Predigt über Jesaja 2, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Diese Predigt wird am Sonntag, den 6. 8. 2017 in Bad Sassendorf gehalten.

Jesaja 2, 1- 5

1 Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem. 2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, 3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 4 Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

 

Liebe Gemeinde,

heute ist der 6. August. Vor 72 Jahren wurde in Hiroshima in Japan eine Atombombe gezündet. Dazu möchte ich ihnen die folgende Geschichte erzählen:

 

Die Geschichte von Sadako

(Quelle, gekürzt: http://blog.svensoltmann.de/geschichte )

1945 lebten in der japanischen Stadt Hiroshima etwa eine halbe Millionen Menschen. Auch ein zweijähriges Mädchen, namens Sadako. Es war Ende des zweiten Weltkrieges, als eine Atombombe in Hiroshima niederging. Viele Menschen verloren ihr Leben, Häuser wurden zerstört und brannten in kurzer Zeit nieder. (Das geschah am 6. August 1945.)

Zum Zeitpunkt des Einschlags war Sadako ungefähr zweieinhalb Kilometer von der Explosion entfernt. Viele ihrer Nachbarn starben oder wurden verletzt, doch Sadako schien unversehrt.

Es war die erste Atombombe, die je gegen Menschen eingesetzt worden war. Alle dachten eine Atombombe wäre wie eine normale Bombe, nur größer und stärker. Man wusste damals noch nicht, dass sie etwas Besonderes enthält, was eine normale Bombe nicht hat, nämlich Strahlung. Die Strahlen, die bei der Explosion in die Umgebung geschleudert werden, sind sehr gefährlich. Man kann sie nicht sehen und nicht fühlen. Diese Strahlen können Verletzungen und Schäden im Körper verursachen, die man erst nach langer Zeit erkennen kann, wie z.B. Krebs.

Viele Menschen erkrankten nach dem Abwurf an Krankheiten die noch kein Arzt zuvor kannte. Niemand wusste was Strahlen dem Körper antun. Tatsächlich weiß bis heute noch niemand so richtig, was Strahlen in einem Körper verändern.

Immer mehr Menschen erkrankten an Leukämie, eine Art Blutkrebs. Fast jeder, der Leukämie bekam starb. Die Leute nannten sie die „Atombombenkrankheit“ und verloren durch sie geliebte Menschen.

Zehn Jahre waren nun schon seit dem Abwurf der Atombombe vergangen. Damals, 1955, Sadako war 12 Jahre alt, dachte sie schon lange nicht mehr daran. Sie war ein junges fröhliches Mädchen, das gern spielte und zur Schule ging, wie alle anderen Kinder auch. Am Liebsten rannte Sadako. Sie war die schnellste Schülerin aus ihrer Klasse, verbrachte deswegen ihre meiste Freizeit mit dem Training und bei Wettkämpfen.

Einmal wurde ihr beim Training schwindelig. Sadako dachte es käme vom Laufen und versuchte das Gefühl zu vergessen. Doch es kam immer wieder, meistens dann wenn sie rannte. Eines Tages, nachdem sie vor dem Unterricht eine Runde um den Schulhof gelaufen war, kam der Schwindel wieder. Aber dieses Mal so stark, dass sie einfach umfiel und liegen blieb. Alle bekamen es mit. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, damit sie untersucht werden konnte. Das Ergebnis war Leukämie.

Sadako musste im Krankenhaus bleiben, was sie sehr traurig machte.

Kurz danach kam Chizuko zu Besuch ins Krankenhaus. Sie war Sadakos beste Freundin. Chizuko brachte Origami-Papier mit und zeigte ihrer kranken Freundin, wie man einen Papierkranich faltet und erzählte ihr dazu eine japanische Legende. Ein Kranich kann, der Legende nach, tausend Jahre alt werden. Wenn nun ein kranker Mensch tausend Papierkraniche faltet, so heißt es, wird er wieder gesund.

Sadako machte sich sofort an die Arbeit. Sie faltete, wann immer sie Kraft dazu hatte. Manchmal ging es ihr sehr schlecht oder sie hatte Angst. Auch in diesen Momenten faltete sie. Das Falten und die Papierkraniche, schienen ihr Kraft zu geben.

Oft besuchten sie Freunde und Verwandte im Krankenhaus, halfen ihr beim Falten und sprachen ihr Mut zu. Nachdem sie fünfhundert Kraniche fertig hatte, schien es ihr wirklich besser zu gehen. Sadako versuchte ganz fest an die Legende zu glauben und arbeitete weiter. Sie konnte sogar für eine Weile wieder nach Hause. Doch schnell musste sie wieder zurück ins Krankenhaus.

Tatsächlich hatte sie bald tausend Kraniche gefaltet. Doch das Falten schien ihrem Körper nicht zu helfen. Sie fühlte sich immer schlechter und wurde immer kränker. Sadako hätte wütend sein können, doch sie versuchte fröhlich zu sein, um ihren Freunden und Verwandten ein besseres Gefühl zu geben.

Der Glaube an die Legende und die Unterstützung ihrer Familie gaben ihr Mut und Kraft die nächsten tausend zu beginnen. Weiter versuchte Sadako fröhlich zu sein, die Schmerzen, die ihr ihre Krankheit machten zu verdrängen. Sie schaffte es noch fünfhundert Kraniche fertig zu falten.

Sadako starb am 25. Oktober 1955. Sie schlief friedlich ein, umgeben von ihrer Familie.

Dies ist jedoch nicht das Ende der Geschichte. Viele Menschen in Hiroshima trauerten nun um Sadako und andere Kinder, die an der Atombombenkrankheit gestorben sind und noch immer starben. Viele hatten Angst selbst zu erkranken oder einen geliebten Menschen zu verlieren. Sadako war ja voller Kraft und Mut gewesen, dass niemand wusste wer als nächstes erkranken würde oder wie man sich davor schützen könnte.

Sadakos Mitschüler trauerten sehr um ihre Freundin und beschlossen etwas für sie zu tun. Sie begannen Spenden zu sammeln und baten jeden, der ihnen begegnete um eine Gabe von 20 Yen (ungefähr 7 Cent), womit sie für Sadako ein Denkmal errichten wollten.

Ungefähr zur gleichen Zeit fand ein Treffen aller Schulleiter aus Japan statt. Obwohl die Kinder nicht zu diesem Treffen gehen durften, kamen sie trotzdem. Sie schrieben und malten Plakate, hielte sie hoch in die Luft und forderten auch die Schulleiter um Spenden auf.

Die Schulleiter kehrten an ihre Schulen zurück und berichteten ihren Schülern von der Aktion, die ganz schön für Aufsehen gesorgt hatte. Daraufhin spendeten insgesamt 3100 Schulen aus Japan und neun anderen Ländern Geld für Sadakos Denkmal.

Am 5. Mai 1958, fast drei Jahre nach Sadakos Tod, konnte das Denkmal errichtet werden. Es steht im Friedenspark mitten in Hiroshima, genau dort wo damals die Atombombe niederging. Es ist das „Kinder-Friedens-Denkmal“.

Die Kinder beschlossen als Freunde zusammen zu bleiben. Berührt von dem Schicksal des kleinen Mädchens aus Hiroshima gründeten sie einen Club, der bis heute noch besteht. Den „Club der Papierkraniche“ („Thousand Crane Club“). Die Mitglieder des Clubs kümmern sich um Sadakos Denkmal. Immer wieder falten sie Kraniche, fädeln sie an Bündchen auf und ziehen sie zu Ketten zusammen. Leukämie,

Diese Ketten hängen sie über das Denkmal, schicken sie Atombombenopfern oder anderen kranken Menschen zur Ermutigung. Außerdem senden sie Papierkraniche an Weltpolitiker, um ihnen zu zeigen, dass Kinder auf der ganzen Welt Atombomben und Kriege verurteilen.

Kommen Politiker oder Friedenskämpfer nach Hiroshima, werden sie von Mitgliedern des Clubs begrüßt. Ihnen werden Ketten von Kranichen um den Hals gehangen, zur Begrüßung und Erinnerung an Hiroshimas Geschichte.

Die Kraniche mahnen jeden, alles für den Frieden zu tun, an ihn zu glauben und für ihn zu kämpfen. Doch was die Kraniche, was Sadako, die Atombombe und Hiroshima wirklich bedeuten, wird am besten durch die Worte, die auf dem Granitsockel des Kinder-Friedens-Denkmals eingraviert sind ausgedrückt:

Dies ist unser Ruf

Dies ist unser Gebet

Frieden zu schaffen in dieser Welt.

 

Das Hauptstichwort des Spruches aus Jesaja, der auch bei Micha überliefert ist, ist für mich der Ausdruck “Schwerter zu Pflugscharen”. Dafür steht für mich auch die Geschichte von Hiroshima und den Papierkranichen. „Schwerter zu Pflugscharen“ wurde zum Motto der Friedensbewegung in der DDR. Es gab einen Aufnäher, der bei uns im Westen als Aufkleber populär wurde. Er zeigte einen Schmied, der einen Pflug aus einem Schwert schmiedet. Die Figur gehört zu einem Mahnmal vor dem UNO-Gebäude in New York, das einmal von der Sowjetunion gespendet worden ist. Eine Kopie dieser Figur steht in Moskau.

„Schwerter zu Pflugscharen“ – es muss etwas geben, das den Wunsch nach Gewalt und Krieg, der aus dem Hass der Menschen entstammt, in eine andere Richtung lenkt. Für uns ist die Kraft der Glaube an den lebendigen Gott, der sich in dem Wort der Verheißung ausdrückt:

„Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Ohne diesen letzten Satz wäre dieser Text für mich ein reines Symbol. Aber ganeuso wie die Aufschrift auf dem Denkmal für Sadako wird in diesem Text aus dem Wunsch, Schwerter zu Pflugscharen zu machen, eine Aktion gegen den Krieg. Die Menschen müssen aufhören, den Krieg zu lernen. Ich war deshalb überglücklich, dass in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht am 15.12.2010 ausgesetzt wurde. Die Armee ist nötig, aber es ist im Sinn der Bibel, dass nicht alle Menschen gezwungen werden, das Kriegshandwerk zu lernen.

Stattdessen werden wir aufgefordert, den Frieden zu schaffen, für Frieden zu sorgen. Dabei stehen wir Menschen uns selbst immer wieder im Weg. Ich meine: Um den Frieden wirklich zu schaffen, brauchen wir Gott.

In Jerusalem, auf dem Berg Zion ist Gott zu Hause. Mit Zion ist immer von Gott die Rede: Dort ist des Herrn Haus. Der Tempel, das Haus Gottes steht auf dem Berg des Herrn, des Gottes Jakobs. Von dort wird das Wort Gottes und seine Weisung ausgehen. Aus diesem Wort empfangen die Gläubigen, die hier angesprochen sind, das Licht des Herrn.

Lesen wir dies noch einmal aus der Sicht der Gläubigen, dann heißt es: Ihr findet Gott im Haus des Tempels. Der Tempel ist auf dem Berg Gottes, an einer heiligen Stätte. Dort wird Gott angebetet und Gott ist gegenwärtig.

Doch seine Gegenwart ist kein pures Geheimnis, sondern erklärt sich in seinem Wort, in der Verkündigung der Bibel. Diese Worte ernst zu nehmen und zu glauben, bedeutet, das Licht des Herrn zu empfangen und mit hineinzunehmen in das eigene Leben und dort im Licht Gottes zu wandeln.

Der Friede auf dieser Welt wird also von Gott kommen, oder er kommt eben nicht. Von Gott empfangen dann alle Völker, die das Wort des Herrn kennen die Wahrheit ihres Lebens. Sie können anders miteinander umgehen, als es ihnen die Triebe des Hasses und Gewalt eingeben. Sie können über ihre Leben nachdenken und herausfinden, dass im Frieden und der umfassenden Liebe das Ziel des Lebens liegt, wenn die Erde nicht im Gemetzel der Todesschwadronen untergehen soll. Und dort wo Gottes Wort Einfluss hat und wo das Licht seiner Liebe scheint, geschieht ein Wunder: Menschen vollbringen es selbst. Sie werfen ihre Waffen weg.

Und  er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen…

Wir müssen den Kern dieser Botschaft herausfinden. Sind es die Gebote, die immer wieder gebrochen werden? Ist es die Botschaft der Nächsten- und Gottesliebe Jesu? Können wir mehr von der Botschaft der Gnade Gottes erfahren, die uns Paulus überliefert hat? Sind nicht all dies auch religiöse Antworten, die immer wieder so oder so ausgelegt und verdreht werden können. Menschenworte können wir nicht glauben, auch wenn es religiöse Worte sind.

Die Kreuzigung Jesu ist das Zeichen, das den Krieg in dieser Welt aufgedeckt und so im Ansatz  beendet hat. Da ist es aufgeleuchtet, aber unter seinem Gegenteil: Gott macht sich klein und geht in unsere Welt ein. Gott wird Mensch und ist nicht mehr dieser gewaltsamen Welt fern.

Doch zum Glauben muss nun noch der Wille kommen, den Frieden Gottes auch zu verwirklichen.

Wir müssen nun also im Namen Jesu nicht anderes tun, als immer wieder den Weg zu Gott selbst suchen. Vier mal drückt der Text seine Angebote so aus, dass er sagt: Das Haus des Herrn, der Berg des Herrn, das Wort des Herrn und das Licht des Herrn.

Der lebendige Gott lässt auch den Unfrieden zu. Für mich scheint klar, dass nur in der eigenen Begegnung mit Gott Frieden entstehen kann. Gott begegnet uns in der Gemeinschaft, auf dem Weg, im Hören und im Sehen des Gutes, aber nicht die Menschen sind es, sondern die Kraft Gottes selbst.

Es geht nicht um den Frieden, der durch die Gebote entsteht, nicht um den Rechtsfrieden, obwohl auch der mitgemeint ist. Es geht um den Frieden, den Gott selbst in diese Welt bringt.

Jesaja selbst hat ein kleines Beispiel dieses großen Weltfriedens erlebt, als Feindschaft zu Ende ging und Israel neu entstehen konnte, ja als sogar die Nachbarländer ohne Rache und Hass zur Einweihung des Tempels gekommen sind.

Er sagt: Was im Kleinen möglich ist, wird auch im Großen geschehen können, wenn wir Gott selbst machen lassen, wenn wir uns von Gottes Frieden anstecken lassen.

Und dann werden die Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Amen.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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