Konstruktivistische Anthropologie, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

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Zu: Günter Dux: Die Logik der Weltbilder, Sinnstrukturen im Wandel der Geschichte, Gesammelte Schriften, Band 3, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-17354-8, Preis: 34,99 Euro

Die Überschrift meiner Rezension trägt den Titel Konstruktivistische Anthropologie, weil ich meine, dass Günter Dux in diesem Band sowohl Anthropologie betreibt, indem er Vergleiche und Erfahrungen aus der Lebenswelt indigener Völker heranzieht, und andererseits den Weg zwischen Realismus und der Deutungserfahrung bezieht. Im zweiten Teil wird dann vor diesem Hintergrund die Erfahrungswelt der Religion bewertet, so dass man von einer Religionskritik sprechen kann.

Zunächst ist es m. E. sinnvoll, die Begrifflichkeit des „konstruktiven Realismus“ zu verstehen, den Günter Dux folgendermaßen beschreibt:

„Ohne Zweifel strukturiert die Immanenz des subjektivischen Moments in der Objektauffassung […] bereits die Wahrnehmung. So elementar die sensorische Ebene ist, sie wird im Aufbauprozess der Wirklichkeit mit strukturiert. Allein, das hindert nicht im geringsten, Daten, die über die sensorische Ebene eingeholt werden, realistisch aufzunehmen und zu verarbeiten. […] Und natürlich kann und wird auch von ihnen ein bestimmtes Außenobjekt, ein Stein zum Beispiel, auf der Folie des subjektivischen Schemas als dieser Stein wahrgenommen, mit der ihm eigenen Größe, Schwere, Härte, Farbe, Gestalt, etc. […] Die subjektivistische Strukturierung schlägt erst durch, soweit Deutungen notwendig werden […]. (S. 97)

Im Bereich der Religion werden über den Bereich der indigenen Völker hinaus auch andere Beispiele aus der Religionsgeschichte z. B. im antiken Ägypten angesprochen, um danach auf den israelitischen Stammesgott zu sprechen zu kommen. Später wird die Geschichte als Lernprozess dargestellt, um abschließend, passend zum modernen Fortschrittsmodell auf das Ende der Religion im wissenschaftlichen Denken zu sprechen zu kommen. Das Ziel des Buches besteht dann darin, zu zeigen, dass es zwar möglich ist, in der Gegenwart noch religiös zu denken, dass dieses Denken aber mit der Wissenschaft in Konkurrenz stehen wird. Zum Schluss findet er zur Konsequenz, die das theologische oder religiöse Schema der Transzendenz als nicht tragfähig bezeichnet, nach dem Motto: Quod erat demonstrandum. Doch, so muss man fragen: kommt damit nicht einfach nur die anfängliche Ausgangsposition erneut zum Tragen, so dass man zuletzt von einem Zirkelschluss sprechen müsste? (d. Rez.)

Dux schreibt: „Die religiösen Praktikanten unserer Zeit haben sich längst auf die neue Situation eingestellt, nur zaghaft und unentschlossen. Sie haben den Gedanken der Transzendenz erfasst und sind zum Überstieg über alles Wissbare bereit. Die Unmöglichkeit, die Transzendenz wirklich zu denken, lässt die Unerschrockenheit, die mundane Kategorie der Subjektivität zu verwenden, um so argloser erscheinen. […] Mir will es deshalb scheinen, sich im Wissbaren bescheiden zu wollen, sei in der Gegenwart zur Bedingung dafür geworden, Humanität Geltung zu verschaffen.“ (S. 282)

Das weiterhin geltende Verständnis für die Religion, die nun nicht mehr zeitgemäß zu sein scheint, hat nur deshalb weiterhin zu funktionieren, weil „sich in ihm ein seit Urzeiten gültiges interpretatives Paradigma durchhält.“ (S. 283)

Sicherlich kann sich die Religion nicht nur auf ein theoretisches Transzendenzmodell stützen, sondern muss mit einer lebendigen Erfahrung verbunden sein.

Kommentar von Markus Chmielorz, Dortmund 2018:

Die Möglichkeit, „Gott“ zu denken und die Möglichkeit, spirituelle und religiöse Erfahrungen zu machen -die einer eigenen Logik folgen, die sich von der Logik moderner Naturwissenschaften unterscheiden-, gehören offenbar zu den Möglichkeiten, die sich menschheitsgeschichtlich beobachten und hinterfragen lassen. Auch das Denken selbst bildet dann einen Gegenstand des subjektivistischen Schemas.

 

Wenn Konstruktivismus den Aspekt des „Alles könnte auch ganz anders sein“ betont, dann kommen die Modi menschlicher Konstruktionen ebenso in den Blick, wie der Kontext und die Beziehungen der unterschiedlichen Elemente des Systems (wie Beobachter_innen, Beobachtetes und das, was dazwischen passiert). In Bezug auf den christlichen Gottesglauben stellt sich dann schon die Frage, was denn bliebe, wenn die Seite der Beobachter_innen fehlte: „Gott“ ohne Mensch?

 

Was bleibt, ist die Frage nach der Humanität, und hier sprechen einige Argumente dafür, die Grenzen des Wissbaren auszuloten, denn mag auch die Rationalität ästhetischer, spiritueller, religiöser Erfahrungen eine andere sein, als die der modernen Naturwissenschaften – es könnte ein Gewinn für Ethik und Moral sein, beide ins Gespräch zu bringen.

 

Und: Dux‘ Rekurs auf Wahrnehmung ermöglicht einen Anschluss an den sog. „materialistic turn“ in der Soziologie und damit eine Neuformulierung der materiellen Bedingungen von Sprache und Denken und ein neues Ins-Verhältnis-Setzen von Heteronomie und Autonomie. Damit ist unmittelbar Theo-Logisches angesprochen, denn es geht darum, wie sich Kontingentes und Nicht-Kontingentes zueinander verhalten.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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