Gottesdienstentwurf Miserikordias Domini, Emanuel Behnert, Lippetal 2020

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Miserikordias Domini 2020

Wenn auch immer noch räumlich voneinander getrennt, so kommen wir doch auch an diesem Sonntag – wie gerade in dieser Zeit an vielen Tagen auch innerhalb der Woche zusammen. Um gemeinsam vor Gott zu treten. Um uns darin gewiss zu machen, dass ER in unserer Mitte, in unserer Lebensgegenwart gegenwärtig ist. Dass ER uns mit dieser SEINER Gegenwart umschließt, auch, damit wir unsere Gemeinschaft auf neue und ganz eigene Weise erfahren können und dürfen. Sie leben dürfen, in der Gewissheit, niemals allein gelassen zu sein. Selbst, wenn wir meinen ins Bodenlose zu fallen. Wir fallen nie tiefer, als in die Hand DESSEN, in DESSEN Namen wir uns versammeln:

+Im Namen des Vaters + und des Sohnes + und des Heiligen Geistes + Amen. SEIN Friede und SEINE Gegenwart kommen auf uns, umhüllen uns und geben uns Kraft und Mut, die anstrengenden Herausforderungen der Zeit dankbar anzunehmen, in der Gewissheit, dass wir sie nicht alleine tragen müssen. Amen.

Eine Einladung zum Lied, das mithilfe eines Youtube Videos auch in Gemeinschaft gesungen werden kann (EG 358):

1) Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt,
die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land.
Er lässt sie nicht verderben, er führt sie aus und ein;
im Leben und im Sterben sind sie und bleiben sein.

2) Er kennet seine Scharen am Glauben, der nicht schaut
und doch dem Unsichtbaren, als säh er ihn, vertraut;
der aus dem Wort gezeuget und durch das Wort sich nährt
und vor dem Wort sich beuget und mit dem Wort sich wehrt.

3) Er kennt sie als die Seinen an ihrer Hoffnung Mut,
die fröhlich auf dem einen, dass er der Herr ist, ruht,
in seiner Wahrheit Glanze sich sonnet, frei und kühn,
die wundersame Pflanze, die immerdar ist grün.

4) Er kennt sie an der Liebe, die seiner Liebe Frucht
und die mit lauterm Triebe ihm zu gefallen sucht;
die andern so begegnet, wie er das Herz bewegt,
die segnet, wie er segnet, und trägt, wie er sie trägt.

5) So hilf uns, Herr, zum Glauben und halt uns fest dabei;
lass nichts die Hoffnung rauben; die Liebe herzlich sei!
Und wird der Tag erscheinen, da dich die Welt wird sehn,
so lass uns als die Deinen zu deiner Rechten stehn!

Lasst uns miteinander den Psalm des heutigen Sonntags beten. Gebetsworte, die Menschen zu allen Zeiten Trost, Halt und Hilfe gewesen sind. Weil sie sie daran erinnert haben, nicht allein gelassen zu sein. Auch, wenn Vieles, wenn Alles dagegen zu sprechen schien:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. 2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. 3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. 4 Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. 5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. 6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. (Psalm 23)

Jesus, du Hirte unseres Lebens,
zu dir kommen wir als erwachsene Menschen,
mit unserer Erfahrung, das Leben zu gestalten.
Wir fühlen uns stark und voller Ideen
und fragen oft nicht nach dir.
Jesus, du Hirte unseres Lebens,
manchmal sind wir bedürftig wie Kinder.
Wir gehen unsere eigenen Wege
und möchten doch, dass du sie mitgehst
und uns hilfst, wenn es schwierig wird.
Mit diesem Zwiespalt kommen wir zu dir.
Erwachsen und Kind zugleich, stark und bedürftig.
Nimm uns sanft an die Hand oder auf den Arm,
geh mit uns und führe uns zum guten Leben.
Schenk uns Orientierung durch dein Wort.

Lass uns darauf vertrauen, dass Du Dich immer wieder zu uns auf den Weg machst, wenn wir uns verlaufen haben. Du suchst nach uns. Trotz allem.

Gib uns aber auch den Mut, selbst umzukehren, wenn wir merken, dass wir auf dem „Holzweg“ sind.

Führe uns von unseren unsicheren, oder auch selbstsicheren Wegen zurück auf den Weg, der der Weg zu DEINER Weide, zu unserer Heimat ist, in der wir Ruhe finden werden in DEINER Gegenwart.

Das bitten wir Dich, der DU lebst und herrscht in der Einheit mit dem VATER und dem HEILIGEN GEIST von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. (1)

Die Gnade Gottes unseres Vaters und die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder nah und fern!

Miteinander Gottesdienst feiern hat sich grundlegend verändert in den zurückliegenden Wochen. Einerseits sind Räume geschrumpft. Meine Gedanken erreichen plötzlich Menschen, die ich in den Kirchen und Gemeinden, in denen ich sonst Dienst tue, nicht angetroffen hätte. Andererseits sind Entfernungen scheinbar unendlich weit geworden. Denn jeder ist erstmals für sich allein. Sich selbst überlassen. Selbst der Weg zum unmittelbaren Nachbarn scheint kaum überwindbar. Auch wenn das hier, wo ich lebe, auf dem Land immer noch ein wenig anders aussieht.

Ich war gestern mit meiner Partnerin in einer Kleinstadt in der Nähe spazieren. Es war schön, einmal wieder ein paar Menschen zu begegnen. Wenn auch nur auf Abstand. Meine Partnerin hat es genossen in das ein oder andere Geschäft zu gehen. Hat sich nach Hosen umgesehen. Hat Tücher gekauft. Für die Maskenpflicht. Hat Beauty – Accessoires gekauft. Wir haben zusammen einen Cappuccino – to – go auf einer Bank in der Fußgängerzone getrunken. Aber gerade der Abstand zwischen den Menschen war immer und immer wieder zu spüren. Für mich am gravierendsten auf der Mauer um die Marienkirche am Marktplatz dieser kleinen Stadt.

Unbedingt die Abstandregeln einhaltend hatten sich Menschen hier mal kurz mal länger hingesetzt, um die Sonne zu genießen. Und vielleicht ein wenig Gemeinschaft, die es aber definitiv nicht gab. Bei aller scheinbaren Weite, die wir einhalten: Grenzen und Begrenzungen. Grenzen und Begrenzungen, in die hinein aber auch das „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ nachhallt, mit dem wir gerade unser Gebet beendet haben. Mitten in alle Grenzen und Begrenzungen, die wir – nicht nur derzeit – erfahren, sind wir zu einer umfassenden, Freiheit und Frieden schenkenden Grenzenlosigkeit eingeladen. Schon und gerade auch jetzt.

Diese Grundgedanken haben mich bewogen, über einen möglichen Predigttext des heutigen Sonntags nachzudenken, der in unseren protestantischen Gemeinden mitunter wenig Berücksichtigung findet. Einfach deswegen, weil Luther das Werk, dem er entnommen ist, in die sogenannten Apokryphen „verbannt“ hat und es vorab schon auch im Judentum nicht den Status einer „Heiligen Schrift“ erlangt hat.

Obwohl es immer und immer wieder in den unterschiedlichsten Ausgaben des Talmud gerne zitiert worden ist. Im Buch Jesus Sirach (Ben Sira; verfasst um 190 / 180 v.Chr.) heißt es im 18. Kapitel: „Was ist ein Mensch und was ist sein Nutzen? Was ist gut an ihm und was ist schlecht an ihm?

9 Die Zahl der Tage eines Menschen beträgt höchstens hundert Jahre, aber unberechenbar ist für einen jeden der Schlaf. 10 Wie ein Wassertropfen aus dem Meer und wie ein Sandkorn, so gleichen wenige Jahre einem Tag der Ewigkeit. 11 Deswegen war der Herr mit ihnen geduldig und goss über sie sein Erbarmen aus. 12 Er sah ihren Untergang und erkannte, dass er schlimm ist, deswegen vermehrte er seine Bereitschaft zur Versöhnung.

13 Das Erbarmen eines Menschen gilt seinem Nächsten, das Erbarmen des Herrn aber gilt allen Lebewesen. Er weist zurecht, erzieht und lehrt und führt wie ein Hirt seine Herde zurück. 14 Er zeigt Erbarmen mit denen, die Erziehung annehmen, und mit denen, die sich um seine Entscheidungen mühen.“

Was ist der Mensch? Eine Frage, die seit Menschengedenken Menschen beschäftigt und immer wieder zu neuen, zu anderen, zu ideologisch geprägten Ergebnissen führt.

„Was ist der Mensch?“ ist manchmal eine Frage in meiner Beerdigungsliturgie. Ja, ich habe sie, genauso wie die Antwort am Anfang meiner „Laufbahn“ von einem älteren Kollegen übernommen. Nicht unreflektiert. „Was ist der Mensch? – Er ist mehr als wir vor Augen haben!! Wertgeachtet der Liebe in den Augen Gottes erfüllt sich das vollkommene Menschsein, auch dieses Menschen, der nun die Herrlichkeit der Ewigkeit schauen wird.“.

Wie ganz anders klingt das, als das, was wir so oft über den einen oder anderen Menschen, oder gar über ganze Menschengruppen hören. Wertschätzung taucht auf. Achtung. Liebe. Unabhängig jedweder Herkunft, jedwedem sozialen Status.

Für alle klingt mit an, was der Beter in Psalm 8 so ausspricht: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Ehre und Herrlichkeit hast Du ihn gekrönt.“

Eine Ehre und Herrlichkeit, die allzu oft mit Füßen getreten wird. Weil Menschen meinen, sich an die Stelle Gottes setzen zu müssen. Und sich über Schwestern und Brüder erheben zu können. Wer erkennt, dass wir alle mit den gleichen Rechten und der gleichen Würde ausgestattet sind, kann und darf es nicht zulassen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, dass den Ärmsten das letzte Hemd und letzte Stück Brot geraubt und das Wasser abgegraben wird. Und dass Sterbende allein gelassen werden. Corona hin. Corona her.

Ja, unser Leben ist beschränkt. In unserem Text werden 100 Jahre genannt. In der Radioandacht von heute Morgen erzählte der stellvertretende theologische Leiter meiner Landeskirche von seiner ersten und dann folgenden Begegnung(en) mit einer bis dato völlig vitalen und lebensfrohen Dame an ihrem 103. Geburtstag, den sie mit viel Freude und Esprit gefeiert und genossen hat. Auch, wenn sie im Verlauf immer wieder einmal traurig erwähnte, dass der „liebe Gott“ sie wohl vergessen hat. Erst kurz vor ihrem Tod mit nahezu 105 konnte sie an ihrem Lebensende mit einem Lächeln im Gesicht sagen: „ER hat doch an mich gedacht.“

Ja, unser Leben ist begrenzt. Es währet 60, oder 70 Jahre. Oder eben 100. Oder 105. Die Begrenzung des Lebens verleiht unserem Leben einen tiefen Sinn. Denn sie entzieht uns der Beliebigkeit. Wir sind nicht gefangen in eine perpetuum mobile, einem „immer weiter so!“. Sondern eingeladen, einzutreten in den Durchgang zur Ewigkeit.

Auch wenn uns auf dem Weg dorthin, der, der sich unser GOTT nennt mitunter als der Fremde, der Unerkannte, der Ferne, der Abweisende darstellen mag. Ich bin sicher: Nicht erst seit jenem Tag, an dem ER selbst ans Kreuz gegangen ist, an dem ER alles Leiden und den Tod E R L E B T hat, ist ER bei allen, die leiden, die zweifeln, die verzweifeln. ER erträgt es auch, nicht erkannt zu werden. Aber ER gibt sich Mühe, dass man IHN irgendwann wieder wahrnimmt und erkennt: ER ist, ER war da.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem HERRN. Amen.

  1. Weil ich Jesu Schäflein bin,
    freu’ ich mich nur immerhin
    über meinen guten Hirten,
    der mich wohl weiß zu bewirten,
    der mich liebet, der mich kennt
    und bei meinem Namen nennt.

    2. Unter seinem sanften Stab
    geh’ ich aus und ein und hab’
    unaussprechlich süße Weide,
    dass ich keinen Mangel leide;
    Und sooft ich durstig bin,
    führt er mich zum Brunnquell hin.

    3. Sollt’ ich denn nicht fröhlich sein,
    ich beglücktes Schäfelein?
    Denn nach diesen schönen Tagen
    werd’ ich endlich heimgetragen
    in des Hirten Arm und Schoß:
    Amen, ja mein Glück ist groß!

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille, geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

Der Herr segne uns und behüte uns, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und schenke uns seinen Frieden. Amen.

Bleibt gesund und Gott befohlen, bis wir uns hoffentlich bald persönlich begegnen. Euer Emanuel Behnert.

(1) Birgit Neuhaus in Pastoralblätter 4/2020 zu Miserikordias Domini in Auszügen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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