Reste gerade vergangener Zeit, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013

cover adr4cover250Zu: Corinna Griesbach (Hg.): Verlassene Orte, Ein HALLER – Taschenbuch, Außer der Reihe 4, Literaturmagazin HALLER, p.machinery, Murnau, Dezember 2012, mit Fotos von Sebastian Schwarz, ISBN 978-3-942533-44-7, Preis: 12,90 Euro.

Eine Zeitungsmeldung über ein leer stehendes Klinikum im Meschede, ein Gebäude mit historischen Wurzeln, denkmalgeschützt, weist darauf hin, dass solche „Lost Places“ wie diese verlassene Klinik mitten im Wald auf hohes Interesse stoßen.
Die dort noch lagernden Patientenakten liegen unter Verschluss. Doch für Schatzsucher gibt es an verlassenen Orten selten etwas zu entdecken, anders dagegen für Fotografen. Sebastian Schwarz aus Aachen ist nicht der einzige, der verlassene Orte fotografiert, man gebe nur das Stichwort „lost place“ unter Google ein. Jedoch sind seine Bilder von makabrer Genauigkeit. Dass die Fotos, abgesehen vom Cover, im Buch „Verlassene Orte“ schwarz-weiß wiedergegeben sind, nimmt ihnen nichts von ihrer Detailfülle und unterstützt sogar in Edgar-Wallace-Manier die unheimliche Szenerie. Die 49 Literaturbeiträge lassen sich darauf ein, der Magie verlassener Orte nachzugehen. Dabei finden sie diese in der äußeren Welt, beispielsweise in Kriegsgebieten, wie in der inneren Welt, wie der Erinnerung an das längst so nicht mehr bestehende Elternhaus. Manch einem Text merkt man an, dass gerade die Fotos von Sebastian Schwarz in optimaler Weise die Phantasie und Beobachtungsgabe der Betrachter anregen, die Wahrnehmung steigern und so das längst Vergangene in die Gegenwart zurückholen. Sie schaffen es, diese Vorstellung auf nicht verlassene Orte zu erweitern, die ja ihrerseits ebenfalls Zeugen einer Vergangenheit sind. Die Vergangenheit reicht in die Gegenwart hinein und lebt auf ihre eingefrorene Art hier weiter. Der Reiz von Denkmalschutz und Archäologie ist mehr als die wissenschaftliche Präzision, nämlich die Anregung einer Vorstellung zu dem von den damals Lebenden verlassenem Ort. Und so sind verwaiste Orte wie Friedhöfe, auch ruhende. Sie können und wollen das Leben nicht verbergen, das in ihnen geschah, und erinnern so an die Notwendigkeit des Augenblicks gelebten Lebens in der Gegenwart, die so nicht wieder zurückkehrt und doch, auf ihre sterbliche Art, lebendig bleibt.

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