Karl Marx für heute, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

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Michael Quante, David P. Schweikard (Hg.): Marx Handbuch, Leben – Werk – Wirkung, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, gebunden, 443 Seiten, ISBN 978-3-476-02332-2, Preis: 69,99 Euro

Die im Marx Handbuch angesprochene „ungebrochene Aktualität des Denkens von Karl Marx“ zeigen auch die aktuellen Veranstaltungen zum Anlass seines 200. Geburtstages am 5.5.2018. Das Handbuch hat sich die Aufgabe gestellt, sein Wirken primär philosophisch zu interpretieren. Dabei soll dieses Wirken von den 33 Autorinnen und Autoren durchaus plural wiedergegeben werden.

Zum Inhalt: Nach einem kurzen biografischen Abriss geht der zweite Teil auf philosophische, ökonomische und politische Werke von Karl Marx ein. Der dritte Teil gibt eine Gesamtdarstellung seiner Arbeit in Grundbegriffen und Konzeptionen um dann im vierten Teil die Rezeptionsgeschichte zu zeigen. Im Anhang finden sich verschiedene Verzeichnisse zur Weiterarbeit.

Ich gehe exemplarisch und vom Interesse geleitet vor und lese zuerst die Kurzbiografie. Dann wähle ich aus der Werkschau den Teil 6. „Die deutsche Ideologie/Feuerbachthesen aus, aus dem nächsten Teil den Grundbegriff „Ontologie“ und zur Wirkungsgeschichte den Abschnitt über Theologie und Religionswissenschaft.

Dass in der Biografie (Kapitel I) das Geburtsdatum von Karl Marx (5.5.1818) mit dem Eintritt von Hegel in seinen Berliner Lehrstuhl abgeglichen wird, wirkt ein wenig konstruiert. Ansonsten ist die Biografie an nicht an einer Heldenverehrung interessiert. Der biografische Abriss ist sachlich und informativ, und zwar sowohl in persönlicher Hinsicht wie dem Werdegang und der familiären Entwicklung, als auch bezogen auf den Sitz des Lebens seiner unterschiedlichen Veröffentlichungen.

Zusammenfassend gesagt erscheint das Leben von Karl von seinem Studium in Bonn und Berlin an recht unruhig. Ab 1943 lebte er zusammen mit seiner Ehefrau Jenny von Westphalen fast ausschließlich außerhalb Deutschlands im europäischen Exil: Paris, Brüssel, Köln, Paris und London. Der Aufenthalt in Köln 1848/49 musste abgebrochen werden, da nach der erneuten Zeitungsgründung die Niederschlagung der Deutschen Revolution ein weiteres Erscheinen der Zeitung verhinderte.

Der Hauptwohnsitz danach war London, dass das Vereinigte Königreich für politisch Verfolgte recht offen war. Marx arbeitete überwiegend journalistisch, wobei aus heutiger Sicht in damaligen Zeit auch in gewöhnlichen Zeitungen recht ausführliche Artikel, ja sogar Bücher erschienen. Doch Karl Marx war sogar von London aus Auslandskorrespondent des Daily Tribune aus New York.

Was der Aufenthalt im europäischen Ausland zunächst nicht vermuten lässt, ist, dass Karl Marx trotzdem eine recht aktive Rolle in der neu aufkommenden Arbeiterbewegung innehatte, in London sogar zum Präsident der neugegründeten Internationale gewählt worden ist. Er war auch mit Ferdinand Lasalle, dem Gründer der SPD, befreundet. Karl Marx stirbt 1883, zwei Jahre nach seiner Frau Jenny und seiner ältesten Tochter Jenny, die schon verheiratet war. Das Paar Jenny und Karl Marx hatte neun Kinder, wovon die meisten schon im Kindesalter gestorben sind.

Sein Sponsor und Mitautor vieler Bücher war der Wuppertaler Fabrikantensohn Friedrich Engels, der auch nach Marx‘ Tod das übriggebliebene Material wie die letzten beiden Bände des Kapitals veröffentlicht hat.

 

Der Beitrag „Deutsche Ideologie“ (Kapitel II, A, 6) stammt aus den Jahren 1845/46 und ist zu Lebzeiten von Karl Marx nicht veröffentlicht worden (zuerst erschienen in MEGA 1,5, 1932). Die „Thesen über Feuerbach“ wurden dem Werk in MEW, Band 3, vorangestellt, wohl weil sie inhaltlich besonders zum Feuerbachkapitel passen (MEW 3, erschienen ab 1956).

Marx kritisiert den Materialismus Feuerbachs, der die Wirklichkeit objektiviert. Marx hingegen „begreift sie als menschliche Tätigkeit“ (S. 52). Er integriert die tätige Seite der Menschen in die Wissenschaft und erklärt die Religion aus den Widersprüchen der Gesellschaft. Feuerbach wird ein „abstrakter Idealismus“ vorgeworfen.

Die deutsche Ideologie ist eine Textsammlung, die sich mit verschiedenen zeitgenössischen Philosophen befasst wie Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und Max Stirner.

Marx betont die Priorität des Lebens vor dem Bewusstsein: „das Leben bestimmt das Bewusstsein“ (S. 55). Geschichte wird als „Produktion“ menschlichen Lebens verstanden (vgl. S. 56). Daher ist das Bewusstsein ebenfalls ein Faktor der Geschichte. In der Gesellschaft entstehen Widersprüche durch die fortgesetzte Teilung der Arbeit. Es kommt so zur „Produktion des Bewusstseins“ (S. 59).

Der Teil, der Max Stirner gewidmet ist, hat über 300 Seiten. Karl Marx und Max Stirner sind sich, so der Autor, ähnlicher als Marx es wahrhaben will. Aber die Akzente verschieben sich: Marx betont die Machtverhältnisse, während Stirner die Verhältnisse vom individuellen Verhalten her deutet.

Mir scheint, die Auseinandersetzung Stirner – Marx für heute wieder aktuell zu sein.

 

Zum Stichwort „Ontologie“ (Kapitel III, A, 3) wird deutlich, dass „das gesellschaftliche […] als Gerechtes eine ‚lebendige‘ Totalität (ist)“ (S. 152). Erkenntnistheorie, Ontologie und Ethik gehen daher ineinander über. Dem griechischen Philosophen Epikur folgenden sagt Marx, dass es nur eine Wirklichkeit gibt (vgl. S. 153).

Marx sieht das Wesen der Geschichte als dynamischen Prozess in den Kausalitäten der Geschichte. Die „Verhältnisse“ der Gesellschaft werden zu einem „Bewusstsein“. Die Wirklichkeit ist total, so dass im Einzelnen das Ganze immer mit gemeint ist. Die Entwicklung wird durch die Dialektik von Widersprüchen angeregt.

Marx schreibt in diesem philosophischen Kontext auch über den Hunger der Arbeiter als Ursache des Privateigentums. Die bei Marx verwendeten Wissenschaftsbegriffe sind von Hegel übernommen z. B. der Begriff der Dialektik, der bei Marx aber auf das Ganze der Wirklichkeit angewandt wird. Die Widersprüche sind der Motor der Geschichte. Hierbei kommt auch die Natur in den Blick: „Natur ist […] eine konkrete Einheit des Mannigfaltigen.“ (S. 160).

 

Die Auswirkungen der Philosophie von Karl Marx auf Kirche, Theologie und Religionswissenschaft (Kapitel IV, C, 8) sind überschaubar. Dies ist aber vielleicht auch deshalb so, weil hier nur explizite und ausdrückliche Bezugnahmen aufgezählt sind. Marx selbst hat, von seinen Anfängen abgesehen, über Religion nicht mehr viel gesagt.

Auf evangelischer Seite wurden Rudolf Todt (1839 – 1887) sowie frühe sozialdemokratische Pfarrer wie Christoph Blumhardt aufgeführt, sowie die religiösen Sozialisten mit Leonard Ragaz und Paul Tillich.

Nach dem 2. Weltkrieg kommt es zum christlich-marxistischen Dialog auf katholischer (Metz, Rahner) und evangelischer Seite (Gollwitzer, Hromadka, Moltmann, Sölle fehlt). Die Maßnahmen des Vatikans gegen die Theologie der Befreiung und Leonardo Boff bilden hier den Schlusspunkt.

Ergänzend wird auf Vertreter der Religionswissenschaft im Kontext der DDR hingewiesen.

Zum Schluss wird noch einmal Karl Marx zitiert:

„Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedermaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln.“ (S. 402).

 

Mir persönlich zeigt die Auswahl der Texte, an denen ich persönlich arbeiten kann, dass Marx durch seinen Blick für das Konkrete und Alltägliche einen inhaltlichen Zug in die Philosophie eingebracht hat, die in jeder neuen Epoche auf die aktuelle Lebenssituation bezogen werden kann.

 

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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