Täufer-Käfige am Lambertiturm Münster, Pressemitteilung

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Foto: Alte Postkarte

Alle abhängen oder einen vierten hinzufügen? Lebhafte Diskussion um die Eisenkörbe am Lambertikirchturm
Kaum ein Thema, zu dem nicht fast jede Münsteranerin und jeder Münsteraner etwas zu sagen hat: Die „Käfige“ – oder eigentlich Eisenkörbe -, in denen die Leichen der drei grausam gefolterten  Täufer-Anführer am Lambertikirchturm 1535 der Öffentlichkeit zur Schau gestellt wurden. Noch heute hängen sie dort. Für die einen ein Sieges- und Warnzeichen. Oder ein Mahnmal. Für andere ein Kunstwerk. In jedem Fall eine viel bestaunte touristische Attraktion. Diese Betrachtungsweisen standen anlässlich der „Dialoge zum Frieden“ in einer Podiumsveranstaltung im Rathausfestsaal zur Diskussion. Das Interesse war groß, wie sich auch in der engagierten Diskussion mit dem Publikum zeigte, moderiert von Gisela Steinhauer (WDR).

Nach der Einleitung durch Prof. Alfons Kenkmann, den Leiter des Arbeitskreises „1648 – Dialoge zum Frieden“ gab Prof. Franz-Josef Jakobi eine fachhistorische Einführung zur Einordnung der Täuferherrschaft – als Radikalisierung einer „bürgerschaftlichen Emanzipationsbewegung“ gegenüber dem bischöflichen Landesherrn.

Für den heutigen Umgang mit dem historischen Relikt der Körbe skizzierte er drei Optionen: 1. Man lässt alles so, wie es ist, und überlässt es dem Betrachter, seine eigene Einstellung dazu zu finden. 2. Man hängt die Körbe ab, weil sie als grausames Siegeszeichen die Verdammung eines Teils der reformatorischen Bewegung symbolisieren. Im Stadtmuseum könnten sie dann als historisches Zeugnis fachlich kommentiert und eingeordnet werden. 3. Man belässt sie als Teil des münsterschen Geschichtserbes an ihrem Ort, installiert aber auf dem Lambertikirchplatz ein Informationsangebot, das – in zeitgemäßer Medientechnik – die historischen Hintergründe der Körbe und des Umgangs mit ihnen erläutert.

Auf dem Podium entspann sich ein buntes Geflecht unterschiedlicher Perspektiven. Die Münsteraner sollten doch ein wenig über den Tellerrand schauen, schließlich sei die Täuferbewegung in ihren unterschiedlichen Fortsetzungen und Verästelungen alles andere als ein lokalhistorisches Phänomen – und zwar bis heute. Das forderte Dr. Astrid von Schlachta, Leiterin der Historischen Forschungsstelle der Mennoniten, einer ebenfalls täuferischen, aber strikt gewaltfreien Religionsgemeinschaft.

Für Markus Müller, Berliner Kurator mit münsterschen Wurzeln und internationaler Vernetzung, stellte sich die Frage der Historizität nur noch bedingt. Spätestens seit den Skulptur Projekten 1987 mit der Installation „Drei Irrlichter“ von Lothar Baumgarten seien die KäfigeTeil höchst aktueller Kunst. Und die Täufer zögen Spuren bis in die internationale Popkultur, was er mit einem Verweis auf den Sänger der „Sex Pistols“ John Lydon („Leiden“) illustrierte.

Jan Matthias Hoffrogge, Doktorand aus Münster, der eine Publikation zur Rezeption des Täufer-Themas vorbereitet, wusste interessante Beispiele beizusteuern: Von der folkloristischen Behandlung, etwa bei der Namensgebung einer Karnevalsgesellschaft, über die Wiederbelebung des aufrührerischen Gestus – durch die linke Alternativ-Zeitschrift „Knipperdolling“ – bis hin zum modernen Merchandising, wo sich offenbar eine Schweizer Firma alle möglichen Namenspatente zum Thema gesichert hat.

Schließlich Thomas Seifert, münsterscher Autor eines populärwissenschaftlichen Buchs, das auf den Forschungen des führenden Täufer-Experten Dr. Karl-Heinz Kirchhoff basiert: Er stellte die provokante Frage, ob man nicht sogar einen vierten Käfig hinzufügen müsse – für Bernhard Rothmann, den theologischen Kopf der Täufer, der den Schlächtern des Landesherrn seinerzeit entkam.

Einig war er sich mit Jakobi und Hoffrogge, dass es bei der Täuferherrschaft nicht um einen „exotischen Einfall fremder Wesen“ ging, sondern im Kern um einen originär münsterschen Konflikt zwischen Stadtbürgern und Landesherr. Ein Konflikt mit langer Tradition, in der auch der noch heute kahle Schlossplatz stehe, seinerzeit angelegt als freies Schussfeld vor der fürstlichen Zitadelle: Als Drohung gegen die Bürgerschaft eine „Fortsetzung der Käfige mit anderen Mitteln“.

Die anschließende Diskussion mit dem Publikum erbrachte Bedenkenswertes für jede der drei von Prof. Jakobi benannten Optionen. Die Meinung im Saal und auf dem Podium schien sich aber dann doch deutlich der dritten zuzuneigen: Zusätzliche Informationen müssen zur Verfügung stehen, räumlich nah und in einem für alle Zielgruppen attraktiven Format. Ein Auftrag an die Stadt?

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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