Kunsthandel – Chance und Versuchung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

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Zu: Uwe Fleckner, Thomas W. Gaethgens, Christian Huemer (Hg.): Markt und Macht, Der Kunsthandel im „Dritten Reich“, Schriften der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ (Band XII), Walter De Gruyter GmbH, Berlin/Boston 2017, gebunden 434 Seiten, ISBN: 978-3-11-054719-1, Preis: 39,95 Euro

Nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Abbildungen und Fotos (schwarz-weiß) ist das Buch auf glattem, säurefreiemPapier gedruckt und macht so schon einen hochwertigen Eindruck. Es enthält 16 Artikel über diverse Kunsthändler im Nationalsozialismus, besonders über die, denen die Weitergabe und der Verkauf „entarteter Kunst“ oblag. Sechs Artikel sind in englischer Sprache, die anderen auf Deutsch. Das „Warburg-Kolleg“ (2014), veranstaltet von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ wird hiermit dokumentiert (Weitere Informationen im Internet unter https://www.fbkultur.uni-hamburg.de/ks/forschung/warburg-kolleg.html).

Exemplarisch werde ich in dieser Rezension über die Beobachtungen von Meike Hoffmann berichten, die sie über den Kunsthändler und späteren Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins Hildebrand Gurlitt (1895-1956) zusammenträgt („Saboteur und Profiteur, Hildebrand Gurlitt als Händler ‚entarteter‘ Kunst“, S. 141 – 165). Sein umfangreicher Nachlass wird zurzeit in einer Ausstellung in Bonn (2017), Bern (2018) und Berlin (2018) dokumentiert.

Hildebrand Gurlitt war Museumsleiter in Zwickau und Leiter des Kunstvereins in Hamburg, bis er nach 1933 diese Tätigkeiten aufgeben musste. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Kunsthändler (in Hamburg) zu werden, so abwertend wird es zumindest überliefert. Hildebrand Gurlitt hat den Einstieg in den Kunsthandel also als sozialen Abstieg aufgefasst, obwohl er darin durchaus erfolgreich agierte und so auch finanziell profitiert hat.

Eine andere Beobachtung ist die, dass die Vermittlung von Kunstgegenständen im Auftrag der Nazis durch Hildebrand Gurlitt ausschließlich für die Kunstwerke für die Aktion „Entartete Kunst“ gedacht war. Mit sogenannter Beutekunst oder Kunstverkäufen von verfolgten Jüdinnen und Juden hatte er nichts zu tun. Er selbst galt nach den Nazi-Gesetzen als Vierteljude, da er eine jüdische Großmutter hatte.

Die Aktion „Entartete Kunst“ wurde allgemein auf Kunstgegenstände öffentlicher Museen angewandt. Deren expressionistische Sammlungen wurden beschlagnahmt, in einer Wanderausstellung gezeigt und später ins Ausland verkauft. Tausende Kunstwerke wurden aber auch schlicht zerstört.

Der Artikel Uwe Fleckner „Zweifelhafte Geschäfte“ zu Beginn des Buches geht von einer allgemeineren Perspektive auf den Kunsthandel ein, und zeigt, dass auch heute die Konsequenzen dieser Problematik nicht vollständig aufgearbeitet worden ist. Am Beispiel der Rückgabe des Bildes „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner erläutert er, dass die Rückgabe durchaus auch so erfolgen kann, dass das Bild auf widersinnige Weise nicht in die Hände der ursprünglichen Eigentümer gerät.

Die Frage nach dem „Kunsthandel im ‚Dritten Reich‘“ wird im Buch sachkundig, manchmal sogar ein wenig zu speziell, andererseits aber auch sehr anschaulich dargestellt und auf verschiedene Aspekte angewandt. Die nationalsozialistische Rassenpolitik enteignete jüdische Sammler und Händler und verlangte von Menschen, die ins Exil gehen konnten, eine „Reichsfluchtsteuer“ (S. 5).

Im Artikel von Lyon Rother über den Kunstbesitz der Dresdner Bank, der zum Teil zur Sicherstellung von Krediten als Sicherheit angesammelt worden ist, wird der Kunstmarkt aus einer anderen Sicht beleuchtet. Aber auch hier geht es im Zusammenhang mit antijüdischer Rassenpolitik um den „Handel mit geraubter Kunst“ und zuletzt auch um die Frage der Rückgabe geraubter Güter, einer Frage, die im Zusammenhang mit Kriegsbeute und den Enteignungen im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik steht.

Ein kurzer Abschnitt aus dem Artikel von Uwe Fleckner mag als Fazit genügen: „Die Geschichte des Kunsthandels im Nationalsozialismus zu schreiben, steht mithin nicht nur aufgrund oft genug heikler Quellenlagen vor manchmal unüberwindlichen Hindernissen. […] Viele Kunsthändler werden ihren Geschäften nachgegangen sein, ohne sich etwas zu Schaden kommen zu lassen, andere leisteten zumindest gegen die Diffamierung der Moderne verhaltenen Widerstand, wiederum andere stellten sich als Mitläufer in den Dienst der Macht oder beteiligten sich aus Überzeugung oder Gewinnsucht am Kunstraub des nationalsozialistischen Staates…“ (S. 21).

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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