Predigtentwurf zur Jahreslosung 2018, Christoph Fleischer, Welver 2018

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Die Predigt zur Jahreslosung wird am 7.1.2018 in Bad Sassendorf gehalten

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6

Jahreslosung im Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen, Hinweis: Die Predigt ist keine Bildmeditation zu diesem Motiv, Copyright des Bildes: https://www.verlagambirnbach.de

Liebe Gemeinde

In meiner Heimatstadt (Iserlohn) gab es eine Gaststätte mit Namen „Zur frischen Quelle“. Ich habe schöne Erinnerungen daran. Es gab dort aber kein frisches Wasser, sondern gezapftes Iserlohner Pilsener. Und es gab dort auch keine Quelle, sondern einen Zapfhahn.Was mich darauf gebracht hat, an eine Gaststätte zu denken sind die Begriffe des Spruches: Durst, Quelle, Wasser. Nur das Wörtchen „umsonst“ passt dazu nicht. Die Getränke einer Kneipe sind keinesfalls umsonst. Trotzdem ist der Getränkemarkt in unserer südwestfälischen Heimat kein kleiner Wirtschaftsfaktor. Der Durst muss also geradezu eine westfälische Eigenschaft sein.

Dass dieser Durst auch negative Begleiterscheinungen hat, muss nicht gesondert erwähnt werden. Es gibt kaum eine legale Sucht, die derart gesundheitsschädlich ist wie der Alkoholismus. Hieraus wird schon deutlich, dass hinter dem Durst noch mehr stecken muss, als nur die Erfüllung rein körperlicher Bedürfnisse.

Ich lese im Buch „Also sprach Zarathustra“ (von Friedrich Nietzsche) einen kurzen Text dazu: „Und ob ich schon Wasser plätschern hörte, gleich Reden der Weisheit, nämlich reichlich und unermüdlich: ich – will Wein! Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborener Wassertrinker. Wasser taugt auch nichts für Müde und Verwelkte: uns gebührt Wein – der erst giebt plötzliches Genesen und Gesundheit.“ (Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, KSA4, S. 353).

Diese Forderung nach Wein könnte Jesus wechseln, wurde er doch bisweilen als Fresser und Weinsäufer verspottet, da keinesfalls allein ein Wassertrinker war. Jesus lädt seine Jüngerinnen und Jünger ein: „Nehmt und trinkt: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“

Der Kelch ist nicht nur Zeichen des neuen Bundes, sondern auch Zeichen des Festes. Das Reich Gottes, von dem Jesus spricht, ist zugleich eine Einladung in das Fest in seiner Gemeinschaft.

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6

Bevor ich mich weiter in Assoziationen verlaufe, möchte ich den biblischen Zusammenhang ins Gespräch bringen. Das Buch der Offenbarung ist von seinen bildhaften Verkündungen vielleicht manchmal etwas schwierig. Trotzdem sind gerade einige Abschnitte sehr populär geworden, wie gerade das 21. Kapitel. Wenn man hört, dass das Wort von der Quelle etwas mit dem neuen Jerusalem zu tun hat, wird man schon staunen. Sehen wir uns den Zusammenhang einmal an:

Offenbarung des Johannes Kapitel 21, 3-6 in Auswahl: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen […]. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. Und er spricht: Schreibe […]. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Der Text ist schwierig. Es geht darum, was geschieht, wenn das Reich Gottes universelle Wirklichkeit geworden ist. Dieser Zustand ist bis heute nicht endgültig verwirklicht, hat aber mit Jesus begonnen.

Doch es geht um viel mehr als Essen und Trinken, was aber eingeschlossen ist. Es geht darum, die Tränen abzuwischen, alles Leid zu beenden und den Tod zu überwinden. In diesem Reich ist Gott alles in allem. Jesus ist zur Quelle lebendigen Wassers geworden. Der neue Bund ist nicht nur versprochen, er hat begonnen und das Reich Gottes ist hier und da schon einmal gegenwärtig.

Eine Sache noch zum lebendigen Wasser: Es gibt im judäischen Bergland im Jahr zwar ungefähr so viel Regenwasser, wie bei und in Mittel- und Westeuropa, aber es regnet dort nur etwas 30 Tage. Der Regen muss schrecklich stark sein. Da es nur in der Regenzeit Wasser gibt, muss es aufgefangen und gespeichert werden. Lebendiges Wasser, als Quellwasser, ist sehr knapp und keinesfalls immer zu bekommen. Es gibt genug Wasser, um die Felder zu bewässern. Aber ganz wenig Quellwasser. Wenn wir das berücksichtigen, ist mit der Aussage Jesu eine Sache gemeint, die sehr wertvoll und zugleich lebensnotwendig ist: lebendiges, frisches Wasser.

Andererseits: Wenn im Bibeltext der Offenbarung von absolutem und allgemeinem Leid die Rede ist, dann geht es um mehr als um das Lebensmittel Wasser. Es geht um die Quelle des Lebendigen überhaupt, es geht um Gottes Geist, es geht um den Sinn des Lebens.

Der jüdische Psychiater Viktor Frankl aus Wien, der Auschwitz überlebt hat, machte daraus eine Richtung der Psychotherapie, die Logotherapie. Es geht ihm um den Sinn des Lebens. Frankl sage: „Sobald die Leute genug haben, wovon sie leben können, stellt sich heraus, dass sie nicht wissen, wofür sie leben können.“ (Zitiert nach Martina Walter in: Die Jahreslosung 2018, Neukirchener Verlag, S. 81). Die Frage nach dem Sinn des Lebens führt allerdings nicht zum Egoismus, sondern zur Verantwortung. Verantwortung ist die Antwort auf das Leben selbst, das als Gabe gesehen wird.

Von daher können wir auch die Frage nach dem „umsonst“ beantworten, wir leben aus Gottes Gnade, die uns umsonst gegeben wird. Das können wir natürlich auch auf die Taufe beziehen, die uns das Geschenk des Lebens von Gott ins Bewusstsein ruft.

Das Wort „lebendig“ bezieht sich also nicht nur auf frischer und fließendem Wasser, sondern auch au den Sinn des Lebens selbst. Man kann also vermuten, dass der Durst nach Getränken auch heute mit der Sinnfrage zusammenhängt. Der Sinn des Lebens ist keine egoistische Bedürfnisbefriedigung, sondern das Leben in seiner ganzen Fülle auch in einer Gemeinschaft.

Ich schließe mit einem Gedicht von Marlies Blauth (Meerbusch, unveröffentlicht):

Du, Gast

Das Abendgras, riechst du das?
Spürst du das späte Licht?

Hab ein Brot gebacken für dich.

Hier ist frisches Wasser.

Gott ist

zu Besuch –

Er sitzt vorn am Tisch

und feiert mit uns.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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