Entscheidung zum Leben, Rezension von Emanuel Behnert, Lippetal 2018

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Rezension zu: Sandra Schulz: Das ganze Kind hat so viele Fehler – Die Geschichte einer Entscheidung aus Liebe, Rowohlt Verlag Hamburg, 2. Auflage 2017, ISBN 978-3-499-63221-1, Preis: 14,99€

„Sandra Schulz ist in der 13. Woche schwanger, als sie nach einer Blutuntersuchung einen gefürchteten Satz hört: ‚Ich habe leider kein komplett unauffälliges Ergebnis für Sie‘, sagt die Ärztin. ‚Ein Schicksalsschlag‘, sagt ihre Familie. Sandra Schulz denkt: ‚Redet nicht so über mein Kind!‘ Sie kämpft um ihre ungeborene Tochter, doch heimlich nennt sie das Wunschkind, das plötzlich keins mehr ist, eine halbe Sache und fragt sich, ob sie ein behindertes Kind liebe können wird.“ (Umschlagaußenseite).                                                                                  „’Ich hätte ihr so gerne den Himmel gezeigt‘, habe ich zu Christoph gesagt, gestern am Heilig Abend. Am 23. Dezember, in der 18. Woche ist der Ultraschallkopf zwei Stunden auf Marja auf und abgefahren, ein neuer Experte, ein Professor, hat mein Kind vermessen, jedes Organ. Marja hat gezuckt. Vielleicht war es nur, weil der Stab auf meinen Bauch gedrückt hat….“ (Umschlaginnenseite)

Schon auf den ersten Zeilen offenkundigen Zeilen, noch bevor das Buch eigentlich begonnen hat, wird der interessierte Leser direkt sehr persönlich mit hinein genommen, zum einen in das intensive, zum Teil auch zwischen Bangen und Hoffen schwankende Gefühlsleben einer werdenden Mutter, deren Schwangerschaft jedoch einen ganz anderen Verlauf nimmt, als junge Eltern sich das gemeinhin wünschen. Zum anderen aber auch in eine Thematik, die sich gerade auch aus ethischer Sicht immer wieder als äußerst problematisch erweist.

Die Pränataldiagnostik. Ein lückenloses Untersuchungs- und Überwachungssystem, das Sandra Schulz in ihrem Buch nicht zu Unrecht als „gläserne Schwangerschaft“ bezeichnet. Zwar werden die entsprechenden Untersuchungen den Schwangeren immer auf der Basis der Freiwilligkeit angeboten. Doch hinter jedem dieser Angebote steht, bei genauem Hinhören und Hinterfragen durchaus die Erwartung, dass sie auch wahrgenommen werden, selbst wenn sie eventuell aus eigenen Mitteln finanziert werden müssen. (Etwa für ein dreidimensionales Ultraschallbild, das ca. 100€ kostet). Eine unbeschwerte Vorfreude, sowohl auf den Verlauf der Schwangerschaft, die getaktet wird von bestimmten Terminen, die es – auch im Hinblick auf sich möglicherweise daraus ableitenden Konsequenzen – einzuhalten gilt, als auch auf die Geburt und die Zeit danach, wird damit vielfach getrübt.

Dazu kommt dann unter Umständen auch noch der Druck, der im Hinblick auf mögliche Entscheidungen, die in Abhängigkeit von unterschiedlichen, vor allem pathologischen Ergebnissen getroffen ist, auf den Betroffenen, insbesondere der jeweils Schwangeren lastet, und oftmals auch ausgeübt wird. Womit dann das 2. große Problem der Pränataldiagnostik verbunden ist, auf das Ethiker aus verschiedenen Lagern immer wieder hingewiesen haben und hinweisen: Die PND dient nicht nur dem sicheren Verlauf einer weitgehend komplikationsfreien und gesunden Schwangerschaft für Mutter und Kind, sondern vor allem auch der Selektion von lebenswertem und lebensunwertem Leben, ohne dass die Grundlagen, die der Beurteilung zugrunde liegen ausreichend deutlich gemacht werden können. Denn auch ein Leben, das nur wenige Stunden oder Tage dauert, kann ja durchaus lebenswert sein, vor allem auch für diejenigen, denen es anvertraut wurde, was nicht wenige Veröffentlichungen immer wieder ganz deutlich belegen.

Genau auch das beschreibt Sandra Schulz in ihrem sehr lesenswerten Buch, wenn sie auf dem Weg einer persönlichen Entscheidungsfindung für sich, für IHREN Schwangerschaftsverlauf und im Ringen um die Frage, was ist lebenswert, was ist es wert, am Leben erhalten und größtmöglich im Leben geschützt zu werden, auf Menschen trifft, die mit ihr auf dem gleichen Weg sind, weil sie selbst schon lange diese anstehenden Entscheidungen getroffen haben und gut mit den Folgen leben können.

Sandra Schulz ist studierte Politikwissenschaftlerin und Journalistin und seit vielen Jahren als Redakteurin, zeitweilig auch als Asien-Korrespondentin für den „Spiegel“ tätig. In ihrem sehr emotionalen, aber auch sehr kritischen Buch in Bezug auf ein sehr heikles Thema, das eigentlich immer wieder neu bedacht werden muss, lädt sie den Leser zum Mitgehen, Mitfühlen und Weiterdenken ein. Ein sehr lesenswertes Buch.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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