Seiendes und Sein, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2017

Print Friendly, PDF & Email

Zu:

Parmenides: Vom Wesen des Seienden, Die Fragmente griechisch und deutsch, Herausgegeben, übersetzt und erläutert von Uvo Hölscher, Mit einem Nachwort 1986, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 624, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1986, 132 Seiten, ISBN: 978-3-518-28224-3, Preis: 10,00 Euro

Wie schon aus der Bibliographie hervorgeht, sind der Text und die Übersetzung fortlaufend bearbeitet und mit Anmerkungen versehen worden. Schwierig an der Überlieferung des Parmenides ist, dass sie nur in Fragmenten vorliegt und zum Teil aus Sekundärquellen rekonstruiert wurde. Der Inhalt des Buches ist nur über 50 Seiten griechisch/deutsch, danach erfolgt der ausführliche Kommentar.

 

Bei Parmenides ist mir zunächst der von einer Göttin (der Name ist nicht überliefert) geprägte Anfang aufgefallen, der in philosophischen Schriften oft unerwähnt bleibt. Ich meine, dass man die Ausführungen des Parmenides von diesem Anfang her als Offenbarung bezeichnen müsste. Gedanken über den Grund des Seienden sind demnach nicht bewusst konstruiert, sondern werden als Eingebungen empfunden.

 

Im Werk Martin Heideggers kommt Parmenides an einigen Stellen vor. Im Internet liegt ein Aufsatz von Rainer Marten vor, in dem er sich kritisch mit den Übersetzungen Heideggers auseinandersetzt. (R. M.: Heidegger liest Parmenides, Link: https://d-nb.info/1123440883/34 ).  Uvo Hölscher hingegen bemüht sich um eine Übersetzung nach philologischen Kriterien, in der z. B. Verben als Verben übersetzt werden, nicht als Nomen und Bezüge zum Kontext durch Wortwiederholung unterstützt werden.

Ich selbst versuche einen Übersetzungsvergleich zu Fragment 8, 34 – 36.

 

Uvo Hölscher übersetzt (S. 25):

„34: Das Selbige aber ist zu erkennen,
Und zugleich der Grund,
Weshalb eine Erkenntnis seiend ist.
35: Denn nicht ohne das Seiende,
Worin eine Aussage ihr Sein hat,
36: Wirst du das Erkennen finden […]“

 

Martin Heidegger übersetzt:

„Dasselbe aber ist Denken

als auch weswegen ist Gedachtes.

Nicht nämlich ohne das Seiende,

in dem es Gesagtes ist,

wirst du finden das Denken“

(Martin Heidegger: Was heißt Denken? Klostermann Verlag 1954, S. 254)

 

Martin Heidegger bleibt der griechischen Syntax stärker verhaftet, als die Übersetzung ins Deutsch des Suhrkamp-Bandes. Das Wort für das Verb „erkennen“ übersetzt er mit „Denken“ substantivisch. Uvo Hölscher hingegen lässt sich vom Kontext her stärker einordnen. Es geht um Seiendes und seine Bedeutung für das Denken. Das „Selbige“ kann nicht einfach mit „Dasselbe“ wiedergegeben werden, da es eine Unterscheidung meint, die entweder das Selb-ig-e erkennt oder ein Anderes.

Heideggers Übersetzung ist von den Vokabeln her freier als die Hölschers, passt sich stattdessen stärker der griechischen Syntax an.

Im Kommentar kann man die Bedeutung im philologischen Verständnis noch einmal nachlesen: „Das Seiende, das sich als das Selbige gezeigt hat, ist, als ein immer Identisches, erkennbar – das Werdende, als unidentisch, ist unerkennbar.“ (S. 98). Das ist dann aber eher Erkenntnistheorie als Ontologie. Inwiefern ist der Satz dann aber richtig, mit dem Uvo Hölscher seinen Kommentar beginnt: „Parmenides ist der Schöpfer der Ontologie“? (S. 61).

Uvo Hölscher spricht vom „Sein des Gesagten“ während Heidegger das „Sein des Seienden“ erkennt. Es wird weiter nach der Ontologie zu fragen sein.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.