Lyrische Texte von Lothar Zenetti, zusammengestellt von Christoph Fleischer, Werl 2010

Wie durch ein Zufall begegnete mir das Werk dieses kirchlichen Liederdichters und Gedichteschreibers wieder, dessen Texte ich schon früher so gerne gelesen habe. Es sind eben Texte, die dem Volk im besten Sinn aufs Maul schauen, aber eben nicht nach dem Mund reden. Die Rede ist von Lothar Zenetti aus Frankfurt.

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Islam, ein Referat auf der Insel Borkum 2001, Christoph Fleischer, Dortmund 2001

Die „Beziehung zu Gott“ als Kennzeichen des Islam. (Christoph Fleischer)

Vortrag mit ergänzenden Zitaten vorbereitet für die Familienfreizeit in Borkum und gehalten am 9. 10. 2001 im Familienfreizeitheim Alter Leuchtturm. [1]

Ich beginne mit einer Übung: Auf ein weißes Blatt zeichnen Sie bitte eine Skizze. Diese Skizze soll eine Beziehung darstellen. Dazu können benutzt werden z.b. Pfeile, Kreise, Buchstaben und Symbole. Dafür haben wir maximal 10 Minuten Zeit. Das Thema der Skizze ist: „Meine Beziehung zu Gott“. [2]

Eine gemeinsame Auswertung ist nicht nötig. Vielleicht zeigt eine oder einer sein Blatt und erklärt es. Das Ziel ist gewesen: Jeden und jede zum eigenen Nachdenken über die Beziehung zu Gott zu motivieren.

Dies hat mit dem Islam direkt zu tun. Denn es gibt zwar sicher verschiedene Möglichkeiten über den Islam nachzudenken. Für mich persönlich ist der Zugang des Glaubens naheliegend. Die Worte „Islam“ und „Glauben“ meinen eigentlich fast dasselbe. Muslim sein bedeutet, in liebenden Gehorsam zu Gott zu leben. Wessen Leben in einer Glaubensbeziehung gründet, sei es als Christ, Jude oder Muslim, lebt in Beziehung zu Gott.

„Der Gehorsam gegenüber einer Stimme, die das Individuum durch den Sinn, den sie seiner Existenz verleiht, erhebt, kann, wie der Koran sagt, nur durch freie Entscheidung des Herzens erreicht werden. Diese Stimme ist sowohl die Stimme Gottes als auch die des Propheten, des Helden, des Führers, des Wissenschaftlers, des spirituellen Meisters, des Heiligen oder des Philosophen. In jedem Fall gibt eine optimale Kommunikation zwischen zwei Gewissen, zwei Subjekten. Es kommt zu einer Verdichtung dessen, was Marcel Gauchet die „Sinnschuld“ nennt: ich verdanke den wahren Sinn meines Daseins einer Autorität, die zu einem Führer wird und der zu gehorchen ich zustimme. …Das ist genau die Art von Verbindung, die ich in Bezug auf den Islam Abrahams analysiert habe. Die geoffenbarten Religionen führte die Auffassungen vom Bund als Sinnschuld ein, innerhalb derer Autorität und liebender Gehorsam sich gegenseitig vollständig bedingen und einander wechselseitig anerkennen. Eine Macht ist nur dann legitim, wenn sie im Rahmen eines solchen Bundes ausgeübt wird. Was diesen Punkt betrifft, sehe ich keine Unterschiede zwischen Judentum, Christentum und Islam…“ [3]. Dieser Behauptung sollte man nicht vorschnell widersprechen, auch wenn der Begriff „Gehorsam“ heute nicht mehr so im Christentum verstanden wird und der Begriff „Führer“ aus begreiflichen geschichtlichen Gründen ausfällt. Ich denke, um das Glaubensverständnis zu begründen nur an das Lied: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst gehen und treten, dann nimm mich mit.“

I. Kurze Einführung in den Islam.

Die verschiedenen Gestalten der Religionen sind geschichtlich geworden und trotz des gleichen Grundverständnisses im Einzelnen doch mit erheblichen Unterschieden behaftet. Es gibt eine Konkurrenzsituation im Verhältnis der Religionen. Daher sollten wir uns als Christinnen und Christen bemühen, wenigstens die Grundgestalt des Islam als der anderen Religion in einigen Grundzügen zu kennen. Dabei sehe ich für die Beobachtung des Islams die Beobachtung des gläubigen Lebensvollzugs und die Lektüre des Korans als die entscheidendsten Merkmale an. Ich denke, dass dies sowohl dem Selbstverständnis dieser Religion entspricht, als auch der äußeren Gestalt dieser monotheistischen Religion nahe kommt. Schon darin zeigen sich die Unterschiede. Der Islam hat darin eher eine Nähe zum Judentum. Das Christentum dagegen kann man nicht über einen bestimmten einheitlichen gläubigen Lebensvollzug definieren, dafür sind die Unterschiede der einzelnen Konfessionen zu groß.

1. Den gläubigen Lebensvollzug der Muslime beschreibt man am besten anhand der sogenannten fünf Säulen des Islam [4].
„Die erste Säule ist das Glaubensbekenntnis (Schahada). Es ruft die Muslime weltweit zum Gottesdienst und lautet: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer dem einen gibt; ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Gottes ist.“ Es sind die ersten Worte, die einem Neugeborenen zugeflüstert werden, und die letzten, die ein sterbender Muslim haucht.

Die zweite Säule bildet das fünfmalige tägliche Gebet, dem eine rituelle Waschung vorausgeht, die der inneren Sammlung dient. Zu dem jeweiligen Gebet ruft der Muezzin vom Minarett. Er beginnt viermal mit den Worten „Allahu akbar“ (Gott ist am größten) und endet mit „La ilaha illallah“ (Es gibt keinen Gott außer Gott). Die Gebetsrichtung legt der Koran in der 2. Sure, Vers 150, fest: „Woher du immer kommst, kehre dein Gesicht gegen die heilige Moschee, und wo immer ihr seid, kehret euer Antlitz gegen sie.“

Die dritte Säule ist die Almosenpflicht, die Zakat. Das Wort kommt von „zaka“ und heißt „reinigen“. Man gibt Zakat, um sich von Besitzgier und Hass zu reinigen. Die Almosen fließen ausschließlich von den Wohlhabenden zu den Bedürftigen und können daher dem sozialen Frieden dienen. Wenn auch vom Koran nicht vorgeschrieben, so wird allgemein die jährliche Abgabe von 2, 5 Prozent des Nettovermögens empfohlen.

Die vierte Säule ist das dreißigtägige Fasten, eine der anstrengendsten rituellen Handlungen. Im heiligen Ramadan-Monat ist nur zweimal am Tag des Essen erlaubt, vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang. Der Monat wird mit einem dreitägigen Ramadan-Fest abgeschlossen. Der Fastenmonat geht auf die Anordnung des Korans zurück, der damit an den Beginn der Offenbarung erinnern wollte. Als fünfte Säule folgt schließlich die Wallfahrt nach Mekka. Wenigstens einmal im Leben muß jeder gesunde erwachsene Muslim nach Mekka pilgern, wenn er es sich finanziell leisten kann. Das Ritual der Hadsch ist umfangreich. „… Heimgekehrt hat jeder Pilger das Recht, sich Hadschi zu nennen. Er genießt als solcher nunmehr ein hohes Ansehen. [5]

2. Die Lektüre des Koran.

Der Muslim befindet sich in ständiger Beziehung zu Gott. In jeder Lebenssituation, allein, in der Familie und in der Gesellschaft fragt er: Was will Gott? Gott ist aber nicht direkt zu erfahren. Das Wissen um den Willen Gottes fassen Muslime in die Vorstellung des himmlischen Buches. Dieses Buch kann kein Mensch lesen, es sei denn, es sei ihm von Gott selbst offenbart. Derjenige, der die Offenbarung empfängt, ist ein Prophet. Der letzte und endgültige Prophet ist für die Muslime Muhammad. Dazu schreibt Mohammed Arkoun: „Rufen wir uns zum Zweck der Orientierung zunächst die islamische Konzeption der Offenbarung in Erinnerung. Sie wird als Tanzil (Herabkunft) bezeichnet; dabei handelt es sich um eine Metapher für den senkrecht nach oben gerichteten Blick des Menschen, der eingeladen ist, sich zu Gott zu erheben. Tanzil bezieht sich auf den Gegenstand der Offenbarung; der Koran spricht außerdem auch von Wahy, womit der Akt der Offenbarung bezeichnet wird, den Gott dem Propheten gegenüber vollzieht. Im folgenden eine Stelle aus dem Koran (Sure 42, Vers 51/51). In der die Mechanismen des Wahy präzisiert werden: „Keinem Menschen steht es zu, dass Allah zu ihm sprechen sollte, außer durch Wahy oder hinter einem Schleier oder indem er einen Boten schickt, den Wahy zu senden auf sein Geheiß, der ihm gefällt; Er ist erhaben, allweise. Also haben wir dir ein Wort offenbart nach unserem Gebot. Du wusstest nicht, was das Buch war noch was der Glaube. Doch wir haben sie (die Offenbarung) zu einem Licht gemacht, mit dem Wir jenen von unseren Dienern den Weg weisen, den wir wollen. Wahrlich du leitest auf den geraden Weg.“ [6] Arkoun ist der Meinung, dass die Begriffe Tanzil und Wahy nicht überbesetzt werden können. Klar ist jedenfalls, dass es schon so gedacht ist, dass nicht nur die Gedanken und der Inhalt, sondern die einzelnen Worte selbst dem Propheten sozusagen wie diktiert worden seien. „So nimmt der Ausdruck Qur’an die Bedeutung einer Rezitation an.“ [7] Die Überlieferungen der Bibel werden als vorhergehende Offenbarungen anerkannt und teilweise sind im Koran auch erwähnt. Manche Gedanken des Korans sind der Bibel verwandt. Bekannte Personen sind Abraham – Ibrahim und Jesus – Isa.

Muhammad, der sich als Schreiber der Offenbarung des göttlichen Buches versteht, hat sich selbst menschlich gesehen, keine herausragende oder hervorgehobene Stellung gegeben. Daher wäre der Ausdruck Mohammedaner für im Muslime im Vergleich zu Christen unangebracht. Aber Muhammad ist doch durch die Schrift der einzige und entscheidende Vermittler des göttlichen Buches und schrieb den Koran als die göttliche Offenbarung nieder. Ursprünglich überliefert Muhammad nur die Suren, die später zum Buch zusammen gelegt wurden. Weitere Schriften mit hohem Rang sind andere Worte und die Lebensberichte Muhammads. Die Lektüre des Korans allein ermöglicht die Erkenntnis des Willens Gottes. Dazu ist dann natürlich nötig, dass die Muslime eine Sinndeutung des Korans versuchen. Die Auslegung ist nötig. Dazu schreibt Mohammed Arkoun: „Wenn man alle analytischen Gesichtspunkte berücksichtigt, muss man zugeben, dass es schwierig ist, den Inhalt des Korans zu beschreiben, denn sobald man den Versuch dazu unternimmt, läuft man sofort Gefahr, in die Verfahrensweise des interpretierenden Korpus zu verfallen und so wieder beim traditionellen Imaginären anzukommen. Darüber hinaus folgt die Reihenfolge der Suren und Verse im Mushaf weder einem chronologischen noch einem rationalen oder formalen Kriterium. Aufgrund unserer westlichen Denkweise, die uns einen Rhetorikaufbau und eine Darstellungsweise erwarten lässt, die mit einem „Argument“ ausgeführt werden soll, überrascht uns der Text des Mushaf durch seine „Unordnung“. Diese „Unordnung“ verhüllt indes eine tiefgehende semiotische Ordnung, woraus sich die Notwendigkeit ergibt, die im Koran verwendeten Redetypen zu ermitteln. Ich möchte hier fünf verschiedene Typen unterscheiden: den prophetischen Diskurs, den gesetzgeberischen Diskurs, den erzählenden Diskurs, den Diskurs der Weisheit und die Hymne. Die Inhalte und Bedeutungseinheiten diese Redetypen sind leicht zu unterscheiden, aber sie sind alle von der Absicht der Offenbarung bestimmt, was sich daran zeigt, dass die Gesamtheit der koranischen Äußerungen der gleichen Struktur grammatikalischer Beziehungen im Hinblick auf das Merkmal der Person folgt: Ein göttliches Ich/Wir spricht in der Form des Imperativs zu einem übermittelndem Du (Muhammad), um das Sie der Menschen zu erreichen, die seinerseits in Ihr, die Gläubigen, und Sie, die Ungläubigen unterteilt sind.“ [8] Mohammed Arkon versteht den Islam daher sozusagen als eine fortwährende Koran – Lektüre, bei der jeder Text des Korans jeweils immer wieder neue Texte hervorbringt. „Jeder Vers kann als Beginn einer kulturellen Lehre dienen..“ [9]
Die fünf Säulen des Islam und die Lektüre des Korans machen einen Muslim und eine Muslima aus.

II. Eine kurze Betrachtung einiger aktueller Begriffe auf dem Hintergrund des modernen Islam und seiner Probleme.

1. Die Umma.

Religion und Politik bilden im Islam eine Einheit. Das war von Anfang an so. Muhammad gründete 622 die Umma in Medina. (Hedschra – Auswanderung von Mekka, Beginn der islamischen Zeit). „Muhammad schuf eine politische Ordnung, indem er unmittelbar und in angemessener Weise einen Symbolisierungsprozess in Gang setzte, durch den jede rechtlich politische – Entscheidung ihre Rechtfertigung und ihr Ziel aus einer lebendigen Beziehung zu Gott erhielt.“ [10]

Nach 632, dem Todesjahr des Muhammad, wurde diese Gemeinschaft der Muslime, die gleichzeitig eine politische Einheit war weitergeführt und ausgeweitet. 100 Jahre danach war die Ausweitung des Islam bis Spanien und Persien abgeschlossen (632 – 661 von Medina, 661 – 750 von Damaskus aus.). Die Schiiten führten die Einheit von Religion und Politik in der Tradition des Propheten und seiner Familie fort. Die Oberhäupter, genannt Imam, waren legitime Nachfolger des Propheten. Die Sunniten trennten Herrschaft und Religion (Königtum und Kalifat) und regierten in Bagdad von 750 bis zum Mongoleneinmarsch im Jahr 1253. Danach wurde der Islam geschwächt und erstarkte erst wieder unter Vorherrschaft des osmanischen Reiches von Byzanz aus.

„Das Kalifat und das Imamat bewarben sich ebenso wie das osmanische Sultanat um einen politischen Raum, der früher Mamlaka genannt und rechtlich und theologisch als die dar al-islam definiert wurde. Die muslimischen Untertanen, die diese Zentralmacht anerkannten, bildeten die Umma, ein Gebilde, das seinem Wesen nach religiös war, weil seine Mitglieder durch eine spirituelle Bruderschaft verbunden waren, die vom Kalifen, dem Imam oder dem Sultan beschützt und erhalten wurde. Das Bewusstsein der Umma war im wesentlichen mythisch.“ [11] Die Umma als Gemeinschaft der Muslime ist im Grunde weltweit und besteht zumindest dort, wo Muslime in der Mehrheit sind. Die nationalen Grenzen sind in ihr faktisch überwunden. Aber ob die Umma wirklich eine umfassende Einheit ist, bleibt dahingestellt.

2. Die Scharia.

Die von Muhammad geschaffene Ordnung bedurfte einer erweiterten Grundlegung über die Offenbarungen des Korans hinaus. Diese Grundlegung konnte wachsen, wenn aus gegebenem Anlass Entscheidungen hinzukamen. „Die Verstaatlichung des Islam äußerte sich in der Schaffung einer Rechtspflege und der Niederschrift eines Gesetzbuches, das schließlich den Rang eines „religiösen“ Gesetzes enthielt, der Scharia.“ [12] Dies ist aber nur die äußere Seite, sozusagen das Resultat. Eine islamische Nation würde man also daran erkennen, dass die Scharia deutlich sichtbar auch im öffentlichen Leben eingehalten wird. Die Scharia regelt im Prinzip den gesamten Lebensalltag. „Außer von den kultischen und rituellen Vorschriften wird die Scharia von allgemeingültigen Rechtsvorschriften geprägt, so zum Familien-, Erb-, Handels, Zivil- und Strafrecht. Sie lassen sie Absicht erkennen, den Islam in die Lage zu versetzen, sich in der Welt jederzeit und an jedem Ort zurechtzufinden.“ [13]

Auf die entstandenen Rechtsschulen einzugehen ist nicht nötig. Die Frage ist allerdings: Wie lässt sich die Scharia in einem modernen Staat verwirklichen? Diese Frage wird in der islamischen Welt unterschiedlich betrachtet. Als herausragendes Beispiel für die Abkehr von der Scharia lässt sich die Türkei nennen. Mit der Ablösung des Sultanats durch Kemal Atatürk wurde der Türkei eine zivile Verfassung nach Schweizer Vorbild gegeben. Die Scharia ist dort nur in den religiösen Kreisen in Geltung.

Das reiche Saudi Arabien dagegen ist doch weitestgehend entsprechend der Scharia organisiert. Für uns ist die Scharia fast ein Schreckgespenst. Wir hören immer wieder von drakonischen Strafen, oder davon, dass ein Deutscher im islamischen Ausland mit Gefängnis bestraft wurde, weil ihm „Unzucht“ vorgeworfen wird. Ich möchte im folgenden einen Abschnitt zitieren, der die Strafen der Scharia näher umschreibt. Ich denke aber, dass man bei der Beschäftigung mit dem Islam eines konkreten Landes immer danach fragen sollte, inwieweit diese Rechtsvorschriften überhaupt angewandt werden:

„Das Strafrecht nimmt in der Scharia zwar nur einen kleinen, aber für westliche Begriffe besonders schwerwiegenden Teil ein. Bereits der Koran legt Strafen fest, die der Erhaltung der islamischen Ordnung dienen sollen. Und er tut es sehr dezidiert. In Sure 24, Vers 2, heißt es zum Beispiel unter anderem: „Wenn ein Mann und eine Frau Unzucht begehen, dann verabreicht jedem von ihnen hundert Peitschenhiebe. Und lasst euch im Hinblick darauf, dass es bei dieser Strafverordnung um die Religion Gottes geht, nicht von Mitleid mit ihnen erfassen, wenn anders ihr an Gott und den jüngsten Tag glaubt.“ An die Stelle des Auspeitschens kann auch – nach der Tradition – die Steinigung treten. Zu den vier weiteren, vom Koran erwähnten Delikten gehören der Alkoholgenuss, Diebstahl (Handabschlagen), Verleumdung wegen Unzucht.“ [14]

Die Straf- und Prozessvorschriften sind allerdings sehr genau und schützen den Täter unter Verdacht (ähnlich des römischen Rechts). Ich habe übrigens irgendwo gelesen, dass der Richter Kadi genannt wird, ein Wort, dass sogar in den alten Sprachgebrauch der deutschen Sprache eingegangen ist. Insgesamt ist wohl in den islamischen Ländern die Tendenz, die strafrechtlichen Teile nicht so anzuwenden, wie beschrieben, das Familienrecht dagegen wird um so genauer beachtet.

Das Problem, das wir westliche Menschen mit der Scharia haben, erinnert uns jetzt aber an das Phänomen des islamischen Fundamentalismus und des Islamismus, der die von der Kolonialherrschaft befreiten Länder des Islam wieder stärker von der Rechtsordnung der Umma geprägt sehen möchten. In der neueren Diskussion gerade nach dem Attentat vom 11. 9. 2001 und seiner religiösen Einbettung in der Vorbereitung der Täter, steht vor allem ein Begriff im Vordergrund: Der heilige Krieg Jihad.

3. Jihad.

Wir erinnern uns an folgende Sätze, die von der Versammlung islamischer Gelehrter in den Tagen nach dem Attentat beschlossen worden sind:

„Diese Schura (Versammlung) der Islamischen Gelehrten fordert von den Islamischen Emiraten (den Taliban), dass Osama Bin Laden Afghanistan freiwillig verlassen sollte, um zu einem geeigneten Zeitpunkt an einen Ort seiner Wahl zu gehen. Die Vereinten Nationen und die OIC sollten die Erklärung von US-Präsident George W. Bush zur Kenntnis nehmen, der mögliche Militäraktionen als Kreuzzug beschrieben hat. Dies hat die Gefühle der Moslems weltweit verletzt und eine gefährliche Situation für die Welt geschaffen.

Wenn Amerika selbst nach den obigen Entscheidungen keine Zurückhaltung zeigt, wird gemäß den Prinzipien der Scharia, des islamischen Rechts, ein Dschihad, ein „Heiliger Krieg“, zur Pflicht. Die gesamte moslemische Gemeinschaft wird diesen unterstützen… Sollte im Falle eines amerikanischen Angriffs ein Moslem aus Afghanistan oder irgendeinem anderen Land mit dem Angreifer zusammenarbeiten und ihm Informationen liefern, muss auch er getötet werden, weil er ein Angreifer geworden ist.“ [15]

Was ist die inhaltliche Begründung für diesen Umgang mit dem Wort Jihad? Nach dem, was ich über den Islam bis hierher notiert und festgestellt habe, gilt allein eine Lektüre und Auslegung des Korans als Meinungsbildung dazu. Der Koran muss herangezogen wird, um den Fall des Jihad festzustellen. Der französische Religionswissenschaftler Arkoun, den ich schon mehrfach zitiert habe, beschreibt das Manifest „Die vernachlässigte Pflicht“ des radikalen Islamisten Muhammad Abd-al-Salam Faraj, der die 9. Sure des Korans heranzieht. Der Verfasser des Manifestes wurde im Zusammenhang der Ermordung des ägyptischen Präsidenten El – Sadat festgenommen und hingerichtet (1982+). Der Text ist für Arkoun ein Beispiel des radikalen Denkens, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er zitiert die Überschriften des Manifestes das in der Beschreibung des Jihad und den entsprechenden Verpflichtungen mündet.

Der Vers 5 der 9. Sure lautet: „Und wenn die verbotenen Monate vorüber sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, belagert sie und legt ihnen einen Hinterhalt.“ Die entsprechende Stelle des Manifestes lautet: „Der Koranexeget Muh-Ibn- Ahmad Ibn Juzayy al-Kalbi sagt: ‚die Aufhebung des Gebotes, mit den Ungläubigen Frieden zu halten, ihnen zu verzeihen, sich ihnen gegenüber passiv zu verhalten und ihre Beleidigungen zu ertragen, geht hier dem Befehl, gegen sie zu kämpfen voraus. Daher ist es überflüssig, die Aufhebung des Gebots, mit den Ungläubigen in Frieden zu leben, in jeder Passage des Korans zu wiederholen. Dieses Gebot, mit ihnen in Frieden zu leben, wird in 114, die sich auf 54 Suren verteilen, erteilt. All diese Verse werden durch die Verse 9,5 und 2,216 aufgehoben.“

Dieses Zitat spricht in doppelter Weise für sich erstens insofern es den Koran heranzieht um die Notwendigkeit des Jihad zu begründen, und zweitens welche argumentativen Klimmzüge nötig sind, um den Vers 9,5 den friedlichen Aussagen des Korans entgegenzustellen. Trotzdem hat diese Argumentation dieses Manifestes hohes Gewicht, da es sich strikt an die traditionellen Regeln der Koranauslegung hält und somit in einer konkreten Situation der Auseinandersetzung Muhammads mit seinen Gegnern einen Präzedenzfall für die heutige Situation erkennt. (nähere Informationen: Arkoun a.a.O., S. 192 – 195).

III. Umma – Scharia – Jihad? Die Antwort des Friedens: Dialog statt Kreuzzug.

Unter den heutigen Bedingungen bekommen Islamisten besonders in armen Ländern oder Slums von Großstädten wie Kairo weiter Zulauf. Der Nah-Ost-Konflikt ist zu den Gefahrenherden zu zählen. Es hat keinen Sinn den gesamten Islam als Feindbild zu konstatieren. Dennoch sind die Gefahren unübersehbar. Kriegsgefahr scheint dann zu entstehen, wenn der Dialog nicht ernsthaft genug gesucht wird. Wer den Islam mit einem Kreuzzug zurück ins Mittelalter drängt, fördert die radikalen Islamisten und gibt ihren Argumenten Futter. Wer den Dialog mit anderen Religionen sucht, kommt um das eigene Glaubenszeugnis ohnehin nicht herum.

Ja im Gespräch mit dem Islam sind wir als Menschen des Buches um so glaubwürdiger, je ernsthafter wir selbst unsere eigene Religion leben und vertreten. Warum dies um so nötiger und ebenso gut möglich ist, hat der Philosoph Jürgen Habermas in seiner Rede bei der Verleihung des Friedenspreises deutlich gemacht. „Aus der Sicht des liberalen Staates verdienen nur die Religionsgemeinschaften das Prädikat vernünftig, die aus eigener Einsicht auf eine gewaltsame Durchsetzung ihrer Glaubenswahrheiten Verzicht leisten. Jene Einsicht verdankt sich einer dreifachen Reflexion der Gläubigen auf ihre Stellung in einer pluralistischen Gesellschaft. Das religiöse Bewusstsein muss erstens die Begegnung mit anderen Konfessionen und anderen Religionen kognitiv verarbeiten. Es muss sich zweitens auf die Autorität von Wissenschaften einstellen, die das gesellschaftliche Monopol an Weltwissen innehaben. Schließlich muss es sich auf Prämissen eines Verfassungsstaates einlassen, der sich aus einer profanen Moral begründet. Ohne diesen Reflexionsschub entfalten die Monotheismen in rücksichtslos modernisierten Gesellschaften ein destruktives Potenzial.“ [16] Habermas konstatiert, dass in der von ihm nach säkularen Gesellschaft Religion Bestand hat, aber nach wie vor unter ständigen Rechtfertigungsdruck steht. Darin sind wir an einer Seite mit Muslimen. Die gläubigen Bürgerinnen und Bürger sind gezwungen, sich selbst in ein öffentliches und privates Bewusstsein aufzuspalten und, so weit es nötig ist, ihre religiösen Überzeugungen in säkulare Sprache übersetzen.

In diesem Sinn sollten wir uns durch den Islam bei uns an die Notwendigkeit der Bibellektüre erinnern lassen. Der erste Glaubensartikel und viele Gottesbilder des alten und Neuen Testaments, die gemeinsamen Traditionen Jesu und Abrahams sind immer neuen Anknüpfungspunkte. Jesus selbst ist ein gutes Beispiel dafür, das eine monotheistische Religion in einer Phase der Modernisierung sehr empfindlich auf Erschütterungen im Ordnungsdenken reagieren kann, das brachte ihn wohl doch ans Kreuz. Trotzdem und gerade deshalb sind seine Dialogansätze wegweisend. Dazu habe ich in meiner Examensarbeit ein kurzes Beispiel mit dem Text Lukas 10, 25 – 37 erarbeitet, dass ich hiermit zum Abschluss zitiere [17]:

„Ein Gesetzeslehrer wollte Jesus auf die Probe stellen und fragte ihn: „Lehrer, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“ „Der Gesetzeslehrer hat also von Jesus gehört und möchte ihn testen. Er tut dies, indem er die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt. An der Antwort wird sich zeigen, ob Jesus mit den Juden übereinstimmt oder nicht.

Jesus antwortete: „Was steht denn im Gesetz? Was liest du dort?“ Der Mann antwortete: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen, mit deiner ganzen kraft und deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen, wie dich selbst!“ „Richtig geantwortet“, sagte Jesus. „Handle so, dann wirst du leben.“ Hat Jesus den Test bestanden? Ich meine: Ja. Indem er den Schriftgelehrten auf das Gesetz verweist, bezieht er sich auf die gemeinsame Bibel. Auch den Spruch von der Liebe zu Gott und zum Mitmenschen erkennt Jesus an. Jesu Antwort ist klar: Wer danach handelt, wird leben. Damit hat er zugleich die Frage an den Schriftgelehrten zurückgegeben. Ist dieser mit seiner Antwort zufrieden? Reicht ihm der einfache Hinweis auf die gottes- und Nächstenliebe?

„Aber der Gesetzeslehrer wollte sich verteidigen und fragte Jesus: ‚Wer ist denn mein Mitmensch?'“ Es ist eine ehrliche Frage, die der Gesetzeslehrer stellt: Gilt das, was im Gesetz steht, für alle Menschen, oder nur für die, die auch die Bibel anerkennen? Es gibt doch Grenzen, meint er. Ich kann doch nicht jeden, ob Israelit oder Heide, gleich lieben.

„Jesus begann zu erzählen: ‚ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs überfielen ihn Räuber. Sie nahmen ihm alles weg, schlugen ihn zusammen und ließen ihn halbtot liegen. Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg. Er sah den Mann liegen, machte einen Bogen um ihn und ging vorbei. Schließlich kam ein Mann aus Samarien. Als er den Überfallenen sah, hatte er Mitleid. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier und brachte ihn in das nächste Gasthaus, wo er sich um ihn kümmerte. Am andern Tag gab er dem Wirt zwei Silberstücke und sagte: „Pflege ihn! Wenn du noch mehr brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich zurück komme.'“ Anstelle nun weiter über mögliche Auslegungen des Gesetzes zu spekulieren, erzählt Jesus eine Geschichte aus dem wirklichen Leben. Wo ein Mensch einen anderen wirklich nötig hat, da sind die Grenzen der Religion nicht nur überflüssig, dem Verletzten hilf ein Ausländer; diese Grenzen können sogar die Nächstenliebe verhindern, die Angehörigen des Tempels dürfen sich an einem Toten oder Halbtoten nicht beschmutzen.

„‚Was meinst du?‘, fragte Jesus, ‚Wer von den dreien hat an dem überfallenen als Mitmensch gehandelt?‘ Der Gesetzeslehrer antwortete: ‚Der ihm geholfen hat.‘ >Jesus erwiderte: ‚Dann geh und mach es ebenso.'“

Wenn wir uns an Jesus orientieren, dann ist der für uns der Nächste, der uns zufällig begegnet. In unserm Fall ist es ein ausländischer Muslim. Können wir diesen Bibeltext auf die Begegnung mit Muslimen übertragen?

Ist nicht auch die Hauptfrage, die bei jedem Gespräch zwischen Menschen verschiedener Religionen wichtig ist: „Was ist die Quelle für den Sinn eures Lebens?“ Der Muslim wird auf die Frage antworten: „Gott ist der eine Gott, der ewige Gott. Wer sich ihm im Leben durch Gebet, Fasten und die Art, zu leben, ganz hingibt, der hat den Sinn des Lebens, der ist Muslim.“ Das erinnert mich an das, was Martin Luther zum ersten Gebot erklärt: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“ Auch, was der Gesetzeslehrer aus der Bibel zitiert, könnte fast genau übereinstimmend von Christen und Muslimen gesagt werden: Gott und den Mitmenschen mit seinem ganzen Leben lieben. Es gibt noch weitere Übereinstimmungen zwischen Christen und Muslimen, so zum Beispiel der erste Artikel des Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden.“

Und doch wissen wir, dass es grundsätzliche Unterschiede zwischen Christentum und Islam gibt. Der Muslim sagt: „Für uns Muslime ist der Koran das Wort Gottes, das Mohammed verkündigt hat.“ Er fragt: „Warum könnt ihr Christen den Koran nicht anerkennen?“

Wir Christen sagen: „Für uns ist Jesus Christus das Wort Gottes. Er ist die frohe Botschaft für alle.“ Wir fragen die Muslime: „Wenn der Koran schon so viel über Jesus erzählt, warum leugnet er dann die Kreuzigung Jesu? Warum könnt ihr nicht anerkennen, dass er Gottes Sohn ist?“ Die 112. Sure können wir nicht annehmen: „Sprich: Er ist der eine Gott, der ewige Gott; Er zeugt nicht und wird nicht gezeugt und keiner ist ihm gleich.“

Es gibt Grenzen und Unterschiede zwischen Islam und Christentum, die wir nicht verwischen können. „Wer ist denn mein Mitmensch?‘ fragt der Gesetzeskundige.“ Wir ergänzen die Frage: „Ist der Muslim auch unser Mitmensch? Können wir uns auf das Gespräch mit ihm, dem Andersgläubigen einlassen?“

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt uns Jesus, wo unser Mitmensch ist, dem wir die Liebe weitergeben können, die wir von Gott empfangen. Er ist dort, wo wir leben. Wir treffen ihn zufällig, er wohnt in unserer Stadt und in unserem Land. Er ist nicht deshalb unser Nächster oder gar unser Feind, weil er Muslim ist. Die Muslime sind Mitmenschen, die mit uns zusammen leben. Wie kann die Liebe zum Mitmenschen hier bei uns geschehen?

Der Muslim wird uns dann zum Mitmenschen, wenn wir nachbarschaftlich leben; wir lassen uns von ihm zeigen, woher er kommt, wir lassen uns von ihm helfen. Wir sehen, wo die Muslime, die bei uns leben, Sorgen und Probleme haben, und wir können ihnen helfen, wo es in unseren Kräften steht. So können wir uns gegenseitig zum Mitmensch werden. Wir können dann damit rechnen, dass wir von den Muslimen persönlich gefragt werden: „Was ist die Quelle für den Sinn eures Lebens?“

Anmerkungen:

1] Redaktionelle Anmerkung: Die Anmerkungen und Buchzitate sind im Text verzeichnet. Die arabischen Worte schreibe ich groß, soweit es sich um Nomen handelt um sie einzudeutschen, was wohl sinngemäß ist.

[2] Die Begründung dafür, wie ich gerade diese Formulierung ausgewählt habe, wird im folgenden Teil im Grunde dargestellt, in dem ich den Islam von seiner Grundbedeutung her erkläre. Es ist methodisch misslich, dass ich die vorgelegten Skizzen nicht auswerte, aber dies würde ja zu einem eigenen Thema. Im Grunde werden die Teilnehmer danach wissen, ob ihre eigene Vorstellung darüber der Gottesbeziehung der Muslime ähnlich sieht, was ich zum teil vermute. Die Übung entstammt einem Buch: „Zum Beten finden. Bernhard Wilde, Philipp Neßling. 1983, S. 86.

[3] Mohammed Arkoun. Der Islam. Heidelberg 1999. S. 40/41

[4] zugrunde liegt ein Arbeitsblatt dazu, dass ich für meine Examensarbeit „Muslime und Christen in unserer Gesellschaft.“ 1984/85. Verwendet habe. Ich habe es selbst zusammengestellt. Anhang: Arbeitsblatt „Die fünf Säulen des Islam“

[5] Den Text zu diesen religiösen Grundpflichten entnehme ich der Kürze wegen den Buch Rudolf Radke. Im Namen Allahs. 1994/2000. S. 53/54

[6] M. Arkoun. a.a.O. S. 66

[7] M. Arkoun a.a.O. S. 67

[8] M. Arkoun, a.a.O. S. 79 – 81

[9] M. Arkoun. A.a.O. S. 82

[10] M. Arkoun. a.a.O. S. 47

[11] M. Arkoun a.a.O. S. 59

[12] M. Arkoun a.a.O. … S. 47

[13] R. Radke a.a.O. S. 60

[14] R. Radke a.a.O. S. 63

[15] kopiert am 20.9.2001 aus dem Tagesspiegel

[16] Jürgen Habermas: Glauben und Wissen. Gehalten in Frankfurt am 14. 10. 2001, kopiert von der Web Seite www.boersenverein.de

[17] Muslime und Christen in unserer Gesellschaft. S. 38 – 41. Manuskript des Gemeindevortrags als Examensarbeit 1984. Zitate darin aus der Bibel in der Übersetzung Martin Luthers: Lukas 10, 25 – 37.

Bericht vom Kontaktstudium in Bethel 2002/2003, Christoph Fleischer, Dortmund 2003

Kontaktstudium an der Kirchlichen Hochschule Bethel im Wintersemester 2002/2003. Ein Bericht. Christoph Fleischer.

Vorbemerkung.

Im Folgenden berichte ich über das Kontaktstudium, dass ich an der kirchlichen Hochschule Bethel im Wintersemester 2002/03 absolvierte. Mein Vorlesungsplan bestand aus 6 Vorlesungen, 2 Übungen und 2 Hauptseminaren. Insgesamt kann man sagen, dass es gar nicht so sehr darauf ankam, einen bestimmten Schwerpunkt zu vertiefen, obwohl ich das zunächst im Bereich Diakonie beabsichtigte, sondern in der ganzen Bandbreite des theologischen Fächerkanons zu hören und zu lernen. Insgesamt würde ich meinen persönlichen Schwerpunkt nun nach erfolgter Studienzeit als den eines praktischen Theologen bezeichnen. Der Ort der praktischen Theologie liegt eben im Bereich der Universitätstheologie in der Reflektion der kirchlichen Praxis, so dass es gar nicht abwegig ist, inhaltliche Ansätze aus allen sonstigen Fachrichtungen in die Praktische Theologie zu integrieren, soweit das von Nutzen ist. Das trifft auf die exegetischen Fächer des Alten Testaments und Neuen Testaments ebenso zu, wie für die Systematische Theologie und die Kirchengeschichte. So könnte denn auch das Ergebnis des Kontaktstudiums sein, dass ich erneut stärker darauf achten werden, in allen Bereichen des pfarramtlichen Handelns die Sachverhalte der Theologie stärker ins Gespräch zu bringen bzw. als Richtschnur vorauszusetzen, als bisher, bzw. dort, wo ich es bislang schon getan habe, dies noch reflektierter zu tun.

Bevor ich auf die Darstellung der Inhalte komme, noch einige Informationen zum leben an der Kirchlichen Hochschule Bethel. Da ich von den Voraussetzungen meiner eigenen Universitätsausbildung her, als ordentlicher Student eingeschrieben war und nicht als Gasthörer, nahm ich an den Angelegenheiten der Hochschule Anteil z.B. an der Vollversammlung der Studierendenschaft. Ich war außerhalb Bielefelds in Spenge untergebracht, nahm daher an der Mensaverpflegung teil und verbrachte meine Pausen im Hörsaalgebäude, den Präsenzbibliotheken oder auf Spaziergängen in Bethel. Auch mit Studentinnen und Studenten ergab sich so mancher Kontakt. Wenn ich mal auf das Auto verzichtete, war ich meistens früh genug vor 10 Uhr in der Hochschule, so dass ich die Andachten besuchen konnte. Insgesamt vier Mal trug ich mich selber in die Andachtsliste ein, einmal war es eine Dialog – Andacht. Ich konnte so meine pastorale Übung ein wenig behalten. Außerdem war es für mich gerade eine schöne Erfahrung, dass das Hochschulleben durch diese geistliche Begleitung besser zusammenhielt, denn Studierende wie Hochschullehrer trugen sich in die Andachtsliste ein. Erst zum Ende des Semesters ließt das Interesse etwas nach. Sehr schön war auch der sogenannte Theoball. In der Nacht vor dem ersten Advent feierte die ganze Hochschule den Übergang in das neue Kirchenjahr so, als wäre es Silvester. Nach einer einstündigen Kabarettvorführung, wobei natürlich die Lehrenden nachgespielt wurden gab es Tanz und Disko. Um 24 Uhr spielte noch einmal der kleine Posaunenchor, wie schon im Theaterstück und alle sangen zur Begrüßung der Adventszeit: Tochter Zion. Das Thema des Theoballs hatte einen durchaus ernsten Hintergrund: „Bethels letzte Tage“. Es war in der Tat im Gespräch, die Hochschule in Bethel solle in 2 – 3 Jahren geschlossen werden. Professor Jäger informierte in seinen Vorlesungen immer ein wenig darüber. Erst als es gelungen war, den Leitbildprozess zum Abschluss zu bringen, war die Existenz der Betheler Ki Ho über 2005 hinaus gesichert. In diesem Semester wurde auch mangels Interesse das Frühstücksangebot in der Mensa „Remter“ aufgegeben. Weiterhin wird das Mensagebäude im nächsten Semester ganz geschlossen und die Mensa in einen anderen Raum umziehen. Ich denke, das ist alles für die Kirchliche Hochschule kein Problem, da die Studierendenzahl in den einzelnen Seminaren recht niedrig ist, meist unter 20, und daher die z.Zt. vorgehaltenen Räume einfach noch zu groß. Trotzdem ist die Schließung des Remter für die eingefleischten Fans der Kirchlichen Hochschule ein Einschnitt, deutet es doch auch auf eine mögliches Ende der Hochschule hin, das jetzt erst einmal abgewendet ist.

Bewusst habe ich diese Beobachtungen an den Anfang gestellt, zu denen noch die Semester – Anfangs und – Schlussgottesdienste und das Adventsliederspiel des Ki – Ho – Posaunenchores in der Vorlesungspause am Mittwoch zu zählen sind. Ergänzend ist zu berichten, dass ich an zwei Habilitationsvorlesungen, einer Gastvorlesung und einer Probevorlesung teilgenommen habe und so auch diesen Bereich des Hochschullebens gut miterleben konnte. Für mich persönlich haben solche theologischen Vorträge ohnehin immer einen besonderen Reiz, da die Referenten dabei gern eine wichtige Erkenntnis ihrer Forschungsarbeit mitteilen: Dr. Udo Krolzik verband seine Umhabilitation von Hamburg nach Bethel mit einer Verbindung aus historischen Erkenntnissen über die Entstehung von Diakonie und der Mitteilung der heutigen Situation und stellte sich damit als neue Lehrkraft an der Kirchlichen Hochschule vor. Im Hauptberuf ist er Geschäftführer des Ev. Johanneswerks in Bielefeld. Dr. Dirk Stanitzke hielt seine neutestamentliche Probevorlesung über den Begriff des „diakonos“ den er als Vermittler deutete. Damit zog er eine deutlich korrigierende Linie zum Verständnis der Diakonie, der wieder mehr vermittelnde als eine dienende Funktion zukomme. Dr. Schmid hielt seine Antrittsvorlesung im Fach Kirchengeschichte. Sehr interessant konnte er im Bereich der frühen Kirche zeigen, dass sich erst mit der Verbreitung der neutestamentlichen Schriften die Form des Buches (Kodex) gegenüber der einer Rolle (z.B. Tora) durchsetzte. Das Urchristentum nutzte also zu seiner Verbreitung ein für die damalige Zeit fortschrittliches Kommunikationsmittel. Die Gastvorlesung des Vertreters der Paderborner katholischen Hochschule Prof. Fuhs (Das Bildungsprogramm des Sprüchebuches) zeigte auf, dass die Abfasser des Sprüchebuches damit ein bestimmtes Bildungsprogramm verbanden: Sprüche 1,1 – 4: „1 Dieses Buch enthält in Sprüche gefasste Ratschläge fürs Leben von Salomo, dem Sohn Davids und König von Israel. 2 Sie zeigen uns, was Weisheit und echte Bildung ist, damit wir merken können, wo mit Einsicht über etwas geredet wird. 3 Mit ihrer Hilfe kommen wir zu einer guten Bildung und lernen, wie wir unser Leben richtig führen und immer auf dem geraden Weg bleiben. 4 So können wir auch junge und unerfahrene Menschen zu Klugheit und Besonnenheit führen.“

Und dies war auch der Alltag an der kirchlichen Hochschule. Die Gespräche am Rande, teilweise mit jungen, aber auch mit einige älteren Studierenden, wohl teilweise im Gasthörerstatus waren mir ebenso wichtig wie die Lehrveranstaltungen. Auffallend war an der Hochschule der hohe Anteil ausländischer Studierenden, mehr als 10 % der Studierendenschaft. Die größte Gruppe unter ihnen waren Koreaner, teilweise mit Frau und Kinder hierher gekommen. Es war immer wieder erstaunlich zu sehen, mit welchem Engagement sie sich der ungeheuren Leistung unterzogen, die für sie fremdsprachigen Vorlesungen zu hören. Zum Erwerb des Doktortitels etwa, müssen einige von ihnen noch Griechisch, Latein und Hebräisch lernen.

Und nun zur Arbeit in den Seminaren und Vorlesungen. Im folgenden möchte ich die Lehrveranstaltungen vorstellen, und zwar im Ablauf der Woche. Dies hat seinen Grund darin, dass für mich persönlich die erste Vorlesung und die letzte Vorlesung jedes Mal die Wochenhöhepunkte waren, sodass ich nun bei der Schilderung meines Lernweges mit dem ersten Höhepunkt beginne und dem letzten aufhöre.

Vorlesung. Pastoraltheologie. Professorin C. Dahlgrün.

Resümierend müsste man festhalten: Wenn auch Frau Prof. Dahlgrün nicht an Ermutigung sparte, so hat sie dennoch insgesamt ein sehr dunkles Bild vom Pfarrerberuf gezeichnet. Dabei und darin war sie durchaus gründlich. Den Begriff des „Amtes“ hat sie auf das Pfarrersein bezogen und sich dabei auf die Geschichte der Kirche und auf das Neue Testament berufen. Auch wenn in der evangelischen Konfession jeder Christ und jede Christin Zeuge Jesu Christi für die Welt ist, steht doch die Person, die das besondere Amt der Verkündigung hat der Gemeinde auch gegenüber, und zwar schon in den Frühzeiten der Kirche. Aus zunächst geistgewirkten Funktionen wuchsen feste Aufgaben. Die Amtsträger waren aber immer Teil der Gemeinde. Auch Frauen hatten solche Ämter im Anfang der Kirche schon inne. Nach der priesterlichen Prägung des Pfarramtes seit dem Wechsel des Christentums in die staatskirchliche Rolle, kam mit der Reformation wieder der ursprüngliche Charakter einer besonderen Funktion innerhalb der Gemeinde zum Tragen. Doch dadurch, dass Martin Luther die Heilige Schrift als eigentliche Offenbarungsquelle betonte, rückte er gleichzeitig die Pastoren als deren Fachleute in eine besondere Position. Sie trugen nun das Amt der Verkündigung. Innerhalb des landesherrlichen Kirchenregiments waren sie indirekt sogar Staatsdiener. Im Folgenden skizzierte Frau Prof. Dahlgrün den Ausbildungsweg ins Pfarramt über Studium und Vikariat. Eine besondere Bedeutung erhält die Ordination, die faktisch keine Priesterweihe ist, aber durch den Vollzug der Handlung, besonders mit der Form der Handauflegung, offensichtlich mehr als eine Beauftragung zum Verkündigungsamt darstellt. Interessant ist auch, dass sich diese Form bei den Pfarrereinführungen wiederholt. Im Zusammenhang mit der Erläuterung des Dienstrechtes zeigte sie, dass die EKD noch kürzlich die Bedeutung des Pfarrhauses herausgestellt hat und dass wohl auch an der Wahrnehmung der Residenzpflicht in einer recht verstandenen Pfarrerrolle kein Weg vorbei führe. Zum Thema Rolle? Wie solle man diese nun gerade nennen: Amt, Dienst, Beruf, Profession, Rolle oder anders. Der traditionelle Begriff des Amtes hat immer noch seinen guten Wert, auch der Begriff des Dienstes. Besser als Beruf und Rolle scheint nach Isolde Karle der Begriff Profession, der Pfarrerinnen und Pfarrer dann in der Dienstausübung den Ärzten vergleichbar erscheinen lässt. Ein besonderer Teil widmete sich Frauen im Amt. Im Vergleich zu den männlichen Kollegen scheinen sie über eine bessere kommunikative Kompetenz zu verfügen. Für die Teilzeit – Ausübung des Pfarrerberufs ist Frau Prof. Dahlgrün nur sozusagen im Notfall und für eine kurze Zeit. Auf keinen Fall gehören ihrer Meinung nach Ehepartner als Kollegen in die gleiche Gemeinde. Teildienstbeschäftigte sind finanziell ohnehin schlechter gestellt.

Welche Erwartungen sind an Pfarrerinnen und Pfarrer zu stellen? Immer stärker kommt das Wirkungsfeld der Religion in den Blick: Gottes Wort ins Leben übersetzen, bescheiden und einfach leben, schweigen und beten können, Zeit haben, Lesen und nicht aufhören zu fragen, das Leben kennen, den Erwartungen gerecht werden, Entscheidungen treffen, dennoch nicht pfarrerzentriert agieren.

Im zweiten Teil kam die Kirche und das Verhältnis zur Pfarrerschaft in den Blick. Soll Kirche Gemeinde der Heiligen sein, dann führen Pfarrerinnen und Pfarrer ins Heilige und sind „Geistliche“. Die Kirchentheorien werden diesem notwendigen Anspruch nicht immer gerecht. Kirche scheint es oft nur um Bestandswahrung zu gehen, dies durch Theorie, durch Entfaltung der Volkskirche in der Gegenwart oder durch Besinnung auf historische Einsichten. Die Volkskirche scheint ja noch gut zu existieren, sofern sie sich der Bedürfnisbefriedigung auch distanzierter Kirchenmitglieder nicht verschließt. Der Weg zum Management und Controlling scheint nicht weit. Stattdessen rückte Frau Prof. Dahlgrün im Folgenden die Person des Pfarrers und der Pfarrerin in den Vordergrund. Schon an Literaturzitaten wird deutlich, dass dies wohl eine schwache Seite dieses Berufes ist. Wer so mit seiner Person für die Sache einsteht, scheint um so angreifbarer zu sein. Das Pfarrhaus und die Familie sowie das Freizeitverhalten sind in diese herausgehobene Stellung einbezogen. Ohne eine gute Form der eigenen Spiritualität sind ihrer Meinung nach Konflikte vorprogrammiert. Diese schilderte sie dann im Zusammenhang mit den sogenannten Problemfeldern: Umgang mit Macht, Sexualität, Aggression, Glaubenszweifel, Überforderung oder Überlastung, Geld und Politik. Zu den Bereichen pfarramtlichen Handelns gehören: Leitungshandeln, Verkündigung, Bildung und sakramentales Handeln. Mit diesem Begriff brach die Vorlesung sozusagen ab.

Überblicksvorlesung. Reformatorische Theologie. Eine Einführung. Prof. A. Jäger.

Auffallend war zunächst der Ort der Vorlesung: SB 2, ein Hörsaal im Studentenheim Burse mit einem großen ovalen Tisch in der Mitte. Die Studierenden sitzen, so es geht im Kreis, weitere Stühle mit Schreibbrettern sind an den Wänden rundum. Diesen Raum, so hörte ich, hatte Prof. Jäger in seiner Rektoratszeit einrichten lassen. Herr Jäger begrüßte die Runde der Studierenden oft mit aktuellen Beobachtungen oder Zitaten einer Zeitungslektüre. Er stellte so, wenn auch meist nicht inhaltlich verknüpft, so doch formal immer einen aktuellen Bezug her. Die Geschichte der reformatorischen Theologie war für ihn eine Befreiungsgeschichte, die Reformation eine Befreiungsbewegung und die reformatorische Theologie eine Befreiungstheologie. Doch die christliche Freiheit ist keine absolute Freiheit, sondern eine Freiheit in und durch eine ausschließliche Bindung: Das ist die christliche Freiheit: Der Glaube allein. Die Vorlesung folgte einigen theologischen Hauptwerken der Reformationszeit. Im Mittelpunkt stand die Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Sie begründete die Paradoxie der Freiheit des Christen, ein freier Herr über alle Dinge und gleichzeitig ein dienstbarer Knecht aller Dinge zu sein. In Anlehnung an Gedanken der Mystik zeigt Luther, dass Gott selbst durch den Glauben im Menschen Rechtfertigung wirkt: Gott ist Richter. – Du bist angeklagt. – Der Richter spricht dich frei.

Es zeigte sich, dass Freiheit nicht als Autonomie verstanden wird, sondern als Freispruch durch Gott, als Handeln Gottes, nicht als freie Entscheidung des Einzelnen. In der Unterscheidung Gott als Vater und Sohn in der Trinität liegt für Luther die Begründung in der Aufteilung der christlichen Lebenserfahrung in zwei Reiche, letztlich der Welt und der Kirche. Prof. Jäger skizzierte diese folgenschwere Unterscheidung für das Neuluthertum und dessen Obrigkeitsdenken. Am Beispiel des Alternativmodells von Karl Barth „Christengemeinde und Bürgergemeinde“ zeigte er auch die Möglichkeiten dieses Denkens für einen Leitbildprozess in kirchlichen Unternehmungen, ja kirchlichen Institutionen auf. Von der Freiheitsschrift aus, wurden immer wieder Themen der reformatorischen Theologie behandelt. Das Kernstück ist die Rechtfertigungslehre: Die Gültigkeit des Gesetzes ist ja nicht aufgehoben. Aber es wird erstens gesagt, dass der Mensch sie nicht erfüllen kann, und 2. das Gott diesen Anspruch selbst einlöst: Glaube und Liebe erfüllen das Gesetz: Justitia passiva – Gerechtigkeit als Geschenk. In der Christologie folgt für Luther daraus das zweifache Amt Christi als König und Priester, von Calvin dann auf die Zahl drei mit der Definition des Prophetischen erweitert. Das besondere daran ist nun zunächst bei Luther, dass Christus diese seine Würde den Christen mitteilt und sie damit alle zu Königen und Priestern macht: ein geistliches Königtum, Freiheit und Vollmacht, und ein allgemeines Priestertum. Mit dieser Wendung zum „Pro me“ leitet Luther zur Begründung der Ethik als Ethik der Freiheit über. Äußerlich gesehen ist das Leben eine Peregrinatio, eine Pilgerschaft mit täglichen Schritten zur Vollendung, zum ewigen Leben. Menschsein ist Arbeit. Die Ethik kann nicht in Gesetzen begründet sein, sondern im Empfangen des Wortes. In jeder Predigt wird das Gesetz im theologischen Sinn und das Evangelium weitergegeben. Aus der doppelten Zuwendung Gottes im Zorn und in der Gnade erfolgt aus Reue der Empfang des Heils. Daraus folgt im Alltag doch immer, dass das Zusammenleben mit anderen Menschen an erster Stelle steht: Dort geht der Glaube mit Lust und Liebe ans Werk. Daraus folgt auch das Verständnis des Dienstes: Die guten Werke tue ich umsonst, als Weiterverschenken der empfangenen Freiheit Gottes. Das schließt im Großen das rechte Verhältnis zur Obrigkeit ein, damit ist jeder Christ ein politischer Mensch. Das Kriterium der guten Werke ist nur noch die Nächstenliebe. Ökonomie beruhte für Luther noch auf dem Prinzip des Schenkens, wohl auf Gegenseitigkeit.

Vielleicht ist in diesem kleinen Bericht über diese Vorlesung deutlich geworden, dass ein Blick auf die Grundzüge der reformatorischen Theologie immer auch spannend und aktuell war, natürlich auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass von dort aus Entwicklungen angestoßen wurden. Prof. Jäger schilderte dann noch andere reformatorische Grundautoren und deren Verhältnis zueinander: Zwingli, Müntzer und Calvin. Einen breiten Raum nahm dann noch die Entfaltung der Anthropologie bei Erasmus, Luther und Zwingli ein und deren Folgen für die Gotteslehre. Luther war der Entdecker des verborgenen Gottes neben dem Gott der Offenbarung. Zwinglis Gottesverständnis lag in der Nähe des summum bonum, des höchsten Guten. Luther wies die Beschreibung des freien Willens des Erasmus zurück, als einer der der Gnade Gottes zum Heil mitzuwirken im Stande sei. Der Mensch ist für Luther im Bild gesprochen ein Esel, der entweder vom Teufel oder von Christus geritten wird. Einen Synergismus lehnte er strikt ab. Dabei ist schon für Luther die Erwählung Gottes immer die Erwählung zur Gnade. „Mensch sein heißt existieren zwischen Gott und Gott“ (Ebeling). Auf der Ebene theologischer Ausarbeitung zeigte Luther die begrenzte Wirkung der Vernunft und damit den begrenzten Einfluss der Philosophie auf die Theologie auf, eine Fragestellung, die auch noch in anderen Bereichen der Theologie begegnet. Die gedankliche Schwierigkeit dieser Prädestinationslehre (Vorherbestimmung), die aber letztlich im absoluten Vorrang der Gotteslehre begründet ist, löste Calvin in die sogenannte doppelte Prädestinationslehre auf: wer das Wort empfängt und glaubt ist zum Heil, die anderen zum Unheil vorherbestimmt. Nach Max Webers These über die Entstehung des Kapitalismus hat dieser Zug reformatorischer Theologie mit zur Begründung kapitalistischer Wirtschaftsform beigetragen: Wirtschaftlicher Erfolg mit gleichzeitigem Konsumverzicht führte zur Ansammlung von Produktivkapital.

Für mich persönlich war es wichtig zu sehen, dass Prof. Jäger die Grundgedanken der systematischen Theologie mit Fragen der Wirtschaftsethik in Kirche und Gesellschaft in Verbindung bringt. Er hat als erster die allgemeine Wirtschaftsethik auf diakonische Unternehmen angewandt: „Diakonie als christliches Unternehmen.“ Gütersloh 1986, 4. Auflage 1993. Wenn in Bethel nun, wie aktuell zu lesen war, ein berufsbegleitender Studiengang für Diakoniewissenschaft eingerichtet wird, wird dazu das Konzept von Prof. Alfred Jäger sicherlich maßgeblich sein. Ich schreibe dies allerdings im Bewußtssein, dass es an der kirchlichen Hochschule ebenfalls einige Lehrende gibt, die dem Ansatz der Unternehmensberatung auf die Kirche bezogen kritisch gegenüberstehen, wie es ja in der Pastoraltheologie – Vorlesung von Frau Prof. Dahlgrün deutlich wurde. Herr Prof. Jäger hat in seinem Beratungskonzept aber einen ausgesprochen theologischen Schwerpunkt. Wenn die Grundentscheidungen der Theologie in einem christlichen Unternehmen oder in einer Gemeinde praktischen Ausdruck finden, dann findet sich in dieser Einrichtung auch eine christliche Unternehmensidentität (Corporate Identity). Dass die auch die Grundzüge des reformatorischen Freiheitsbegriffes sein können, hat Prof. Jäger in dieser Vorlesung eindrücklich gezeigt.

Überblicksvorlesung. Der Mensch in der Sicht der theologischen Anthropologie und Ethik. Prof. J. von Lüpke (Kirchliche Hochschule Wuppertal).

Diese Vorlesung wurde im Rahmen des Kooperationsvertrages der Kirchlichen Hochschule Bethel mit der Kirchlichen Hochschule Wuppertal von Prof. von Lüpke gehalten. Es ist nicht leicht, diese Arbeit so knapp zusammenzufassen, wie die Vorlesung über reformatorische Theologie. Andererseits möchte ich im Rahmen des Berichtes auf eine referierende Zusammenfassung verzichten. Die Frage einer christlichen Lehre vom Menschen wurde dafür in zu vielen Bezügen referiert, die man unmöglich nur kurz schildern kann. Biblische Texte wie die Schöpfungsgeschichte nach Genesis 1und 2 und die Geschichte von Kain und Abel wurden genauso gut herangezogen wie Texte der lutherischen Konkordienformel und den Confessiones von Augustin zur Gottebenbildlichkeit, Luthers Anthropologie in der Auslegung des Magnificats, aber ebenso Texte von Aristoteles, Goethe und Nietzsche. In Auseinandersetzung mit letzteren erörterte Prof. von Lüpke zuletzt als Zusammenfassung die christliche Freiheit im Prozess als Loslösung, Die Sehnsucht nach dem uneingeschränkten Ja, Freiheit im Widerspruch, Die seelische Balance und das Gegengewicht des Wortes Gottes in Kritik und Zuspruch. Zunächst ging es natürlich um den Ort der Anthropologie im Rahmen der christlichen Theologie. Exemplarisch stand dafür Ernst Troeltsch vor Augen, der in Anlehnung an Schleiermachers „frommem Selbstbewusstsein“ die Stellung der Anthropologie am Beispiel des christlichen Seelenbegriffes erläuterte. Für Prof. von Lüpke dagegen steht die Anthropologie nicht am Anfang der Theologie, sondern zwischen Dogmatik und Ethik, da der Mensch immer auch ein Wesen ist, das sich zu verhalten hat. Dies hat nach der Theologie Karl Barths im rechten Sinn in der Dogmatik, das heißt in der Gotteslehre begründet zu sein: „Der Mensch bedarf der Vergebung, des Lebens von Gott her.“ Aus der Urgeschichte der Bibel zeigt sich: Er wird als Mensch das, was er als Ebenbild Gottes ist. Das Wort Gottes gilt jeden Augenblick neu. Dabei zeigen sich vier Bestimmungen: als Geschöpf ist der Mensch Gottes Ebenbild, in der Welt ist er ein Wesen in Beziehungen, in Beziehung zu Gott steht er im Widerspruch, das Verhältnis zu seinesgleichen und zu sich selbst ist ebenfalls widersprüchlich. Die Selbstverfehlung des Menschen (Sündenfall, Kain und Abel) ist gleichzusetzen mit dem Verfehlen seiner Geschöpflichkeit, die in der Formula Concordiae von der eigentlichen Erbsünde noch einmal unterschieden wird. Dennoch ist für Prof. von Lüpke die Gottebenbildlichkeit lehrbildend: „Den Menschen als Ebenbild Gottes zu erkennen, bedeutet seine ganzheitliche Annahme im Geist der Liebe.“ Die Erbsünde ist der Zustand der Eigenbemächtigung des Menschen, sie ist zugleich auch ein Verlust an Beziehung, wenn auch die Gottebenbildlichkeit bestehen bleibt. Aus Augustins Beobachtung, dass der Mensch mit dem „Herzen“ Gottes Wort vernimmt, kommt er später auf die Bestimmung des Herzens als Mitte des christlich verstandenen Menschen. Die Bestimmung der Vernunft ist dagegen theologisch immer kritisch: Die Vernunft kennt nicht das zugrunde liegende Wort Gottes und ist außerdem zweideutig, ist gut, geschöpflich, aber auch unter der Macht des Teufels (nach Martin Luther). Gott handelt durch die Rechtfertigung des Menschen (dazu Gerhard Ebeling, 3 Bände über die Disputatio de homine). Die Geschöpflichkeit des Menschen in Bezug auf seine Leiblichkeit zeichnete er nun aus im Hinblick auf die ethischen Grundfragen, die zur Zeit in der Debatte um die Bioethik gestellt werden. „Eine Person hat einen Körper nur indem sie Leib ist.“ Die Entstehung des Leibes ist ein Kommunikationsprozess. Jede verdinglichende Sicht ist abzulehnen. Leib und Seele wirken in der Sprache zusammen. Jeder Mensch ist Autor, Sprache und Kommunikation ist demnach auch leibgebunden. Der Theologe Hamann brachte in Königsberg als Zeitgenosse gegen Kant gerade dieses ins Spiel, dass Denken auf Sprache beruht und also immer etwas mit Kommunikation zu tun hat. Menschliche Vernunft ist, auch auf dem Hintergrund der Geschöpflichkeit allein ver – „Antwort“ – liche Vernunft.

Übung. Texte zur aktuellen bioethischen Diskussion. Prof. J. von Lüpke.

Diese Übung stand, wie es schon der Titel sagt, ganz im Zeichen der Bioethik. Ich persönlich habe gerade in dieser Zeit erfahren, dass ich durch die gründliche Beschäftigung mit einem Thema, nicht nur eine fundierte Position gewinne, sondern möglicherweise auch eine andere. Ich möchte zunächst einmal schlicht aufführen, welche Literatur wir gelesen haben:

Im Geist der Liebe mit dem Leben umgehen. Argumentationshilfe für aktuelle medizin- und bioethische Fragen. Ein Beitrag der Kammer für öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Deutschland. EKD Texte 71, Hannover 2002.
Verantwortung für das Leben. Eine evangelische Denkschrift zu Fragen der Biomedizin. Erarbeitet von Ulrich Körtner in Zusammenarbeit mit Michael Bünker. Evangelische Kirche A. und H. B. in Österreich. Wien 2001. veröffentlicht in epd Dokumentation 4/2002
Salzburger Erklärung zur sogenannten Bioethik. Internationales Symposion feministische Ethik, Salzburg 2002. veröffentlicht im Internet.
Reinhard Merkel. Rechte für Embryonen? Die Menschenwürde lässt sich nicht allein auf die biologische Zugehörigkeit zur Menschheit gründen. In: Biopolitik. Die Positionen. C. Geyer (Hg.). Frankfurt 2001. S. 51 – 64
Robert Spaemann. Gezeugt, nicht gemacht. Die verbrauchende Embryonenforschung ist ein Anschlag auf die Menschenwürde. Ebd. S. 41 – 50
Robert Spaemann. Wer jemand ist, ist es immer. Es sind nicht die Gesetze, die den Beginn eines Menschenlebens bestimmen. Ebd. S. 73 – 81
Wolfram Höfling. Wider die Verdinglichung. Auch „überzählige“ Embryonen sind vom Grundgesetz geschützt. Ebd. S. 240 – 246
Der Geist ist aus der Flasche. P. Meinert. Neue Westfälische. 28. 11. 2002.
„…Wenig niedriger als Gott.“ Das christliche Verständnis vom Menschen in den Herausforderungen unserer Zeit. Kundgebung der 9. Synode der EKD, Nov. 2002.
Thesenreihe zu dieser Kundgebung als Beschluß der EKD Synode. Beides auch in der epd Dokumentation 48/2002
Referat zum Schwerpunktthema der EKD Synode „Was ist der Mensch?“ von Dr. Renate Köcher. In Kopie (wir haben es nicht behandelt)
Jürgen Habermas Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Frankfurt 2001.
Cownerie mit dem Klon. Der raelianische Rummel verwirrt die Köpfe. Ein Plädoyer für Liberalität und Realismus in der Bio – Ethik. Von Volker Gerhardt. Tagesspiegel vom 7.1.2003.
Kinder der Technik. Visite bei Fortpflanzungsmedizinern: Wie Ärzte Paaren helfen, bei denen der Nachwuchs ausbleibt oder von Krankheiten bedroht sind. Adelheid Müller – Lissner. Tagesspiegel vom 8.1.2003.
Wer wagt, verliert. Diese Woche tagt der Nationale Ethikrat zur Klon – Frage – und muss Antworten geben. Ein Plädoyer gegen den biotechnischen Wahn. Von Julian Nida – Rümelin. Tagesspiegel vom 12. 1. 2003. (diese Artikel vom Tagesspiegel wurden nicht behandelt, zeigen jedoch den Stand der Tagesaktualität des Themas im Januar 2003)
„Menschen machen nach unserem Bild“. Ein 15 – minütiger Videofilm für den Unterricht vom FWU/Matthias Film.
Lexikon der Bioethik. 3 Bände. Gütersloh 1998.
Alle Grenzen werden fallen. Ray Kurzweil. Aus dem amerikanischen von M. Bischof. Erschienen in der FAZ (wann?)
Jürgen Habermas. Glauben und Wissen. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Frankfurt 2001.
Darf der Mensch einen Menschen nach eigenem Bilde schaffen. Reproduktionsmedizin ist mit der angeblichen Geburt eines Klonbabys zum ambivalenten Thema geworden: Die evangelische Kirche appelliert an die Verantwortung von Eltern und Ärzten. Wolfgang Huber. FAZ vom 11. 1. 2003
Mae – Wan Ho. Das Geschäft mit den Genen. Kreuzlingen/ München 1999. (Über diese gegenüber der Gesamten Gentechnologie kritischem Buch habe ich ein Referat gehalten. Ich habe es zufällig in einem modernen Antiquariat entdeckt.)
Die Hilflosigkeit der Moralphilosophie angesichts des Klonierens. Christian Thiesin: Die Zukunft des Wissens. Konstanz 1999 S. 408 – 415
Argumentieren angesichts der Gentechnik. Christopher Frey. In: Wege zum Menschen. Nov./Dez. 2002, S. 453 – 485.
Die Reihenfolge der Liste zeigt den Ablauf dieses Gesprächsgangs. Nur einige kurze Beobachtungen möchte ich noch nennen: Wir haben uns schwer getan, besonders zu Beginn. Für mich gab es dennoch schon bald einige klare Essentials:

Das Leben eines Menschen ist unantastbar, das menschliche Leben auch. Die Differenzierung der EKD – Schrift in dieser Frage trägt eher zur Verwirrung als zur Klarheit bei.

Der Begriff der Person beruht aus christlicher Sicht auf einer Zuschreibung der menschlichen Würde und des Menschseins. Die Würde einer Person ist nicht in ihren Qualitäten begründet, sondern in ihrer von Gott gegeben Bestimmung. Daher können auch Embryonen unter dieser Personensicht behandelt werden, auch wenn sie sich nicht selbst vertreten können.

Die Entstehung des menschlichen Lebens ist ein Prozess, der jedoch mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle die besondere menschliche Qualität erhält, und nur deswegen interessieren diese Zellen ja auch die Forschung.

Mögliche Eingriffe an der genetischen Ausstattung eines Menschen, vielleicht auch nur die Tatsache der persönlichen Herkunft aus einem genetischen Selektionsprozess, können die Selbstbestimmung eines Menschen in Frage stellen, der nach Habermas „Autor der eigenen Lebensgeschichte“ ist.

Abgesehen davon stehen solche eugenischen Selektionen, auch wenn sie in der besten Absicht geschehen, mögliche Genkrankheiten verhindern zu wollen, unter dem Verdikt der Rampe von Auschwitz, das heißt der Auslese lebenswerten und lebensunwerten menschlichen Lebens.

Das vielleicht ein wenig unter einer bestimmten globalen Idee verzeichnete Buch von Mae – Wan Hoe trägt trotzdem so viele Bedenken gegen jedwede gentechnischen Verfahren vor, dass nun für mich diese „Technik“ noch zu sehr unter dem Verdacht steht, eine Zeitbombe darzustellen. Was kann bei genetischen Rekombinationen unter dem Einfluss sogenannter Gentherapie entstehen? Wie kann man sicher ausschließen, dass aus völlig harmlosen Viren neue Epidemien entstehen, wenn sie gentechnologisch angewandt und so ja zwangläufig in der menschlichen Gesellschaft freigesetzt werden?

Gerade diese Fragen zeigen, was uns zum Teil die Diskussion doch erschwert hat: Wir sind oft nur sehr mühsam zu ethischen und anthropologischen Fragen vorgestoßen, weil sich uns die Sachproblematik und damit die biologischen und biotechnischen Sachfragen in den Weg stellten. Der Artikel von Kurzweyl zeigt ja, dass die Biotechnik zur Zeit mit hohen Erwartungen gehandelt wird. Die Frage ist z.B. bei der In – Vitro – Fertilisation schlicht: Ist es nicht eine Frage ärztlicher Verantwortung nur solche Embryos in den Mutterleib einzupflanzen, die nach bestimmten Kriterien genetisch in Ordnung sind, um das Risiko einer spätere Abtreibung bei diesem komplizierten Verfahren schon zu Beginn zu vermindern? Doch mit der positiven Entscheidung dieser Frage geschieht Prägimplantationsdiagnostik (PID) und eigentlich dann auch schon Selektion, ob man will oder nicht. Es ist dann schon konsequent, wie Bischof Huber es tut, den Paaren, die es betrifft, von der künstliche Befruchtung insgesamt abzuraten. Trotzdem: auch im Reagenzglas beginnt menschliches Leben, und vielleicht aus der Rückschau dann nach neun Monaten, hat das Leben eines Menschen angefangen.

Übung. Liturgie und Kunst. Frau Prof. C. Dahlgrün und Herr Prof. F. Vouga.

Die Rückschau auf diese Übung nötigt mich zu einem essayistischen Stil. Worin sich Frau Prof. Dahlgrün und Herr Prof. Vouga einig waren, so denke ich, ist die Ablehnung der Postmoderne im Raum des kirchlichen Lebens. Damit verbinden sie: nivellierende Mischung von Formen statt verdeutlichende oder kritische Kreativität, Anpassung an den Zeitgeist statt bewusste Betonung der Glaubensthemen, Neuauflage bestehender Kunst unter subjektivistischen Vorzeichen anstelle neuer und gekonnter Ausprägung professioneller Kreativität. Doch eigentlich waren sie sich ja nicht einig. Es ging nicht um das Thema maskulin oder feministisch, sondern wie es teilweise schien, um konfessionelle Prägungen durch Luthertum (Dahlgrün) oder reformiertes Bekenntnis calvinistischer Prägung (Vouga). Doch ihre Ausarbeitung über die Entstehung der Kirchenmusik zur Reformationszeit und die Rolle von Luther und Calvin zeigte, dass sie sich darin eigentlich ziemlich einig waren. Calvin war entgegen landläufiger Meinung kein Purist, sondern der Erfinder des vierstimmigen Gemeindegesangs. Luther ging natürlich noch weiter und schrieb nicht nur Lieder zu weltlichen Melodien, sondern begrüßte ausdrücklich auch instrumentale, nicht wortgebundene Musik im Gottesdienst. Doch welcher Streit der Theologen soll in dieser Übung ehrlich ausgetragen, aber nicht vertieft werden? Ich möchte einmal vorsichtig die Behauptung wagen, dass der grundsätzliche Dissens darin besteht, dass Herr Prof. Vouga für die fortgesetzte Bedeutung der Moderne eintritt, für deren ausgereifte Ausprägung er das Grundverständnis und die Gestaltungsmöglichkeiten des reformierten Bekenntnisses hält, was unter anderem in der eindrucksvollen Ausgestaltung des Semesterabschlussgottesdienstes deutlich wurde. Frau Prof. Dahlgrün dagegen wies ja gerade auf die zur Zeit ablaufende Diskussion über Theologie und Film hin, wobei sie dann in der Form inhaltlicher Kritik zeigte, dass die filmischen Ausdrucksmöglichkeiten denen des Wortes (vielleicht der Predigt) nicht gerecht werden. Immerhin war sie es, die durch die Eingabe der Filme Teorema von Paolo Pasolini und Terminator II. auf diese Filmtheologie hinwies. Während sie die Verbindung von Liturgie mit Kultur nicht grundsätzlich ausschließt, zeigt sie doch, dass die Auswahl der Medien hierbei ein großes Gewicht hat. Sie sieht das Feld der Kultur als direkte Konkurrenz für die Sinndeutungspotentiale des christlichen Glaubens an, in dem Sinn: wer sein Leben durch einen Kinobesuch besser versteht, denkt nicht mehr daran, in die Kirche zu gehen. Für mich hatte diese Diskussion eine bestärkende Funktion: kurze Filmausschnitte im Gottesdienst zur Ausgestaltung der Predigt halte ich für denkbar. Die Aufnahme aktueller Alltags – Kultur im Bereich von Unterricht und Jugendarbeit ist sinnvoll und mache ich längst. Gewiss: Die Beispiele aus der profanen Kultur werden im Gottesdienst nicht eigentlich inszeniert, sondern nur zitiert. Dies ist auch dem Kunstwerk gegenüber Verfremdung und nicht immer sinnvoll.

Zunächst begann das Seminar mit einer gründlichen exegetischen Arbeit über den Christushymnus aus Philipper 2. Auch dieses ist ein Stück Poetik, die sich daran erkennen lässt, dass sich die Frage nach dem Inhalt immer ein wenig unscharf zeigt. Die Aussage lässt sich innerhalb einer Bandbreite von Möglichkeiten interpretieren. Ob derjenige, der sich in menschlicher Gestalt zeigt, in diesem Text schon als präexistent denkbar ist, muss und will offen bleiben. Es heißt in der Übersetzung des Texten von Prof. Vouga: „Welcher in Gestalt Gottes lebend, nicht als Raub verstand er das Gott – Gleich – Sein, sondern er entäußerte sich….“. Der Weg Christi beginnt in der Wirklichkeit Gottes, doch wie diese zu denken ist, sagt der Text nicht. Der Text zeigt eine dichterische Deutung von Erniedrigung und Erhöhung. Ich habe diesen Text in die Fassung eines neu formulierten Pfingstliedes hineininterpretiert, wobei mir selbst beim Schreiben des Textes deutlich war, dass die Poetik die Koexistenz von Bedeutungsebenen zulässt. [1]

Ein weiterer Text, der im Seminar eine Rolle spielte, war ein Ausschnitt aus der Erzählung des Markusevangeliums, die Geschichte von der Verkündigung am leeren Grab. Zuvor hörten wir als Beispiel moderner sakraler Musik die Vertonung der Markuspassion von Claudio Ambrosini, seinerzeit aufgeführt zum heiligen Jahr im Vatikan (2000). So mit dem Text konfrontiert, erschien die Ausgestaltung seiner Passion durchaus textgemäß, wenn auch dies zumal beim Hören von CD nicht im Ablauf des Stückes immer gut nachvollziehbar war. Die biblischen Erzählungen sind seit Jahrhunderten der Gegenstand von Kunst – und Musikschaffen. Das Stück von Abrosini zeigte, dass dieses auch noch unter modernen Vorzeichen gelingen kann. Sagt nicht auch schon die Bibel z.B. Kolosser 3, 16 mit seiner Parallele im Epheserbrief (Epheser 5, 19): „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; [a] mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.(a) (Eph. 5,19)“?

Die Beschäftigung mit bildhafter Kunst wurde durch einen Ausstellungsbesuch in der Kunsthalle Bielefeld präsent: Edvard Munch in Deutschland 1912. Ist es wirklich nur der neue Symbolismus der die Menschen in wahren Massen in solche Ausstellungen treibt? Beim erneuten Besuch der Ausstellung nach der Diskussion meinte ich erkennen zu können, dass die Ausstellung ganz betont die lebensgeschichtlichen Bezüge der Bilder Munchs in den Mittelpunkt stellte. Der revolutionäre Charakter seiner Formgebung als Wegbereiter des Expressionismus ist für das aktuelle Publikum unwichtig. Immerhin hat er das Bild „der Schrei“ aus eigener Hand fünfzigmal kopiert und damit alle bisherigen Gesetze der Kunst gesprengt. Bei einem bildenden Künstler stehen die Bezüge zur Lebensgeschichte plastisch vor Augen. Die Bilder verkörpern eine Auseinandersetzung mit den Lebensereignissen und seine bewusste Annahme. Hierdurch wird eigentlich deutlich was Habermas meint, wenn er den Menschen als „Autor seiner Lebensgeschichte“ bezeichnet. In dieser Hinsicht sind Liturgie und Kunst durchaus auch eine Konkurrenz, zumindest im Bereich der kulturell inszenierten Ausstellungs- Kunst.

Dass die Auseinandersetzung mit moderner Kunst dagegen völlig dem Subjektivismus anheim gegeben sein kann, zeigte die Videokopie des Theaterstückes „Die Kunst“ von Jasmina Reza, wobei aber die Aufführung selbst gleichwohl zu einem gekonnten künstlerischen Beitrag zu rechnen ist. In seinem abschließenden Bericht über die Bedeutung der Kommunikation unter dem Stichwort Konversation zeigte Prof. Vouga, dass auch die Liturgie vielleicht noch deutlicher als die Kunst die Einzelnen zur Interpretationsarbeit animiert: „Die Form der Konversation kennzeichnet auch die Verkündigung in der Predigt oder den Unterricht in der Katechese. Denn ihr Sinn besteht nicht einfach darin, biblische Aussagen und Lehrinhalte zu vermitteln. Ihr Auftrag ist vielmehr, selbstkritische und verantwortliche Subjekte zu einer doppelten Arbeit der Interpretation zu veranlassen: das Evangelium von den Fragen, den Schwierigkeiten, den Freuden und den Entscheidungen ihres Alltags her zu verstehen, und das alltägliche Leben vom Evangelium her zu deuten, zu verstehen und zu gestalten. Diese wechselseitige Aufgabe der Auslegung kennzeichnet das geistige Leben des Glaubenden, der seinen Alltag vor Gott lebt, der sein Vertrauen in seine Vorsehung vertraut, der den Sinn seiner Begegnungen, seiner Erfahrungen, seiner Handlungen und seiner Fehler in seinem Wort findet. Und das Hören des Wortes wird dadurch zum Ereignis, dass ein Gespräch, ein Roman, eine Musik oder ein Film die Bedeutung einer bisher dunklen oder verborgenen Wahrheit plötzlich beleuchtet.“

Hauptseminar: Neutestamentliche Jesuserzählungen. Prof. A. Lindemann.

Dieses Hauptseminar war für mich eine Herausforderung, allein schon deshalb, weil ich im Griechischen nicht mehr sattelfest bin. Trotzdem ging es dann doch ganz gut. Sicherlich hätte mir auch eine Aufbesserung der Sprachen insgesamt gut getan, aber dann hätte ich sonst nicht mehr viel anderes tun können. Herr Prof. Lindemann, seinerseits Herausgeber der Theologischen Rundschau und Verfasser eines Literaturberichts über die Erforschung der Evangelien hatte sich und uns zur Aufgabe gestellt, den „Erzähl – Ansatz“ praktisch zu erforschen und zu probieren. Dabei kamen keine Methoden in Betracht, die etwa reine Wortstatistik o. ä. betreiben, aber auch nicht zuerst die traditionellen historisch kritischen Methoden (soweit sie nicht unumgänglich sind, wie Übersetzung, Textkritik, Gliederung, synoptischer Vergleich). Im Laufe der Arbeit stellte sich heraus, dass die Ausgabe des griechischen Neuen Testaments von Nestle – Aland in der 27. Auflage für diese Arbeit geradezu hervorragend geeignet ist, wenn man davon absieht, dass sie die Abschnitte zwischen den einzelnen Kapiteln zu stark hervorhebt. Folgt man den Methoden der Erzähltheorie, dann wird der Text als Ganzes gelesen und kein Textteil etwa als zu jung ausgetrennt. Ein ausführliche Gliederung wird angefertigt, die besonders die handelnden Personen und ihre Tätigkeiten in den Blick nimmt. Weiterhin ist es nötig, die erzählte Zeit, der Zeitablauf in der Vorstellung, die die Geschichte ausdrückt, von der Erzählzeit auf der Ebene des Textes zu unterscheinen. Es wird gezeigt, mit welchen Ereignissen, meist durch Verben ausgedrückt, sich eine Anfangssituation in eine Endsituation verändert. Dabei ist es gerade im Hinblick auf das Markusevangelium interessant, mit welchen Mitteln sich der Evangelist selbst ins Gespräch bringt. Es ist die Ebene, mit der normalerweise der Schriftsteller/Erzähler das Geschehen kommentiert, mit der er Rückverweise einfügt oder auf zukünftige, in der Erzählung folgende Ereignisse verweist. Dazu sind in den Evangelien ausdrückliche oder implizite Zitate aus dem alten Testament meist in der Form der Septuaginta (griechische Übersetzung) zu lesen. Die Verweise im Text, die Parallelstellen bei anderen Evangelisten und die alttestamentlichen Zitate stehen im griechischen Neuen Testament von Nestle – Aland am Rand.

Wir haben uns an der Geschichte der Sturmstillung (Markus 4, 35 – 41) recht lange aufgehalten, um dort die verschiedenen Aspekte der Erzähltechnik aufzuzeigen. Es war für mich eine richtige Freude, dass ich eine Textanalyse mit der von mir erstellten Tabelle versucht habe, die einigermaßen auf Zustimmung gestoßen ist. Ich konnte allerdings auf die meisten Beobachtungen zu diesem Zeitpunkt zurückgreifen, die in der Arbeit des Seminars schon genannt waren. Interessant war auch zu sehen, wie die Erzählung in Form einer Predigt aufgegriffen wurde (Literatur: Helmut Siegel). Während der erste Text eine Erzählung über Jesus war, stellten wir uns nun einer Erzählung in der Verkündigung Jesu, dem Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (Lukas 16, 19 – 31). Gerade aufgrund der erzähltheoretischen Ansätze kamen auch die religionsgeschichtlichen Fakten in den Blick, denn wir fragten uns, wie denn diese Geschichte ganz genau das Totenreich denkt. Während wir an oben und unten dachten, Himmel = „Abrahams Schoß“ und Hölle = „Hades“, zeigte dann die genaue Textanalyse, dass hier beide Bereiche auf einer Ebene zu denken sind, gleichwohl von einer tiefen Kluft getrennt. Was diese Kluft genau darstellt, haben wir letztlich nicht ergründen können. Es ist ein ausgesprochen rätselhafter Begriff. Jedenfalls konnten wir im Henochbuch eine Bestätigung für die Vorstellung des Totenreichs finden, die hier gemeint sein muss. Interessant ist auch, dass bei allen Qualen, die der reiche Mann im Totenreich erleidet, er von Anfang bis Ende der Geschichte als Sohn Abrahams angesehen wird. Das eine schließt das andere nicht aus, Gottes Kindschaft, aber ungute Zukunft als Folge des Umgangs mit Reichtum.

Angestoßen durch die Beobachtung, dass die Einfügung oder deutliche Anspielung von Textbezügen zum Alten Testament von den biblischen Verfassern als Interpretamente eingesetzt werden, haben wir uns dann vorgenommen, diese Zitate besonders der Psalmen in der Passionsgeschichte des Markus zu untersuchen. Ohne einen genauen Bezug zu nennen, heißt es sogar in Markus 25, 49b : „So muss die Schrift erfüllt werden.“ Das dies aber dann auch geschehen ist, zeigt das Markusevangelium an einigen Stellen. Hier war dann auch der synoptische Vergleich interessant, der zeigte, dass bei Matthäus diese Tendenz durch weitere Hinzufügung von Zitaten verstärkt worden ist. Bei Matthäus an der gleichen Stelle: „Aber das alles ist geschehen, damit erfüllt würden die Schriften der Propheten.“ (Matthäus 26, 56) In einigen Passagen konnte sogar der Eindruck entstehen, als seien die Erzählelemente eher von den Schriftzitaten als von der faktischen Historie vorgegeben, z. B. bei der Kreuzigung. Daher kam die Frage auf: Mit welchem Ziel sind wohl die Texte der Evangelien entstanden, die als Erzählung des Lebens Jesu aufgefasst werden können, aber zugleich mit biblischen Deutungsmustern durchwoben sind. Die Evangelien sind in der letzten Zeit von einigen Forschern mit antiken Biografien verglichen worden. Dabei sind etliche Gemeinsamkeiten, aber auch einige Unterschiede deutlich geworden. Besonders Markus kann lediglich als biografische Erzählung aufgefasst werden, da eine Kindheitsgeschichte fehlt, während Matthäus und Lukas als Biographie Jesu bezeichnet werden können. Sie enthalten allerdings keine hochwertige Literatursprache, sondern sind eher an die Allgemeinheit gerichtet, wofür ist in der Antike noch keine Parallele gibt. Man kann sagen, mit der Abfassung der Evangelien öffnet sich das Medium Buch dem einfachen Volk. Auffallend ist allerdings der Episoden – Stil, der bewirkt, dass die einzelnen Abschnitte als Perikopen für sich gelesen werden können, etwa in den Gottesdiensten, und genauso aber auch im gesamten Textzusammenhang, etwa als Lektüre für die theologisch Gebildeten. Die Frage nach dem historischen Jesus verblasste bei dieser Betrachtungsweise, wenn auch keineswegs in Abrede gestellt wurde, dass die Traditionen der Evangelisten in einzelnen Passagen zuverlässige Zeugenberichte enthalten können.

Überblicksvorlesung: Genesis 1 – 11. Urgeschichte. Prof. F. Crüsemann.

Da eine andere alttestamentliche Vorlesung entfallen musste, kündigte Prof. Crüsemann seine Genesisvorlesung nun als Überblicksvorlesung an. Die Auslegung der Textabschnitte wurde durch Exkurse unterbrochen, die jeweils entweder theologisch oder historisch auf gesamtbiblische Bezüge eingingen z.B. die „Pentateuch – Quellen – Theorie“, „Mann und Frau im AT“, „Gottesbezeichnungen und Gottesnamen“, „Rein und Unrein“, „Sünde und Gewalt“, „Israel und Kanaan“, „Israel und die Völker“. Diese Vorlesung war nicht ganz zu Unrecht die bestbesuchteste Veranstaltung des ganzen Semesters.

Ich kann in diesem Bricht nur einige Beobachtungen nennen. Diese Vorlesung zeigte mir, dass mein erstes theologisches Examen nun 20 Jahre her ist, der Beginn des Studiums sogar mehr als 25 Jahre, und dass sich in dieser Zeit doch einiges geändert hat, besonders hier im Alten Testament. Grundsätzlich: die hebräische Bibel wird als Einheit gelesen. Die Erkenntnisse der Quellenscheidung des Textes in Jahwist, Elohist und Priesterschrift, die das ganze 20. Jahrhundert bestimmt hatten (nach Wellhausen), haben sich als überholt erwiesen. Sie leisten zwar noch Interpretationshilfe in einigen Texten, die stark von Textdoppelungen geprägt sind. Von einer durchgängigen Aufteilung der Tora in zwei oder sogar drei parallel laufende Texte kann nicht die Rede sein. Der Text gibt einen Sinn auf der Ebene der Endgestalt, Weglassungen, Kombinationen und deutliche Bezüge lassen eine Interpretation des gesamten Textes in allen Fällen zu. Das zeigt z.B. die Beobachtung des Wortes „gut“: Gott sah, dass die Schöpfung gut war. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Die Menschen erwarben die Erkenntnis von gut und böse. Die Gebilde der Planungen des menschlichen Herzens sind böse.

Im folgenden zitiere ich einfach einige Gedanken Prof. Crüsemanns aus der Zusammenfassung:
Grundzüge der biblischen Anthropologie in der Urgeschichte:

Die Menschen sind von Gott mit einer ungeheuren Freiheit ausgestattet, sie sind Bild Gottes. Sie haben eine hohe Verantwortung für dien Erde.
Die Menschen füllen die Freiheit zum Teil falsch. Gewalt kommt auf, das Grundproblem. Die Menschen bringen durch ihre Pläne Böses hervor.
Sie haben die Möglichkeit sich zu entscheiden. Ihr Handeln wird durch die Gewalt verdorben. Gottes Handeln hört trotzdem nicht auf. Nicht alle Menschen sind Sünder, aber sie haben mit den Folgen ihres Tun zu kämpfen, besonders der Gewalt.
Der besondere Umgang mit Gott und seinem Namen wird auch schon in diesem Teil der Bibel deutlich, denn im zweiten Kapitel wird die allgemeine Gottesbezeichnung Elohim mit dem Gottesnamen gleichgesetzt, indem er zweimal doppelt gebraucht wird. Prof. Crüsemann überträgt den Gottesnamen grundsätzlich mit „Adonai“ (Herr), sagt also nicht „Jahwe“. Sodann schildert er die Beobachtung einer interessanten Polarität: Gott ist allmächtig, denn alles was es gibt, wird auf ihn zurückgeführt. Er ist mächtig, denn er kann die Fluten schicken und die Menschen vernichten, auch die Völker verstreuen. Aber genauso gut gibt es so kleine Tätigkeiten Gottes in seinem Handeln, die bei genauer Beobachtung schmunzeln lassen: Gott näht den ersten Menschen Kleidung, geht im Garten Eden spazieren, macht die Tür der Arche zu. Dieses Gottesbild, hoch und niedrig zugleich, wird von anderen Bibelstellen bestätigt: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind…“ (Jesaja 57, 15).

Gottes Sein ist im Werden: Manche Züge der Urgeschichte lassen sich nur erklären, wenn man das Handeln Gottes als einen Lernprozess deutet, einer Geschichte. Zuerst ist die Welt gut, dann zeigt sich, dass sie kein Mittel gegen die Gewalt hat. Nach der Flut werden dafür Bund Recht und Gebote eingesetzt. Außerdem ist Gott als Schöpfer nicht auf die Beziehung zum Menschen zu reduzieren.

Außerdem will Gott von Anfang an die Vielfalt, was schon an den Geschöpfen deutlich wird. Hierzu zeigte er eine interessante Interpretation der Turmbaugeschichte auf. Die Geschichte sagt: Wenn die Menschen eine Sprache haben, dann bauen sie eine Stadt. Dies hänge damit zusammen, dass die Assyrer die fronarbeitenden Ausländer, die ihre Städte bauten zwangen, eine einheitliche Sprache zu sprechen. Die Zerstörung des Turm bewirkt nun erneut eine Zerstreuung der Menschen und damit eine Wiederherstellung der ursprünglichen Vielfalt. Der Text spricht nicht für einen theologischen Zentralismus, sondern dagegen. Auch in der Pfingstgeschichte wird die Vielfalt der Sprachen ja nicht in eine Einheitssprache aufgehoben, sondern es wird gesagt, dass sie sich trotzdem verstehen.

Ich kann es jetzt nur bei diesen zusammenfassenden Beobachtungen bewenden lassen. Der eindrückliche Umgang Crüsemanns mit dem hebräischen Text lässt sich nicht zusammenfassen.

Hauptseminar: Paul Tillich. Lebenstheologie. Systematische Theologie Band III. Prof. A. Jäger. Prof. E. Mechels.

Ich gebe zu, dass mir die dialektische Theologie, oder besser gesagt, die Begründung der Theologie aus der Dogmatik und aus dem Bekenntnis in den letzten Jahren immer schwerer gefallen ist. Nur die Grundentscheidung dialektischer Theologie seit Barths Römerbriefkommentar ist mir noch wichtig geblieben. War es nicht sogar der Philosoph Habermas, der an die Bestimmung des Denkens aus der Distanz des Glaubens nach Sören Kierkegaard erinnert hat (im Zusammenhang mit der Bioethik), so, als müsse das Denken einen Punkt außerhalb des eigenen Systems haben, um begründbar zu sein. Tillich galt uns Studenten der siebziger Jahre zwar als moderner Theologe, der allerdings zu sehr auf die von uns so genannte Vermittlungstheologie in der Nachfolge Schleiermachers gesetzt hat. „Was uns unbedingt angeht“ – reicht das zur Grundbeschreibung der Aufgabe von Theologie? Das Seminar von Prof. Jäger zu dem erst später Prof. Mechels hinzukam, belehrte mich eines Besseren. Wir lasen ja auch nicht den ersten, sondern den dritten Band der systematischen Theologie. Dieser Text hat wirklich keine einfache Sprache und ist als „Gute Nacht Lektüre“ nicht geeignet. Ich musste mich durchbeißen und habe trotzdem bis zur letzten Zeile durchgehalten. Das System hat mir den Atem genommen. Was von der Grundbestimmung her als Vermittlungstheologie klingt, ist eine Theologie, die es mit den Grundaussagen der modernen Psychologie ernst meint. Der Begründer der Frankfurter Schule hat diese systematische Theologie in Amerika geschrieben. Da stehen keine großen Botschaften des religiösen Sozialismus drin, aber wer aufmerksam hinsieht, findet sie besonders auf den Seiten, in denen es um Reich Gottes und das Ziel der Geschichte geht zwischen fast allen Zeilen. Formal klingt es erst hölzern: das Leben zwischen Essenz und Existenz ist der Entfremdung unterworfen und will die Wiedervereinigung dieser Gegensätze des Seins, will Sinn schaffen, wo Sinn verloren ist. Es gibt auch für uns Christen nur die eine Wirklichkeit des Lebens. Tillich macht damit ernst und beginnt seine Lebenstheologie mit der anorganischen Dimension, als wolle er ein Chemiebuch schreiben. Mit Bibelzitaten ist er sparsam. Mit theologischer Fachsprache ebenfalls. Manches ist etwas zu starr am Modell der Naturphilosophie Schellings orientiert, aber er findet die Übergänge, spricht ganz konkret über den Heiligen Geist und die Kirche. Er macht ernst mit dem Erleben des göttlichen Geistes, das für ihn in Formen der Ekstase beginnt. Und die Ethik: ganz einfach: die Liebe nach dem Modell der Agape: „Die Begegnung mit einer anderen Person schließt die unbedingte Forderung ein, den anderen als Person anzuerkennen.“ (S.58) Natürlich erleben wir die Klarheit der religiösen Erfahrung nur wie im Nebel. Unsere Existenz ist von Zweideutigkeiten bestimmt. Er rezipiert natürlich auch die darwinistische Vorstellung vom Kampf ums Leben, was man heute nicht mehr ganz so begeistert nachsprechen kann. Dennoch, auch die Existenz des Todes ist dem Leben eigen. Er beschreibt eine Lehre der Kultur zwischen Sprache, Erkennen und technischer Gestaltung. Gesellschaftliche Prozesse und religiöse Erfahrung verschwimmen oft ineinander und sind nicht immer zu trennen. Religion, das ist die Wirklichkeit des einen Gottes in unserer einzigen Lebenswirklichkeit. Wie soll man da trennen zwischen Kultur und Religion? Da kann göttlicher Geist genauso in der Kultur zu erfahren sein, wie er in kirchlicher Institution unter dämonsicher Verzerrung verborgen liegen kann.

Verdinglichung, das ist eine große Gefahr. Wie viele Texte lesen sich auch unter aktuellen Fragestellungen, denke man nur an die Verdinglichung des Menschen in der Gentechnologie. Das Leben ist trotz allem in ständiger Bewegung über sich hinaus, und gerade darin wirken göttliche Kräfte: „Die Polarität von Freiheit und Schicksal schafft dem Leben die Möglichkeit, sich selbst zu transzendieren, und diese Möglichkeit kann zu Wirklichkeit werden.“ (S. 107) Wir konnten ihm schon soweit folgen, dass wir sein Festhalten an der Religion für christlichen Absolutheitsanspruch hielten. Doch dabei schreibt er nur Theologie als Philosoph, und damit ist Religion eben ein entscheidender Faktor: „Das religiöse Element der Kultur ist die Unerschöpfliche Tiefe jeden echten Werks. Man kann es als die Substanz der Kultur oder den Grund nennen aus dem die Kultur lebt.“ (S. 117) Auch wenn sich seine Sprache gar nicht kirchlich gibt, so ist die Sache absolut kirchlich und religiös engagiert und überzeugt. Religion ist nicht selbst die Antwort, aber sie ist das einzige Paket, in dem die Antwort nach dem Sinn des Lebens verpackt ist. Der Glaube geht der Liebe voran, aber die Liebe ist „teilnehmende Erkenntnis, die den Erkennenden und den Erkannten in jedem Akt liebender Erkenntnis verwandelt.“ (S.163) Die Erfahrung, die dies für den Glauben begründet ist die Erfahrung, dass in Jesus Christus das Neue Sein erschienen, und daher das Ziel der Selbsttranszendierung möglich geworden ist. Glaube ist ein Prozess der Verwandlung. Ich verstehe dann auch seine Bestimmung des Reiches Gottes letztlich nicht mehr wie auf einer Zeitschiene, sondern als stetiger und trotzdem unverfügbar Einbruch des Ewigen in unsere Gegenwart. Das Reich Gottes ist ein latent vorhandener Raum, der uns in der Erfahrung des Glaubens geöffnet ist. Diese Erfahrung wird uns in der Geistgemeinschaft ermöglicht, die wir in der Kirche erfahren können, aber auch außerhalb, wenn diese dämonisch entstellt ist. Gerade auf dem Hintergrund meiner Exegese der Jesuserzählung finde ich die Wiedergewinnung dieses Begriffes durch Tillich grandios: dämonisch. Dämonie, das ist demnach eine Art Verweigerungshaltung der Erfahrung des göttlichen Geistes genauso wie der eigenen Selbsttranszendierung gegenüber. Tillich verkündigt den Glauben als eine Haltung, die sich selten mit einem Status Quo abfinden kann und die Widerstandkräfte weckt. Die Deutung der Geschichte ( der 5. Teil) fällt gegenüber dem 4. Teil fast ein wenig ab. Hier wandert die Präsenz des Geistes in die politische Existenz aus. Ich persönlich hätte mir das Reich Gottes durchaus auch etwas religiöser gewünscht, wenn ich auch zugebe, dass es alle Lebensbereiche einschließen muss. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Tillich ernstlich meinen kann, dass sich das Reich Gottes irgendwie immer revolutionär mit Gewalt verwirklichen wird, wobei er zugesteht, dass die Demokratie ein organisierter Herrschaftswechsel ohne Gewalt darstellt und darin die Revolution beerbt. Immerhin ist jeder Einzelne in das Ziel der Geschichte integriert: Die christliche Lehre von der tragischen Universalität der Entfremdung bedeutet, dass jedes menschliche Wesen sich gegen sein Telos, gegen das ewige Leben stellt, während es zugleich nach ihm strebt. Das Schlüsselwort heißt für ihn in Aufnahme schellingschen Denkens: Essentifikation, Erfüllung der Essenz in der Existenz, Rückkehr des Seins zu sich selbst im Neuen Sein: christlich gesprochen heißt das: Der ganze Mensch nimmt am ewigen Leben teil und findet darin seine Erfüllung.

Sicherlich verändert sich das theologische Reden unter dem Anspruch der Ontologie. Aus der Sicht Praktischer Theologie könnten man sagen, der Adressatenbezug geht beinahe verloren. Doch Tillich formuliert einen Anspruch, dem sich jedes theologische Denken zu stellen hat! Zu oft wird der Wirklichkeitsbezug nur indirekt vorausgesetzt. Tillich sagt im ersten Teil dazu: „Da die Erkenntnis ein Akt ist, der selbst am Sein, oder genauer gesagt an einer ontischen Beziehung teilhat, so muss jede Analyse des Erkenntnisaktes auf eine Seinsauslegung bezogen werden.“ (S. 27, 1. Teil). Über die Analyse der Wirklichkeit nach Tillich ließe sich nachdenken. Ich vermute, dass sich einiges weiterentwickelt hat. Aber Theologie ohne expliziten Wirklichkeitsbezug senkrecht von oben dürfte es nach Tillich eigentlich nicht mehr geben.

Überblicksvorlesung: Christen und Juden in der Kirchengeschichte. Prof. H. Zschoch (Kirchliche Hochschule Wuppertal)

Die Einteilung der Vorlesung entsprach insofern dem Thema, dass Prof. Zschoch mit der Darstellung des Verhältnisses von Christen und Juden nach dem 2. Weltkrieg begann, etwa durch das 2. Vaticanum und durch den Synodalbeschluss der rheinischen Landeskirche aus dem Jahr 1980 dem in einigem Abstand auch Beschlüsse anderer Landeskirchen gefolgt sind. Damit begann die Darstellung des Themas mit der Öffnung der aktuellen Fragestellung und endete mit dem Bedenken des Verhältnissen von Christen und Juden zur Zeit des Nationalsozialismus, und damit dem Gedenken der Katastrophe, in die dieses Verhältnis geraten ist. Es ist schon daraus deutlich, dass immer wieder die Frage im Hintergrund stand: Wie konnte es zu Auschwitz bzw. zum Holocaust kommen und besonders im engeren Sinn: Worin ist das historische Verhältnis der Kirche zum Judentum daran beteiligt? Dieser Erzählfaden der Kirchengeschichte wurde in einen Überblick der Hauptlinien kirchengeschichtlicher Epochen eingezeichnet, was den Überblickscharakter der Vorlesung ausmachte. Für Examenssemester wäre sie ein gutes kirchengeschichtliches Kompendium gewesen. „Wäre“ deshalb, weil die Teilnehmerzahl so klein war, dass sicherlich nicht viele solcher Studierenden an der Vorlesung teilnahmen, was wirklich schade war: Die Vorlesung war klar strukturiert, konnte die Beziehungen zwischen kirchengeschichtlichen Ereignissen und Strömungen aufzeigen. Dazu informierte Prof. Zschoch an konkreten Beispielen des Verhältnisses zum Judentum über einige Hauptakteure der Kirchengeschichte.

Da das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist, anfangs noch untrennbar damit verbunden, hat es danach auch eine Geschichte der Auseinandersetzung und des Dialogs mit dem Judentum gegeben. Schon bald muss man diese als das Verhältnis ungleicher Partner ansehen, denn eine Weltreligion im eigentlichen Sinn ist nur das Christentum geworden. Von ganz krassen Ausgrenzungen der jüdisch – religiösen Traditionen abgesehen, wie bei Marcion, lebten Christentum und Judentum unberührt nebeneinander her. Die konstantinische Wende brachte erst auch antijüdische Tendenzen hervor. Doch dies war nie als grundsätzliche Auseinandersetzung gedacht. Die Existenz des Judentum war ein bleibender Beleg für den religiösen Ursprung des christlichen Glaubens. Der ältere Bruder wird dem jüngeren dienen (Augustin). Erst im Mittelalter kommt es im Zusammenhang mit der Kreuzzugsstimmung zu regelrechten Judenverfolgungen. Im 13. und vierzehnten Jahrhundert werden Juden aus Frankreich und England ganz ausgewiesen, während in Spanien Taufzwang ausgeübt wird. Weit verbreitet ist das Verbot öffentlicher Ämter und der Ausschluss aus den Zünften. Im Mittelalter entstehen antijüdische Legenden: Hostienfrevel, Brunnenvergiftung (Pest) und Ritualmord. In der Reformation und Neuzeit, hier als geschlossene Epoche behandelt, ist die Stimmung zunächst nicht mehr so ablehnend wie später. Allerdings taucht zum Beispiel eine Spätschrift von Martin Luther auf: „Von den Juden und ihren Lügen“, in der sowohl mittelalterliche Vorurteile bestätigt werden, als auch drastische Maßnahmen gefordert werden. Schon das Verbrennen der Synagoge ist hier angedeutet, und entsprechend wurde dieser Luthertext wohl auch in der Zeit des Nationalsozialismus im „Stürmer“ veröffentlicht. Im Pietismus kommt es fast zu einer Gegenbewegung. Das man nach Römer 11 die Judenbekehrung für ein Zeichen der Endzeit hielt, wollte man dies nun auch systematisch herbeiführen. Die Herrnhuter Brüdergemeine führte neben dem Sonntag nun auch den Sabbat als arbeitsfreien Tag ein. Gedanken der Aufklärung kamen sowohl im Christentum als auch im Judentum auf (Baruch Spinoza). Im 19. Jahrhundert gab es eine Tendenz zur Assimilation. Im Rahmen der deutschen Nationalbewegung des Bürgertums, die 1848 in die niedergeschlagene Revolution mündete, kamen antijüdische Polemiken wieder auf. Jetzt erst gab es wieder öffentliche Krawalle gegen Juden. Dieses verband sich mit den neuen Rassegedanken, die völlig unsinnig auf das Judentum angewandt wurden, das ja eigentlich eine Religion und kein Volk war. Der Antisemitismus radikalisierte sich in einer kleinen Minderheit, wobei die nationale Stimmung in Deutschland insgesamt auch einen antijüdischen Zug hatte. Zunächst im außerkirchlichen Raum entstanden, allerdings unter Beteiligung des Hofpredigers von Berlin Stöcker, kam es nach dem 1. Weltkrieg zur Entstehung sogenannter deutschchristlicher Gruppen. Erst der Aufstieg der NSDAP bis zur Machtergreifung ermöglichte die totale Judenverfolgung im dritten Reich. Als bei der rechtlichen Gleichschaltung der Kirche mit dem NS Staat der sogenannte Arierparagraph auch in der Kirche auf Pfarrer angewandt werden sollte, die nach NS – Kriterien als Juden galten, bildete sich der Pfarrernotbund und die bekennende Kirche. Die deutschchristliche Richtung gewann aber 1933 auch die meisten Kirchenwahlen.
Reminiszenzen aus der Schlussbemerkung von Prof. Zschoch: „Gegen die organisierte Judenvernichtung erhebt sich keine kirchliche Stimme. Allein das Büro Grüber ermöglich sogar im Kontakt mit Eichmann gezielt die Rettung einigen „Juden – Christen“. Hier bricht die Vorlesung ab. Die Judenvernichtung lässt die Geschichtserzählung stocken. Auch das Miteinander wird damit vernichtet. Es ist nicht so, dass die Geschichte konsequent auf dieses Ende zugeht, aber in Verbindung mit dem irrational Bösen. Das Bekenntnis zu Christus ist ein mit Schuld und Scham beladenes Bekenntnis. Es muss am Anfang des 21. Jahrhunderts neu geschrieben werden. Er beendete die Vorlesung mit folgenden zwei Zitaten: Lukas 15, 31f: „Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.“ Wobei mit dem Wort zum älteren Bruder das Judentum gemeint ist., dessen Erwählung bleibt. Dies bestätigt auch Paulus, Römer 11, 33.36: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! – Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“

Überblicksvorlesung. Paulus. Prof. F. Vouga.

Diese Vorlesung hatte einen ganz anderen Charakter als sonst üblich. Während sonst Vorträge gehalten werden, und dann Informations- und Verständnisfragen zugelassen werden, entwickelt Prof. Vouga seine Vorlesung im Dialog. Die von ihm ausgesuchten Textabschnitte werden gelesen und im Plenum diskutiert. Da es mir viel Freude gemacht hat, dabei mitzudiskutieren, habe ich mir recht wenig Notizen machen können. Interessant war, dass die Ergebnisse auf vorbereiteten Blättern standen, die Prof. Vouga kopiert hatte und am Ende der Sitzung verteilen ließ. Er hatte also die Ergebnisse schon klar, und wir dachten, wir hätten sie gerade erst erarbeitet. Natürlich ließ er uns immer eine bestimmte Auswahl von Texten lesen und die Deutung der Verse, konnte nur aus dem direkten Zusammenhang selbst erschlossen werden. Sein Prinzip ist: Jeder Text erklärt seine Begriffe selbst. Andere Begriffsdefinitionen sind nicht zulässig.

Prof. Vouga kam bei der Beobachtung der paulinischen Theologie immer wieder auf eine Grundbestimmung zurück, die wir in der Lektüre des Galaterbriefes gefunden haben. Ich zitiere: „Das paulinische Evangelium, nach welchem der Mensch durch den Glauben, und nicht aus Gesetzeswerken den Sinn und den Ursprung seiner Existenz findet, bedeutet die Entdeckung des Individuums als anerkennte und geliebte Person und als Sitz des geistigen Lebens. Die Rechtfertigung aus den Gesetzeswerken setzt voraus, dass die Identität des Menschen durch seine Eigenschaften und durch seine Leistungen definiert wird. Ist der Mensch aus Gesetzeswerken gerechtfertigt, dann wird er durch seine Zugehörigkeit zu abstrakten Klassen definiert: Er ist entweder Jude oder Nichtjude, usw.. Die Unterscheidung zwischen der Person und ihren Eigenschaften ist eine theologische These. Die Person kann sich nur deswegen als Individuum und unabhängig von Klassifizierungen und von ihren Eigenschaften verstehen, weil sich Gott in Christus als den Gott offenbart, der jeden Menschen bedingungslos und ohne Rücksicht auf Eigenschaften und Leistungen rechtfertigt, anerkennt und liebt. Die durch die Gnade Gottes ermöglichte Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Einzelnen, die durch den Glauben in die neue Schöpfung verwandelt worden sind, ergibt sich aus der persönlichen Entscheidung, sich taufen zu lassen. Durch diese Entscheidung konstituiert sich der Einzelne als individuelles Subjekt.“

Die Ausführung dieser Grundthesen gab genügend Hinweise auf die Auseinandersetzung des Paulus mit seinen Gegnern, etwa um die Beschneidung. Sie war genauso gut eben die Beschreibung seiner eigenen Offenbarung, in der ihm Christus erschienen ist. Es war immer wieder wichtig zu sehen, dass Paulus diese Erkenntnis als Offenbarungserkenntnis nicht hinterfragen ließ. Da er keine Kenntnis des lebendigen Jesus gehabt hat, ist damit klar, dass es eben um die Anerkennung des Gekreuzigten als Christus geht. Genau aus dieser Offenbarung erschloss sich Paulus sowohl die Theologie als auch der Auftrag, nun zu den Heiden zu gehen. Die Briefe erhalten genügend Hinweise darauf, mit welchen Prinzipien er eine regelrechte Missionsgesellschaft eröffnete und unterhielt. Den Römerbrief verdanken wir letztlich allein dieser Voraussetzung. Um dort eine „Zweigstelle“ zu eröffnen, die dann als Kontaktpunkt dienen konnte, gab er den Römern gegenüber das Ziel „Spanien“ an und er erhoffte sich dann auch von dieser Gemeinde die Ausstattung mit entsprechenden Mitteln und Kontakten. Er hatte eine große Mitarbeiterschaft. Zur äußeren Absicherung des Unternehmens hat er mit der Jerusalemer Urgemeinde die Erwirtschaftung einer Kollekte vereinbart, die er in regelmäßigen Abständen dort auch ablieferte. Dabei konzentrierte sich diese Mission auf die Städte, von denen aus dann von selbst weitere Ausbreitung erfolgte. Hierzu noch ein Zitat: „Das apostolische Selbstverständnis des Paulus ist durch das Dreieck definiert, das Gott als handelndes Subjekt, die Menschheit und die Pluralität der Völker als Adressat des Evangeliums und der Dienst des Apostels bilden. Dieses Dreieck prägt sowohl das Verhältnis des Apostels zu sich selbst als auch sein Verhältnis zu den Gemeinden und den Völkern. Die kritische Reflektion über das Verhältnis des Apostels zum Evangelium und zu den Gemeinden begründet eine Ethik der Kommunikation, die eine Unterscheidung zwischen der Wahrheit des Evangeliums und der Religion voraussetzt: Die christliche Verkündigung ist weder die Vermittlung noch die Verwaltung des Heiligen in einer profanen Welt, sondern eine Veränderungskraft des alltäglichen Lebens.“ Im 1. Korintherbrief entfaltet Paulus ein Handbuch der christlichen Ethik und ein Handbuch des christlichen Gottesdienstes. Der Feier des Gottesdienst entspricht eine gleichberechtigte Gemeinschaft von Männern und Frauen, von Herren und Sklaven, von Juden und Griechen. Die Gemeinschaft wird mit der Metapher des Leibes verdeutlicht. Die Begründung der Ethik ist im Grunde noch genauso wie es das Evangelium ausdrückt: „Die Freiheit des Glaubens ist durch einen Herrschaftswechsel begründet: Die Christen sind mit Christus der Sünde gestorben, um in einem neuen Leben zu wandeln, weil und wie Christus von den Toten auferweckt worden ist. Sie sind von der Macht der Sünde befreit worden, um der Gerechtigkeit zu dienen. Anders formuliert: Sie bekommen ihre Identität von der Ewigkeit, so dass sie in dieser vergänglichen Welt frei sind: Sie verfügen über alles, als ob sie es nicht hätten.“

Abschluss.

Persönlich hatte ich während dieses Kurz – Studiums eigentlich durchgängig das Gefühl, nach einer Auszeit in der Praxis zur Theologie zurückgekehrt zu sein. Sicherlich ist die praktische Arbeit im Pfarramt auch eine „theologische Existenz“. Warum aber führt sie dann zur Zeit immer häufiger in „Burn – Out“ Krisen? Die „Pastoraltheologie“ von Prof.in Dahlgrün gab hin und wieder Hinweise, die zur Beantwortung dieser Frage dienen könnten, obwohl sie zum Teil auch nur die Erscheinungen der Krise pfarramtlicher Arbeit beschrieb. Ich denke, dass der Glaube selbst in einer Sinnkrise ist. Letztlich hat ja etwa Prof. Zschoch mit dem Thema seiner Vorlesung gezeigt: Es gibt nach der Katastrophe des Holocaust kein ungebrochenes Zurück mehr in unsere christliche Tradition. Sicherlich, auch die Kreuzespredigt zeigt, dass Gott noch dann existiert, wenn wir ihn nicht wahrnehmen, als „deus absconditus“ (s. reformatorische Theologie). Doch Glauben weckt Gott nur als der Offenbare (s. Paulus). Die Frage ist also: Wo können wir Gott wahrnehmen? Wir haben anzuerkennen, dass Gott auch in der säkularen Welt erfahrbar ist, auch in Politik, Kultur und Wissenschaft, während er in der Kirche dämonisch verdunkelt sein kann. Gott ist da, wo sich Auferstehung ereignet, die Menschen so miteinander verbinden, dass Glaube und Liebe dasselbe sind (Tillich). Doch damit ist die Frage nach der Wahrnehmung der Gegenwart Gottes noch nicht endgültig beantwortet. Ich möchte an dieser Frage weiterarbeiten und dafür zunächst einmal die Anregungen nutzen, die das Jahr der Bibel bietet. Für mich jedenfalls war es mal wieder eine Schlüsselerfahrung, dass die Beschäftigung mit biblischen Texten auch ein Weg zur eigenen Glaubenserfahrung ist, weil die Bibel Glaubenserfahrungen überliefert, mitteilt oder erzählt. Nach dem Muster der Analogie wäre die Frage nun: Wie können wir das, was wir erfahren und was wir Glauben nennen können, überliefern, mitteilen und erzählen? Ich meine, Glaube wächst aus der Sprache, die den Mut hat, Gott zu loben. Sicherlich wird niemand phantasielos die katastrophalen Zustände unserer Zeit einfach negieren, aber trotzdem könnten wir als Gemeinde versuchen, uns einfach wieder mehr davon mitzuteilen, wie wir selbst in unserem Lebensalltag die Gegenwart Gottes wahrnehmen. Mit welchen Verben lässt sich das Handeln Gottes in unserem Leben beschreiben? –

Persönlich habe ich den Mut gewonnen, mich auch weiterhin der theologischen Debatte auszusetzen und werde darum berufsbegleitend mit einer der kirchlichen Hochschulen Bethel oder Wuppertal in Kontakt bleiben.

Lasst uns Jesu Kirche sein,
Die auf seinen Spuren wandelt,
Mit den Menschen ganz allein
Nur im Geist der Liebe handelt.
Lasst uns lieben allezeit.
Jesus gibt uns Einigkeit.

Da wir sind in Jesu Bund,
Zeigt er uns die rechten Wege.
Dadurch auch zu jeder Stund‘
Stehen wir in seiner Pflege.
Jesus Christus ganz allein
Darf uns Ziel und Vorbild sein.

Jesus, er war Gottes Sohn,
Und er gab uns Gottes Worte
Und zugleich als Mensch gebor´n
Lebte er an unserm Orte.
Jesus übte hier Verzicht,
Gottes Glanz im Angesicht

Sein Weg wurd´ den ander´n gleich;
Menschlichkeit war nun sein Wesen.
Ganz ein Mensch in seinem Reich,
Gottes Worte neu zu lesen.
Jesus kam in uns´re Not,
Blieb nicht fern von Angst und Tod.

Durch der Römer harte Hand
Musste er am Kreuze sterben.
Gottes Sohn in seinem Land
Konnte keine Herrschaft erben.
Jesus war im Tod allein,
Schien jetzt ohne Reich zu sein.

Doch im kalten Todesland
Ist er länger nicht geblieben.
Gott hielt weiter seine Hand
Hat den Tod damit vertrieben.
War erst unten, ist jetzt hoch,
Jesus lebt als Christus noch!

Jesu Name aufgestellt;
Damit hielt ihn Gott lebendig;
So ist er die Macht der Welt
Und regiert uns alle ständig.
Weist in Schranken jede Macht.
Jesus hat uns Heil gebracht.

Jesus hat uns so vereint,
In ihm Gottes Reich zu sehen.
In ihm sind wir stets geeint
Um das Ziel nun zu verstehen.
Ruhm allein gilt Jesus Christ.
Weil er Herr der Erde ist.

„Kreuz und Auferstehung“ statt Gewalt und sühnendem Opfer. Ein Bericht, Christoph Fleischer Dortmund 2001

„Das Kreuz Jesu. Gewalt – Opfer – Sühne.“ – Jahrestagung der Gesellschaft für Evangelische Theologie vom 19. bis 21. 2. 2001

Als das Thema der Jahrestagung der Gesellschaft für Evangelische Theologie vom 19. bis 21. 2. 2001 in Münster vor zwei Jahren ausgesucht wurde, lag dessen Akzentuierung auf der Erfahrung von Gewalt und entsprechenden Antworten christlicher Theologie. Dies bot sich auch von daher an, da bekannt war, dass Anfang 2001 die ökumenische Dekade gegen Gewalt seitens des Ökumenischen Rates der Kirche eröffnet werden würde. Fernando Enns, Mitglied des Zentralausschusses des ÖRK und Initiator dieser Dekade nahm als Mitglied der Gesellschaft an der Jahrestagung teil. In der Tagung, die auch für den theologischen Nachwuchs interessant war, wurde der thematische Schwerpunkt „Gewalt“ nun aber dem Hauptthema christlicher Theologie, „Kreuz Jesu“, zugeordnet, was gewiß auch schon eine Vorentscheidung für beide war.

Der Begriff „Opfer“ gerade vom Wort „Sühne“ her geradezu religiös gemeint, als „sacrifice“, konnte im Sinn von „victim“ gedeutet werden: Jesus Christus als Opfer der Gewalt in vielfältiger Form.

Einig waren sich eigentlich alle Referenten, dass das Verständnis des Opfers im religiösen Sinn in Bezug auf Jesus Christus nur dann zu halten ist, wenn es sich gerade nicht am Tod oder der Tötung Jesu festmacht, sondern an der „Hingabe“ seines Lebens für Gott im umfassenden Sinn und mit letzter Konsequenz. Dies zeigte auch Frau P.D. Dr. Sigrid Brandt am Beispiel eines Zitates von Psalm 40 mit der Aussage: Den Willen Gottes im Alltag zu erfüllen, sei wichtiger als Opferkult. Dies führte zu der Deutung des Opfers als Lebenshingabe, und auf der Ebene der Tagungsdiskussion zur Alternative: Hingabe/Opfer oder Kreuz.

Der Begriff „Sühne“ trat in den Hintergrund, vielleicht auch deswegen, weil der vorgesehene Referent Prof. Bernd Janowski aus gesundheitlichen Gründen abwesend war und sein Vortrag lediglich vom Vorsitzenden der Gesellschaft Dr. Rudolf Weth vorgetragen werden konnte. Die heilvolle Bedeutung des Kreuzes Jesu erkannte man nun gerade nicht im von Prof. Bernd Janowski vorgeschlagenen Wort von der Stellvertretung, sondern, für manche vielleicht (nicht) überraschend, von der Aussage, dass die Auferstehung Jesu die Heilsbedeutung des Kreuzes erschließe und dass das Kreuz in sich keine sühnende oder opfernde Funktion haben kann.

Auch die paulinische Theologie, so schilderte es Prof. Michael Wolter ergab keine Anhaltspunkte für ein solches Verständnis des Kreuzestodes Jesu. Die Stellen der paulinischen Briefe, die theologisch gemeint sein könnten, zeigen bei näherer Betrachtung, dass viele heilsbetonenden Aspekte hier nachträglich eingetragen sind. Ursprünglich verstand Paulus das Kreuz als Anstoß, als Schmach des Sklaventodes im römischen Reich. Auf der Ebene der paulinischen Gemeinden hatte das Kreuz durchaus einen positiven Sinn, den eines Identitätszeichens: Der gemeinsame Bezug der Glaubenden zum Auferstandenen, der als der Gekreuzigte gezeichnet ist, vermittelt die Gemeinschaft von Unterschiedlichen, von Juden und Heiden, Männern und Frauen, Sklaven und Freien. So ist aus österlicher Sichtweise das Kreuz Jesu, so gewaltsam es war, im nachhinein als gemeinschaftsstiftend erlebt worden. Dies führte in einer Diskussion zu dem vielleicht nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, dass in der Passionszeit durchaus auch einige Osterlieder gesungen werden könnten.

Die Erfahrungen der Gewalt, die Frau Dr. Magdalene Frettlöh am Beispiel der sexuellen Gewalt als „Todeserfahrungen“ schilderte, werden doch letztlich nicht zum vorrangigen Thema der Kreuzestheologie, sowie sie sich nach dieser Tagung abzeichnet. Gewalt, also der Kontext und die Ursache der Kreuzigung im historischen Sinn, erweitert um das Opferwerden etwa von Opfern sexueller Gewalterfahrungen, aber auch anderen Opfern auch in politischer und ökologischer Hnsicht, wird wohl zum Wahrheitskriterium der Kreuzestheologie: Sage nichts, was den Opfern solcher Gewalt als Zynismus erscheinen müsste.

Dies ist aber noch keine Antwort auf die Frage nach der heilvollen Bedeutung des Kreuzes Jesu.

Gewalt, gerade in struktureller Form sieht Christinnen und Christen natürlich auch in der Täterrolle. Das Kreuz hat, so zeigte es Prof. Dr. Jürgen Moltmann in seinem Vortrag über das rechtfertigende und rechtschaffende Handeln Gottes, durchaus noch die Aufgabe, uns neben den Opferkriterien die vielfältigten Einbindungen in Täterstrukturen zu erinnern und darüber hinaus an die heilvolle und heilende Aussage der Botschaft des Lebens Christi in die Zukunft der Auferstehung hinein. Auf dem Hintergund der Kreuzigung wird die Auferstehung Jesu als das Ereignis der Erfahrung neuen Lebens, als die Quelle der Kraft im Hören auf das Wort vom Kreuz, als der Übergang zur Übermittlung des Geistes zum Heilsereignis. Auferstehung ist damit aber nicht nur Deutung, sondern ist als Form von Heilung und Heil zu sehen. Man mag sich fragen, ob die Gesellschaft für Evangelische Theologie nun wieder bei einem „alten Hut“ gelandet ist, der nach dem Einfluß der Bultmannschule auf die theologische Forschung und Lehre für überholt angesehen wurde, ob sie gar nun ein wenig katholisiert und von der Bedeutung des „höchsten Feiertags“ abzulenkt, oder ob sie nicht nun doch gerade in der Herausforderung der Postmoderne dazu anregt, die Texte der Bibel auf dem Hintergrund der Lebenserfahrung neu zu lesen, sie dabei von theologie – und kirchengeschichtlicher Überfrachtung zu lösen. Dann werden, wie von Prof. Dr. Jürgen Moltmann beschrieben, die Erfahrungen der Opfer von Gewalt und andere gesellschaftliche und soziale Erfahrungen auf dem Hintergrund der biblischen Botschaft und dem Zeugnis des zurechtbringenden Handelns Gottes gedeutet.

Die Tagung wurde dokumentiert in folgendem Buch: Das Kreuz Jesu, Gewalt – Opfer – Sühne, Rudolf Weth (Hg.). Neukirchener Verlag 2001

„Der lebendige Gott. Auf den Spuren neuren trinitarischen Denkens und Redens in unserer Zeit.“ Notizen von der Gesellschaft für evangelische Theologie, Erfurt 2005, Christoph Fleischer, Meschede 2005

„Der lebendige Gott. Auf den Spuren neuren trinitarischen Denkens und Redens in unserer Zeit.“

Die Tagung der Gesellschaft für evangelischen Theologie, die nun zum vierten Mal im Augustiner Kloster vom 21. – 23. Februar 2005 in Erfurt stattfand, war mit 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmern absolut ausgebucht. Auch wenn das Programm krankheitsbedingt umgestellt werden musste ergab sich doch eine interessante Zusammenstellung von theologisch hochaktuellen Referaten. Nicht nur die neuere Theologie hat dieses Thema so aktuell gemacht, sondern auch die Frage: „Wo war Gott?“ als am 26. Dezember 2004 in Asien die Todeswelle an den Stränden Asien so viel Leid verursacht hat. Doch nicht eigentlich diese Warum Frage sollte nun im Vordergrund der Tagung stehen, sondern nun schlicht und ergreifend die Antwort auf die Frage nach Gott. Die Antwort erscheint von den altkirchlichen Bekenntnissen her als vom Vater, Sohn und Heiligem Geist als dem christlich trinitarischen Gott. Der Einführungsvortrag von Professorin Dr. Ulrike Link – Wieczorek zeigte, dass die dreifache Rede von Gott im Christentum die Gegenwart Jesu Christi verschränkt in Form eines Rückbezugs und eines Vorwärtsbezugs. Die Manifestation Jesu Christi verbindet die Rede und die Gegenwart des Gottes Israels mit der Gegenwart des Geistes in jeder Zeit. Damit ist die sogenannte ökonomische, heilgeschichtliche Trinitätslehre auf der Tagesordnung. „Wie Gott sich in Jesus Christus zeigt, so ist er auch.“ Diese Aussage beschreibt die immanente Trinitätslehre im Zeitbezug. Gott ist allerdings auch immer der ganz andere und bleibt zugleich unerkannt und geheimnisvoll. Die Rede von der immanenten Trinität bleibt immer ein wenig schwierig und ist gegenüber der ökonomischen Trinitätslehre nachrangig. Die Beobachtung zeigt, dass das altchristliche Bekenntnis von Konstantinopel 381 (Nicänum) formelhaft ist, auf alle inhaltliche Füllung verzichtet und so jeder christlichen Generation die Möglichkeit gibt, die trinitatrische Formel eigenständig zu füllen. Gott ist so, und zwar ausschließlich, wie er sich in Jesus Christus offenbart. Gott begegnet uns so in der Spannung aus Einheit und Verschiedenheit. Diese Rede von erscheint uns zu recht als Komplexität, die auch so akzeptiert und nicht vereinfacht oder reduziert werden kann. Denn sie ermöglicht die Erfahrung von Gott-Vertrauen, von Wahrnehmung des lebendigen Gottes in Anbetung und Kontemplation.

Im 20. Jahrhundert wurde die Trinitätslehre in der Theologie erstaunlich aktuell. In den Konzepten Karl Barths und Karl Rahners wurde sie vor allem in der dreifachen Gestalt der Gottesoffenbarung gesehen, die uns in der Bibel überliefert ist. Auch wenn die Einschränkung auf das Offenbarungsgeschehen sogar eine Rückfrage nach dem Wesen Gottes selbst ausschließt, der als der unerkennbare gilt, zeigt es doch das die Wirklichkeit des Schöpfergottes immer weiter geht, dass der alte Bund mit Israel nicht aufhört und dass die Ewigkeit Gottes immer zugleich Gegenwart ist. Die gegenwärtige Neubesinnung geht darüber hinaus. Im Rückgriff auf die Trinitätslehre ist zum Beispiel nach Jürgen Moltmann Gott als Pluralität zu sehen, so wie schon Karl Barth vor allem auf das Beziehungsgeschehen hingewiesen hat. Gott als Einer zeigt sich zugleich verschieden, so wie in den biblischen Quellen beschrieben. Die immanente Trinität, als die Frage nach dem Wesen Gottes, kann nur als Beziehungsgeschichte, als Erfahrung des Bundes mit Gott, als Bewegung und als Relation gesehen werden.

Die Rede von der Trinität öffnet das theologische Denken immer in Richtung auf die Zukunft. Gott ist unterwegs, aus der Zeit in die Zeit. Die Ontologie dieses Nachdenkens über Gott ist die Ontologie der Relation, nicht Substanz, sondern die Identität der Verschiedenheit, ein Ereignis in drei Identitäten: Gott ist ein dynamisches Beziehungswesen, das Urbild menschlicher Gemeinschaft. Im ökumenischen Bereich muss die Trinitätslehre in der orthodoxen Kirche einbezogen werden. Im Gegensatz zur westlichen Tradition, hat sie immer schon die Dreiheit stärker gesehen als die Einheit. Gott ist danach unveränderlich Vater, Sohn und Geist. Die Figuren der Dreiheit erschienen als dynamische Kategorien. Das Nachdenken Gottes ist so verstanden nicht die Vorstellung einer individuellen Bettkantenfrömmigkeit, da Gott immer als Gemeinschaftswesen gesehen wird. Doch auch Frau Professorin Link – Wieczorek stellte bei allem Nachdenken über die Aktualität der Trinitätslehre fest, dass die Theologen der siebziger und achtziger Jahre doch wahrscheinlich zu schnell über die Köpfe der Gemeindechristen hinweggesegelt sein könnten. Interessant auch, dass sie nun auf die Tradition der Antitrinitarier hinwies, die sich mit dem Namen Servet verbindet. Servet wurde unter Calvin in Genf am 6. 10. 1553 hingerichtet, und zwar mit der Zustimmung Melanchthons. In der Ablehnung der Unitarier ist die lutherische Kirche also mit der reformierten einig. Für Servet galt die Trinitätslehre als unbiblisch. Er meint, dass in der Theologie von Jesus auch als normalem Menschen geredet werden kann und nicht nur als von einem „Logos“. Es wird zu wenig beachtet, dass sich Servets Kritik nicht gegen die heilsgeschichtliche Rede von Gott richtete. Sein Einwand weist auch heute mit einer gewissen Berechtigung daraufhin, dass nicht alle biblischen Aussagen trinitarisch harmonisiert werden können. Der Hinweis auf Servet erinnert daran, dass die trinitarische, ja damit jede Rede von Gott immer metaphorisch ist. Daher ist die sogenannte immanente Trinitätslehre zunächst auszuklammern. Im Rückgriff auf Karl Barth ist ebenso zu betonen, dass der Personbegriff der altkirchlichen Lehre nicht mit dem modernen Personbegriff verwechselt werden darf. Vielleicht ist es doch besser, zunächst wie Barth und Rahner von Subsistenz – oder Seinsweisen Gottes zu reden, denn es handelt sich nicht um drei Götter. Kontemplativ können wir am Leben Gottes teilhaben. Die Trinitätslehre ermöglicht offensichtlich auch immer wieder eine neue Sprache über Gottes Wesen, die ebenfalls die Anregungen der feministischen Theologie einbezieht. Auffällig ist, dass die trinitarische Begriffe ihren Ort vor allem im Gottesdienst haben, was nicht ausschließt, dass auch eben im Religions- oder Konfirmandenunterricht von Gott im trinitarisch geredet werden muss.

Nach dieser allgemeinen Einführung in die forschungs- und theologiegeschichtliche Situation ergriff Prof. Michael Welker die Gelegenheit eine eigene kurzgefasste Trinitätslehre vorzutragen. Bereits mit der Einladung wurde auf der Rückseite einer Spendenbitte für die Kindernothilfe für die Opfer des Tsunami in Sri Lanka eine Erklärung von Michael Welker verbreitet, in der er die Frage der Fragen nach Gott in der Katastrophe aufgreift. Mit diesem Thema begann er nun also den Vortrag: Klage, Zweifel, Empörung. Da ist es nicht angebracht, zu singen: „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret.“ Es wurde in dieser Katastrophe weit über 300000 Menschen getötet. Warum? Wie konnte Gott das zulassen? Solche Fragen wurden weltweit gestellt. Wenn Gott allmächtig ist, dann ist er nicht barmherzig. Das ist die Alternative der Theodizeefrage nach Leibniz. Aber wie sieht es in der Natur aus: Leben lebt unabdingbar auf Kosten anderer. Die Realität der Gewalt und des Bösen in der Welt ist zugleich die Triebkraft der Religion, die sich damit auseinandersetzt. Menschen züchten Tiere und schlachten sie, missbrauchen die Erde, nutzen Rohstoffe und Ölfelder aus. Wer von der Schöpfung nur im Sinn von Güte redet zeugt noch von unrealistischer Romantik.. Das Leben hat immer zwei Seiten. Wir leben nicht im Paradies. Leben geschieht in tiefer Ambivalenz und von einer letzten Trostlosigkeit gezeichnet.

Die Ausführung der Trinitätslehre erfolgt nun natürlich in drei Schritten. Zunächst: Wahrnehmung des lebendigen Gottes. Die Ambivalenz und die letzte Trostlosigkeit, die eine solche Katastrophe wie der Tsunami zeigt, ist das Manko jeder natürlichen Schöpfungstheologie. In der Schöpfungsgeschichte der Bibel (Genesis) wird auch dem Geschöpf eine beträchtliche Macht zugestanden. Der Mensch ist „imago dei“. Gott ist keine alles bestimmende Wirklichkeit und lässt das geschöpfliche Eigenwirken zu. Trotzdem ist die Schöpfung immer auf das rettende und erhaltende Wirken Gottes angewiesen. Die Erfahrung des Menschen zeigt, dass das nicht spezifische Wissen um die Gottheit unausweichlich da ist. (Ps 139, Hiob 19). Sie äußert sich beim Menschen als Gewissensangst. Wir sind als Menschen in eine Wirklichkeit verstrickt ist, mit der wir ringen. Gott ist auch kein großes „Du“. Die Beziehung zu Gott selbst ist also auch immer ambivalent. Begriffe wie Welt, Natur, Körper, Wissen verweisen auf Gottes Macht. Schon von Calvin her, dessen Gedanken Welker hier folgt, zeigt sich die Religion auch als fromme Illusion, die Gottes Weltregierung ohne diese Ambivalenz versteht.

In Jesus Christus geschieht nun die Selbstoffenbarung des rettenden Gottes, in Kreuz und Auferstehung. Gott ist in Christus. In der Notsituation wird jeder Theismus korrumpiert. Die Theologie flieht in Notzeiten zu Christus. Luther sagte in der Heidelberger Disputation: „Gott kann nur am Kreuz und im Leiden gefunden werden“, in seiner ganzen Fülle, so ergänzt Michael Welker. Die Menschheit Christi ist die richtige Weise, Gott zu erkennen. So gilt das Wort des Johannesevangelium, das ausdrückt, dass Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist und nur durch diese Tür der Weg zum Vater führt. Alle Spekulationen über Gott sind überflüssig, da Jesus Christus die Tür ist. Der Gekreuzigte ist der Gott, der im ersten Gebot spricht. In Jesus Christus ist Gott der Gekreuzigte selbst. Das zeigt die Geschichte Jesu vor allem in ihren Konfliktebenen: Jesus und das Gesetz, Jesus und die Gewalt, Jesus und Gott. Das Kreuz Jesu trennt Gott von Gott. Die Trinitätslehre ist ohne Kreuzestheologie nicht zu machen. Das Kreuz offenbart die Mächte und Gewalten dieser Welt in ihrem höchsten Triumph und zugleich in ihrer tiefsten Trennung von Gott. Gott erniedrigt sich so und wird zum menschenfreundlichen Gott. Jesus wurde im Namen der Politik und im Namen der Religion verurteilt. Auch die öffentliche Meinung stellt sich gegen ihn. Jesus vermittelt die Zuwendung zu den Schwachen. Das Kreuz offenbart die Welt unter der Macht der Sünde. Die Auferstehung ist Gottes Werk allein. Gott allein handelt. Gott rettet aus der totalen Verlorenheit. Die Macht der Auferstehung ist gegenüber den Mächten die zum Kreuz führen völlig unscheinbar. Sie ist keine Wiederbelebung des vorösterlichen Jesus. Sie erscheint als Evidenzerfahrung. Christus ist, bleibt und wird gegenwärtig und lebendig. Die ganze Fülle seiner Person wird im Geist und im Glauben erfahren. Die Kräfte der Liebe, der Vergebung und der Heilung werden nach Jesu Tod in seiner Gegenwart wieder neu erfahren. Die Herrschaft Christi greift um sich und gewinnt Raum. Jesus weist auf das Kommen des Reiches Gottes, weist aus Visionen vom Endgericht und vom Kommen des Menschensohns. Christus kommt in alle Zeiten und Welten. Doch wie werden die Kräfte des Auferstandenen der Schöpfung zuteil?

Die Erhaltung, Rettung und Erhebung der Schöpfung in der Kraft des Heiligen Geistes. Der heilige Geist ist die belebende und lebendig machende Macht Gottes. Dies darf nicht im Sinne eines abstrakten Individualismus oder Universalismus verstanden werden. Ja, im Gegenteil: der heilige Geist lässt sich sogar vertreiben. Der heilige Geist, im Sinne des Judentums verstanden, bestätigt die Sünde der Tora. Der heilige Geist ist keine Persönlichkeit im Sinne eines Selbstbezugs. Die Bibel redet anders vom Geist als das christliche Abendland, womit Michael Welker die Unterscheidung zwischen griechischem und hebräischem Denken aufgreift. Nach Johannes 16 redet der Geist nicht aus sich selbst, sondern er wird Jesus Christus verherrlichen, und zwar aus der Gegenwart des Vaters. Der heilige Geist ist Teilhaber an der Macht des Schöpfers und wird ausgegossen wie Regen. In den betreffenden Texten wird ausdrücklich auf die Gleichstellung von Frauen und Männern, von Alten und Jungen, Freien und Knechten hingewiesen (Joel 3, Apostelgeschichte 2). Der heilige Geist bringt die Menschen in ein neues Gemeinschaftsverhältnis vor Gott. Der Geist zeugt nicht nur von sich selbst, ist kontext- und begegnungssensibel. Mit der Erfahrung des heiligen Geistes wird aus der Einheit auch immer die Verschiedenheit erfahrbar, sowie die Unterschiedlichkeit der Gaben durch den Geist. Er setzt Kräfte frei. Durch den Geist des Herrn werden wir in sein eigenes Bild verwandelt. Der Geist bleibt sensibel für die Geschöpfe und stärkt ihre Freiheit. Menschen werden zu Gliedern der neuen Schöpfung.

Nach diesem grundlegenden Durchgang durch die Argumentation der Trinitätslehre, die sich an biblischen Vorgaben orientiert, wuchs die Neugier auf den Vortrag von Prof. Dr. Hans – Joachim Eckstein aus Tübingen: „Das biblische Bekenntnis zur Einzigkeit und Einheit Gottes und die Anfänge trinitarischer Rede von Gott im Neuen Testament.“ Die Selbstkritik der neutestamentlichen Forschung zu Beginn des Vortrags erläuterte das Scheitern der religionsgeschichtlichen Hypothesen zu Beginn des 20. Jahrhundert. Dazu hat sich die ständige Trennung zwischen Judentum und Hellenismus als kontraproduktiv erwiesen. In der Urgemeinde sei immer beides gewesen: die Septuaginta als die griechische Gestalt der jüdischen Bibel und eben der jüdische Standort sämtlicher neutestamtlicher Autoren bis auf Lukas. Israel entwickelte seinen Glauben in der hellenistischen Umwelt weiter. Dazu sind die Qumranquellen ebenfalls heranzuziehen. Das neue Testament ist keine heidenchristliche Schöpfung. Auch die Methoden in der Forschung ändern sich: Die Begriffsgeschichte wird von einer neuen Form der Traditionsgeschichte verdrängt und die Komplexität verschiedener Motive wahrgenommen. Die Prägung der Ostererfahrung stellte das Zeugnis vor die Aufgabe, die Unvergleichlichkeit dessen, was Gott getan hat, auszusagen. Doch diese Christen waren zugleich Juden. Damit standen sie zugleich vor dem Anspruch, das Bekenntnis zur Einzigkeit und Einheit Gottes festzuhalten und sich gleichzeitig zu Christus als dem Herrn zu bekennen. Sie bekennten: der Vater Jesu Christi ist der Gott Israels. Damit liegt der Ursprung der Trinitätslehre schon im Anfang der Entwicklung urchristlicher Theologie. Es wird aus dem Zitat 1. Kor 8, 6 deutlich: „So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.“ Die Entstehung der Dogmatik in der urchristlichen Kirche hat sich nicht in einer allmählichen Entwicklung vollzogen, da sie christliche Grundentscheidungen betrifft. Dies wird auch durch den Christushymnus im Philipperbrief deutlich, der auch Paulus schon zitierfähig vorliegt. Jesus wird dort als der Kyrios zugleich als Schöpfungsmittler gesehen. Dass Hans – Joachim Eckstein doch in der Spur der traditionellen Neutestamentler ist, macht er dadurch deutlich, dass er an der entscheidenden Bedeutung des Auferstehungsereignisses für die urchristliche Theologie festhält und daher zu der Feststellung kommt, dass im Sinne einer neuverstandenen Kerygmatheologie daran festzuhalten ist, dass vor Kreuz und Auferstehung keiner die Sendung Jesu verstanden hat. Eine Rückfrage zum historischen Jesus enthielt sein Vortrag im Gegensatz zu dem nachfolgenden von Bertold Klappert nicht. Erst die Selbsterschließung des Auferstandenen hat ein dogmatisches Verständnis Jesu ermöglicht. Prof. Eckstein wies folgerichtig nach, dass sich diese Christologie zunächst in den Paulusbriefen auf die Auferstehung bezog, dann im Markusevangelium in der Taufe Jesu, von Matthäus und Lukas in die Geburtsgeschichte hinein verlängert. Die Lehre von der Präexistenz Christi dagegen wird im Johannesevangelium entfaltet. Die Auferstehung war die Einsetzung Christi in die eschatologische Herrschaft. Bei der Erhöhung am Kreuz wurde Jesus der Kyrios – Name verliehen. Er ist der präexistente, der Sohn Gottes. Mit dem Bekenntnis Jesu in seiner Taufe wird gezeigt, dass die Gottesherrschaft schon da ist. Im Markusevangelium wird die urchristliche Christologie bereits vorausgesetzt. Das Zitat aus Psalm 2 zeigt: Jesus ist der Sohn Gottes aber zugleich der Herr Davids. Im Lukas- und Matthäusevangelium wird dieser Anspruch auf die Geburtsgeschichte Jesu bezogen, besonders in den sog. Stammbäumen, die zu Josef führen. Jesus ist demnach von Geburt an der Sohn Gottes, wogegen er Sohn Davids erst durch die Adoption Josefs wird. Nur das Johannesevangelium geht zur Präexistenz, wobei es durchweg als Kommentar zum Markusevangelium gelesen werden soll. Jesus ist als menschgewordener Logos nicht nur göttlich, sondern auch Mensch. Aber der Logos ist der einzigartige Gott. So heißt es in der Thomasgeschichte zu Jesus: „Mein Herr, und mein Gott.“. Dass die Christen so von der Präexistenz denken konnten hat mit dem Messiasbegriff zu tun. Die neue Vorstellung von Jesus Christus greift heterogene Traditionen des Alten Testaments auf und bringt sie so zusammen, dass sie jüdisch nicht mehr nachvollziehbar sind. Messiaserwartung, Weisheit und Logosideen wachsen im christlichen Glauben zusammen. Die Christen lesen das alte Reden über Gott neu. So kommt es dann auch schon zur Entwicklung der ersten trinitarischen Formeln wie „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ im Taufbefehl. Offensichtlich hat die Trinitätslehre zunächst ihren Ort in der Taufe. Dabei ist die Christologie als Ausgangspunkt der Trinitätslehre zu sehen.

Der Vortrag von Prof. Bertold Klappert, Wuppertal hatte den Titel: Die Trinitätslehre als Auslegung des Namens Gottes und Auslegung des ersten Gebots.

Im ersten Gebot das theologische Axiom zu sehen, wurde schon von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer in der Zeit der bekennenden Kirche betont. Nur wenn man die Unaussprechlichkeit des Namens Gottes kennt, kann man den Namen Jesus Christus aussprechen. Die Bitte: „Dein Name werde geheiligt“ befindet sich nicht umsonst im Vater Unser. Der neutestamentlichen Exegese z. B. von Joachim Jeremias wurde deutlich dass Jesus bei der Verwendung des Namens Gottes auf das Passivum divinum zurückgreift, um nicht direkt Gott benennen zu müssen. Das gleiche gilt für die Verwendung von „Kyrios“ ohne Artikel. Viele Worte Jesu lassen sich als Auslegung des ersten Gebots verstehen.

Die Heiligung des Namens Gottes ist Jesu Anliegen als Jude. Israel bekennt: „Höre Israel, Gott ist einer.“ Für Juden ist die dreifache Rede von Gott ein Sakrileg, eine Minderung des Monotheismus. Daher hat es in der rheinischen Landeskirche aufgrund reformierten Einflusses und in Folge des Beschlusses zum Judentum einen Streit um die Verwendung des Gloria patria nach der Verlesung des Psalmen aus der hebräischen Bibel gegeben. Es darf nicht der Eindruck entstehen, als müsse der Text aus der jüdischen Bibel zuerst christlich getauft werden. Wenn allerdings das trinitarische Bekenntnis im Sinn der Einheit Gottes verstanden wird und auf die Heiligung des Namens Gottes hinweist, ist die Verwendung des Gloria Patri durchaus im christlichen Gottesdienst angebracht. In der vertiefenden Diskussion scheint der Konsens darin zu bestehen, dass hierbei von Fall zu Fall entschieden werden soll, bzw. durch bewusstes Abwechseln der Formen auch ein Problembewusstsein wachsen könne. Wenn Jesus betet: „Geheiligt werde dein Name“, wird deutlich, dass mit ihm alle Völker am Gebet Israels teilnehmen. Die Trinitätslehre ist also vor allem eine Sache des Gebets. Wir beten „zum Vater durch den Sohn im Heiligen Geist“ (Martin Luther). Die Trinitätslehre ist eine Form der Auslegung des ersten Gebots und der Heiligung des Namens Gottes in Israel. Gott greift in seinem Handeln über sein eigenes, erwähltes Volk hinaus. Damit steht die Trinitätslehre nicht umsonst im Kontext der Missionstheologie. Im Grunde ist sie eine Form von Erzählung und sollte narrativ erklärt werden, denn sie beantwortet die Frage: Warum kommt das Evangelium auch zu den Völkern? Darum, dass, nach einem Lutherlied, Gott sich aus Heiden ein Volk für seinen Namens sammelt.

Das Gottesverständnis Israels ist kein metaphysisches. Der Gott Israels ist nicht der metaphysische Grund des Universums. Die Einheit Gottes ist dann Realität, wenn die Völker der Welt den Namen Gottes mit Israel loben. Im Neuen Testament wird die Einheit als Ziel verstanden. Doch schon im Alten Bund inkarniert sich Gott leiblich. Israel, das Volk, ist der Leib des Gottes Israels. Aus jüdischer Sicht ist klar: Gott tritt ein in die Welt und ist in seinem Volk. Dies muss auch bei der Trinitätslehre mitbedacht werden, denn Jesus gehört zum Volk Israel dazu. Das Verständnis des Namens Gottes zeigt: Die Geschichte legt den Namen Gottes aus. Der Name bleibt Subjekt, auch im Erkenntnisvorgang. Gott wird nicht als „Es“, auch nicht als „Du“, sondern als Name verstanden. Das Ereignis Christi darf nicht als Überblendung des Gottesbezugs Israels angesehen werden, wie dies noch von manchen Theologen des 20. Jahrhunderts ausgesagt wurde. Jesus kommt im Namen Adonais, aber nicht als Adonia. Das Halleluja bleibt in Kraft und wird von Israel übernommen.

Diese Form der Trinitätslehre hat Karl Barth in seiner kirchlichen Dogmatik erst im Rahmen der Bundes- und Versöhnungslehre entfaltet, indem er die Ethik nach dem Vater Unser entwickelte. Gott wohnt in seinem Namen. In Thesenform führte Bertold Klappert nun aus: Das Verhältnis der Verheißungsgeschichte zur immanenten Trinitätslehre darf nicht umgekehrt werden. Der Name des Gottes Israels umgreift die Personen der Trinität und wohnt in ihr ein. Die Trinitätslehre der Kirche will gesamtbiblisch erzählt werden. Gott und Christus sind und bleiben die Kommenden. Aus der Erfahrung von Kreuz und Auferstehung wird eine trinitarische Kreuzestheologie zu entfalten sein: Das Urteil des Vaters über das Leiden seines Sohnes in der Macht seines Geistes ist die Auferstehung Jesu Christi. Der Name Gottes darf auch nicht in Begriffe übersetzt werden. Zum Schluss ging Bertold Klappert auf die Stelle 1. Korinther 15, 28 ein, in der das Ende der Herrschaft Christi zeigen wird, dass Gott alles in Allem sein wird und ist. So ähnlich muss es auch Rosenzweig gedacht haben, als er sagte: Wo Christus aufhört der Herr zu sein, hört Israel auf, erwählt zu sein. Der Gott Israels wird dann alles in Allem sein, wenn er vollendet nicht nur in Israel Wohnung hat, sondern auch in den Völkern zum Ziel gekommen ist, wenn es also sogar zur Einigung der Völker mit Israel gekommen ist. So gesehen führt die Trinitätslehre auch zu einer theologischen und zugleich politischen Vision.

Meine Notizen können die drei wichtigen Vorträge von Dr. Susanne Plietsch, Prof. Dr. Thomas Sternberg und Prof. Dr. Michael Meyer – Blanck sowie die Arbeitsgruppenergebnisse nicht aufgreifen. Ich selbst werde sie erst in der gedruckten Dokumentation lesen können, die zu jeder Tagung der Gesellschaft für Evangelische Theologie erscheint. Trotzdem möchte ich abschließend eine persönliche Einschätzung versuchen:

Die Aktualität der Tagung über die Trinitätslehre konkretisiert als Frage nach dem lebendigen Gott ergab sich durch die Unheilserfahrung der Flutwelle von Asien. Wer theistisch sagt, dass Gott in dieser Naturgewalt seine Hand im Spiel hat, muss gleichzeitig plausibel machen, wie man an diesen allmächtigen Gott noch glauben kann. Die Trinitätslehre entwickelt das Gottesverständnis aus der Erfahrung der Auferweckung des Gekreuzigten. Gott bleibt sich selbst treu, obwohl er in der Gegenwart Jesu selbst der Gottesferne im Leiden unter der Gewalt des Bösen unterworfen wird. Die Erfahrung Gottes ist zuerst und vor allem die Erfahrung des heiligen Geistes. Gott ist Geist und wird als Geist erfahren, als Kraft, als Hoffnung, als Mut, als Glauben. Das trinitarische Bekenntnis zu Gott, Vater, Sohn und Heiligem Geist ist zugleich formal, eröffnet allerdings ein pluriformes Verstehen der Gegenwart Gottes und ermöglicht verschiedene Bilder und Konkretionen, die nicht an der eigenen Phantasie, sondern an der Gegenwart des auferstandenen Jesus Christus orientiert sind. Mit der Erfahrung der Katastrophe konfrontiert muss die christliche Kirche zugeben, dass sie tatsächlich nicht auf alle Fragen eine Antwort hat, dass Gott aber in der Lage ist den leidenden in ihrer Not beizustehen und in der Gegenwart des Auferstandenen die Hoffnungs- und Zukunftsaspekte zu entdecken. Das Reich Gottes ist immer auch schon Gegenwart.