Grundlagen des Antisemitismus, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

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Binjamin Segel: Die Protokolle der Weisen von Zion kritisch beleuchtet, Eine Erledigung, Herausgegeben von Franziska Krah, ça ira Verlag, Freiburg/Wien 2017, Softcover, 517 Seiten, ISBN: 978-3-86259-123-7, Preis: 29,00 Euro, Leseproben unter ca-ira.net

Diese Neuauflage der kritischen Lektüre der „Protokolle der Weisen von Zion“ kommt sicherlich zu rechten Zeit, zumal die kritischen Betrachtungen der „Schwarzen Hefte“ von Martin Heidegger gelegentlich auf die „Protokolle“ zu sprachen kamen. Interessanterweise geht die Herausgeberin Franziska Krah darauf gar nicht ein, obwohl der Verlag sich, wie der „Heidegger-Lehrstuhl“, ebenfalls in Freiburg befindet. Ausgehend von meiner Beschäftigung mit Martin Heidegger stellt sich mir die Frage: Ist es wirklich „nur“ der Antisemitismus oder steckt noch ein anderes Thema dahinter, wenn bis in einen Kreis von Philosophen und Intellektuellen hinein ein solches Machwerk Eindruck gemacht und Spuren hinterlassen hat. Mit dem „nur“ möchte ich nicht vom Antisemitismus ablenken, sondern ihn gerade als die Katastrophe begreifen, die sich im Nationalsozialismus manifestiert hat und die zur Shoah geführt hat.

Die Leitfrage meiner Rezension geht in eine etwas andere Richtung als die Bearbeitung der Herausgeberin, die verständlicherweise an der historisch-kritischen Aufarbeitung des Sachbuches von Binjamin Segel aus dem Jahr 1924 interessiert ist, wozu auch die Anmerkungen in eckigen Klammern dienen – eine umfangreiche Arbeit, wenn man bedenkt, dass das Buch Segels allein knapp 470 Seiten hat.

 

Franziska Krah geht in der Einleitung auf den editorischen Hintergrund der „Erledigung“ der „Protokolle“ durch Binjamin Segel und auf die „Protokolle“ selbst ein. Es ist bedenkenswert und historisch wichtig, wieso die „Protokolle“ nicht nur Hitlers „Mein Kampf“ prägten, sondern auch zur Pflichtlektüre der Hitlerjugend wurden (vgl. S. 10). Das antijüdische Pamphlet war sogar weltweit verbreitet und in Übersetzungen gedruckt in Russland, Polen, England, Frankreich, Japan, China, Schweden, Rumänien und der Türkei. (Hinweis: Im Wikipedia-Artikel zu den „Protokollen“ gibt es einen Link zu einer deutschsprachigen PDF-Fassung.). Die deutsche Übersetzung erschien im Jahr 1920 und basierte auf der russischen Fassung.

 

Während Segels Widerlegung der „Protokolle“ im Jahr 1924 erschien, gab es vorher einen kurzen Artikel des auch in der Theologie bekannten Judaisten Hermann Strack (Broschüre: Jüdische Geheimgesetze, Berlin 1921, hier Anmerkung B. Segel, S. 51). Bereits hier wurden die „Protokolle“ als Fälschung erwiesen.

Im Prinzip sehe ich in der Neuedition des Buches von Binjamin Segel zwei Nachteile. Das Buch Segels ist apologetisch und redundant. Andererseits ist es eine wichtige Quelle für die europäische Geschichte. Viele Anmerkungen weisen auf die Bemerkungen zum europäischen Kontext hin. Die Apologetik aus jüdischer Sicht, hat, so berechtigt diese ist, den Nachteil, dass Binjamin Segel in seiner Argumentation oft dann endet, wenn er erwiesen hat, dass die „Protokolle“ kein jüdischer Text sein können. Die Frage, wenn er kein jüdischer Text ist, was dann und wer genau, stellte sich zumeist nicht. Genau mit dieser Frage, möchte ich aber diese Publikation lesen. Korrekter müsse man sagen, dass Segel vom russischen Hintergrund der Protokolle überzeugt ist und die Behauptung des dortigen Autors, sie seien ihm übergeben worden, kritisiert (vgl. S.433ff).

Klar wird die Argumentation zugunsten einer Fälschung schon dadurch, dass es nicht möglich ist, hinter den unterschiedlichen Ausgaben und sogar Übersetzungen eine einzige Ursprungsschrift zu identifizieren. Fakt ist, dass in dem Land, in dem es im Jahr 1905 heftigste antisemitische Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung gab, die antisemitischen Protokolle, als Anhang eines Buches getarnt, erschienen sind.

 

Die ersten sieben Kapitel des Buches von Binjamin Sigel zeigen neben der sich ständig wiederholenden Argumentation, die „Protokolle“ seien nicht jüdischen oder zionistischen Ursprungs, einige historische Fakten aus der Geschichte des Judentums in Europa. Darin wird auch der Ursprung der jüdischen Ansiedlungen in Palästina erwähnt, die demnach gar nicht zuerst von zionistischen Kongressen ausgingen, sondern bereits als geregelte Auswanderung von Russland aus organisiert worden sind. Die spätere Finanzierung von Landkäufen in Israel sei außer von der Familie Rothschild von niemandem sonst mitfinanziert worden. Das sogenannte jüdische Großkapital, von dem die Protokolle erzählen, habe es in dieser Form ohnehin nicht gegeben. Mitglieder der jüdischen Religion seien keinesfalls in der Lage gewesen, eine jüdische Weltverschwörung zu organisieren. Es genügt also nicht, nachzuweisen, dass die „Protokolle“ aus editorischen Gründen eine Fälschung sind, sondern sie müssen auch noch in ihren Intentionen und Argumenten widerlegt werden.

Das geschieht hauptsächlich im 8. Kapitel, dem ich mich hier hauptsächlich widme: „Kritische Analyse der Protokolle“ (S. 143 – 213). Hier werden die Inhalte der „Protokolle“ referiert und zugleich aus jüdischer Sicht kommentiert. Es wird schnell deutlich, dass es niemanden im Judentum gab, der eine derartige weltweite Machtentfaltung bzw. Weltherrschaft im Sinne hatte. Was allerdings auffällt, ist aus heutiger Sicht, dass die „Protokolle“ am Beispiel eines fiktiven „Judentums“ eine Theorie monokratischer, populistischer Machtentfaltung beschreiben, wie sie später im Nationalsozialismus praktiziert wurde. Die „Protokolle“ sind der Machiavelli der Nazis, vielleicht aller populistischen Bewegungen.

 

Feinde des Liberalismus, Kritik am Humanismus, Aneignung fremden Eigentums, Schreckensherrschaft durch Einschüchterung, geheime Regierung, Hass gegen den Adel, Einschränkung der Pressefreiheit und Diskreditierung der Presseorgane, Beseitigung verfassungsmäßiger Gewalten, Ablehnung des Rechts auf Gleichheit, Einschränkung der Bürgerrechte, Sprengstoffanschläge in der U-Bahn, Abschaffung oder Verhinderung der Demokratie, Machtübernahme durch einen Staatsstreich, Einschränkung des Rechts auf Bildung, Polemik gegen pädagogische Modelle wie den Anschauungsunterricht nach Pestalozzi, Vorbildfunktion historischer Herrscher wie Napoleon des 3., Polemik gegen das Christentum, Abschaffung des Luxus, Einführung einer Besitzsteuer, planmäßige Erziehung in eine vorgegeben Richtung, usw. sind die Absichten die hier dem Judentum unterstellt werden, faktisch aber später der Machtentfaltung der Nationalsozialisten dienten, wovon Binjamin Segel noch nichts wissen konnte. Oder? Ist nicht schon in der Einleitung fast eine ganze Seite zu Adolf Hitler zu lesen, einem „äußerst tüchtigen Anstreichergesellen, den unsere trübe Zeit zum Retter der deutschen Nation emporgehoben“ hat (S. 38). Aus seiner Aggression gegen den Kommunismus wurde, da Marx ja geborener Jude sei, gleichzeitig auch der Antisemitismus. Und dann heißt es im Jahr 1924 bereits: „Diese Überzeugung teilt nicht nur die Hammelherde, die Hitler nachläuft, sondern auch seine Mitkämpfer.“ (S. 38)

Allerdings: Binjamin Segel ist bereits im Jahr 1931 gestorben und hat nur die Entwicklung zum Nationalsozialismus erlebt, nicht aber dessen Machtübernahme und erst recht nicht die Katastrophe des Holocaust. Die „Protokolle“ sind an der Oberfläche eine antisemitische Schrift, aber indirekt und mit noch großem Einfluss eine Schrift zur Anleitung diktatorisch, demagogischer und populistischer Machtentfaltung. Der Faschismus ist dessen zwangsläufige Folge, der im Antisemitismus wurzelte.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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