Predigt über Jesaja 62,6-12, Israelsonntag, Christoph Fleischer, Welver 2018

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Die Predigt wird am 10. Sonntag nach Trinitatis 2018 gehalten in Bad Sassendorf und Lohne.

Jesaja 62, 6-12:

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen.

Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,

lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen,

sondern die es einsammeln, sollen’s auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg!

Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg!

Richtet ein Zeichen auf für die Völker!

11 Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde:

Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!

12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

Liebe Gemeinde,

 

Lassen Sie mich zunächst einmal etwas zur Stadt Jerusalem sagen, bevor ich auf diesen Text eingehe. Der slowenische Philosoph Slavoi Žižek hat einmal einen interessanten Vorschlag gemacht, den er „Jerusalemer Kreidekreis“ genannt hat. Er erinnert an ein Symbol, das in dem Theaterstück von Bertolt Brecht gebraucht wird, vom kaukasischen Kreidekreis. „In alten Zeiten, irgendwo im Kaukasus, treten eine biologische Mutter und einen Stiefmutter vor einen Richter, der entscheiden soll, wem das Kind gehört. Der Richter zieht einen Kreidekreis auf dem Boden, legt das Kind in die Mitte dieses Kreises und fordert die beiden Frauen auf, es an je einem Arm zu packen. Sie sollen nun beide solange an dem Kind ziehen, bis es eine aus dem Kreis herausgezogen hat. … Als nun die echte Mutter erkennt, dass das Kind auf diese Weise verletzt werden würde, wenn man so an ihm in verschiedene Richtungen zöge, gibt sie das Kind aus Mitgefühl frei.“ Aus diesem Beispiel leitet der Philosoph seinen Vorschlag vom Jerusalem Kreidekreis ab: „Jener, welcher Jerusalem wahrhaftig liebt, würde eher darauf verzichten als seine Zerstörung durch den endlosen Zwist zuzulassen.“ (Aus: Slavoj Žižek, Gewalt, Sechs abseitige Reflexionen, LAIKA Verlag, Hamburg 2011).

Aus diesem Bild folgert er, es wäre am besten, die Altstadt von Jerusalem mit ihren religiösen Kultstätten einer neutralen Instanz zu geben, wie etwa der UNO, also quasi einen Kreis um sie herum zu ziehen. Ich bin mal gespannt, ob dieses Modell durch den Predigttext unterstützt wird.

 

Daher möchte ich dieWorte des Textes zunächst einmal insgesamt ein wenig kommentieren:

Zusammenfassung und Wiedergabe des Textes.

Die Stadt Jerusalem, Sitz des Tempels und der Königsburg, hat eine sichere Stadtbefestigung, eine Stadtmauer. Dazu liegt die Stadt auf einem hohen Berg wie eine Festung. Daher werden Wächter dort aufgestellt. Doch nun ist gar nicht von einer Bewachung die Rede, sondern von einem Wiederaufbau der von einem Krieg zerstörten Stadt. Die Wächter haben zunächst nichts mehr zu bewachen, das wollen sie aber wieder können. Sie beten um die Wiederherstellung der heiligen Gottesstadt. Dabei rufen sie Gott laut beim Namen und erinnern ihn daran, dass er versprochen hat, die heilige Stadt wiederherzustellen. In der Verheißung Gottes ist davon die Rede, dass die Lebensmittel den Einheimischen nicht weggenommen werden, die unter Fremdherrschaft stehen und ausgebeutet werden. Sie werden essen und trinken, was ihnen gehört und was sie auf dem Land angebaut haben. Da zu einem heilen und gerechten Leben auch die Religion gehört, werden sie dann auch wieder opfern und auf dem Tempelplatz essen und trinken. Herstellung von Gerechtigkeit und das Ende von Fremdherrschaft und Ausbeutung hat Gott dem Volk Israel versprochen. Und nun kommt ein zweites hinzu: Die Wächter, die nun erst zu Gott gebetet haben, richten sich nun an die Bewohner Jerusalems. Sie sollen das heimkehrende Volk begrüßen, dass nun nach langer Zeit aus der Verbannung zurückkehren wird. Die Straße ist offensichtlich auch noch zerstört, denn dort sind noch Steine aus dem Weg zu räumen. Jetzt kommt also wieder neues Leben in die vom Krieg zerstörte Zionsstadt. So rufen die Wächter es nun aus, das was sie als Antwort auf ihr Gebet erfahren haben: Gott sagt die Heimkehr des Volkes zu. Und was erstaunlich ist: Er sagt zu, dass er selbst mitten in diesem heimkehrenden Volk ist und selbst wieder zurückkehren wird in die heilige Stadt. Zum Schluss heißt es, dass dieses Volk darum das heilige Gottesvolk genannt wird und die Stadt Jerusalem heißt: die Stadt, die Gott liebt.

 

 

Erster Zugang: Welche Bilder steigen auf?

Zunächst ist es ja nicht einfach, sich in diese geschichtliche Situation hineinzuversetzen. Ich möchte jetzt aus der Predigt auch keine Geschichtsstunde machen und lang und breit erklären, was es mit der Zerstörung der Gottesstadt auf sich hat. Ich möchte mich und uns jedoch fragen, welche Bilder in uns aufsteigen, woran wir bei der Beschreibung dessen denken, was die Wächter der zerstörten Stadt Jerusalem beten und verkündigen. Bilder der Zerstörung durch Krieg und Gewalt lassen sich immer mal wieder aus dem Fernsehen erinnern.

Dass zeigt doch, dass in diesem Text irgendwie von einem Krieg und seinen Folgen die Rede sein muss, auch wenn die Zerstörung Jerusalems schon länger zurückliegen mag. Überall liegen noch Steine herum. Der Tempel ist unbrauchbar. Die Stadtmauern sind zu Kanzeln geworden. Immer wieder sehen wir in den letzten Jahren Bilder von durch einen Krieg zerstörte Städte in Syrien und anderswo.

Für die meisten Menschen, die heute älter als 70 Jahre alt sind werden es die Bilder der zerstörten Städte nach dem 2. Weltkrieg sein. Selbst ich kann mich noch erinnern als Kind bei Besuchen in Wuppertal oder Dortmund noch Reste von Kriegsbeschädigungen gesehen zu haben. Und auch heute noch erkenne ich immer sofort, welche Häuser aus dem Vorkriegsbestand sind, und welche nach dem Krieg in Bombenlücken neu errichtet worden sind. Die Schäden eines Krieges, wie des letzten im Syrien, werden noch nach 50 Jahren nicht endgültig beseitigt sein.

Das sind solche Bilder, die in uns hochsteigen und vielleicht sind es nun auch die Bilder der Flüchtlinge, die zwar nicht in die Heimat, aber in die vermeintlich sichere Fremde gezogen sind. Die Bilder der Gegenwart und die Bilder der Vergangenheit steigen in uns auf, wenn wir hören, was der Prophet verkündigt: „Ich habe Wächter auf deine Mauern gestellt, Jerusalem!“ wir denken an Bilder von Krieg und Zerstörung.

 

Der Umgang mit katastrophalen Lebensereignissen.

Es ist aber auch andererseits klar, dass nicht jeder direkt und persönlich von solchen Kriegserfahrungen geprägt ist. Immerhin zeigt uns der Text so aber auch einen beispielhaften Umgang mit solchen Erfahrungen, die unseren Lebensentwurf zerstören und uns den Boden unter den Füßen wegreißen.

Und es ist ja fast schon tröstlich, dass die Bibel uns ein Gottesvolk bezeugt, dass von solchen katastrophalen Ereignissen keinesfalls verschont geblieben war. Vordergründig neigen wir oft dazu, wohl auch zu Recht, zu sagen, dass wir aus der Geschichte lernen sollen. Doch damit ist doch unsere persönliche Lebensgeschichte nicht im Mindesten bewältigt. Und was kann nicht alles geschehen, das Menschen den Boden unter den Füßen wegreißen kann. Oft hat es mit dem Tod zu tun, oder auch mit Zerstörung. Da stirbt ein Angehöriger, der so zu unserem Leben gehört, dass wir ohne ihn keinen neuen Lebensweg finden können. Es können Krankheiten oder andere Schicksale sein, die in unserem Leben nur noch eine Trümmerlandschaft übriglassen. Und auch Menschen, die es nicht persönlich betrifft, sind als Mitmenschen ebenfalls von den Fragen betroffen, die diese persönlichen Katastrophen auslösen.

Da brauchen wir alle die Stimmen der Wächter, die uns überhaupt erst einmal wieder die Worte zum richtigen Beten geben können. Die Wächter rufen für uns zu Gott und gehen ihm regelrecht auf die Nerven. Sie lassen Gott keine Ruhe, bis er seinem Volk und seinen Menschen endlich wieder Zeichen des guten und menschenwürdigen Lebens zeigt.

Da brauchen wir die Wächter, die uns und Gott an die Verheißungen erinnern, die in uns die Gegenbilder gegen die Traurigkeit aufkommen lassen, die Bilder der Hoffnung uns der Befreiung. Gott hat versprochen, dass wir in der Lage sein werden, für uns selbst zu sorgen und nicht unter Knechtschaft und Abhängigkeit stehen müssen. Hier ist von Befreiung und von Gerechtigkeit die Rede. Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden und ohne Frieden keine Gerechtigkeit.

Und wir brauchen die Worte der Wächter, die an die Menschen erinnern, die zu Gottes Volk gehören und die Worte, die uns daran erinnern, dass sie wieder zurückkehren werden zu uns.

Und wir brauchen die Worte der Wächter, die uns auch auffordern etwas dafür zu tun, die Steine aus dem Weg zu räumen. Wir müssen uns mit der Trümmerlandschaft unserer Katastrophen nicht abfinden, sondern im guten Glauben an die Worte der Wächter an die gute Zukunft für uns und alle Menschen glauben.

Die Gemeinschaft des Volkes Gottes, die Gemeinschaft derjenigen die noch in der Stadt sind und derjenigen, die aus der Fremde kommen ist auch eine erste Vision für das neue Jerusalem in der Gemeinschaft des Glaubens, die nicht durch den Tod letztlich getrennt werden kann. Gott ist bei ihnen, auch wenn sie jetzt nicht mehr bei uns sind.

Das ist doch auch die Gewissheit für alle Menschen, die uns durch den Tod genommen worden sind. Die Wächter verkündigen beides, eine neue Zukunft des Lebens, die nur Gott herstellen kann und eine Zukunft, die darin besteht, dass wir selbst neue Wege und Straßen bauen und Steine aus dem Wege räumen.

Und diese Visionen eines lebendigen Gottes, der uns Menschen braucht und der mit uns leben will haben wir vom Volk des Bundes, von Israel übernommen und Jesus hat sie uns gegeben und verkündigt, dass sie für alle Menschen gelten, die an den lebendigen Gott glauben wollen.

Und dafür gibt es Wächter, die nach den Worten der Propheten uns zum Glauben und zur Hoffnung verhelfen.

Friede über Israel und über uns.

Aus einem Denken, dass sich nur ständig um die eigenen Katastrophen kreist, führt uns Gott zu einem Glauben, der letztlich auch den Tod zu einer Episode unseres Lebens macht. Für uns gründet dieser Glaube in der Kreuzigung und der Auferstehung Jesu Christi. Aber Jesus und seine Jünger waren Juden und sie haben uns auch die hebräische Bibel gegeben. Jesus lädt uns ein, doch in den Bund einzutreten, den Gott mit Israel geschlossen hat und der bestehen bleibt.

Dieser Sonntag soll eine Erinnerung an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels sein. Die Trauer um die Zerstörung des Tempels verbindet Juden und Christen, weil sie uns beide daran erinnert, dass längst nicht alle Verheißungen erfüllt sind. Es geht nicht darum, den Tempelberg symbolisch in Besitz zu nehmen, auf dem sich heute das Heiligtum des Islam befindet. Sondern es geht sogar gemeinsam mit den Muslimen darum den Frieden zu verkündigen, den wir nur von Gott selbst erhalten können und den niemand selbst vollenden kann. Natürlich bleiben Fragen. Auch an Israel heute. Wir brauchen einfach auch gemeinsam die Wächter, die mit uns Gott um Tag und Nacht anrufen und bitten, seinem Volk und dem ganzen heiligen Land mit all seinen Bewohnern einen endgültigen und dauerhaften Frieden zu schenken.

Vielleicht sollte man den Vorschlag von Slavoj Zizek aufgreifen und noch einmal verändern. Der Kreidekreis um Jerusalem ist dann gegeben, wenn Judentum, Christentum und Islam ihre gemeinsame Verantwortung über diese Stadt entdecken und wahrnehmen. Gott soll seine Wächter schicken und wir als seine Kinder bleiben für den Frieden in dieser Stadt immer verantwortlich.

Amen.

 

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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