Zarathustra neu lesen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2018

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Zu: Heinrich Meier: Was ist Nietzsches Zarathustra? Eine philosophische Auseinandersetzung, Verlag C.H.Beck, München 2017, gebunden, 240 Seiten, ISBN: 978 3 406 707940, Preis: 26,95 Euro

Heinrich Meier lehrt als Philosophie-Professor an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und zugleich in Chicago. Außerdem leitet er die Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München. Die Notizen zum Hauptwerk von Friedrich Nietzsche „Also sprach Zarathustra“ sind in diversen Lehrveranstaltungen entstanden.

Während ein kritischer Kommentar das Buch Nietzsches kommentierend voraussetzen würde, hat das Buch von Heinrich Meier den Vorteil, eine zusammenfassende Nacherzählung mit einer fortlaufenden Kommentierung zu verbinden. Der Kommentar ist daher werkimmanent, was insofern erstaunt, als die vier Teile des „Zarathustra“ nicht aus einem Guss sind, sondern im Abstand jeweils einiger Jahre entstanden und vollständig nur im Nachlass veröffentlicht worden sind. Sicherlich hat Friedrich Nietzsche die zusätzlichen Teile aufeinander aufbauend verstanden.

Typisch an der gesamten Erzählung des Zarathustra ist eine Anlehnung an der Sprache und vielleicht auch der Thematik der Bibel in der Übersetzung Martin Luthers, die Nietzsche für ein Meisterwerk hält. Die erzählerischen Anteile treten gegenüber den Redeanteilen zurück, ganz wie in der Geschichte Jesu in den Evangelien. Die Botschaft und somit die Redetexte stehen im Vordergrund.

Der Kommentar von Heinrich Meier zu dem gesamten Werk des Zarathustra verwendet in Zitaten die „kritische Studienausgabe“, Band 4 (KSA 4). Ich persönlich habe den Zarathustra vorab als Hörbuch gehört, um einen Gesamteindruck zu bekommen. Eine fortlaufende Lektüre ist möglich, aber nicht notwendig.

In der Ausgabe von Heinrich Meier nehmen die Nacherzählung und die literarkritische Analyse einen breiten Raum ein. Er notiert etwa die Struktur der jeweiligen Redeteile der insgesamt um die 80 Reden des Zarathustra. Die Frage der Adressaten steht bei einer Rede im Vordergrund, doch sie ist nicht einheitlich zu beantworten, sondern von der jeweiligen Erzählung vorgegeben. Viele Reden sind an Gestalten gerichtet, denen Zarathustra auf einem Weg begegnet, die meisten jedoch gelten seinen Gefährten. Insgesamt nimmt NIetzsche die Menschen im Blick, von deren Verwandlung die Rede ist, und zwar in den Stufen Ehrfurcht, Selbständigkeit und Selbstliebe.

Die Religionskritik ist mehr Voraussetzung als Inhalt, auch wenn Nietzsche ironisch den guten Schlaf als Sinn der Religion bezeichnet. Zarathustra selbst ist eher Weisheitslehrer als Religionsstifter. Er macht jedem Mut, seinen bzw. ihren eigenen Weg zu gehen und selbstständig zu denken. Wichtig ist ihm dabei, der Erde treu zu bleiben. Heinrich Meier sieht beim „Zarathustra“ die „Stoßrichtung gegen die gemeinmachenden Allgemeinbegriffe“.

Der Individualismus Zarathustras ist gleichzeitig auch revolutionär: „Seine futuristische Lehre ist dem Status Quo feind.“ Dabei richtet er sich gegen jede depressive Grundstimmung. Er wünscht sich einen Gott, der „zu tanzen versteht“.

Heinrich Meier sieht einen Grundkonflikt, der das ganze Werk durchzieht. Nietzsches Verständnis des Krieges hat wohl die fatalste Auswirkung gehabt, indem es gehörig missverstanden wurde. Heinrich Meier denkt den Krieg geistig: „Zarathustra spricht die Adressaten als ‚meine Brüder im Kriege‘ an und wendet sich mit dieser Anrede an Teilnehmer in einem Krieg im gewöhnlichen Verstande wie im Krieg des Gedenkens und der Argumente.“

Die Deutung Heinrich Meiers folgt dem Text und bringt die Lektüre mit den anderen Schriften Nietzsches in Verbindung wie „Jenseits von Gut und Böse“. Nietzsche empfiehlt mit Zarathustra den Menschen, ihr Leben in den Dienst einer höheren Sache zu stellen. Aber er wäre nicht Nietzsche, wenn er dabei nicht zu einem kritischen Geist raten würde.

Ich denke, dass der Kommentar genau da schwierig zu lesen ist, wo es der Ursprungstext ebenfalls ist. Da sich Nietzsche einer einheitlichen Botschaft gerade verweigert und insofern antimetaphysisch lehrt, kann auch der Kommentar keine einfachen Antworten geben auf die Frage, wer oder was Nietzsches Zarathustra wirklich ist.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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