Predigt Jesaja 63, Joachim Wehrenbrecht, Herzogenrath 2017

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Predigt am 2. Advent 2017 zu Jesaja 63,15.16 u. 19b, IV. Predigtreihe (Lutherbibel 2017)

Zerreiß den Himmel und fahre herab

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?

Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.

Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,…

Werl, Forum der Völker, Krippe aus Brasilien

Liebe Gemeinde,

da kehrt jemand nach Jahren im Exil zurück in seine Heimatstadt und ist entsetzt, wie sie sich verändert hat. Viele Häuser sind zerstört und nicht wieder aufgebaut. Unbekannte Menschen wohnen in den Straßen, die früher vertraut waren und jetzt fremd anmuten. Das wuselige Leben von früher herrscht nicht mehr auf den Plätzen und Straßen. Das Heiligtum – auf einer Anhöhe gelegen – ist zerstört. Wie soll ich die Gemeinde sammeln in dieser Steinwüste? Wie viele habe ich überredet mitzukommen aus dem Exil, um hier wieder ein geordnetes Leben zu führen und was finden wir vor? Wir werden nicht empfangen mit offenem Armen, im Gegenteil, wir werden kritisch beäugt. Manche sehen uns als Verräter an, die ihre Heimat verlassen haben und ins Exil geflohen sind. Haben sie vergessen, dass ein großer Teil von uns deportiert wurde, wir nicht freiwillig gegangen sind? So lange habe ich auf Rückkehr gewartet und jetzt ist alles anders als ich es mir ausgemalt habe.

In ein verlassenes Gemäuer setzt sich der Prophet und betet zu seinem Gott:

„Ach, schau doch vom Himmel und sieh herab aus deiner heiligen, herrlichen Wohnung.“(Jes 63,15) Hast du uns vergessen? Wie lange noch willst du unser nicht gedenken? Warum liegt deine Hand so schwer auf uns? Wo sind deine Macht und dein Eifer für uns? Bist du nicht ein Gott, der wie ein Vater zu uns ist, der sich um seine Kinder kümmert? Ist dein Name nicht Erlöser von alters her?

„Zerreiße den Himmel und fahr herab“ (Jes 63,19b), dass die Elemente schmelzen, die Erde und die Völker deiner Macht und Herrlichkeit gewahr werden, unseren Feinden der Spott im Halse stecken bleibt, und die wir auf dich harren, denen wirst du Gutes tun: Wir werden belohnt. Wann greifst du endlich sichtbar ein?

Wir bereiten uns auf Weihnachten vor, liebe Gemeinde. Die Weihnachtsmärkte konnten den Start schon nicht mehr abwarten. Viele Städte haben ihren Weihnachtsmarkt schon vor Totensonntag/Ewigkeitssonntag geöffnet. Das Weihnachtsgeschäft brummt. Alles glänzt für des deutschen liebstes Fest. Weihnachten wird zum größten Event des Jahres. Heilig Abend fällt auf den vierten Advent, einem Sonntag. Für viel zu viele Geschäftsinhaber ist klar: Wir öffnen auch sonntags. Wir lassen uns das Geschäft am Heiligen Abend nicht durch Gewerkschaftler und Kirchenleute vermiesen.

Ich gehe in Straß (Ortsteil) zum Lidl einkaufen. Er liegt um die Ecke. Auf zwei großen Plakaten wird geworben mit den Worten: O du leckere…. Eine Anspielung auf „O du fröhliche“… Taugen unsere Weihnachtsinhalte nur noch zu Werbezwecken oder als Hintergrundmusik in Kaufhäusern? Pfiffig der Spruch, denke ich, aber auch unverschämt, wenn ich recht überlege, denn er trivalisiert die echte Weihnachtsfreude. Ich fühle mein Glaubensgut ins Lächerliche gezogen. Ich werde wütend. In meiner Phantasie male ich mir aus wie ich mit schwarzer Schrift quer über das glänzende Plakat mit dem köstlich lecker dargestellten Fleisch, Wein und Gemüse aus einer Obi-Farbdose sprühe:

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken.

„Zerreiß den Himmel und fahre herab“ betet der Prophet.

O, das wünsche ich mir auch, dass Gott einfach mal herabfährt und die Dinge zu Recht rückt.

Das mit dem Plakat ist da noch das Geringste, nur ein weiteres Symptom unserer Gottvergessenheit. Den Trump sollte Gott zurück pfeifen, die anstehende Entscheidung im Presbyterium zu meinen Gunsten bewirken, Ewald die Einsicht gewähren, dass er nach dem Herzinfarkt gesundheitlich besser auf sich aufpassen muss, der alleinerziehenden Mutter von nebenan endlich einen Arbeitsplatz beschaffen, den sie besser mit ihrem Familienleben vereinbaren kann und Gott sollte den Vater in die Pflicht nehmen, seiner Verantwortung finanziell und menschlich gerecht zu werden…

„Zerreiß den Himmel und fahre herab“ ist ein berechtigter Wunsch, hier wird vor Gott Luft abgelassen, Zorn ausgedrückt, eigene Wünsche – auch Rachegedanken – werden genannt. Doch wir wissen, Gott fährt nicht einfach herab und biegt gerade, was wir versaubeutelt haben. Gott lässt die Dummen gewähren und greift nicht sichtbar in den Weltenlauf ein. Nur der Glaubende sieht Gottes Handeln in der Welt und buchstabiert Bonhoeffers Satz immer wieder aufs Neue: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“

Es bleibt uns nichts anderes übrig als die leidenschaftliche Kraft des Zorns einzusetzen für ein friedliches Zusammenleben.

Es bleibt uns nichts anderes übrig als in Konflikten um den rechten, guten Weg zu streiten.

Da muss der Prophet selbst die Steine in die Hand nehmen und am Haus des Herrn bauen, andere werden mitmachen. Da muss Trump politisch in die Parade gefahren werden. Da muss der Pfarrer für seine Ziele kämpfen und ertragen, wenn keine Mehrheit im Presbyterium dafür zustande kommt. Da muss Hertha ihrem Ewald widersprechen und notfalls gegen seinen Willen den Notarzt bestellen. Da gilt es bessere politische Rahmenbedingungen zu schaffen für alleinerziehende Mütter… .

„Zerreiß den Himmel und fahre herab“ ist dennoch eine notwendige Bitte, weil sie uns hilft zum Himmel zu schauen und von Gott alles zu erwarten, nicht sein magisches übernatürliches Einschreiten in den Weltenlauf, aber sein gegenwärtig sein in allem. Seine Gegenwart ist im Frieden, Gerechtigkeit und in der Liebe zu finden. Der Prophet nennt Gott Vater, der sich seiner Kinder erbarmt und sein Name ist „Erlöser“ von alters her. Auf diesen Erlöser warten wir im Advent. Gott zerreißt den Himmel und kommt in seinem Sohn Jesus in die Welt. Auch Gott wartet, wartet auf uns, dass wir den Weg der Liebe gehen und mit Jesus das Reich Gottes verkündigen und leben. Wenn Christus wiederkommen wird aus der Höhe, wird er das Werk seiner Erlösung vollenden.

Darauf lasst uns „vergnügt, erlöst, befreit“ (Hanns Dieter Hüsch nach Psalm 31*) hinleben.

Amen.

  • Hanns Dieter Hüsch: Das Schwere leicht gesagt, tvd-Verlag düsseldorf 1991, S. 45

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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