Islamischen Feiertag einführen? Dokumentation PhiloMag 1/2018

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Soll ein islamischer Feiertag eingeführt werden?

Das Philosophie Magazin dokumentiert zwei Aussagen eine zu Pro und eine zu Contra. Beide Aussagen argumentieren m. E. streng gesellschaftlich. Die Frage wäre aber doch auch unter Beteiligung der Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften zu klären. Hilfreich finde ich die Aussage, dass auch beispielsweise das Judentum einen Feiertag bekommen könnte, sinnvollerweise einen, der nicht hin und wieder im christlichen Festkalender vorkäme, wie Chanukka oder das Laubhüttenfest. Interessant fände ich auch die Einführung des kurdischen Neujahrsfestes.

Das Argument es gehe nicht um „Den Islam“, sondern um die Religionsausübung einzelner Menschen, finde ich begründet. Die gesellschaftliche Diskussion beginnt erst dann, wenn feststeht, welche christlichen oder staatlichen Feiertage dafür im Tausch entfallen, vielleicht der inzwischen völlig wertlose 1.5. (Maifeiertag, eingeführt von Hitler am 1.5.1933) oder der kaum noch kirchlich begangene Pfingstmontag?

Dass sich Feiertage etwa dem Mondkalender anpassen und daher kein festes Datum haben, ist kein Argument, da das im Christentum auch für den Ostertermin und danach sich orientierende Feiertage gilt. Die Diskussion ist eröffnet!

 

Ein islamischer Feiertag für Deutschland? (Philosophie Magazin Dezember 2017 / Januar 2018/ Zeitgeist Pro & Contra, Seiten 22/23)

Mit seiner Offenheit gegenüber der Einführung eines muslimischen Feiertags provozierte Thomas de Maizière (CDU) eine Kontroverse. Grüne wie auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken begrüßten den Vorstoß, während es aus den eigenen Reihen Kritik hagelte. Bleibt die Frage: feiern oder nicht feiern?

»Schützt der Staat die religiöse Praxis, muss dies für alle Religionen gleichermaßen gelten« (Hilal Sezgin)

Warum ausgerechnet ein Innenminister wie Thomas de Maizière zu diesem Zeitpunkt auf die Idee verfiel, einen islamischen Feiertag ins Spiel zu bringen, wird erst mit der Kritischen Ausgabe seiner Tagebücher zu klären sein.

Wie tief aber der Stern des Multikulturalismus gesunken ist, lässt sich an der Empörung erkennen, die seiner Anregung entgegenschlägt. Weite Teile der Öffentlichkeit halten es anscheinend für ausreichend, auf das christliche Erbe dieses Landes zu verweisen. Die Gleichberechtigung von Religionsgemeinschaften zu fordern, traut sich kaum jemand – zunächst müssen die Alteingesessenen besänftigt werden, bevor noch mehr von ihnen AfD wählen! Schauen wir im Vergleich auf die Blütezeit der Multikulturalismusdebatte, also rund 25 Jahre zurück. Man diskutierte vornehmlich die Selbstbestimmungsrechte von Gruppen, wobei die tonangebenden kanadischen Philosophenwie Charles Taylor und Will Kymlicka sowohl an frankophone Mitbürger als auch an Native Americans dachten. Ein zweiter Streit drehte sich darum, inwieweit die Autonomie Einzelner eingeschränkt werden dürfe, wenn ihre „Kultur“ dies verlange: beispielsweise unterlassene Bluttransfusionen bei Kindern der Zeugen Jehovas oder islamische Vielehen.

Doch nichts annähernd so Heikles ist bei der Frage der Feiertage berührt; weder sollen hier die Souveränität der Mehrheitsgesellschaft noch individuelle Freiheitsrechte eingeschränkt werden. Die Probleme sind eher praktischer Art: Wie soll man bestehende Feiertage umverteilen oder damit umgehen, dass sich der islamische Mondkalender durchs Sonnenjahr nach vorne bewegt? Es mag weitere praktische Einwände gegen islamische und – wieso fallen sie stets unter den Tisch? – jüdische Feiertage geben; aber grundsätzlich handelt es sich um eine Frage der Gleichbehandlung. Gleich behandelt werden sollen hier keineswegs Religionen an sich, sondern Individuen, die ihnen anhängen. „Dem Islam“ ist es völlig egal, ob er im deutschen Kalendergewürdigt wird. Dies kann höchstens einen subjektiven Unterschied für hiesige Muslime machen. Vor allem aber sorgt ein gesetzlicher Feiertag dafür, dass die meisten Menschen dann frei haben und entsprechende Riten vollziehen können.

Unsere Gesellschaft hat die Vorentscheidung getroffen, solche Tage zu schützen. Man mag das bedauern und versuchen, die Säkularisierung weiter voranzutreiben. Oder man kann sich mit dem habermasianischen Gedanken trösten, dass das Echo des Religiösen auch einen Sinnhintergrund für Menschen abgibt, die selbst nicht glauben. Doch wenn vom Staat bestimmte Zeiträume für religiöse Praxis geschützt werden, dann muss dies für alle Bürgerinnen und Bürger gelten.

Hilal Sezgin studierte in Frankfurt am Main Philosophie und Soziologie und arbeitet als Autorin und freie Journalistin für überregionale Zeitungen. Im Juli erschien ihr neues Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ (DuMont, 2017)

 

„Man sollte dem Islam nicht durch besondere Zugeständnisse entgegenkommen“ (Volker Gerhardt)

Es ehrt den Innenminister, dass er mit diesem Vorschlag ein Zeichen religiöser Toleranz zu setzen sucht. Lob gebührt auch denen, die ihm mit dem Argument beigesprungen sind, dieser Feiertag biete die Chance, das Gefühl für religiöse Traditionen im christlichen Bewusstsein zu vertiefen. Tatsächlich vermag die Pluralität religiöser Lebensformen die Aufmerksamkeit für den eigenen Glauben zu stärken.

Mir wäre wohler, wenn der Versuch solchen Entgegenkommens zunächst gegenüber den jüdischen Mitbürgern gemacht worden wäre. Bei ihnen stehen die Deutschen in schwerer historischer Schuld. Und das Judentum gibt uns überzeugende Gründe zu sagen, dass es „zu Deutschland gehört“. Hier ist nicht zu befürchten, dass der von einem Bundespräsidenten geäußerte – und von der Kanzlerin wiederholte – Satz einem als bloße Schönwetterparole begegnet.

Vor allem aber ist es ein Irrtum, den Islam für ein Bekenntnis zu halten, das seinen Anhängern so locker sitzt wie den aufgeklärten Europäern im angeblich säkularen Zeitalter. Gewiss: In seiner Frühgeschichte stand der Islam dem Christentum an theologischer Subtilität und wissenschaftlicher Bildung um nichts nach und ist ihm auch in der Dogmatisierung gegensätzlicher Positionen gefolgt. Nur hat er bislang nicht ernsthaft versucht, sich aus der Verklammerung von Religion und Politik zu befreien. Nach der Scharia gilt die Trennung von Staatund Religion als verwerflich; die Bedingung eines jeden Glaubens, nämlich die Freiheit, ihn auch aufzugeben, ist nicht gewährleistet. Führer der islamischen Geistlichkeit verwerfen den Vorrang des Menschenrechts, worin ihnen viele muslimische Politiker folgen.

Das kann sich ändern; schließlich wandelte sich auch das Christentum derart, dass es seinen Platz unter rechtsstaatlichen Bedingungen fand. Der Islam hat diese Entwicklung noch vor sich. Ihm bei seiner Integration in die Weltgemeinschaft zu helfen, ist ein Gebot der Aufklärung. Zu unterstellen, er habe diese schon hinter sich, bewirkt indes das Gegenteil. Seine Emanzipation aus eigener Kraft zu bewältigen, kann ihm niemand ersparen. Deshalb sollte man dem Islam nicht durch besondere Zugeständnisse entgegenkommen. Es reicht aus, jede Muslima und jeden Muslim willkommen zu heißen, wenn sie sich an die rechtliche Ordnung halten. Unter dieser Bedingung können sie in religiösen Gemeinschaften leben und durch zivilgesellschaftliches Engagement, in Absprache mit Nachbarn, Kommunen und Arbeitgebern, ihren religiösen Verpflichtungen nachkommen und ihre Feste feiern. Den eigenen Einsatz für ihre Religion aber sollte man ihnen nicht erlassen.

Volker Gerhardt ist Professor für Praktische Philosophie an der Humboldt- Universität zu Berlin und war von 2001 bis 2012 Mitglied im Deutschen Ethikrat. Zuletzt erschien von ihm „Glauben und Wissen. Ein notwendiger Zusammenhang“ (Reclam, 2016)

Nr. 1 / 2018

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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