Schwaches Denken in der Theologie? Rezension, Christoph Fleischer, Welver 2018

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Zu: Rebekka A. Klein, Friederike Rass (Hrsg.): Gottes schwache Macht, Alternativen zur Rede von Gottes Allmacht und Ohnmacht, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, Softcover, 250 Seiten, ISBN: 978-3-374-04877-9, Preis: 34,00 Euro

Ist die Beobachtung der Philosophie richtig, dass die Kritik der Gottesfrage in der Metaphysik, wenn diese zu einem Gottesbild der Allmacht führt, in der Theologie zu diskutieren und aufzunehmen sei und wenn ja, wie? Mit dieser Frage beschäftigte sich ein Workshop am 12. und 13. Mai 2016 in der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das hier vorliegende Buch der Professorin Rebekka Klein (Bochum) gemeinsam mit Dr. Friederike Rass (Tübingen) dokumentiert die Beiträge des Workshops.

Der Band hat zwei Teile, vorangestellt ist eine kurze Einführung zu den Stichworten „Ohnmacht“ und „Allmacht“. Im ersten Hauptteil werden Antworten aus der Philosophie aufgeführt und dargestellt, und im zweiten Teil wird der theologische Diskurs um die „schwache Macht Gottes“ referiert, und zwar hauptsächlich aus der Sicht der systematischen Theologie.

Im ersten Teil geht es in einem Aufsatz von Jakob Helmut Deibl um Gianni Vattimo, über Emanuel Lévinas schreibt Ferdinando G. Menga, Alexander Maßmann widmet sich John Caputo, in einem Aufsatz von Rasmus Nagel geht es um Slavoj Zizek und über Georgio Agamben referiert Philipp Schlögl. Diese Artikel ermutigen die Leserinnen und Leser, die Wiederkehr der Religion im Rahmen der Philosophie zur Kenntnis zu nehmen.[1]

 

Können die Rezeption Friedrich Nietzsches und Martin Heideggers, das Eingedenksein der Katastrophe der Shoah, die Theodizeefrage und überhaupt die demokratische Diskursethik, die allesamt dazu führen, dass die Auffindung Gottes nicht in einem Sein zu sehen ist, sondern in einem Ereignis, überhaupt ernst genommen werden, wenn man gleich darauf Theologie treibt und Gottes Allmacht nur anders definiert, nicht aber als Glaubensbegriff hinterfragt?

 

Zizek und Agamben gehen einen Schritt weiter als die anderen Philosophen und nehmen ausdrücklich christliche bzw. theologische Anstöße des 20. Jahrhunderts auf. So gehören mit Dietrich Bonhoeffer die Kreuzestheologie und die Rede vom Tod Gottes zusammen, der ja nach Sigmund Freud auch der Tod des Vaters ist. Rasmus Nagel fokussiert folglich: „Die Vorstellung von Gott als allmächtigem Souverän wird in der Proklamation seines Todes lediglich verdrängt und dadurch bewahrt.“ (S. 86) Der Schlusssatz seines Artikels ist dann wohl doch eine Aufforderung, die Theologie nicht mit der Machtlosigkeit Gottes in Verbindung zu bringen: „Konkret heißt das, die Macht des auferweckten Gekreuzigten in Begriffen zu denken, die weder klassische Vaterfiguren wiederbeleben, noch in die Fallen raffinierteren postautoritären Machtformen tappen.“ (S. 95)

In der Tat bleibt die Struktur der systematischen Theologie metaphysisch, wenn die Gotteslehre und damit der Wortlaut von theistischen Formulierungen nicht hinterfragt werden.[2]

 

Anregend ist die Aufnahme von John D. Caputo im theologischen Hauptteil durch Martin Hailer, der Caputo skizziert mit den Worten „Gott ruft, Gott drängt, Gott überzeugt“ oder anders ausgedrückt: „Gott ist nicht, Gott wirkt“. Dazu passt auch die Aufnahme des Messianischen nach Agamben, wenn er etwa schreibt: „Im Messias zu leben ist eine Existenzform.“ (zit. n. Hailer, S. 125).

 

Ein Diskurs, in dem nicht unbedingt am herkömmlichen Allmachtsgedanken festgehalten wird, ist nach Hartmut von Sass auch die Trinitätslehre z. B. nach Jürgen Moltmann, in der die Differenz zwischen den göttlichen Personen konstatiert und nicht verdrängt wird. Als Modellgeschichte dient die Begebenheit in Gethsemane, die zweierlei vermittelt: Zum einen stilisiert sich Jesus zum göttlichen Erlöser und zum anderen ist er mit Gott uneinig, ordnet sich ihm aber unter. In der Anfechtung ist der Glaube fragwürdig geworden. Die Kreuzigung ist nichts anders als Gottes Anfechtung. Hartmut von Sass weist zugleich darauf hin, dass die genannten Ansätze fragmentarisch bleiben und die Theologie in Gefahr bringen, ohnmächtig zu werden.[3]

 

Auch der Aufsatz von Friedhelm Meier will die Arbeit von John D. Caputo aufgreifen, kritisiert ihn aber zugleich im Dialog mit Ockham, der ja wohl nicht unbedingt ein Zeitgenosse Caputos ist. Er bringt jedoch dabei aus der Bewegung Open Theism Grogory Boyd ins Gespräch und schlägt zum Schluss im Gespräch mit dem „perhaps“ Caputos vor, Gottes Handeln im Vollzug einer „Sinnmacht“ zu sehen. „Die sich verwirklichende Sinnmacht liegt dem Handeln der Menschen prinzipiell zugrunde. Oder umgekehrt muss gelten: Keine konkreten Taten der Menschen sind der Grund für die Verwirklichung von Gottes Zielbestimmung. Gott kontextualisiert die Taten der Menschen als eschatische Sinnmacht.“ (S. 173).

 

Vielleicht muss die Theologie, wenn sie im Bereich ihrer eigenen Disziplinen bleibt, angeregt von Slavoj Zizek zum frühen Karl Barth zurückkehren, der die Wirklichkeit Gottes allein in der im Menschen erfahrenen Zuwendung sehen will. Wenn „Wort Gottes“ nicht einseitig kognitiv verstanden wird, wäre dies wohl ein Ansatz, der sich mit den Anfragen postmetaphysischer Theologie in Verbindung bringen ließe. Es ist gut, dass die Anstöße des nachmetaphysischen Denkens nun auch in der offiziellen Theologie zur Sprache gekommen sind. Doch die Bearbeitung dieses Themas steckt noch in den Kinderschuhen.

[1] Allerdings wird dann, so ist es meine Beobachtung, so getan, als sei die Philosophie eine Art Hilfswissenschaft für die Theologie, in der die eigentliche Wahrheitsfrage im Rahmen der Gotteslehre zu beantworten sei. Dadurch kann man einfach nur konstatieren, dass die Philosphie als wohl willkommene Anstoßgeberin funktioniert. Wie ein Dialog auf Augenhöhe funktioniert, ist nicht deutlich geworden. Der durch das festgestellte Ende der Metaphysik zu konstatierende Satz „Es gibt mehr als eine Wahrheit“, kommt so im Buch nicht vor, bzw. ich erinnere mich daran nicht.
[2] Selbstredend gibt es auch ideologiekritische Ansätze in der Theologie wie die frühe dialektische Theologie oder die Hermeneutik, die aber die Rettungsversuche der Machtbegriffe aufgeben müssten. Damit wäre dann die wahre Mitte der christlichen Theologie eben nicht mehr die Macht.
[3] Ich sehe in den Anmerkungen aber auch nicht, dass etwa neuere Arbeiten von Jürgen Moltmann zur Kenntnis genommen würden.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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