Revolutionär Luther, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Heimo Schwilk: Luther, Der Zorn Gottes, Karl Blessing Verlag, München 2017, gebunden, 464 Seiten, ISBN: 978-3-89667-522-4, Preis: 24,99 Euro (print)

Heimo Schwilk hat sich mit der Herausgabe von Biografien einen Namen gemacht. Er war lange Zeit leitender Redakteur der Welt am Sonntag, hat sich aber auch im Jahr 2006 zum Doktor der Philosophie promovieren lassen.

Die Biografie zu Martin Luther ist mit einem ausführlichen Inhaltsverzeichnis versehen, das man sie auch als Kurzbiografie Martin Luthers lesen kann. Ein deutlicher Schwerpunkt liegt auf den Jahren vor 1520. Die Geschichte der reformatorischen Grundentscheidung und Auseinandersetzung hat Krimiqualität, weil ja das Leben des späteren „Ketzers“ Luther immer schon auf dem Spiel steht.

 

Für mich ist bei der Lektüre mehr als bisher deutlich geworden, dass Luther als Reformator von Anfang an kein Einzelkämpfer war. In diesem Buch ist der Anfang der Reformation deutlich in den Augustinerorden hineinversetzt worden. Auch, dass Luther die 95 Thesen an den Erzbischof Albrecht von Mainz, der zugleich Bischof von Brandenburg und Kurfürst war, war nicht als revolutionärer Akt gedacht, sondern als Konsequenz der vorherigen Diskussion. Die Resonanz auf die 95 Thesen und die sehr schnelle Verbreitung durch den Buchdruck wird durch eine überwältigende Resonanz angeheizt.

Die weiteren Disputationen zwischen 1517 und 1520 fördern allerdings den Konflikt, obwohl sie noch ganz nach den Regeln der rhetorischen Debatte verlaufen.

Doch damit tritt parallel zur Entwicklung im Orden die Politik auf die Bühne. Ein Zeichen dafür ist z. B., dass Luthers Verhör in Augsburg im Haus der Fugger stattfindet, nicht in Rom beim Papst. Schon zu dem Zeitpunkt hat der Papst nicht mehr die Macht, den Ketzer nach Rom zu zitieren.

Auch wenn diese turbulenten Jahre Luthers fast die Hälfte des Buches einnehmen, ist das Buch eine plausible, historisch begründete Biografie. Der Lebenskontext der Familie und die aufstrebende Wirtschaft am Rande des Harzes bleiben präsent.

Luthers reformatorisches Selbstbewusstsein zeigt sich in der Änderung seines Namens gerade in der Zeit vor den 95 Thesen. Der Name lautet nicht mehr Luder, sondern Luther, dem griechischen Wort eleutherios nachgebildet. Aus dem Sünder (Luder) wird der Befreite: „Er unterschreibt nach Art der Humanisten gräzisierend als ‚Martin Eleutherios‘, sieht in seiner Unterschrift einen symbolischen Akt, möchte damit einen neuen Abschnitt in seinem Leben einleiten. […] Er hat sich von allem befreit, was ihn fesselte, von der einschnürenden Autorität der Scholastik, von seinem falschen Gottesbegriff, der ihm den Weg zu Christus versperrte, vom Werkzeug und dem Ehrgeiz, es allen recht zu machen.“ (S. 135).

Die Revolution der damaligen spätmittelalterlichen Welt setzt an der Ebene der kirchlichen Machtverhältnisse und Hierarchien an, nutzt die neue Technik der Druckereien und wird durch gestärkten Selbstbewusstsein der Fürsten abgesichert. Die Biografie bleibt an der Person Luthers eng orientiert und endet mit den Worten seiner Freunde bei seinem Begräbnis. Ein kurzes Nachwort dient einer Würdigung des Reformators auch mit einem Blick auf die gegenwärtigen Fragen und Herausforderungen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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