Predigt über Markus 10, 17 – 27, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Die Predigt wird gehalten in Soest-Meiningsen, St. Matthias am 18. Sonntag nach Trinitatis

 

Übersetzung: Lutherbibel 2017:

17 Und als er hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

18 Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott.

19 Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.«

20 Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.

21 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!

22 Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.

23 Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!

24 Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen! 25 Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.

26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden?

27 Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

Foto: Niklas Fleischer (c) Am Phönixsee, Dortmund

Liebe Gemeinde,

 

die Jesuserzählungen der Evangelien sind keine biographischen Bausteine einer Lebensgeschichte Jesu, sondern sollen und können ganz für sich stehen. Sie zeigen als Episoden des Wirkens Jesu ganz praktisch die Beantwortung religiöser und lebenspraktischer Fragen. Dies gilt besonders dann, wenn ein Lehrgespräch durch eine Frage eines Schülers ausgelöst wird.

Die Ausgangsfrage ist dabei im Blick zu behalten. Auch wenn man dann im Folge auf einzelne Aspekte des Textes eingeht, sollte man es tun mit dem Rückblick auf diese Frage.

Diese Frage lautet: „Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe.“

Das Wirken Jesu steht im Zusammenhang mit Spannungen im Judentum, die zum Teil mit politischen Themen zu tun haben, zum Teil aber auch rein religiös zu bewerten sind. Da die Erzählung des Markusevangeliums von vornherein darauf angelegt ist, die Passionsgeschichte zu erklären, werden die Gegner Jesu letztlich als Mitverursacher der Kreuzigung erscheinen, was so historisch wahrscheinlich gar nicht richtig ist. Eine dieser Gegnergruppe sind die Pharisäer, aus denen später im Judentum die leitenden Rabbiner hervorgegangen sind. Für uns ist es üblich, die Pharisäer als Vertreter des Gesetzes anzusehen, und Jesus als Vertreter des Evangeliums. Damit könnte man diese Frage an Jesus in etwa so deuten: Was muss ich beachten, um auf meinem Lebensweg alles richtig zu machen? Im Laufe der Zeit sind zum normalen Gesetz noch viele Bestimmungen hinzugekommen, wie die Beachtung von Rein und Unrein im Alltag, eine Regel, die eigentlich nur für Priester galt oder im Bereich von Krankheit und Gesundheit zu beachten war.

Die Gebote selbst werden von Jesus überhaupt nicht in Frage gestellt, ja im Gegenteil, er antwortet auf die Frage, nach einem Vorgespräch auf das ich zurückkommen werde: „Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.«“

Die Frage des Mannes, der zu Jesus gekommen ist, ist auf der Ebene dieses Gesprächs geklärt. Das Halten der Gebote ist der Weg zum ewigen Leben, nicht mehr und nicht weniger. Dazu muss man kein Gesetzbuch auswendig können und selbst das Glaubensbekenntnis ist auch nicht nötig. Jesus redet vom Alltag.

Das Zwischengespräch ist auch schon eine zweite Antwort auf diese Frage. Es geht um die Unterscheidung von Gut und Böse. Die Frage nach dem ewigen Leben impliziert, dass man so gut wie möglich sein will, um das ewige Leben, ein Leben bei Gott nach dem Tod zu erreichen.

Der Mann hatte Jesus mit „Guter Meister“ angeredet, was Jesus schon geärgert hat. Jesus entgegnete zuerst: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott.“ Auch wenn sich das an der Anrede orientiert, ist doch auch der zweite Teil mit angesprochen. Das Ziel, die Vollkommene Güte zu erreichen, ist weder für Jesus noch für den Frager selbst unangemessen. Das ewige Leben ist keine Sparkasse, in der das Guthaben ausgezahlt wird, was wir im Leben durch unsere guten Taten angehäuft haben. Ein Problem ist vielleicht, dass Jesus ein wenig später doch von einem Schatz im Himmel spricht, aber das kann nicht im Sinn einer himmlischen Belohnung gemeint sein.

Das Gespräch mit Jesus ist zu Ende, jedenfalls, wenn man von der Einstiegsfrage ausgeht:

„Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Doch es kommt nun keinesfalls sofort zum Abschied.

Jesus eröffnet das Gespräch erneut, indem er den Mann zur Nachfolge in den Jüngerkreis einlädt: „Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: ‚Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!’ “

Damit könnte zunächst auch die Beobachtung gemeint sein, dass hinter seiner Frage ein echtes Interesse steht. Manchmal kommt es nach dem Zeugnis der Evangelien in der Tat zu Fragen, die Jesus irgendwie testen oder auf die Probe stellen wollen. Doch hinter der Frage des Mannes steckt mehr. Das zeigt vielleicht auch die Szene. Die Geschichte beginnt mit den Worten: „Als er hinausging auf den Weg, lief einer vorbei, kniete vor ihm nieder und sprach: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“

Vorher hatte Jesus vielleicht in einem Haus oder in einer Versammlung gepredigt. Der Evangelist stellt die Szene direkt nach der Episode von der Kindersegnung, in der es zum Schluss heißt: Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,15)

Es geht also gar nicht um eine besondere Naivität oder einen schlichten, kindlichen Glauben, sondern es geht darum, noch einmal Kind zu sein, alles auf Anfang zu stellen, von vorn anzufangen, und zwar mit nichts. „‚Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!’“

Der Mann, der zu Jesus gekommen war, wollte ihn zwar als sein Vorbild ansehen und von ihm lernen, aber er wollte sein Leben nicht total ändern. Er hatte nicht vor, komplett neu anzufangen, sondern er wollte sein Leben der biblischen Botschaft anpassen. Jetzt geht er traurig weg, denn er hatte viele Güter, so heißt es. Nicht sein Besitz hatte den Schritt in die Nachfolge verhindert, sondern seine fehlende Bereitschaft, den Besitz den Armen zu geben. Man kann es sich vielleicht auch dadurch erklären, dass dies von Jesus jetzt noch zusätzlich angesprochen worden ist und ein Schritt in die Nachfolge, eine Bewerbung in den Jüngerkreis nicht beabsichtigt war. Man kann die Geschichte dann auch als Beleg dafür ansehen, dass Jesus auch bewusst Menschen in die Nachfolge gerufen hat, mit denen er ins Gespräch gekommen ist. Ich bin sicher, dass sich die Zahl der Jüngerinnen und Jünger nicht auf die ursprünglich Zwölf beschränkt hat. Über die Frage, wem genau das Almosen zur Verfügung gestellt werden sollte, will ich jetzt gar nicht nachdenken, sondern noch den Rest des Textes bedenken, der sich mit dem Verhältnis des Reichtums zum Glauben beschäftigt.

Sicher ist, dass Jesus den Kontakt zu reichen Menschen nicht grundsätzlich zurückgewiesen hat. In der Apostelgeschichte heißt es, die Urgemeinde hätte den Besitz gemeinsam gehabt. Es dann doch anzunehmen, dass diese Besitzgemeinschaft schon auf Jesus selbst zurückgegangen ist. Es geht nicht um Reichtum an sich, sondern darum, den Reichtum nicht für sich zu behalten. Er soll den Armen und Bedürftigen abgegeben werden.

Jesus sagte nun zu den Jüngern: „Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“

Mir fällt auf, dass der Ausdruck „ewiges Leben“ nun ersetzt wird durch „in das Reich Gottes kommen“. Ich denke, dass der Begriff Reich Gottes ursprünglich nicht auf das Leben nach dem Tod bezogen worden ist. Ich verstehe unter Reich Gottes die vollständige Veränderung der irdischen Verhältnisse nach den Kriterien Frieden und Gerechtigkeit. So ähnlich wird das auch in der Offenbarung beim neuen Jerusalem geschildert, das aus dem Himmel herabgekommen ist. Hier sind Frieden und Gerechtigkeit komplett verwirklicht.

Das Reich Gottes müsste auch gar nicht erst im Jenseits beginnen, sondern es sollte zu jeder Zeit hier und heute beginnen. Die eigentliche Botschaft Jesu ist nicht die vom Leben nach dem Tod, denn diese Botschaft gab es bereits bei den Pharisäern. Nur die Sadduzäer leugneten die Auferstehung der Toten.

Ich denke, es muss damit gerechnet werden, dass Jesus die Frage nach dem ewigen Leben bewusst in die Frage nach dem Reich Gottes ändert. Er musste diese Fragerichtung ändern, weil die Frage nach den Voraussetzungen des ewigen Lebens vielleicht doch die Frage danach ist, was wir für Zensuren für das Leben bekommen? Jesus lehnt in meinen Augen eine Belohnungstheologie ganz ab, weder eine die durch Werke erworben wird noch eine, für die an die Gnade glauben muss.

Jesus hat sich ja gefragt, ob er diesen sehr interessierten Menschen in den Jüngerkreis einladen kann und stellt dann fest, dass der Reichtum ein Hinderungsgrund ist. Ich meine, dass es eine Engführung ist. Der Schluss ist ja dann noch einmal überraschend. Jesus nimmt nämlich diese radikale Aussage ein wenig wieder zurück, indem er die Antwort darauf, wer in das Reich Gottes einziehen kann, auf Gott selbst verlegt.

Zunächst wird Reichtum als absolutes Hindernis bezeichnet, was durch das Bild von Kamel und Nadelöhr unterstrichen wird. Zum Schluss überlässt er hingegen Gott die Entscheidung, ob es für die Reichen noch eine zweite Chance gibt bzw. er deutet diese Möglichkeit an.

Vorläufig gilt also für die Jesusbewegung: Wer mit auf das Reich Gottes warten will, muss sein Vermögen der Gemeinschaft zur Verfügung stellen.

Ich persönlich habe jetzt eigentlich erst neu entdeckt, dass die Aussage davon, dass das Reich Gottes den Kindern gehört, dem freiwilligen Verzicht auf Besitz gleichgesetzt werden kann. Jesus verkündet einen Weg innerhalb des Judentumes, den Beginn des Messiasreichs auf dieser Erde.

Die Frage ist jetzt für uns, wie Jesu Kreuz und Auferstehung zu deuten ist. Ist mit dem Auferstandenen das Gottesreich angefangen, dann stellt sich die Frage nach dem Reichtum wieder ganz neu. Dann wäre eher der Schluss ausschlaggebend, dass die Entscheidung gar nicht bei den Menschen, sondern bei Gott liegt.

Heißt es aber, dass auch wir noch auf das Reich Gottes warten, dass die Auferstehung nur ein Vorgeschmack ist und sich die Jesusbewegung in die Kirche hinein fortsetzt, dann wäre die Rolle des Reichtums und des Besitzes in der Kirche ganz überdenken. Liegt der Reichtum der Kirche in den Gebäuden und in den Institutionen, in der Höhe der Kirchensteuer und den staatlichen Zuschüssen, oder liegt der Reichtum der Kirche gar nicht im Materiellen, sondern in der Gegenwart des göttlichen Geistes? Anders gefragt: Wollen wir eine reiche oder eine bewusst arme Kirche sein?

Diese Frage bleibt heute zunächst unbeantwortet. Gesprächsstoff hat es dazu genug gegeben.

Doch ein Satz zum Schluss trotzdem. Martin Luther sagt in der 62. These von den bekannten 95 Thesen: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ (Quelle: http://www.luther.de/leben/anschlag/95thesen.html)

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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