Predigt zum Ewigkeitssonntag, Christoph Fleischer, Welver 2017

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Die Predigt halte ich am Ewigkeitssonntag 2017 in der reformierten Kirche Soest.

Lukas 12,42 – 48

42 Der Herr aber sprach: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht?

43 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht.

44 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.

45 Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen,

46 dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er’s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen.

47 Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, hat aber nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden müssen.

48 Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.

Liebe Gemeinde,

 

Diese Predigt möchte ich mit einem kleinen Text von Fulbert Steffensky eröffnen: „Es ist nicht leicht, die Trauer gehen zu lassen“.

Auf dem Friedhof vor dem Grab meiner Frau steht eine Bank. Seit drei Jahren sitze ich dort fast täglich und erinnere mich der verlorenen Liebe. Ja, in den ersten zwei Jahren nach ihrem Tod war es eine Marterbank. Es war keine Sonne zu sehen und das Leben schien eingefroren. Die Bank vor dem Grab war meine heimatlose Heimat. Und dann kam der Tag, an dem ich zum ersten Mal wieder eine Vogelstimme durch die Trauer hörte. Es kam der Tag, an dem ich zum ersten Mal wieder die ersten Frühlingsblätter der Birke sah, die in der Nähe des Grabes steht, und ich vergaß, dass ich am Grab meiner Frau saß. Ich erschrak über die ersten Lichtblicke, die die wilde Trauer dämpften. Wo ich den geliebten Menschen nicht mehr hatte, wollte ich wenigstens die Trauer als ihren Schatten haben. Es ist wohl wie eine zweite Beerdigung, wenn die Trauer milder wird. Es ist nicht leicht, die Trauer gehen zu lassen, wie es schwer war, die Geliebte gehen zu lassen. Es ist nicht leicht, die Rufe eines neuen Lebens zu hören und ihnen zu folgen. Es ist nicht leicht zu erfahren, dass man wie in allen Dingen so auch in der Trauer ein endlicher Mensch ist. Noch immer gehe ich an jene Stelle, noch immer sitze ich auf jener Bank. Die Trauer ist zu Wehmut geworden. Ich bin ein anderer geworden. Die Wunden sind zu Narben geworden.

Narben schmerzen oft, aber nicht immer. Man muss es aufgeben, unendlich zu sein, auch unendlich in der Trauer.

(Quelle: Vortrag von Prof. Dr. Fulbert Steffensky „Der Schmerz und die Gnade der Endlichkeit“, johanneswerk.de, gelesen am 15.11.2017)

 

Ein stiller Tag, ein Tag der Besinnung und der Religion, das soll der Totensonntag sein. Um so erstaunlicher ist es, dass unser heutiger Predigttext nun gerade auf diesen Anlass keinen Bezug nimmt. Er ist bezogen auf den zweiten Grund des kirchlichen Feiertages, den Ewigkeitssonntag. Doch wir wissen, dass beides gut miteinander auskommt, und dies schon seit langer Zeit.

Der Tod ist das Ereignis des menschlichen Lebens, auf den der Glaube antwortet, wie bereits im Glaubensbekenntnis am Ende: ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Damit haben wir schon eines getan, was ich persönlich für jede Trauer unerlässlich finde: Den Tod als Teil des Lebens angesehen. Der Tod ist die Erfahrung der Grenze und ist damit die Herausforderung, unseren Glauben an das ewige Leben einer praktischen Bewährung zu unterziehen. Der Tod ist ja nicht nur ein Ereignis unserer persönlichen Lebenszeit, als der Endpunkt unseres biologischen Daseins.

Der Tod ist zugleich der Prüfstand des Glaubens und der Religion. In der praktischen Begegnung mit Tod und Sterben brechen die religiösen Fragen auf. In der Konfrontation mit der unverrückbaren Grenze des Daseins, werden wir zu einer Antwort auf den Sinn des Lebens herausgefordert. Und dazu könnten wir heute fast jeden religiös ernsthaften Text als Predigttext nehmen, immer auf dem Hintergrund der Frage: Was ist angesichts der Erfahrung, dass unser irdisches Leben ein Ende hat, der Sinn unseres Lebens?

Biologisch ist diese Frage übrigens sehr leicht zu beantworten: Das menschliche Leben ist wie jedes Leben der Vergänglichkeit unterworfen. Es ist nicht anders, als die Blume auf dem Feld, die wächst und blüht, dann aber verwelkt und verdorrt. Das haben schon die Dichter der Psalmen aufgeschrieben. Dazu gehört natürlich die Fortpflanzung als den Zwang, angesichts der Vergänglichkeit, die Erhaltung unserer Art zu sichern. Biologisch gedeutet sind unsere Kinder der Sinn unsers Lebens. Ich sage das bewusst, weil ich in der praktischen seelsorgerlichen Erfahrung immer wieder erlebe, dass dies für viele Menschen tatsächlich auch so ist. Doch wie viel Leid und Frust ist auch gerade damit verbunden. Wir wissen doch alle zu genau, dass eben sehr viel von dem, was wir sind und tun nicht in unseren Kindern weitergeht, ganz zu schweigen vom Lebenssinn der Menschen, denen Nachkommenschaft nicht vergönnt ist.

Daher stellt sich der Glaube der Frage nach dem Sinn des Lebens ganz egoistisch und individualistisch, auch wenn es natürlich gut und richtig ist, den Kindern unsere Tradition zu vermitteln und ihnen die Erfahrungen, die wir machen, mit auf den Weg zu geben.

Es geht dabei zunächst um die Erfahrung von Zeit. Das ist in unserem Predigttext in ein Bild gefasst. Jesus beschreibt einen menschlichen Beruf, den des Verwalters. Der Evangelist Lukas nennt ihn bezeichnender weise OIKONOMOS. Ich nennen dieses griechische Wort bewusst, weil wir damit etwas anfangen können: Es geht um die Ökonomie, also um die Wirtschaft unseres persönlichen Daseins, also nicht um die Volkswirtschaft, sondern um die Wirtschaft eines einzelnen Lebens.

Viele fragen vielleicht: Gibt es denn diese überhaupt? Muss man von Wirtschaft nicht immer bezogen auf vielen Menschen, ja sogar auf Völker reden. Andererseits muss doch jedem klar sein, dass das, was für viele gilt, auch für einen einzelnen gelten muss. Jedes Leben muss einen Sinn haben, jedes Leben muss etwas bringen, und zwar zuerst für jeden Menschen selbst, gerade angesichts der Erfahrung, dass nichts wirklich bleibt, was wir tun.

Das Gleichnis vom Verwalter hat zwei Teile: Zuerst beschreibt es den guten und erfolgreichen Ökonomen, und dann den schlechten und gescheiterten. Wer von uns Zeitung liest und sich politisch informiert, hat vielleicht schon beim bloßen Hören Beispiele für die eine oder die andere Art zu Wirtschaften gehört. Ich möchte es dabei aber bewenden lassen und die negativen Beispiele nicht noch mit anschaulichem Material aus der Tageszeitung untermauern. Es kommt doch sicherlich hauptsächlich darauf an, den guten Verwalter zu verstehen und in seinem Verhalten im übertragenen Sinn, den Sinn des Lebens zu sehen.

Dass lässt sich auf wenige Punkte beschränken:

  1. das Verhältnis zum Auftraggeber
  2. das Verhältnis zur Zeit
  3. das Verhältnis zur Aufgabe selbst.
  1. Das Verhältnis zum Auftraggeber. Der Verwalter ist ein Mensch mit einer Aufgabe, die er als Stellvertreter vollzieht. Auch wenn in diesem Gleichnis sehr die Zeit betont wird, so ist das heute nicht anders, sei es in der Verantwortung vor den Aktionären oder einfach als Angestellter gegenüber der Betriebsleitung. Wenn der Betrieb Ertrag abwirft, dann muss der treue Verwalter diesen Ertrag an die Arbeiter auszahlen, so heißt es hier. Der Verwalter hat eine hohe Verantwortung. Er muss geeignete Mitarbeiter gewinnen und sie zu einer guten und sinnvollen Arbeit anhalten. Er muss den Betrieb im Auftrag seines Chefs leiten und für Profit sorgen. Er muss die Mitarbeiter und Angestellten angemessen und pünktlich entlohnen. Diese hohe Verantwortung setzt zuerst ungeheures Vertrauen voraus. Der Besitzer des Betriebes, hier einfach Herr genannt, hat einen Menschen für diese Aufgabe ausgewählt, in den er absolutes Vertrauen setzt. Dieses Vertrauen gilt es zu bewähren und zu bestätigen. Wenn wir dieses Vertrauen auf unser Leben beziehen, dann sehen wir, dass Jesus wirklich eine einfache und wichtige Botschaft an uns weitergibt: Wenn wir unser Leben als Verwalter Gottes sehen, dann setzen wir zuerst das Vertrauen voraus, dass Gott in uns setzt. Als Bild Gottes sind wir geschaffen, jeder und jede von uns. Wir sind Kinder, Abbilder und Stellvertreter Gottes. Gott setzt in uns dieses Vertrauen, indem er uns einfach leben lässt. Das Leben selbst ist der Grund, in diesem Dasein Gottes Vertrauen zu sehen. Das Leben ist Gottes Geschenk und Bild des Vertrauens. Unser Glaube an Gott ist die Antwort auf das in uns gesetzte Vertrauen. Wir dürfen in unserem Dasein die Güte, die Liebe, die Barmherzigkeit Gottes verwalten. Verstehen wir uns als Gottes Verwalter, dann ist der Sinn unseres Leben begründet in dem Vertrauen, das Gott mit der Geburt in uns gesetzt hat und weiter setzt.
  2. Das Verhältnis zu Zeit. So wie Jesus unser Leben als die Stellvertretung Gottes beschreibt, so nimmt er dies auf mit einem bestimmten Bewusstsein der Zeit. Der Auftrag unseres Lebens ist begrenzt, wie bei dem Verwalter: Wenn der Herr kommt, dann wird er etwas sehen, und zwar wird er sehen, wie der Verwalter arbeitet, nicht mehr und nicht weniger. Biblisch gesprochen, macht es eine ganze Menge aus, ob ich mein Leben als Leben in einer Zeit verstehe oder nicht. Ohne das Bewusstsein einer Grenze und eines Endes gibt es keine Zeit, und alles wäre egal. Auch das in uns gesetzte Vertrauen wäre wertlos und billig. Indem gerade unser biologisches Leben ein Ende und ein Ziel hat, ja indem es den Tod gibt, wird die Gegenwart so unendlich wichtig und teuer. Die Gegenwart ist die wichtigste Zeit unseres Lebens. Der falsche und schlechte Verwalter verspielt die Zeit ja deshalb, weil er mit dem Kommen des Herrn nicht rechnet. So wird er nachlässig, genießt die Freuden des Lebens mehr als die Pflichten und verdirbt. Wichtig ist nun, dass Tod nicht einfach nur als Ende verstanden wird. Das Ende ist in unserer Geschichte nur die Grenze eines bestimmten Zeitabschnitts, der Zeit, die dem Zeitvertrag des Verwalters entspricht. Wichtiger als ständig an den zukünftigen Todestag zu denken, finde ich die Erinnerung an die Zeit Gottes, an die Ewigkeit, die mehr ist als unsere Lebenszeit und nach dem Tod auf uns wartet. Die Begegnung mit Gott ist unser Ziel. Mit dem Glauben an die Ewigkeit kommt unsere Zeit heraus aus dem Kreislauf des immer Gleichen. Unsere Zeit wird zur Geschichte. Nur wer ein Ziel hat, kann die Gegenwart ausnutzen. Es geht überhaupt nicht darum, einfach nur aus dem Glauben auf die Ewigkeit zu schließen und sich seiner eigenen Erlösung sicher zu sein. In der Erwartung der Erlösung nach dem Tod liegt natürlich die Hoffnung, die Triebkraft für die Arbeit in der Gegenwart. Das ist tatsächlich ein wenig ökonomisch gedacht. Das in uns geschenkte Vertrauen, also nicht unsere Leistung, sondern unsere Voraussetzungen sind wie ein Kapital, dass wir einsetzen mit dem Ziel, es Gott so zurückzugeben, wie er es uns gegeben hat, mit diesem entsprechendem Sinn. Der Glaube an die Ewigkeit gibt unserer Gegenwart eine hohe Bedeutung: Die Zeit die wir haben, um das in uns gesetzte Vertrauen in eigener Liebe zu beantworten.
  3. Das Verhältnis zur Aufgabe. Das Verhältnis zur Aufgabe selbst ist damit ja schon angedeutet. Die vom Gleichnis beschriebene Belohnung muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Herr kommt wieder und sieht den Verwalter erfolgreich arbeiten. Was tut er dann? Belohnt er ihn mit Geld? Nein, er belohnt ihn mit der Vergrößerung seiner Aufgabe: Er setzt ihn über alle Güter. Natürlich denken wir bei Beförderung auch gleich an Gehaltserhöhung. Doch zunächst ist die Ausweitung der Arbeit im Blick. An dieser Stelle spricht natürlich nichts dafür, an den Tod als Etappenziel zu denken.

Das Ende unseres Lebens ist endgültig und durch keine Glaubensvorstellung rückgängig zu machen. Das ewige Leben ist keine Beförderung in eine höhere Umlaufbahn, um etwa vom Himmel aus die Familie weiter zu regieren, die sich zwangsläufig vergrößert. Es geht Jesus aber darum, in der Beförderung des Verwalters zu zeigen, dass die Aufgabe der Sinn des Lebens bleibt, auch über den Tod hinaus. So wie der Herr das in den Angestellten gesetzte Vertrauen bestätigt, so heißt ewiges Leben bei Gott zugleich: Gott nimmt uns in seine Nähe auf, Gott bestätigt das Vertrauen, dass er in uns gesetzt hat, durch ein endgültiges und ewiges Vertrauen, durch die Auferstehung der Toten.

Noch einmal zurück zur Bank. Sie kann ja auch im Garten stehen oder in irgendeinem Park oder Wald. Dort können wir uns niederlassen und ausruhen, bevor der Weg weitergeht. In einem Garten, soll die Bank auch mal die Möglichkeit geben, eine Pause zu machen.

Typisch ist eine Szene im Film Forrest Gump mit Tom Hanks. An entscheidenden Stellen des Filmes sitzt er neben einer Frau auf einer Bank an einer Bushaltstelle. Manchmal lässt er einfach einen Bus vorüberfahren, um dann auf den nächsten zu warten. Einfach so. Und im Gespräch, das fast einem Monolog gleicht, sagt er dann immer zu einer Banknachbarin: „Meine Mutter sagte immer: ‚Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was als nächstes kommt.’“

Am Schluss möchte ich einen Satz aus einer Predigtmeditation zitieren:

„Der Menschensohn kommt mitten ins Leben! Erwartet und ersehnt oder unverhofft und überraschend, aber auf jeden Fall gilt: Er ist treu und er kommt. Er lässt uns nicht im Stich.“ (Daniela Hammelsbeck, in: Gottesdienstpraxis, Serie A, III,4, 2017, Gütersloh 2017)

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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