Phänomen Evangelikalismus, Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Frederik Elwert, Martin Radermacher, Jens Schlamelcher, transcript Verlag, Bielefeld 2017, gebunden, 447 Seiten, ISBN 978-3-8376-3201-9 (privat), Preis 39,99 Euro

Der Verlag transcript ist in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts als akademischer Veröffentlichungsverlag entstanden. Die Arbeit des Verlages wird als Netzwerk verstanden. Diverse Fachgebiete der Universitäten sind repräsentiert, in diesem Fall die Religionswissenschaft.

25 Autorinnen und Autoren stellen unterschiedliche Aspekte des Evangelikalismus vor. Dieser wird als Phänomen definiert und seine Geschichte in Europa und Nordamerika skizziert, um danach die Entwicklung in allen Erdteilen von 1950 bis heute darzustellen. Darauf folgt der Hauptteil des Buches, in dem thematische Querschnitte gezeichnet werden. Folgende Bereiche sind erfasst: „Glaube und Praxis“, „Sozialformen“, sowie diverse Funktionsbereiche wie . Im abschließenden Ausblick wird das Phänomen des Evangelikalismus zwischen Moderne und Postmoderne positioniert.

Exemplarisch bespreche ich hier den Artikel „Evangelikalismus und populär-kulturelle Musik“ (S. 393 – 407). Sebastian Emling ist promovierter Religionswissenschaftler mit den Schwerpunkten Anglistik, Amerikanistik und Philosophie. Er arbeitet als Gymnasiallehrer. Der zweite Autor, Jonas Schira, ist Akustik-Ingenieur, sowie studierter Musiker als Trompeter und Dirigent. Die Berichte der Verbreitung von Popkultur in evangelikalen Gemeinden beziehen sich zunächst auf die sogenannten Megakirchen in den USA mit durchschnittlich 2.000 Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern. Ganz wenige sehr große Gemeinden erreichen sogar pro Woche um 20.000 Besucherinnen und Besucher.

Die Inhalte der Performance sind Bibeltexte, Bekehrungen, Evangelisation und populäre Livemusik. Dabei wird der säkulare musikalische Trend der Gottesdienste unübersehbar. Dies führt dazu, dass eher puritanische Gemeinden diesen Trend kritisieren mit dem Vorwurf an die Megakirchen, sie würden „easy religion“ praktizieren. Die Autoren stellen fest, dass bereits im Jahr 1820 in Manhattan, New York, Kirchenveranstaltungen in einem alten Theater stattfanden. Die Popmusik hat schon eine längere Tradition. Sie hat sich in den Megakirchen durchgesetzt, weil sie die Evangelisation unterstützt: „Ein Leben in Orientierungslosigkeit, das von Ziellosigkeit und moralischen Entgleisungen geprägt ist, wird aufgrund der Hinwendung zu Jesus Christus radikal ins Gute gewendet und verläuft nun erfolgreich und gefestigt…“ (S. 398).

Die Popgruppe „Hillsong UNITED“ ist besonders erfolgreich. Sie stammt hingegen nicht aus den USA, sondern aus Australien, wo sie aus der Hillsong Church hervorgegangen ist. Der Artikel erläutert ausführlich den Erfolg des aktuellen Titels „OCEAN“ aus dem Jahr 2016. Obwohl die evangelikalen Popsongs aus den USA und Australien von hoher technischer Qualität sind, haben sie sich in Europa bislang nur wenig verbreitet, wo weithin eine eher traditionelle evangelikale Kultur überwiegt. Wo allerdings Popmusik in Gemeinden aufgeführt wird, wird diese wie in professionellen Konzerten von Bild-Leinwänden, Laser-Shows und ähnlichen Effekten unterstützt. In herkömmlichen Kirchengebäuden ließen sich diese technisch aufwändigen Musikaufführungen kaum realisieren, so heißt es, und zwar wegen des meist vorhandenen störenden Nachhalls. Die Autoren weiter: Die professionelle Musikdarbietung in der Form von Popmusik unterstütze das „Erleben von religiöser Wirkmächtigkeit“ (S. 404). Der Erfolg scheint den Megakirchen Recht zu geben, wobei traditionelle Kirchen darin eher den Einfluss des Säkularen sehen. Der Artikel über Musik im Evangelikalismus lässt sich als ein Beispiel des Satzes verstehen, der im Schlussartikel des Buches zu lesen ist: „So kritisieren Evangelikale die Moderne oder stereotypisieren sie als ‚säkulares Zeitalter‘ genauso wie es Evangelikale gibt, die sich selbst als modern oder gar als postmodern bezeichnen und dies für eine wichtige Entwicklung des Evangelikalismus halten.“ (S. 438)

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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