Nietzsches boshafte Heiterkeit, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2017

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Andreas Urs Sommer: Nietzsche und die Folgen, J.B.Metzler Verlag, 208 Seiten, ISBN 978-3-476-02654-5, Preis: 16,95 Euro

Andreas Urs Sommer ist seit 2016 Professor für Philosophie in Freiburg, und war vorher in Zürich tätig. Von 2008 bis 2014 war er wissenschaftlicher Kommentator der Werke Nietzsches. Er hat neben drei großen Kommentaren einige Bücher zu philosophischen Themen herausgegeben, wie „Werte“ (2016), „Seelenruhe“ (2009), „Zweifel“ (2005) und „Die Lust, selber zu denken“ (2002).

Ein Wort, das man über das Werk Nietzsches stellen kann, ist „Hinterfragen“. Es ist eine Wortschöpfung Friedrich Nietzsches selbst, erschienen im Buch „Morgenröthe“: „Hinterfragen. – Bei allem, was ein Mensch sichtbar werden lässt, kann man fragen: was soll es verbergen? …“ (S.69) Das hier vorgelegte Buch über Nietzsche legt vom Titel her den Schwerpunkt auf die Folgen, also auf Nietzsches Wirkungsgeschichte im 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dass es in den Beschreibungen zwischen des Begriffen „Ernst“ und „Heiterkeit“ variiert, geht schon aus den Kapitelüberschriften hervor. Ein Widerspruch, der dabei auffällt, ist, dass die Vereinheitlichung der diversen Gedanken und schriftlichen Anstöße Nietzsches z. B. 1933 durch Bäumler zur Würdigung Nietzsches als „Denker“ führte. Doch dass, wie auch schon bei Karl Marx, Sören Kierkegaard, Ludwig Feuerbach und andere, seine Haupttätigkeit schriftstellerisch war (d. Rez.), passt nicht so recht zu solcher Bündelung der Themen Nietzsches, die letztlich sogar einer Fälschung auf den Leim geht, dem aus dem Nachlass von Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche epilierten Werk „Der Wille zur Macht“. An einer Stelle greift Andreas Urs Sommer diese schillernde Beurteilung auf, indem er den Fernsehmoderator und Journalist Harald Schmidt als „Großen Philosophen“ bezeichnet. Die Auswirkung Nietzsches auf Kunst und Literatur steht jedenfalls hier nicht umsonst vor der Philosophie.

Nietzsches Bonus ist seine breit aufgestellte Bildung. Richard Wagner hat ihn gefördert, als er (?) in Luzern im Badeort Tribschen wohnte. Nietzsche erhielt eine Professorenstelle in Basel in klassischer Philologie. Nietzsche selbst neigt aber schon in dieser Zeit zur Philosophie, bis er krankheitsbedingt in den frühen Ruhestand entlassen wurde.

Nietzsches Werke zeigen Kenntnisse umfassender Lektüre, sind thematisch abwechselnde Kurztexte, keine fortlaufen argumentierenden Texte, Denkanstöße, die er Aphorismen nennt. Diese Texte „entlassen die Leser ins offene, Unbegangene, wo sie ihren eigenen Weg finden müssen.“ (S. 34). Ein Opernbesuch in Genua, bei dem er „Carmen“ von Bizet erlebt, lässt ihn zu Wagners Musik Abstand nehmen. Nietzsche thematisiert dieses Erlebnis später in einem kleinen Buch, „Der Fall Wagner“, das einzige Buch, das er zu Lebzeiten gut verkauft hat.

Das Buch, das Nietzsche bis in den 1. Weltkrieg hinein posthum bekanntgemacht hat, war „Also sprach Zarathustra“. Ein Zitat von Andreas Urs Sommer soll dies illustrieren: „Was von Also sprach Zarathustra bleibt, egal, ob man das Buch prophetisch oder ironisch fasst, ist das große, mythisch drapierte Ja-Sagen. Unentwegt polemisiert Nietzsche gegen die "Hinterweltler", die das Ziel und den Zweck des Daseins hinter diese Welt, in ein Jenseits verlagern. Es gebe keine andere Welt hinter dieser Welt. Verdient es diese einzige uns gegebene Welt womöglich nicht nur zu sein, sondern sogar, in ihrem Sein ewig wiederzukehren? Ein solcher Akt der Bejahung wäre schwerlich zu überbieten. Zu hoffen bleibt, dass Heiterkeit aus ihm erwächst.“ (S. 61) Wichtig ist es aber, so Sommer, die Hauptfigur „Zarathustra“ nicht mit der Person des Autors Nietzsche zu verwechseln, obwohl die Theoriefigur der „Wiederkehr des Gleichen“ durchaus als eine Gestalt seines Nihilismus gesehen werden kann. Jedoch werden Nietzsches Religions- und Theoriekritik zu seinen Lebzeiten nicht durch ein Theoriegebäude ergänzt.

Die Folge dieser Diversität war in der Zukunft allerdings nach dem Tod bzw. schon während der irreparablen Erkrankung, dass sich aus dem Werk Nietzsches jeder nach Belieben bedienen konnte, bis hin zu Hitlers Chef-Philosophen. Mich stört dabei schon, dass Nietzsches kritische Haltung durch weltanschauliche Vorgaben aufgelöst werden konnte.

Mir scheint, dass die hier aufgezeigten Konsequenzen Nietzsches für Kunst und Literatur bedeutender waren als die für die Philosophie, wobei allerdings erst nach dem Fall der Mauer die wissenschaftliche Bearbeitung des Nachlasses und der Bibliothek Nietzsches möglich geworden sind.

Ein Beispiel unter etlichen, die Andreas Urs Sommer auswählt, ist die Darstellung der Figuren des „Tonsetzers Adrian Leverkühn“, der, wie Nietzsche selbst, die letzten zehn Lebensjahre in geistiger Umnachtung verbringen musste. Dem zur Seite steht im Roman „Doktor Faustus“ von Thomas Mann der Ich-Erzähler „Serenus Zeitblom“, ein in die innere Emigration gegangener Gymnasiallehrer. (Vgl. S. 178). Diesem Figurenpaar ist bis in wichtige Details hinein die Freundschaft Nietzsches zu dem Theologieprofessor Franz Overbeck auf den Leib geschrieben.

War es etwa die „boshafte Heiterkeit“, die Friedrich Nietzsche schon als junger Philologe bei den antiken griechischen Tragödiendichtern entdeckt haben mag? Der „Tod des alten Gottes“ ist hingegen kein Widerspruch gegen solche Heiterkeit. Nietzsche schreibt, so Andreas Urs Sommer, in seinem Gedichtzyklus der „Dionysos Dithyramben“ unter dem Titel „Die Sonne sinkt“: „Heiterkeit, güldene, komm, du des Todes heimlichster, süssester Vorgenuss!“ (Vgl. S. 184)

Eine der Fragen, die wohl auch offenbleiben müssen, ist, inwieweit Nietzsches Schriftstellerei und Philosophie als Kampf gegen eine lebenslange neurologische Erkrankung zu sehen ist, die nicht zufällig zuletzt zum Zusammenbruch führte. Leider ist die genaue Diagnose bis heute im Dunkeln, da wichtige Untersuchungsergebnisse verlorengegangen sind. So bleibt neben der boshaften Heiterkeit der Gestus des Hinterfragens als Nietzsches philosophische Leistung, und dazu sicherlich auch das Selbstverständnis als eines Psychologen, der nicht zuletzt auch auf Freud einen nachhaltigen Eindruck gemacht hat.

Andreas Urs Nietzsches Buch lässt viele Fragen offen oder stellt sie neu, womit er den Impuls Nietzsches auf den Punkt gebracht hat. Vielleicht ist Philosophie nach Nietzsche nicht mehr als eine Frage an die Welt.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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