Durch Fortschritt zur Katastrophe, Rezension, Christoph Fleischer 2017

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Gunnar Hindrichs (Hrsg.): Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Klassiker Auslegen, Herausgegeben von Otfried Höffe, Band 63, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2017, Softcover, 213 Seiten, ISBN: 978-3-11-044879-5, Preis (print): 24,95 Euro

Das Inhaltsverzeichnis dieses Arbeitsbuchs zur „Dialektik der Aufklärung“ gliedert sich grundsätzlich in zwei Teile. Der erste Teil beinhaltet sechs Aufsätze zu den einzelnen Kapiteln des zu bearbeitenden Buches von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (Birgit Sandkeulen, Marc Nicolas Sommer, Julia Christ, Gunnar Hindrichs, Eva-Maria Ziege, Gérard Raulet). In der zweiten Abteilung werden die Inhalte des Buches „Dialektik der Aufklärung“ in Beziehung gesetzt zu Personen der Philosophiegeschichte: Kant (Brian O’Connor), Hegel (Guido Kreis), Nietzsche (Martin Saar), Freud (Emil Angehrn). Der elfte Aufsatz von Hauke Brunkhorst fragt nach der Relevanz des Themas nach siebzig Jahren, worauf abschließend eine Auswahlbiografie folgt. Biographische Angaben der Autorinnen und Autoren und ein Namensregister runden das Angebot des Buches ab.

Der Herausgeber stellt in einer recht kurzen Einleitung die Thematik und die Relevanz vor. Der Fortschrittsglaube der Aufklärung muss als gescheitert bezeichnet werden. Das Scheitern der Aufklärung ist die Diagnose der Autoren Horkheimer und Adorno zu der Zeit, als der zweite Weltkrieg noch im vollen Gang war und die ersten Nachrichten vom Holocaust durchsickerten.

Trotzdem wird zusätzlich festgestellt, dass die Dialektik der Aufklärung auf dem Denken der Weltveränderung von Karl Marx beruht. Das ist insofern sinnvoll, da durch diese Kritik auch die Krisenhaftigkeit der Moderne interpretiert werden kann. Das philosophische Instrument stellen die Autoren und Autorinnen im Begriff des „Eingedenkens“ dar: „Das Eingedenken hebt ja die Geschichte der Selbstzerstörung ins Licht, um sie auf die Möglichkeit ihrer Öffnung zu lesen. So bleibt die Aufhebung der Klassenherrschaft im Hintergrund, ohne dass man sie zur Sprache bringen könne…“ (S. 3).

Der erste Artikel zum „Begriff der Aufklärung“ geht sofort auf den gerade beschriebenen Gedanken des Scheiterns ein. Die Metapher der Aufklärung lässt sich philosophiegeschichtlich im Rückgriff auf Platons Höhlengleichnis deuten. Die philosophische Lichteuphorie im Begriff „Aufklärung“ schlägt in der Abfolge der Entwicklung in ihr Gegenteil um. Durch „Zeichen triumphalen Unheils“ scheint die Menschheit in Barbarei zu versinken (Vgl. S. 5).

Die Aufklärung will die mythologische Dunkelheit erhellen und schlägt doch wieder in eine Form der Mythologie um. Es wird die Frage nach dem Sinn der Kritik gestellt. Bei Horkheimer/Adorno steht die Kritik der Aufklärung mit dem „Problem ihrer Darstellbarkeit“ in Verbindung.

Wenn das Ziel der Aufklärung die „Entzauberung der Welt“ ist (S. 7), stehen die instrumentelle Vernunft und die Naturbeherrschung im Vordergrund. Während eine Anknüpfung an Max Weber expliziert wird, ist von Descartes nicht die Rede. Es scheint zunächst, dass die Aufklärung die Vernunft auf „Rationalität“ reduziert. Hierbei ist von Hegel die Rede, der bereits den Charakter der instrumentellen Vernunft festgestellt hat.

Als ein Beispiel der möglichen Kritik an der Aufklärung gilt die Arbeit von Friedrich Nietzsche. Daher gehe ich exemplarisch auf den Artikel von Martin Saar ein: „Verkehrte Aufklärung. Die Spur Nietzsches“ (S. 151 – 164).

Der Name Friedrich Nietzsches kommt im Buch „Dialektik der Aufklärung“ recht oft vor (leider hat mein Exemplar von DdA kein Register, d. Rez.). Zusammenfassend stellt Martin Saar drei Ebenen der Rezeption Nietzsches bei Horkheimer/Adorno fest: 1. Kritikwürdigkeit der Aufklärung, 2. Das Problem der Selbstbehauptung, 3. Zustpitzung und Hyperbolik. Das Buch „Dialektik der Aufklärung“ zeigt die „wechselseitige Verstrickung von Wissen und Macht“ (S. 156). Im Faschismus wird der Zusammenhang von Wissen und Macht exemplarisch. Zusammenfassend heißt es: „In der Zurückweisung ‚totaler‘ Vernunft, im Hinweis auf die Verschränkung von Wissen und Macht, in der Einforderung des leiblichen, körpervermittelten und affektiven Dimension des Geistes und in der Bewertung der Vernünftigkeit der Moral treffen sich hier zwei Denkwege …“ (S. 188).

Allerdings kann Friedrich Nietzsche gerade angesichts seiner Wirkungsgeschichte von Horkheimer/Adorno nicht unwidersprochen bleiben. Nietzsche ist ein guter Diagnostiker, aber ein schlechter Therapeut. Unter Aufnahme eines Sprichworts heißt es, Nietzsche sei „eher ein Teil des Problems als der Lösung“. (S. 161).

Dieser Schluss ist bei Horkheimer/Adorno wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass Nietzsches Bedeutung gerade in der Kritik an ihm in seiner Wirkungsgeschichte liegt, die aus Fragmenten eine geschlossene Konzeption gemacht hat (d. Rez.).

Zum Schluss noch eine Anfrage an das Arbeitsbuch, das ansonsten wirklich solide ist: Warum gibt es in der Reihe der Aufsätze keinen Artikel zu Karl Marx, dessen Lehre doch grundlegend für Horkheimer/Adorno sein soll?

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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