Ethik der Wissenschaft, Rezension, Christoph und Niklas Fleischer, Welver, Dortmund 2017

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Zu: Lars Jaeger: Supermacht Wissenschaft, Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2017, 413 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-579-08682-8, Preis: 22,99 Euro

Dr. Lars Jaeger (geb. 1969) hat zwar Physik, Mathematik und Philosophie studiert, arbeitet aber inzwischen als Finanzberater in der Nähe von Zürich. Daneben ist er freier Autor und bloggt über Wissenschaftsthemen (larsjaeger.ch).

In seinem neuen Buch „Supermacht Wissenschaft“ versucht der Autor einen Überblick über Zukunftsthemen aus Informatik, Medizin, Wirtschaftswissenschaft und anderen wissenschaftlichen Themengebieten zu geben, die allesamt das Potential haben die menschliche Existenz nachhaltig zu verändern. Hierbei stellt der Autor nicht nur aktuell (bereits absehbare) Entwicklungen vor, sondern versucht auch, diese Einzuordnen, mögliche Folgen aufzuzeigen und denkbare Lösungen für mögliche Konsequenzen aufzuzeigen.

 

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert, die sich wiederum in einzelne Kapitel unterteilen. Im ersten Kapitel des Buches zeigt Herr Dr. Jaeger vierzehn entscheidende Zukunftstechnologien auf, die jeweils kurz besprochen werden. Hierbei werden Entwicklungen wie Quantenphysik, Nanotechnologie oder andere aufkommende Entwicklungen wie die künstliche Intelligenz kurz und schlüssig dargestellt. Im weiteren Verlauf des ersten und zweiten Abschnittes wirft der Autor einen detaillierteren Blick auf die Folgen, die sich aus den Schlüsseltechnologien ergeben und gibt hierbei einen umfangreichen Überblick über Themen wie Big Data, die Folgen der Gentechnologie – oder auch auf die möglichen und absehbaren ökonomischen Folgen der weiteren Technologischen Entwicklung. Zuletzt versucht der Autor im letzten Abschnitt des Buches Wege aufzuzeigen, wie den im Buch dargestellten – und wahrscheinlich nicht mehr aufzuhaltenden – Entwicklungen begegnet werden kann, um mögliche negative Folgen der dargestellten Entwicklungen zu verhindern, oder zu mindestens abzufedern. Zuviel soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden.

 

Ich zitiere einige Sätze, mit denen Lars Jaeger im Interview die Zielrichtung des Buches erläutert (Presseinformation buchcontact.de):

Er spricht davon, dass die beschriebenen Schlüsseltechnologien „Türen in bisher unvorstellbaren Möglichkeitsräumen öffnen“. Das Ziel des Buches ist laut Lars Jaeger: „Das Buch will hier einen Beitrag leisten, die Diskussion um die Gestaltung unserer technologischen Zukunft in der breiten Gesellschaft zu verankern.“ Der Titel stellt aber auch die Frage nach der Macht und ihrer Kontrolle: „Neue Technologien waren schon immer mit Ambivalenzen verbunden.“ Besonders interessant ist darum, auch auf das Tempo zu schauen, in dem Im Moment immer neue technologische Entwicklungen vorgestellt werden. Zum Schluss des Interviews stellt Lars Jaeger daher die Frage nach den Werten: „Wichtig ist aber, dass wir überhaupt Werten folgen, diese Werte reflektieren und in einen wenn nötig interkulturellen Diskurs stellen.“ Daher empfiehlt er im Interview allen Lesern, sich das Manifest am Ende des Buches anzusehen. Es geht um eine kontinuierliche gesellschaftliche Kontrolle, spirituelle Erfahrungen zu Bildung eines Einheitsgefühls, kognitive und kommunikative Klarheit und Konsequenz im Wirtschafts- und Sozialsystem.

 

Letztendlich gelingt es dem Autor mit „Supermacht Wissenschaft“ einen guten Gesamtüberblick über die technischen Entwicklungen des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts zu geben in diese Entwicklungen in einen Kontext und Zusammenhang zu bringen.

Die technische Entwicklung – auch wenn einzelne Themenkomplexe vielleicht nur von Experten in den jeweiligen Gebieten gänzlich verstanden werden – geht uns alle etwas an.

Die dargestellten Schlüsseltechnologien bieten nicht nur die Möglichkeit das Leben der Menschen zu verbessern (was in den letzten Jahrhunderten bei den meisten technologischen Erfindungen der Fall war) sondern haben möglicherweise auch nicht- oder schwer kontrollierbare – und möglicherweise nicht wünschenswerte Auswirkungen auf unser aller Leben – und vor allem das Leben nachfolgender Generationen. Dieser Situation müssen wir aktiv Begegnen und dürfen die Folgen nicht alleine dem Zufall überlassen.

 

Vergleichen kann man die vom Autor vorgestellten Zukunftstechnologien vielleicht am besten mit einer Schlüsseltechnologie der vergangenen 70 Jahre: Der Kernphysik. Diese hat die technologische Entwicklung durch die erzielbaren Energiemengen sicherlich beflügelt, gleichzeitig aber auch dazu geführt, dass einzelne Nationen (bzw. leitende Politiker dieser Nationen) die Fähigkeit gewonnen haben, mit einem Fingerstreich ganze Nationen auszulöschen, oder gar die Gesamte Menschheit. Andere Folgen, wie nukleare Verseuchungen oder Probleme mit diesen umzugehen, dürften wohlbekannt sein.

 

Ich schließe die Buchvorstellung mit einem persönlichen Fazit zu den im Buch dargestellten Entwicklungen:

 

Ich denke, dass wir die rasanten Erfolge der Wissenschaft in den letzten Jahren hauptsächlich der Informatik verdanken, oder sollte man sagen: der künstlichen Intelligenz, die gesetzte Aufgaben eigenständig weiterführt. Es ist vorher einfach nicht möglich gewesen, in kurzer Zeit so viele Informationen zu bewegen wie heute. Es ist einfach verblüffend, was auf der Ebene von 14 ausgewählten Schlüsselgebieten inzwischen möglich ist – und zukünftig noch möglich sein wird.

 

So ist es inzwischen tatsächlich möglich, die genetische Information der Zellen nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu verändern. Hier ist beispielsweise von aktuellen Chancen der Heilung von Krebs die Rede. Dem menschlichen Körper werden Zellen entnommen, weiße Blutkörperchen, Lymphozyten, die im Labor mit einem neuen Gen infiziert werden. Wenn diese dann dem erkrankten Menschen wieder zugeführt werden, werden dort die Krebszellen durch Vorordnung der Zellinformation überschrieben.

Die Fortschritte der Medizin liegen sicherlich nicht in einer Zauberformel, die jede Krankheit besiegt, sondern darin, ein passendes Verfahren für jeden einzelnen Patienten oder eine Patientin zu entwickeln. Angewandt auf die Frage der Vererbung und Bionik stellen sich jedoch sogleich die Fragen der Selektion oder gar der Programmierung menschlichen Lebens.

 

Letztlich wird die Wissenschaft selbst in der Lage sein müssen, eine eigene Ethik zu entwickeln und zu begründen. Diese wird folgende Fragen bearbeiten müssen:

„Wie entsteht die Welt und was hält sie zusammen? Woraus besteht alles? Woher kommt das Leben? Was ist der Mensch? Wie lässt sich unser Geist verstehen? Was bedeutet unser Tod?“ (S. 58)

 

An dieser Stelle ist auch in diesem so wissenschaftlich technisch angelegten Buch von Spiritualität die Rede.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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