauben nötig sei. Als Begründung verweisen sie auf eine Geschichte des Alten Testaments, in der gesagt wird, dass die Israeliten in der Wüste vom Manna gesättigt wurden, dem Brot vom Himmel. Der Glaube selbst muss also genauer bestimmt werden. Was heißt es also an Jesus zu glauben? Was ist denn damit genau gemeint? Ich denke, das ist auch für uns heutige Christinnen und Christen eine wichtige Frage. Um an Jesus als Person zu glauben, benötigen die Juden aus Galiläa ein Zeichen. Dieser Satz ist insofern ein wenig schwierig, weil ich zuvor davon ausgegangen bin, dass die Speisung der 5000 selbst als Zeichen aufgefasst worden wäre. Dann wäre diese Frage aber überflüssig.

Vielleicht kann man sagen, dass Johannes dieses Thema des Zeichens noch einmal aufgreift, um die Verbindung mit dem Brot des Himmels ins Gedächtnis zu rufen. In der Erzählung ist es möglicherweise einfach so, dass die Menschen im nächsten Tag einfach nach einer neuen Speisung verlangen. Dann wäre die Speisung der 5000 kein einmaliges Zeichen, sondern Jesus wäre in der Lage, ihnen jeden Tag das Brot vom Himmel zu geben. Damit hätte er sicher das Thema Armut beantwortet: Ist Jesus in der Lage die Armut zu beenden? Oder wird die Frage nach der Armut in den Glauben hinein verlagert? Hat der Glaube an das ewige Leben etwa dann doch hinterher mit der Frage der Armut nichts mehr zu tun?

Das himmlische Brot kann auch als ein Symbol des Messiasreiches gesehen werden, so wie es in der Offenbarung des Johannes hießt: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, den werde ich von dem verborgenen Manna geben.“ (Offenbarung 2, 17, An die Gemeinde in Pergamon). Auch wenn ich hier keine rabbinische Erklärung sehen kann, so ist die Verkündung Jesu immer mit der Messiasfrage verbunden. Die Sache mit dem Brot ist auch politisch zu erklären: Wer von Gott kommt, wird den Menschen Brot verschaffen im Sinn von Psalm 23,1: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Doch die Messiasfrage muss nicht zwangsläufig politisch sein. Sie wird mit Jesus in erster Linie religiös gemeint und allenfalls an die Verkündigung der Bibel zurückgekoppelt. Wir haben ja schon gehört, dass sie Jesus als den Menschensohn versteht, durch den die Glaubenden das ewige Leben Gottes empfangen, als Vermittler sozusagen. Insofern greift auch die Frage nach dem Zeichen ins Leere. Jesus ist klug genug, die Frage nach der menschlichen Gerechtigkeit zurückzuweisen. Er ist nicht in der Lage, den Armen nachhaltig zu helfen. Sein Reich ist in der Tat erst einmal nicht von dieser Welt.

Jesus greift die Frage nach der Auslegung des Alten Testaments auf und übernimmt sie für sich selbst. Dazu verweist er korrekterweise darauf, dass nicht Mose das Manna gegeben hat, sondern Gott selbst, der Vater im Himmel. Nicht Mose, sondern Gott selbst hat den Vätern das Brot vom Himmel gegeben. Außerdem war es nicht das echte Himmelsbrot, sondern eine ganz gewöhnliche Speise. Daraus entwickelt sich nun der Dialog, der letztlich zu der Aussage führt, dass Jesus selbst das Brot des Lebens ist.

Er sagt zunächst, dass das Brot vom Himmel, das von Gott kommt, der Welt das Leben gibt. Die Menschen verstehen Jesus jetzt als den, der ihnen das göttliche Brot geben kann, das Brot vom Himmel. Ob hier noch von materiellem Brot die Rede ist, oder ob man das auch prophetisch deuten kann, wage ich nicht zu entscheiden. Das Wort von Gott wäre demnach das wahre Brot vom Himmel. Doch das wird hier nicht gesagt. Es geht ausdrücklich um die Person Jesu selbst. Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Johannes 6,35) Die Ich-bin-Worte sind Schlüsselworte des Johannesevangeliums. Trotzdem bemühe ich mich hier, diese Aussagen nicht gegen den wirklichen Hunger auszuspielen. Natürlich werden die Menschen immer auch Hunger und Durst haben. Trotzdem ist der Hunger und der Durst auch eine Glaubenssache, eine Frage danach, ob Menschen noch auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Es muss eine konkrete menschliche Frage geben, die hier durch die Antwort Jesu beantwortet wird. Da er nicht in der Lage ist, täglich neues Essen zu liefern und den Hunger nach Gerechtigkeit zu stillen, muss es hierbei um den Hunger nach dem Sinn des Lebens gehen, um den Wunsch danach, von Gott und den Menschen geliebt und akzeptiert zu werden. Wer die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht beantwortet, ist letztlich auch nicht in der Lage für Gerechtigkeit zu sorgen, weil die Frage nach dem Brot immer wieder aufbrechen wird und die Politik nur in einen Wechsel von Brot und Spielen mündet, panem et cirsensis.

Ich habe den Predigttext darum hier nicht enden lassen, sondern die folgenden Verse noch hinzugenommen. „36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht. 37 Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir finden, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen, 38 denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 39 Das aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts von allem, was er mir gegeben hat, verloren gehen lasse, sondern dass ich es auferwecke am Jüngsten Tag. 40 Denn das ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.“

Jesus ist für die Menschen vom Himmel gesandt, die sich für Jesus interessieren. Es sind Menschen, die den Willen tun, dessen, der ihn gesandt hat, also den Willen Gottes. Dazu gehört allerdings nicht, irgendwelche Menschen abzulehnen und, wie es hier heißt, hinauszustoßen. Jesus ist eben wichtig, das niemandem die Gemeinschaft mit Gott verweigert wird. Den Willen Gottes zu tun, wird allein auf den Glauben an Jesus selbst bezogen, da alle, die an Jesus glauben dadurch das ewige Leben bei Gott erhalten werden. Ihnen wird die Auferstehung am Jüngsten Tag zugesagt. Ich sage es in eigenen Worten: Gott sendet Jesus aus Galiläa, um deutlich zu machen, dass niemand aus der Gemeinschaft des Bundes mit Gott ausgeschlossen werden darf. Jesus wendet sich auch an die Samaritaner und die Hellenisten und zeigt ihnen, dass sie zum Bund Gottes gehören. Jesus ist der Messias, der Menschensohn und der Sohn Gottes in einer Person. Er ist das Brot des Lebens, weil er den Menschen das Brot des Himmels gibt, ja weil er selbst im Glauben das Brot des Lebens ist.

Damit ist kein Wort des Alten Testaments ausgelöscht, was man an der Diskussion über das Manna sehen kann. Aber das neue Kriterium ist die Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen Messias, ist Jesus Christus. Jesus ist das Brot des Lebens und von ihm her zeigt sich Gott als der, der niemanden hinausstößt, sondern alle zu sich ruft und ihnen im Glauben den Sinn des Lebens gibt.

Im Judentum ist der Glaube an die Gerechtigkeit hier eingeschlossen. Das dürfte dann im Christentum auch nicht anders sein. Emmanuel Lévinas sagt: „Die dem Anderen, meinem Nächsten verschaffte Gerechtigkeit schenkt mir eine unaufhebbare Nähe zu Gott.“ (Emmanuel Lévinas, Schwierig Freiheit, Frankfurt/Main, 2017, S. 30)

Amen.

 

Am Ende der Predigt bzw. danach verteile ich in der Gemeinde das Heftchen „9+5 Ideen für eine andere Welt

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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